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| Nr. 1, September 2006 | 

„Mein Trick ist, dass ich keinen Trick habe“

Berlin-Photos von Star-Photograph Martin Munkásci


 von BERND OERTWIG


Ein Mann liegt auf dem Rücken im Wasser. Er trägt einen einteiligen Badeanzug. Was er durch seine Brille im Sucher seiner für heutige Verhältnisse unförmig großen Kamera sieht, bleibt dem Betrachter verborgen. In einem Text neben dem Bild das Credo des Photographen: „Think while you shoot“.

Kann der Photograph wirklich einen vernünftigen Gedanken fassen im – und das geht aus der Bildbeschreibung hervor – eiskalten Wasser, in dem er sich beinahe den Tod holt?
Martin Munkácsi testet oft Grenzen. In jungen Jahren. Bindet sich außen an einem Auto fest, um in voller Fahrt  ein Rennen zu photographieren. Risiko für ein gutes Bild. Seine Kunst, sein Können, seine Ideen läßt er sich gut bezahlen. Ein Star-Photograph. Photograph der Stars und selbst ein Star.

350 Photographien des umtriebigen Ungarn zeigt die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau noch bis 6. November. Auch Bilder aus seiner Berliner Zeit.
Martin Munkácsi wird 1896 in Kolozsvár als Sohn eines kinderreichen Malermeisters geboren, veröffentlicht 1921 seine ersten Sportphotos in Budapest.

1928 kommt Martin Munkácsi nach Berlin. Die brodelnde Stadt mit dem boomenden Zeitungsmarkt wird für ihn zum Zuhause, bis er sechs Jahre später vor dem Nazi-Terror flüchtet und in die USA emigriert. Ein Photograph, dessen Neugierde ihn umtreibt in der großen Stadt. Munkácsi taucht ab in ärmliche Kellerbehausungen, in denen es schlecht riecht und deren Bewohner der Gram tiefe Furchen ins Gesicht gezeichnet hat.

Und er photographiert die Prominenz dieser Jahre, ihre schicken und noblen Wohnungen. Ein Photo zeigt den Filmregisseur Fritz Lang in seinem edlen Heim. Lang wohnt von 1929 bis 1933 in der Schorlemer Allee 7a in Dahlem, das Bild muß also dort entstanden sein. Aber nicht Monokelträger Lang ist das beherrschende Motiv des Photos – sondern dessen glänzende Bar aus Kupfer. Fritz Lang steht hinter der Bar, Munkácsi davor. Der ungarische Photograph und die Berliner Prominenz: Um 1930 – näher lässt sich die Aufnahme nicht bestimmen – trifft Munkácsi auf dem Berliner Presseball Max Schmeling, der am 12. Juni 1930 als erster Europäer Weltmeister im Schwergewicht wurde. Mit am Tisch sitzt Olga Tschechowa. Beide sind die Hauptdarsteller des 1930  gedrehten Films »Liebe im Ring« von Reinhard Schünzel. Möglich, dass er der Dritte auf dem Photo ist – beschrieben wird es nicht.

Ein anderes Bild der Ausstellung zeigt einen Mann mit freiem Oberkörper, der sich einen Wasserstrahl in den geöffneten Mund sprühen lässt. Betitelt ist das Bild „Luna Bad, Berlin-Wannsee, 1931“. Das dürfte ein Irrtum sein. Das Wannsee-Bad hieß nie Luna-Bad. Dafür existierte in Halensee von 1909 bis 1933 der Luna-Park, Europas größter Vergnügungspark dieser Jahre. Besonders anziehend war das Wellenbad. Vermutlich entstand das Photo dort. 1931 photographierte Munkácsi  zwei Frauen im Grunewald. Sie sind mit ihrem Wagen gekommen. Offenbar ein kühler Tag, die Frauen tragen nicht nur Mützen, sondern auch Mäntel. Auf dem Trittbrett des Wagens steht ein halbvolle Flasche Weinund die Frau, die am immerhin weiß gedeckten Tisch mitten im Wald sitzt, reicht der anderen hinter dem Lenkrad einen Becher in den Wagen.

Munkácsi-Photos erscheinen während seiner Berliner Jahre in angesehenen Magazinen: „Die Dame“, „Koralle“ und „Uhu“. Vor allem arbeitet er für die „Berliner Illustrirte Zeitung“ des Ullstein-Verlages, die damals eine Auflage von weit mehr als  einer Million Exemplare hat. Chefredakteur Kurt Korff schickt ihn nach London, Sizilien, New York und Ägypten. „Reichswehrtruppen in Marschformation“ heißt ein Bild, das der Ungar im März 1933 am „Tag von Potsdam“ photographiert, als der greise Staatspräsident Paul von Hindenburg Deutschland in die Hände von Adolf Hitler übergibt. Anfang vom Ende. 1934 verlässt Martin Munkácsi Deutschland und geht nach New York. Hier bekommt er sofort einen Vertrag von „Harper's Bazaar“ – dotiert mit 100 000 Dollar.

Wenige Jahre später – 1940 – photographiert er eine andere Emigrantin: Marlene Dietrich, mit einer Zigarette in der Hand zwischen Bäumen. Oft, wenn er nach dem Geheimnis seiner Kunst befragt wird, ist seine Antwort typisch: „Mein Trick ist, dass ich keinen Trick habe.“
Der fußballverrückte Photograph stirbt beinahe standesgemäß: 1963 in New York nach einem Herzinfarkt – bei einem Fußballspiel.

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