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Berlin-Bücher im Bücherblatt Neue Bücher zur Berliner Geschichte
Buchbesprechungen Rezensionen Neuerscheinungen
| Nr. 4, Dezember 2006 |
Friedenau – meine Schöne ...
Eine Großstadtidylle wandelt sich
Ein Buch zum Umarmen wohlgestaltet, von leserfreundlicher Typographie, mit appetitlichem Layout, voll schöner Photos der Autorin und Quellen-Abbildungen aus früherer Zeit. Ein Buch, das mit offenen Armen einlädt zu einem ausgedehnten Spaziergang durch das überschaubare Quartier, auf den Spuren seiner Anfänge als Deutsch-Wilmersdorf auf der „grünen Wiese“ zwischen Berlin und Potsdam um 1870; mit den ersten bescheidenen Villen der „Landflüchter“ aus dem engen und lauten Berlin; über das erste Auftreten handwerklicher Betriebe, die sich durch den zähen Fleiß ihrer Gründer zu veritablen Industrien entwickelten; bis zu den kulturellen „Höhenzügen“ durch die Ansiedlung von Malern und Literaten.
Man merkt der Autorin die begeisterte Friedenauerin an, wie sie im Plauderton voll bildungsbürgerlicher Behaglichkeit erzählt, aus ihrem Text strahlt die Freude an den stilvollen, mehrheitlich vierstöckigen Häusern der Jahrhundertwende und kleinen Villen mit oft kunstvoll gestalteten Jugendstilzäunen an begrünten Vorgärten und dem dichten Baumbestand der meist stillen Straßen.
Friedenau, das seinem Namen von der friedlichen Aue durch finstere und heile Zeitläufte bis heute gerecht geblieben ist. Friedenau, das sich nicht von Schöneberg vereinnahmen lassen wollte, und dessen Rathaus seit 1917 mit inzwischen anderweitiger Bestimmung trotzig Richtung Steglitz blickt, wenn auch seine Geschicke inzwischen vom Schöneberger Rathaus gelenkt werden.
Friedenau – Das sind heute junge Familien, die in den kleinen und oft ökologisch korrekten Läden ihres Kiezes einkaufen, sowie alle Mitbürger, die es sich noch leisten können, ihre häufig großen Wohnungen auch nach der Instandsetzung der Hausfassaden bezahlen zu können. Friedenau – Das ist heute ein Quartier, das sich seine Beschaulichkeit bewahrt hat, obwohl durchzogen von der lauten Bundesallee, Rheinstraße und Schmiljanstraße, auf denen gehetzter Verkehr aus der City-West Richtung Süden läuft.
Friedenau – Das ist ein Lebensgefühl, das sich umgehend jedem erschließt, der sich mit diesem Buch unter dem Arm auf Erkundung begibt. - Ingeborg Borris -
Gudrun Blankenburg: Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll. Die Geschichte eines Berliner Staddteils, Berlin: Frieling & Huffmann GmbH 2006. 120 Seiten. 30 Schwarzweiß- und 30 Farbabbildungen. 19,90 Euro.
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| Nr. 4, Dezember 2006 |
Die Liebermanns
Sie glaubten, in Berlin angekommen zu sein
Was waren das für die Zeiten, in denen ein Maler in Berlin lebend, auf die Frage, wo er wohne, antwortete: „Gleich wenn Sie reinkommen links.“ Es passte zu dem Maler, der nicht nur, aber vor allem eine künstlerische Autorität in der Reichshauptstadt geworden war, in dieser Weise mit seiner Popularität zu kokettieren. Es passt zu dem Mann, der als Maler Max Liebermann bis heute zu den berühmtesten Mitgliedern der deutschen Künstlerschaft zählt.
Da ist es nur folgerichtig, dass die Autorin ihre Geschichte der Familie Liebermann mit seiner Geschichte beginnt. Und wo fängt die Geschichte Max Liebermanns an? Im alten Berlin, in der Burgstraße 29. Das Haus lag in dem Teil der Straße, der immer noch diesen Namen führt und zwischen Friedrichsbrücke und Stadtbahn-Viadukt liegt – gegenüber der Nationalgalerie. Dann geht es weit zurück in die Geschichte und recht weit fort von Berlin. In Märkisch Friedland, das jetzt Miroslaviec heißt, lebte im 18. Jahrhundert der erste bekannte Vorfahre des Künstlers, Bendix. Auf ihn folgten Liebermann Bendix und seine Frau Fejgele Rofe, Joseph Liebermann und Marianne Callenbach sowie Leiser (Louis) Liebermann und Philippine (Pine) Haller, die Eltern des Künstlers.
Regina Scheers Bericht, der oft eine Erzählung ist, hält sich lange in Märkisch Friedland auf, mit den Besonderheiten des Ortes befasst er sich. Der Ort war lange Zeit ein guter Ort für die jüdischen Familien. Von dort gehen Anfang des 19. Jahrhunderts viele Familien und einzelne Bewohner nach Stettin, Königsberg und Berlin. Die Familien Liebermann, Marckwald und Rathenau erwerben in Berlin die Bürgerrechte, siedeln sich in und um die Spandauer Straße an, dicht bei der Synagoge in der Heidereutergasse, und verheiraten ihre Kinder untereinander und mit denen der bereits ansässigen jüdischen Familien in Berlin. Die Autorin hat in vielen Quellen recherchiert. Das Ergebnis ist beeeindruckend, wenn sich auch nicht alle Unklarheiten der Familiengeschichte beseitigen lassen.
Fest steht, dass der Großvater Max Liebermanns, Joseph, und sein Onkel Joachim am 30. Juni 1823 den Bürgereid in der Synagoge leisten. 1827 folgt Jacob seinen brüdern nach. Die Brüder Liebermann werden schnell heimisch in der Stadt, etablieren ihre Geschäfte so geschickt, dass schon in der nächsten Generation Benjamin Joachim Liebermann zu den erfolgreichsten Berliner Industriellen zählt. Er übernimmt die Kattunfabrik, die Johann Friedrich Dannenberger in der Köpenicker Straße gründete und zum führenden deutschen Unternehmen seiner Art machte. Als Liebermann & Söhne besteht die Firma neben Liebermann & Comp., die Joseph Liebermann als preußischer Heereslieferant in die Höhe brachte und an Benjamin Liebermann vererbte.
