| Nr. 2, Oktober 2006 |
Der große Revue-Star faszinierte ein begeistertes Publikum
mit einer Show aus Komik und Erotik
Josephine Baker und ihr Berliner Straußen-Ritt
von BERND OERTWIG
14. Januar 1926: Eine Frau reißt ganz Berlin in einen Begeisterungsstrudel. Die Stadt ist außer Rand und Band: Im Nelson-Theater am Kurfürstendamm tritt an diesem Donnerstag erstmals eine Schwarze auf, die mit ihrer Komik und ihrer Erotik verzaubert. Mal kommt sie nur mit einer rosa Flamingofeder zwischen den Schenkeln bekleidet auf die Bühne, mal im Baströckchen oder im rosa Mullschurz. Die Berliner sind verzaubert. Der Name der schönen Tänzerin: Josephine Baker.
Sie ist aufgewachsen in den Slums von Saint Louis und will in Europa ihr Glück versuchen – zunächst in Paris, später in Berlin. Ihre Heimat gibt ihr keine Chance. Ihr faszinierend energiereicher Tanz passt zum Leben der zwanziger Jahre in Berlin: Pulsierend, geprägt vom Jazz und Swing. Josephine Baker wird schnell der Mega-Star. Die Stadt dankt es der ungewöhnlichen Künstlerin: Wenn „die Baker“ ein Lokal betritt, bricht die Musik ab, die Gäste stehen auf, um zu applaudieren.
Der Dichter Kurt Tucholsky ist hingerissen, der berühmte Regisseur Max Reinhardt möchte sie an ihr Theater holen. In keiner anderen Stadt, so schwärmte sie noch im Alter, habe sie so viel Begeisterung erlebt, so viele Liebesbriefe, Blumen und Geschenke bekommen wie in Berlin. Gerade in Berlin erlebte die Unterhaltung ihre Blüte. Varietés und Cabarets schossen wie Pilze aus dem Boden, die Tanzwut und erotische Freizügigkeit grassierten. „Der Tanz wird zur idée fixe, zum Kult“, schrieb Klaus Mann.
Josephine Baker, die exotische Schönheit, kann sich Extravaganzen leisten. Einmal lässt sie einen großen Strauß vor einen Traber-Sulky spannen und fährt damit durch Berlin. Um den Hals trägt sie eine helle Federboa. Vor Berlin hatte sie schon Paris begeistert. Ihre ersten, freizügigen Auftritte führen zwar selbst im liberalen Paris zu Protesten, doch die Begeisterung über die völlig neue Art zu tanzen überwiegt. Jean Cocteau nennt sie „ein Idol aus dunklem Stahl und Bronze, Ironie und Gold.“ Ihre kurzen Haare trägt sie wie eine gelackte Kappe eng an den Kopf pomadisiert. Die Frisur wird Modevorbild für eine ganze Generation. Die Sitze ihres Sportwagens lässt Josephine Baker mit Schlangenleder polstern. Als Haustier hält sie einen Leoparden.
Sie verlässt Berlin, nachdem sie für die Pariser Folies-Bergères und im Casino de Paris Verträge unterschrieben hat. Ab 1926 spielt Josephine Baker in ihrem eigenen Theater. Im „Chez Joséphine“ zeigt sie Abend für Abend einen Tanz, den sie aus den Südstaaten mitgebracht hat und den in Europa noch niemand kennt: den Charleston. Sie ist glücklich in Paris – und denkt doch immer wieder an Berlin: „Ich kam nach Berlin, da war ich sehr jung. Ich wollte alles vom Leben. Dann habe ich Berlin ziemlich schnell wieder verlassen und bin nach Paris.
Kaum war ich in Paris, hatte ich schon wieder Heimweh nach Berlin. Und war ich wieder in Berlin, wollte ich wieder nach Paris. Ich war hin- und hergerissen zwischen zwei Lieben.“
Paris – damit entscheidet sich Josephine Baker für die richtige Liebe. Joseph Goebbels zieht als Gauleiter der NSDAP in die Reichshauptstadt. Als die Baker zwei Jahre später nach Berlin zurückkommt, ist der einst flirrenden Großstadt die Lebenslust vergangen. Bei ihrem Auftritt im Bananenröckchen veranstalten Goebbels Störtrupps Pfeifkonzerte. Die rechte Presse hetzt gegen die Tänzerin. Aus der „schwarzen Venus“ der Boulevardpresse ist der „Halbaffe“ der Hitler-Blätter geworden. Verwirrt und gekränkt geht Baker nach Paris zurück. Als deutsche Truppen einziehen, schließt sie sich der Résistance an. Sie arbeitet für den Geheimdienst und singt vor alliierten Truppen in Nordafrika. Dennoch ist Josephine Baker gleich nach dem Krieg die erste französische Künstlerin, die das zerstörte Berlin besucht. Trotz des Hasses bleibt sie auch ihrer anderen Liebe treu. Immer wieder kommt sie nach Berlin – und wird immer wieder begeistert empfangen.
Längst träumt die furchtlose Frau einen neuen Traum. Sie, die nach einer Krankheit keine Kinder mehr bekommen kann, will eine Familie gründen. Eine ganz besondere, eine Modellfamilie. Mit dem Segen von Papst Pius XII. möchte sie auf ihrem Anwesen in der Dordogne Adoptivkindern ein neues Zuhause geben. Möglichst vielen Kindern, alle von unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Es soll ein Zeichen gegen Rassenhass und nationalen Wahn werden. Insgesamt zwölf Schützlinge holt sie zu sich, Kriegswaisen und Armutsopfer, aus Europa, Afrika, Asien und Amerika, denen sie mit rührender Hingabe eine Welt in der Welt zu schaffen versucht. Josephine Baker widmet sich nur noch ihrer „Regenbogenfamilie“. Dann zwingt sie die Geldnot wieder auf die Bühne.
Sie sagt: „Das ist das selbe Problem in der ganzen Welt! Jetzt habe ich eine große Familie, da brauche ich viel Geld!“ Auch noch mit fast siebzig Jahren steht die Baker auf der Bühne. In Paris zelebriert sie im April 1975 mit einer großen Revue ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Am Ende verabschiedet sie sich: „Bitteschön. Jetzt muss ich sagen: Auf Wiedersehen, und einen großen Kuss für alle!“ Zwei Tage später erleidet Josephine Baker einen Gehirnschlag und stirbt.
Beerdigt wird sie, im Kreis der Freunde, in Monaco, wo sie dank der Unterstützung von Fürst Rainier ein Domizil für sich und ihre Kinder gefunden hatte. Zuvor gibt es in Paris einen Staatsakt. Frankreich ehrt sie mit 21 Schuss Salut. Der Jahrhundertstar der Revue wird es als letzten lauten Tusch genommen haben, als einen letzten Beifall nach einem großen Leben.
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- © bernd oertwig 10/06 -