Die Liebermanns steigen zur bedeutenden Berliner Wirtschaftsdynastie auf. Bis in die dritte Generation der Berliner Liebermanns bleibt die Familiengeschichte der Wirtschaftsgeschichte eng verbunden. In der vierten Generation betreten die Söhne neue Wege. Regina Scheer nennt diese Männer „die seltsamen Söhne“. Der älteste Sohn von Louis Liebermann, Georg, führt die väterliche Firma fort, Max aber darf die Ausbildung zum Maler beginnen, Felix, der jüngste, wird Historiker, Anna, das älteste Kind, heiratet.
Die Frauen der weitverzweigten Liebermann-Familie erfüllen die Erwartungen, die die großbürgerliche Gesellschaft an sie stellt. Das zeigt die Autorin immer wieder, auch am Beispiel von Martha Marckwald, die mit 27 Jahren Max Liebermann heiratet und die Frau an seiner Seite wird.
Eigene Wege gehen die weiblichen Familienmitglieder Ende des 19. Jahrhunderts. Josephine Rathenau, eine Enkelin von Max Liebermanns Tante Therese begegnet 1899 der Pädagogin Alice Salomon und gründet auf deren Anregung hin den Berliner Frauenclub von 1900. Sie heiratet den Physiker Max Levy und nennt sich Ley-Rathenau. 1920 wird Josephine Levy-Rathenau die erste Stadträtin im Berliner Magistrat. Käthe, die Tochter von Martha und Max Liebermann, heiratet 1915 Kurt Riezler, der der katholischen Kirche angehört. Sie tritt selbst zum katholischen Glauben über und lässt ihre Tochter Maria in der Hedwigskirche taufen.
Schwer erschüttert die Familie die Ermordung Walter Rathenaus. Sie hatte, wie die Autorin schreibt, geglaubt, „angekommen zu sein in Berlin, sie hatte(n) gegelaubt, dass ihre Leistungen, ihre Häuser, ihre Banknoten sie schützen würden.“ Die antijüdische Hetze trifft alle Familienmitglieder und erreicht ein allen nicht vorstellbares Maß mit dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten. Max Liebermann, einer der bedeutendsten deutschen Künstler, muss aus der Preußischen Akademie der Künste austreten. Die Familie beginnt sich aufzulösen. Angehörige und Freunde emigrieren, töten sich selbst, werden ermordet. Die Liebermanns bleiben in ihrem Haus am Pariser Platz. Der Maler stirbt dort am 9. Februar 1935. Martha Liebermann vergiftet sich mit Tabletten und stirbt am 10. März 1943 im Jüdischen Krankenhaus.
Es ist kein leichtes Buch, das Regina Scheer vorlegt, aber ein schönes. Es gibt einige Fehler darin. Königstraße und -tor wurden nicht anlässlich des Einzuges des Königspaares 1809 benannt, sondern 1701. Auch hießen Straße und Tor zuvor nach der Stadt Oderberg und nicht nach Bernau (S. 39). Amalie Beer ließ sich nicht taufen, sondern wählte den Weg der Akkulturation (S. 58). Die am Ende beigefügten Stammbäume sind überaus hilfreich, denn zu leicht verliert man sich in diesem Familiengeflecht.
In einer zweiten Auflage, die das Buch unbedingt erfahren muss, um noch lange vefügbar zu sein, sollten alle im Text erwähnten Familienmitglieder in die Tafeln aufgenommen werden. Die weit ausholenden Geschichten und die persönlichen Erzählungen, die die Autorin einfügt, nachzuvollziehen, wäre dann leichter. - Gerhild H. M. Komander -
Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“. Die Geschichte einer Familie, Berlin: Propyläen 2006. 415 S. Mit 26 Schwarzweißabbildungen.
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| Nr. 4, Dezember 2006 |
Heißblütiger Hohenzoller
Nadolny zeichnet das farbenreiche Porträt eines
schillernden Prinzen
„Zur Zeit Friedrich Wilhelms II. herrschte die größte Liederlichkeit. Alles besoff sich mit Champagner, fraß die größten Leckereien, frönte allen Lüsten. Ganz Potsdam war ein Bordell“, wusste der Schöpfer der Quadriga, Gottfried Schadow, über den preußischen Hof am Ende des 18. Jahrhundert zu berichten. Auch der Vetter des preußischen Königs, Louis Ferdinand, war Zeit seines kurzen Lebens ein Freund solcher Ausschweifungen. Allerdings verlor er trotz all der Laster nie das Wohl seines Vaterlandes aus den Augen.
Der wegen seiner Schönheit, seiner musikalischen Hochbegabung und seines Charmes allseits bewunderte Prinz warf sich mit ebenso großer Leidenschaft in das Schlachtgetümmel wie in neue Liebesabenteuer. Während der junge Soldat die Frauen zeitweise wie die Uniformen wechselte, blieb er Preußen bis zu seinem Tode treu. Bis zur Schlacht von Saalfeld, wo er am 10. Oktober 1806 im Kampf gegen französische Husaren stirbt. In kaum einer anderen Biographie spiegelt sich die Zerrissenheit jener Jahre so sehr wider wie in der des heißblütigen Hohenzollerprinzen. Und Nadolny weiß diesen ebenso unbändigen wie unangepassten Franzosenhasser und Frauenliebhaber ebenso facettenreich abzubilden wie das Lebensgefühl dieser vom Um- und Aufbruch geprägten Epoche.
Das wechselvolle Leben des Prinzen zieht dank Nadolnys galantem Plauderton wie in einem Roman an dem Leser vorüber. In Anekdoten, Briefen und Gesprächen erweckt er den heißblütigen Prinzen, seine Familie, seine Geliebten und Zeitgenossen zum Leben. Was der erstmals vor vierzig Jahren erschienenen Biographie an wissenschaftlicher Zuverlässigkeit fehlt, macht Nadolny mit seinem psychologischen Gespür für die historischen Charaktere wieder wett. Und wer sich einmal auf diesen Preußen-Schmöker eingelassen hat, legt ihn so schnell nicht wieder aus der Hand. – Jörg von Bilavsky -
Burkhard Nadolny: Louis Ferdinand. Das Leben eines preußischen Prinzen. München: Piper 2006. 336 Seiten. 10,00 Euro.
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| Nr. 4, Dezember 2006 |
Kathinka ist die Frau von morgen
Frauen am Rand der Geschichtsschreibung
Eines der drei Reliefs am Standbild des Kurfürsten Joachim II. vor der Spandauer Nikolaikirche zeigt eine Mutter mit ihren Söhnen. Elisabeth Prinzessin von Dänemark Kurfürstin von Brandenburg unterweist den Kurprinzen Joachim und seinen Bruder Johann in der Lehre Martin Luthers. Die glühende Anhängerin des Reformators beginnt den Reigen von zehn Biographien, die Beate Neubauer und Claudia von Gélieu in einem Band zusammengestellt haben.
Zu recht weisen die Autorinnen darauf hin, dass diese Frauen Spuren hinterließen, wichtige Spuren, und dennoch in der Geschichtsschreibung bisher nur ein Randdasein führen. Elisabeth ist ein Paradebeispiel für diese Schieflage. Sie bekannte sich im katholischen Brandenburg öffentlich zur Lehre Luthers und floh vor den Drohungen ihres Gemahls nach Wittenberg. Die vielen Zitate, die Beate Neubauer anführt, werden – wie auch in den anderen Texten – leider nicht nachgewiesen. Ein Literaturüberblick fehlt ganz.
Die Kurfürstinnnen Louise (Luise) Henriette und Dorothea, Königin Sophie Charlotte, die Saloniére Henriette Herz, die Politikerinnen Lina Morgenstern, Rosa Luxemburg, Katharina von Kardorff – Oheimb und Louise Schroeder sowie die Dichterin Else Lasker-Schüler werden in locker geschriebenen Texten vorgeführt. Die biographischen Skizzen bedienen einige Stereotypen und weisen Lücken auf. Intensivere Recherchen hätten ein besseres Ergebnis gebracht. Sehr schön ist die Ausstattung des Bandes, der in der Reihe blue note der Edition Ebersbach erschien. - Gerhild H. M. Komander -
Beate Neubauer und Claudia von Gélieu: Kurfürstin, Köchin, Karrierefrau. Zehn Berliner Porträts, Edition Ebersbach: Berlin 2005. 18 S. Mit zehn Schwarzweißabbildungen. 14,00 Euro.
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| Nr. 4, Dezember 2006 |
Der Vater der Nofretete
Eine späte Würdigung für den Kaufmann, Mäzen und Menschenfreund James Simon
Zwischen der Profilaufnahme Nofretetes und dem Bildnis eines jungen Mannes von Giovanni Bellini blickt der alte Mann durch randlose Brillengläser, tadellos gekleidet, den Kopf etwas geneigt. James Simon (1851-1932) in einer Schwarzweiß-Photographie zwischen zwei Kunstwerken von starker Farbigkeit, das ist die Gestaltung des Buchumschlags, vielleicht zufällig drei Lebensalter abbildend.
Bewusst jedoch wird das Bildnis des alten Herrn etwas in den Hintergrund genommen, denn so sah er sich selbst. Seine Sammlungsstücke, zu denen auch der Kopf der Königin Nofretete und das Bildnis des unbekannten jungen Mannes gehörten, sind viel berühmter als er selbst.
James Simon wird biographisch recht knapp vorgestellt. Eine ausführliche Biographie des Philanthropen und Kunstmäzens legte Olaf Matthes im Jahre 200 vor: James Simon. Mäzen im wilhelminischen Zeitalter, Berlin: Bostelmann & Siebenhaar. Daraus geht das erstaunliche bürgerschaftliche Engagement hervor, das Simon in sozialen Bereichen zeigte. Sein wohltätiges Wirken, geboren aus hohem gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl und persönlichen Erfahrungen, bezog sich ausschließlich auf private Einrichtungen ohne Ansehen konfessioneller Bindungen. Es schloss auch seinen persönlichen Einsatz – über die umfangreichen materiellen Spenden hinaus – ein.
Ganz deutlich wird hier, dass Simon an Selbstdarstellung nicht gelegen war. Er engagierte sich in vorhandenen Vereinen, spendete spontan große Summen für von anderen geplante Projekte. Dem sozialen Bereich, der James Simon selbst am meisten am Herzen lag, widmet sich Olaf Matthes in dem Erinnernungsbuch für James Simon noch einmal.
Den Hauptteil des Buches füllen die Schätze, die der Baumwollfabrikant den Königlichen Museen zu Lebzeiten überließ. Die Museen, das heißt ihre Leiter, taten sich schwer mit dem Andenken an ihren Mäzen. Sehr eindringlich beschreibt Bernd Schultz im Anschluss an die biographische Einführung, dass die Erinnerung an James Simon – unter den Nationalsozialisten vollkommen verdrängt – bis in die jüngste Zeit weitgehend verloren ging.
1993 erhielt das Stadtbad in der Gartenstraße 5, Mitte, eine Gedenktafel, die an den Gründer des Vereins für Volksbadeanstalten, James Simon, erinnert.1880 hatte Simon den Verein gegründet. Im Jahr 2006 wurden zwei Gedenktafeln enthüllt: Am Wohnhaus Bundesallee 23, das Simon von 1928 bis 1932 bewohnte, und am Sitz der Landesvertretung Baden-Württemberg, der an der Stelle der Villa Simon in der Tiergartenstraße 15 steht. Die Villa gehörte der Familie von 1883 bis 1928. Warum hat sich dies Gedenken so verspätet?
Darauf gibt niemand eine Antwort.
Die wissenschaftliche Entdeckung Simons – vor allem durch Cella-Margaretha Girardet und Olaf Matthes – reicht dem Herausgeber Bernd Schultz nicht. Deswegen gibt es dieses Buch, dessen Kapitel den einzelnen Museen und ihrem Anteil an den umfangreichen Schenkungen von James Simon gewidmet sind.
Es sind tatsächlich die weltweit berühmten Objekte, die als Schenkungen des Berliner Unternehmens in die Museen kamen und ihren Weltruhm mitbegründeten: der unvergleichliche Kopf der Königin Teje, die Büste Nofretetes, der Berliner Grüne Kopf, das Ischtar-Tor, Farbholzschnitte von Kitawaga Utamaro, das Goldmedaillon mit dem Bildnis Alexanders des Großen, Andrea Mantegnas Maria mit dem schlafenden Kind und viele andere mehr. Was Rudolf Virchow für das Volkskundemuseum, das jetzt Museum Europäischer Kulturen heißt, tat, ist hinlänglich bekannt, weil die Person Virchows als Arzt, Politiker und Forscher ungebrochene Popularität besitzt.
Dass es James Simon war, der die Initiative ergriff, das damals im Palais Creutz in der Klosterstraße – nicht weit von der Firma Simon entfernt – untergebrachte Museum in den Verband der Königlichen Museen aufzunehmen, ist außerhalb des Museums unbekannt, weil die Person dieses Berliner Bürgers in Vergessenheit geriet.
Das Buch über James Simon erinnert deshalb mit großartigen Farbabbildungen der Meisterwerke aus den Schenkungen James Simons, biographischen und museumsgeschichtlichen Texten an die Leistung und das bürgerschaftliche Engagement eines einzelnen Mannes – der nun hoffentlich seinen Platz im Gedächtnis der Stadt Berlin finden wird. - Gerhild H. M. Komander –
James Simon. Philanthrop und Kunstmäzen, hg. von Bernd Schultz, München, Berlin, London, New York: Prestel Verlag. 152 Seiten. Mit 36 Schwarzweiß- und 139 Farbabbildungen. 49,95 Euro.
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| Nr. 4, Dezember 2006 |
Schlüter, Schadow, Schinkel, Speer ...
Elf Künstlerbiographien versprechen eine Berliner Kunstgeschichte
Der Titel klingt vielversprechend: Berlin und seine Künstler. „In neuem Licht“, so heißt es, zeige das Buch Berlin, durch dreihundert Jahre Kunstgeschichte führe der Autor. Matthias Pabsch reiht elf Biographien aneinander, die untereinander nicht verbunden sind. Andreas Schlüter ist „das tragische Genie“, Carl Gotthard Langhans „ein stiller Schöpfer“, Adolph Menzel „der Erfinder Friedrichs des Großen“, Albert Speer „des Teufels Architekt“. Zu den ausgewählten Künstlern – es ist keine Künstlerin dabei – gehören außerdem Johann Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel, Max Liebermann, Peter Behrens, George Grosz, Hans Scharoun und Hermann Henselmann.
Wie schreibt man eine Berliner Kunstgeschichte, ausgehend vom Vorhandenen oder vom Gewesenen? Wie müsste ein Führer durch dreihundert Jahre Berliner Kunst und Architektur aussehen, der gleichzeitig „ein Reisebegleiter für jeden kunstinteressierten Berlin-Besucher“ sein soll? Dieser Reisebegleiter müsste eine ausgewogene Übersicht bieten, so formuliert es der Autor in seinem Vorwort selbst. Dieses Ziel ist mit elf Biographien nicht zu erreichen. Diese Methode ist zwar die leichtere, in diesem Fall jedoch unpassend.
Den einzigen ernstzunehmenden Versuch einer Berliner Kunstgeschichte machte Helmut Börsch-Supan vor zwei Jahrzehnten in Reclams Kunstführer, der leider nicht mehr lieferbar ist. Ein ausgewogener Überblick dürfte in Hinblick auf die Architektur nicht auf Ludwig Hoffmann und Bruno Taut verzichten, deren Werke das Gesicht der Stadt bis in die Gegenwart prägen. Die Bauten von Schlüter, Langhans, Schinkel, Speer sind ganz oder zum großen Teil zerstört oder blieben unausgeführt. Hans Scharoun provozierte mit seinen Bauten am Kulturforum, Philharmonie und Staatsbibliothek, einen Meinungsstreit zur Architektur. Die Gebäude sind Solitäre, nicht charakteristisch für Berlin.
Das Buch von Pabsch bietet also elf Künstlerbiographien, gut lesbar, aber ohne Neuigkeiten. Die Auswahl der Künstler wäre plausibler begründet mit der Popularität der Auserwählten – wie seit wenigen Jahren Albert Speer – oder ihres Hauptwerkes – wie das Berliner Schloss, dessen barocker Baumeister auch dem Autoren des vorliegenden Buch noch Rätsel aufgibt. Ähnliches wäre über die Berliner Maler und Bildhauer zu schreiben. Wer sich also über die genannten Künstler informieren möchte, findet ausreichend Material in den Texten von Matthias Pabsch. Ein Berliner Kunstführer ist anderswo zu suchen, eine Berliner Kunstgeschichte muss erst noch geschrieben werden. - Gerhild H. M. Komander -
Matthias Pabsch: Berlin und seine Künstler, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Primus Verlag 2006. 216 S. Mit 42 Schwarzweißabbildungen, 24,90 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
Die Kunst der Anpassung
Wie Moden und Machthaber den Admiralspalast im Griff hatten
Als „Warenhaus des Vergnügens“ war der 1911 feierlich eröffnete Admiralspalast über achtzig Jahre in aller Munde. Römische Bäder, Kino, Café, Restaurant, Bar und eine über fünfzig Meter lange Eislaufbahn lockten nicht nur die Berliner Bevölkerung, sondern auch immer mehr Touristen in die Friedrichstraße.
Die Betreiber des ersten „Event-Tempels“ auf deutschem Boden reagierten stets prompt auf die Launen und Bedürfnisse des vergnügungsbedürftigen Publikums. Standen anfangs noch Märchen gleiche Eiskunstlaufballette à la „Holiday on Ice“ auf dem Programm, sorgten in der Weimarer Republik die fröhlich-frivolen Revuen der Haller-Girls für Aufsehen und Abwechslung im Admiralspalast.
Der sorgenfreien Zerstreuung im Operetten- und Musical-Format hatte sich das Haus auch im nationalsozialistischen Reich und in der DDR verschrieben. Allerdings mit oftmals eindeutiger ideologischer Färbung und nach der Wende mit immer bescheidenerem Erfolg, so dass das traditionsreiche Theater 1997 seine Pforten schließen musste.
Ob das vor kurzem mit Brechts Dreigroschenoper wiedereröffnete Etablissement an die einstigen Erfolge wird anschließen können, weiß natürlich auch der Theaterwissenschaftler Jost Lehne nicht zu sagen. Über die wechselvolle Bühnengeschichte allerdings um so mehr. Mit großer Liebe zum Detail und zur leichten Muse zeichnet er anhand von Akten, Zeitungsartikeln und der aufgeführten Stücke die architektonische und künstlerische Anpassung des Theaters an die Zeitläufte beispielhaft nach. Zahlreiche, manchmal leider sehr klein abgedruckte Fotos, Plakate und Programmhefte geben einen lebhaften Eindruck vom historischen Schauplatz des Vergnügens.
So heiter und locker hätte indes auch der Ton der faktenreichen Darstellung ausfallen dürfen. Dass es sich um die „kondensierte Fassung“ einer sehr nüchternen Dissertation handelt, schmälert ein wenig den Unterhaltungswert des Buches, seinen hohen Informationswert jedoch nicht. - Jörg von Bilavsky -
Jost Lehne: Admiralspalast. Die Geschichte eines Berliner „Gebrauchs“-Theaters, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2006. 224 Seiten. 192
Abbildungen. 19,90 Euro.
Zwei Texte von Bernd Oertwig und Peter Eckhart Reichel über den Admiralspalast und die Dreigroschenoper finden Sie in der Rubrik Künste.
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| Nr. 3, November 2006 |
Das steinerne Berlin
Die Mitte der Stadt aus der Sicht von GeowissenschaftlerInnen betrachtet?
In Zahlen bedeutet das: 233 Gesteine im Alter von 2 687 Millionen bis zu 5 000 Jahren genügen uns in Berlin, die Erdgeschichte und das ganze Spektrum von Gesteinstypen vom Granit über den Kalkstein bis zum Schiefer zu erkunden. Dieser Meinung ist der Herausgeber, Johannes H. Schroeder. Damit sich die Laien im Dickicht der steinernen Großstadt nicht verirren, ist der Natursteinführer jetzt in neuer Auflage erschienen.
Die zahlreichen Neubauten und intensive Forschungsarbeit haben das Buch um 64 Gesteinssorten reicher gemacht. Einheimische, mitteleuropäische, südeuropäische, asiatische Gesteine wurden in Jahrhunderten in der Mitte Berlins verbaut. Dass Andreas Schlüter die Kanzel der Marienkirche aus Alabaster fertigte, ist wohl geläufig. Woher der Alabaster kam, kaum: vom Kyffhäuser (vielleicht nicht notwendig zu erwähnen, dass dieser wiederum in Thüringen liegt).
Johannes H. Schroeder führt die Neugierigen einleitend in den Berliner Untergrund, erklärt geowissenschaftliche Grundlagen. Mit Gerda Schirrmeister und weiteren Forschenden führt er in vier Spaziergängen gesteinskundlich durch Berlin. Von Haus zu Haus, den Bodenbelag nicht vergessend, wandern die Glücklichen, die im Besitz dieses Buches sind, mit. Wie nahe Berlin der Eiszeit gekommen ist, lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen: an den Feldsteinunterbauten der mittelalterlichen Kirchen. Ihr Geschiebe kam aus Skandinavien, wie Alfons P. Meyer trotz den Verwitterungen an mehreren Quadern nachweisen konnte.
Wer nicht allein auf steinernen Wegen durch Berlin wandern möchte, kann sich bei Gerda Schirrmeister zur Führung anmelden. Auskunft über TU Berlin, Telefon: 31 42 44 24. - Gerhild H. M. Komander -
Naturwerkstein in Architektur und Baugeschichte von Berlin. Gesteinskundliche Stadtbummel zwischen Alexanderplatz und Großem Stern, 2. erweiterte und verbesserte Auflage, hrsg. von Johannes H. Schroeder. Berlin: Selbstverlag Geowissenschaftler in Berlin und Brandenburg e. V. 2006. 276 Seiten. 184 Farb- und 23 Schwarzweißabbildungen, Tafeln und Karten. 12,50 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
Die Toten mahnen uns
Der Zentralfriedhof Friedrichsfelde aus architektonischer Sicht
Im Mai 2006 jährte sich der Eröffnungstag des Friedhofs in Friedrichsfelde zum 75. Mal. Stadtrat Ernst Friedel, der die städtische Friedhofskommission leitete, hatte den Friedhof Ohlsdorf in Hamburg als Vorbild für dringend benötigte neue Begräbnisstätten empfohlen.
Dem fortschrittlichen Geist verdankte es der Berliner Verein für Feuerbestattung, dass der Magistrat sogar den Bau eines Kolumbariums, einer Urnenhalle, genehmigte. Jürgen Hofmann beschreibt in dem Kurzführer die architektonischen Elemente der Anlage. Hermann Blankenstein, Hans Mucke, Günter Stahn, Reinhold Lingner und Richard Jenner entwarfen sie. Die zahlreichen Gräber Berliner Persönlichkeiten werden in Hinblick auf ihren geschichtlichen und gestalterischen Zusammenhang erläutert. Für Einzelheiten über die Personen ist kein Platz. Dafür lohnt es sich, den umfangreichen Führer von Joachim Hoffmann, 2001 im Verlag Das Neue Berlin erschienen, zur Hand zu nehmen. - Gerhild H. M. Komander -
Jürgen Hofmann: Zentralfriedhof Friedrichsfelde, Berlin: Stadtwandel Verlag 2006. 24. S. Zahlreiche Farbabbildungen. 2,50 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
„… frech und raffiniert ...“
Der Hauptmann von Köpenick
Heinz Rühmann rührte in der Rolle des Hauptmanns von Köpenick ein Millionenpublikum zu Tränen (1956). Sechs weitere Schauspieler verkörperten den Schuster. Der Bezirk Köpenick stellte 1996 ein bronzenes Denkmal von Spartak Babajan vor dem Rathaus auf. Wie konnte sich in
Gewohnheitsverbrecher derartige Popularität verschaffen? Es war ein Missverständnis.
Am 16. Oktober 1906 besetzt der Schuster Wilhelm Voigt das Köpenicker Rathaus, verhaftet den Bürgermeister. Er fragt nach dem Tresor der Stadtkasse, in dem sich zwei Millionen Mark befinden sollen. Um dieses Geld ging es Voigt, nicht um einen Pass. Diese Legende erfand er selbst. Spätestens seit der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Bühnenstück, dass diesen erneuten Betrug bewusst ignorierte, glaubt das Publikum diese Geschichte – bis heute.
- Gerhild H. M. Komander -
Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Ein Lebensbild, hrsg. von Werner Labisch und Jörg Sundermeier. Berlin: Verbrecher Verlag 2006. 128 Seiten. 14,99 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
„Eine geschwätzige Sphinx“
Samuel Becketts kritischer Blick auf Berlin
Vom antiken Pergamonaltar war der irische Dichter Samuel Beckett nicht sonderlich begeistert. „Altar ein scheußliches Machwerk“, notierte er am 26. Dezember 1936 in sein Tagebuch, das die Eindrücke und Stationen seiner längsten Deutschlandreise akribisch festhielt. Aus dieser erst seit wenigen Jahren zugänglichen Quelle schöpfte nun seine deutsche Übersetzerin Erika Tophoven, die auf dieser Basis einen ebenso lesens- wie sehenswerten Bildband über Becketts sechswöchigen Berlinaufenthalt komponiert hat. Sie begleitet den finanziell („money knapper & knapper“) und gesundheitlich (ein Geschwür „between wind and water“) notleidenden Poeten vom Potsdamer Bahnhof zu seiner bescheidenen Bleibe in der Budapester Straße, in die einfachen Bierlokale und natürlich auf seinen ausgedehnten Streifzügen zu den touristischen Highlights.
Den intellektuellen Höhepunkt bilden für ihn aber die wertvollen Gemäldesammlungen auf der Museumsinsel. Hier taxiert er in knappen Worten
die holländischen, deutschen und italienischen Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts und verteilt Noten von „excellent“ bis „foul“. Allein über die Kunst, die Literatur, das Theater und einige wenige persönliche Begegnungen erschließt sich ihm die deutsche Kultur und Sprache. Das lautstarke Berlin hingegen bleibt für den eher zurückhaltenden Dichter bis zu seiner Weiterreise nach Dresden eine rätselhafte, „geschwätzige Sphinx“.
Die teils recht nüchternen, teils ironischen, zeitlich nahezu lückenlosen Notizen machen es der Autorin zwar leicht, den topographischen wie geistigen Ausflügen des Poeten zu folgen. Aber erst ihre literarisch, biographisch wie historisch aufschlussreichen Erläuterungen komplettieren das Bild von Becketts kritischer Kunstauffassung. Schon allein dadurch hebt sich diese mit seltenen Fotos illustrierte Publikation von anderen ab.
Tophoven hat den Spuren eines bekannten Dichters in Berlin klare Konturen gegeben. Entstanden ist ein exzellent kommentierter Bildband für Beckett-Fans und Berlin- Freunde. - Jörg von Bilavsky -
Erika Tophoven: Becketts Berlin, Berlin: Nicolai Verlag 2005. 144 Seiten. 105 Schwarzweiß- und 21 Farbabbildungen. 24,90 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
So vergeht die Herrlichkeit der Welt
Geschichten aus dem Grunewald
Was verbindet Vicki Baum, Brigitte Mira, Walther Rathenau und Ernst Toller? Die Koenigsallee im Grunewald, benannt nach dem Bankier Felix Koenig. Um die Villenkolonie Grunewald geht es in diesem Buch. Steuervorteile lockten seit Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts Wohlhabende, Menschen aus Politik, Wirtschaft, Künsten in den „grünen Wald“, der über Jahrhunderte den Kurfürsten von Brandenburg als Jagdgebiet gedient hatte.
Wenn Nimmersatt
Die Riesenstadt
Ins Herz der Forste bricht.
Dann sieht man bald
Den Grunewald
Vor lauter Villen nicht.
Das Gedicht Ludwig Fuldas, das Rüdiger Reitmeier einleitend zitiert, fasst die Entwicklung der Kolonie zur Luxusstadt treffend zusammen. Der Auswahl biographischer Skizzen sind fünf Kapitel vorangestellt, die die Geschichte, Salonkultur, Judentum, Nationalsozialismus und Musik in der Kolonie aufgreifen. Die Auswahl der Bewohnerinnen und Bewohner, von denen ausführlicher berichtet wird, ist subjektiv. Einige Persönlichkeiten – wie Walther Rathenau – dürfen einfach nicht fehlen. Andere – wie Fritz und Edith (geborene Rathenau) Andreae – stellen mit ihrer Biographie unerwartete Bezüge zu den populären Personen her.
Den biographischen Skizzen ist ein Kapitel über die Grabstätten der Grunewalder Berühmtheiten angefügt. Ihm folgen sieben Rundgänge durch die Straßen der Villenkolonie, deren Bevölkerung in der Regel weitab von der Mehrheit der Menschen in der Großstadt Berlin lebte. - Gerhild H. M. Komander -
Harry Balkow-Gölitzer, Rüdiger Reitmeier, Bettina Biedermann, Jörg Riedel: Prominente in Berlin-Grunewald und ihre Geschichten, Berlin: berlin edition 2006. 310 Seiten, zahlreiche Schwarzweißabbildungen. 19,90 Euro.
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| Nr. 3, November 2006 |
Fremde unter Feinden
Walter Benjamins Adressbuch im Exil
Paris, Place de Rennes Nr. 2, Papéterie, Imprimerie Souque. Hier erwirbt Walter Benjamin – vielleicht schon 1933? – ein Notizbuch, ein sehr kleines. 7 x 4,4 Zentimeter misst es. Es wird in Originalgröße mit allen seinen Seiten, beschriebenen und unbeschriebenen, und zwölf Postkarten im „Adressbuch des Exils“ abgebildet. Kaum zu lesen sind die handschriftlichen Einträge des Exilanten. Christine Fischer-Defoy hat sie übertragen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist zu lesen, zum Beispiel: Gisela Freund XVe 19 Rue Lakanal Pereire 2427. Oder: Helen Hessel Vaugirard 1284 / Elisabeth Hauptmann Saint-Louis Mo 7454 Teasdale Av c/o Warmber. Oder: Pariser Tageblatt 51 Rue de Turbigo Archives 8495. Freunde, Kollegen, Bekannte, helfende Hände verbergen sich dahinter.
Hilfe hatte Benjamin dringend nötig während der Jahre des Exils, Hilfe bekam er von vielen, doch nicht genug. In Port Bou starb der Fliehende, ob an Morphium oder durch fremde Hand ist nicht geklärt.
310 Adressen oder Telefonnummern trug Walter Benjamin in das kleine grüne Buch ein. Die Autorin ist ihnen nachgegangen. Adorno, Theodor Wiesengrund? Er, der philosophische Kamerad Benjamins, ist zu finden unter Wiesengrund, seinem früheren Familiennamen. Dem Lebenden organisierte Adorno existentielle Hilfe, dem Toten verwaltete er das Vermächtnis, indem er das Walter Benjamin Archiv aufbaute und die erste Ausgabe der Schriften besorgte.
Knappe Lebensbilder derer, die sich im Adressbuch finden, stellt Christine Fischer-Defoy zusammen und beschreibt anschließend das Verhältnis zu Benjamin: Die erste Begegnung, beginnende Freundschaft, geistige und persönliche Auseinandersetzung, den Kontakt und die Hilfe im Exil. Je nachdem wie intensiv die Beziehung war, die Lebenswege sich gestalteten, konnte sie viel oderwenig Material finden.
All das ist in diesem bemerkenswerten Buch zu finden. Ein Lesebuch, Bilderbuch, ein Buch der Verstreuten, Adressbuch des Exils. - Gerhild H. M. Komander -
Walter Benjamin: Das Adressbuch des Exils 1933-1940. „... wie überall hin die Leute verstreut sind ...“, hrsg. von Christine Fischer-Defoy, Leipzig:
Koehler & Amelang 2006. 240 Seiten, 60 Farb- und 90 Schwarzweißabbildungen. 24,90 Euro.
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| Nr. 2, Oktober 2006 |
Polenta, Parmesan und Pizzeria
Gianluca Falanga entdeckt die italienischen Momente Berlins
„Nach Parmesan war Friedrich buchstäblich verrückt“, weiß Gianluca Falanga über den aufgeklärten Preußenkönig in seinem zuverlässig recherchierten Sachbuch „Italien in Berlin“ zu berichten. Friedrich der Große war also nicht nur in Sachen Vernunft, sondern auch in punkto Geschmack seiner Zeit weit voraus.
Heutzutage findet sich der würzige Hartkäse aus der Region Parma in jedem gut sortierten deutschen Kühlschrank. Falangas Spürnase reicht aber nicht nur bis zur mediterranen Feinkosttheke, sondern sie folgt den 500 Jahre alten Spuren, welche die Italiener in der märkischen Metropole hinterlassen haben. Einige sind so offensichtlich wie die Relikte italienischer Architektur und Malerei des 17. und 18. Jahrhundert am preußischen Hof. Andere wiederum hat der knapp 30-jährige Autor wieder feinsäuberlich freilegen müssen.
Dass zur Jahrhundertwende im Prenzlauer Berg eine gut 1000-köpfige „Italien-Kolonie“ die Reichshauptstadt mit Spaghetti und Drehorgeln versorgte, wird vielen ebenso neu sein wie die Existenz von Weinprobeautomaten Unter den Linden, mit denen ein italienischer Weinhändler Kunden anlockte.
Aber auch die vielen tragischen Momente im Zusammenleben von Italienern und Berlinern finden Erwähnung. So hatten die Emigranten jahrzehntelang darunter zu leiden, dass sich Italien im Ersten und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit Deutschlands Gegnern verbündete. Ausweisungen, Anfeindungen und Ausbeutung gehörten zur bitteren Realität der Auswanderer bis das deutsche „Wirtschaftswunder“ Versöhnung und Integration begünstigte.
Die großen Linien der deutsch-italienischen Geschichte bringt Falanga mit den feineren der berlinisch-italienischen elegant zur Deckung. Entstanden ist ein facettenreiches Brevier, das am Ende noch mit kulinarischen und kulturellen „Italien-Adressen in Berlin“ aufwartet. Was will man von einem historisch bewanderten „Cicerone“ mehr. - Jörg von Bilavsky 9/06 -
Gianluca Falanga: Italien in Berlin. Berlin: be.bra verlag 2006. 272 Seiten. 99 Abb. 19,90 Euro.
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| Nr. 2, Oktober 2006 |
„als sich für uns die Tore des ‚Alex’ öffneten ...“
Der Verein Aktives Museum erforscht Biographien der Berliner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus
Wir können uns nicht vorstellen, welche Lücken in den Jahren von 1933 bis 1945 mutwillig in die geistige und körperliche Kraft des deutschen Volkes gerissen wurden, wenn wir nicht die Lebenswege einzelner Menschen kennenlernen. Christine Fischer-Defoy, Christiane Hoss und Andreas Herbst vom Verein Aktives Museum e. V. beschreiben die Berliner Stadtverordnetenversammlung in der Zeit von 1870 bis 1933, berichten über die geographische und soziale Herkunft der Mitglieder und deren Verfolgung seit 1933. Auf über 250 Seiten haben sie mit weiteren Autorinnen Biographien der Verfolgten erarbeitet.
Die Bedrohung, die Arbeit zu verlieren, erfahren in unseren Tagen viele Menschen. Niemand jedoch muss fürchten aus ethnischen, religiösen und politischen Gründen vor die Tür gesetzt zu werden. 1933 wurde das Recht abgeschafft. Fritz Elsas, langjähriger Vizepräsident des Deutschen und Preußischen Städtetages, kam seiner Entlassung zuvor. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er denunziert, misshandelt und im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen. Hilde Radusch, Mitglied der KPD, überlebte Inhaftierungen im Frauengefängnis in der Barnimstraße, im Polizeipräsidium am Alexanderplatz. In den siebziger Jahren engagierte sie sich in der Frauenbewegung.
Die Zahl der Berliner Straßen würde nicht ausreichen, wollten wir sie nach jenen Menschen benennen, die der nationalsozialistische Unrechtsstaat bedrohte, quälte und ermordete. Das Denk-Buch des Vereins Aktives Museum holt viele von ihnen in die Erinnerung zurück.
Das Buch ist ausschließlich in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erhältlich, nicht im Buchhandel. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstrasse 13-14, Tiergarten, Telefon: 26 99 50 00. - Gerhild H. M. Komander -
Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933 – 1945, Begleitbuch zur Ausstellung im Berliner Rathaus 2006, hrsg. vom Verein Aktives Museum e. V., Berlin 2006. 416 S. Zahlreiche Abbildungen. 15,00 Euro.
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| Nr. 2, Oktober 2006 |
Bleibtreu heißt die Straße
Jutta Rosenkranz sammelt Berliner Gedichte
Es gibt Gedichte, deren Titel schon so schön ist, dass man auf das Folgende verzichten möchte. Aber wer mag die Sprache Mascha Kaléko auch nur zeilenweise missen? „Bleibtreu heißt die Straße“ – meinte sie: Bleib treu? Sie schrieb das Gedicht nach langen Jahren des erzwungenen Exils. Jutta Rosenkranz versammelt in dem Band Gedichte aus 250 Jahren. Chamisso, Fontane, Heine, Kästner und Ringelnatz sind bekannt, Aldona Gustas sicher einem breiteren Lesepublikum nicht:
der Mond spielte
am Kurfürstendamm Gitarre
Sterne betätigten sich
als Stelzentänzerinnen
Passanten folgten Menzelwolken
bis in den Morgen
bemutterte uns die Nacht.“
Diese und andere Entdeckungen machen das Buch auch für Spezialisten lohnenswert. Leider fehlen die Jahresangaben, die Entstehungsjahre der Gedichte. Gut macht sich dagegen das Autoren- und Quellenverzeichnis, das auch knappe biographische Hinweise enthält. - Gerhild H. M. Komander -
Berlin im Gedicht, hrsg. Von Jutta Rosenkranz, Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 2. Auflage 2006. 127 S. 6,95 Euro.
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| Nr. 1, September 2006 |
Freie Liebe, moderne Berufe
Birgit Haustedt schwärmt für die wilden Jahre der Frauen
Verzicht, Vernunft, Vorsicht – Fremdworte in den Ohren einer Anita Berber, Helen Hessel, Dora Benjamin. Für zahlreiche Frauen waren die Jahrzehnte nach der vorletzten Jahrhundertwende ein Experimentierfeld, wie es seitdem keines mehr gab. Schon 1911 schwärmte der Soziologe Hans Ostwald von „der Berlinerin“ und widmete ihr ein ganzes Buch. Es war derart erfolgreich, dass 1922 eine aufwendig gestaltete zweite Auflage erschien.
Franz Hessel, den Helen in eine zehnjährige Dreiecksbeziehung drängte, schrieb: „Schöne Berlinerin. Du bist tags berufstätig und abends tanzbereit. Du hast einen sportgestählten Körper, und deine herrliche Haut kann die Schminke nur erleuchten. Mit der Geschwindigkeit, in der deine Stadt aus klobiger Kleinstadt sich ins Weltstädtische mausert, hast du Fleißige schöne Beine und die nötige Mischung von Zuverlässigkeit und Leichtsinn, von Verschwommenheit und Umriß, von Güte und Kühle erworben.“
Die Frauen, denen diese Lobeshymne galt, beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Birgit Haustedt in einer Mischung aus Sorgfalt und Amüsiertheit. Keine Biographien sind in diesem Buch nachzulesen, sondern Stimmungen, Skandale, weibliche Lebensgefühle und Eroberungen. Eroberungen in jeder Hinsicht.
Die bekannten Damen der Kultur und Subkultur erscheinen auf der Bühne und die unbekannten. Wie Betty Stern, deren Salon Tür und Tor für Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen, Sängerinnen öffnete. Zahlreiche Abbildungen, passgenaue Zitate und eine erfrischend klare graphische Gestaltung machen das Buch zu einer durch und durch unterhaltsamen und motivierenden Lektüre.
- Gerhild H. M. Komander -
Birgit Haustedt: Die wilden Jahre in Berlin. Eine Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen. Berlin: edition ebersbach 2005. 240 S. 15,00 Euro.
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| Nr. 1, September 2006 |
Der Kopf Goliaths im Teigmantel
Eva Ziebura schreibt über das Leben des Prinzen August Wilhelm von Preußen
Ein Prinz wie aus dem Bilderbuch: Mit Anmut und Fröhlichkeit, körperlicher Stärke und liebevoller Großmut erstaunte August Wilhelm nicht nur den Vater, sondern weckte auch den Neid seines Bruders Friedrich. Als Friedrich II. 1740 den Thron bestieg, bekam Wilhelm den Zorn des Königs bald zu spüren. Eifersüchtig achtete dieser darauf, daß seine Brüder sich von den Regierungsgeschäften fernhielten.
Dennoch ernannte er den zweitältesten zu seinem Nachfolger. Er zwang August Wilhelm in eine unglückliche Ehe, warf ihm während der Kriege um Schlesien militärisches Versagen vor. Kein Wunder also, daß anlässlich eines Festes für Prinzessin Amalie im Schloß zu Oranienburg auf der Tafel auch „ein Goliath im Teigmantel“ serviert wurde. Zu gern hätten die Brüder Friedrichs des Großen sich als Davide gefühlt.
Eva Ziebura, die schon fundiert und amüsant die Biographie des Prinzen Heinrich verfasste, legt nach intensivem Quellenstudium nun eine weitere Hohenzollern-Biographie vor, die das Bild des großen Friedrich erschüttert und tiefen Einblick in das Leben des Prinzen von Preußen gewährt.
Eva Ziebura: August Wilhelm Prinz von Preußen, Berlin: Stapp Verlag 2006. 281 S. 19,80 Euro. - Gerhild H. M. Komander -
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| Nr. 1, September 2006 |
Dichter in der Fremde
Ausländische Schriftsteller erzählen ihre Begegnung mit Berlin
Ein zerfurchter Stadtplan, entwertete Fahrscheine, abgerissene Eintrittskarten und Dutzende Postkarten. Das finden viele Berlin-Touristen vor, wenn sie zu Hause wieder ihre Koffer auspacken. In ihrem Gedächtnis haften geblieben sind nicht selten das Brandenburger Tor, das Reisewetter und des Berliners raue Herzlichkeit.
Ähnliche Erfahrungen dürften auch all jene ausländischen Schriftsteller gesammelt haben, die im Rahmen der Samuel-Fischer-Professur an der Freien Universität seit 1998 über ihre poetischen Wurzeln und Praktiken dozieren. Im Gegensatz zum Touristen nehmen sie Berlin aber auch als poetisches Experimentierfeld wahr und kleiden ihre Eindrücken früher oder später in Worte. Die literarischen Früchte ihrer einsemestrigen Gastspiele liegen nun in der Anthologie „Berlin Hüttenweg. Stadt erzählen“ vor.
Vom eher protokollarischen Tagebucheintrag des kongolesischen Dichters V.Y. Mudimbe über die formlosen Gedichte der Ägypterin Nora Amin bis hin zur melancholischen Erzählung „Majakowskiring“ der Österreicherin Marlene Streeruwitz spannt sich dabei der schillernde Gattungsbogen.
Die mitunter recht unterhaltsam aufbereiteten Erinnerungen kreisen um ihre Begegnungen mit Studenten (Bradfield, Métail), dem Lehrbetrieb (Ôe) oder anderen Künstlern (Ramírez), immer aber auch um die Vergangenheit der Stadt. Wobei viele der Dichter in Berlin immer noch Deutschland und alle Deutschen zu erkennen meinen und den dunklen Seiten der deutschen Geschichte besondere Aufmerksamkeit schenken.
Doch egal, welche Assoziationen und Erinnerungen Berlin in jedem der Gastprofessoren ausgelöst hat: Fasziniert waren sie von der vielschichtigen Metropole allemal. Mögen die Leser mit gleicher Begeisterung in ihren Texten schmökern. - Jörg von Bilavsky -
Oliver Lubrich und Jürgen Balmes (Hrsg.): Berlin Hüttenweg. Stadt erzählen. Berlin: Matthes & Seitz 2006. 276 Seiten. 18,80 Euro.
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