| Nr. 2, Oktober 2006 |
Des Dichters Höllen-Muse
Ruth Berlau an der Seite von Bertolt Brecht: Eine starke und zerrissene Frau
von BERND OERTWIG
Sie war seine Muse, seine Fotografin, seine Geliebte, seine Hölle: Ruth Berlau, mehr als zwanzig Jahre lang eine der vielen Frauen an der Seite von Bert Brecht. Geheiratet hatte der Dichter Helene Weigel. Die „rote Ruth“ aus Dänemark blieb ihm dennoch bis an ihr Lebensende in Liebe verbunden.
Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof liegt Bert Brecht neben Helene Weigel. Das Grab von Ruth Berlau ist am anderen Ende, ganz hinten links an der Friedhofmauer, bei den Urnengräbern. Seit seinem 50. Todestag am 14. August lehnt eine rote Rose an seinem Grabstein. An ihrem wuchern Pflanzen, auch an ihrem 100. Geburtstag, am 24. August.
Als Bert Brecht 1956 im Alter von 58 Jahren starb, war Ruth Berlau gerade in Dänemark. Trotz aller Querelen zwischen Helene Weigel und Ruth Berlau lud die Brecht-Witwe sie zur Beisetzung am 17. August um 9 Uhr ein. Sie gehörte auch zu den wenigen, die einen Abguß der Totenmaske bekamen. Diese Totenmaske behandelte Ruth Berlau auf ihre ganze eigene Weise. Wie die Berliner Autorin Sabine Kebir in ihrer gerade erschienenen Berlau-Biographie „Mein Herz liegt neben der Schreibmaschine“ erzählt.
Auf ihren Reisen trug sie Brechts Totenmaske in der Handtasche. Manchmal steckte eine Schnapsflasche in der Wölbung, manchmal Geld. Hin und wieder soll die Berlau die Maske aus der Tasche genommen, mit ihr sanfte Gespräche geführt oder sie beschimpft haben. Als Ruth Berlau sie 1961 der Königlichen Bibliothek Kopenhagen vermachte, war die Maske am rechten Ohr beschädigt – sie hatte sie einem Schauspieler an den Kopf geworfen.
Brecht und Berlau hatten sich in Kopenhagener Theaterkreisen kennen gelernt, nachdem Brecht 1933 nach Dänemark emigriert war. „Daß ich ihn da schon liebte“, erzählte Ruth Berlau später, „wußte ich nicht.“ Seit dieser ersten Begegnung war Brecht das Zentrum im Leben von Ruth Berlau. Was sie tat, dachte oder fühlte – alles atte mit ihm zu tun. Er wurde ihr Lehrer, ihr Geliebter und schließlich auch ihr Seelsorger. Ab sofort war sie ständig an Brechts Seite. Zum Kummer von Helene Weigel.
In den Jahren des Exils gehörte sie fest zur Entourage von Brecht. Sie lernte, organisierte, fotografierte, sie machte sich unentbehrlich. Brecht kam ohne sie kaum noch aus. Ihre Wohnung in Santa Monica lag ganz in seiner Nähe. 1942, nach einem Kongressauftritt in New York, blieb sie dort, arbeitete für ein dänisches Radio.
Brecht reiste oft zu ihr. Ihre Wohnung in der 57. Straße war seine Adresse in New York. Sie litt, beschwerte sich, weil er bei Helene Weigel blieb. Er wiederum beklagte ihre „so sauren Briefe“. Die Spannungen nahmen zu. Im September 1944 verlor sie Michel, den zu früh geborenen Sohn, den sie von Brecht erwartete. Der aber vermerkte in seinen Notizen lediglich, dass sie operiert worden war. Kein Wort mehr, keins über den toten Sohn keins über Sorge um Ruth.
1948 kam Ruth Berlau nach Berlin zurück. Im Dezember 1949 bezog sie eine Wohnung in der Charitéstraße 3. Den großen Salon mit Parkettfußboden und Balkon taufte sie später „Brecht-Zimmer“. Von Helene Weigel, jetzt Intendantin des Berliner Ensembles, bekam sie einen Vertrag als Leiterin des literarischen und fotografischen Archivs des Brecht-Theaters. Die Zusammenarbeit zwischen Bert Brecht und Ruth Berlau im Theater war ein ständiger Kampf. Am 4. Januar 1951 ohrfeigte sie Brecht im Theater, weil sie in einer für den 6. Januar geplanten Presse-Vorführung nicht neben ihm in der Regieloge, sondern in der siebenten Reihe sitzen sollte.
Ruth Berlau war Borderlinerin. Sie brauchte Extrem-Situationen um festzustellen, dass sie lebte. Mitten im Winter stellte sie sich nackt auf ihren Balkon, um die Kälte zu spüren. Einmal kam sie im Pelzmantel zur Probe ins Theater, ließ ihn fallen, posierte im Evakostüm und rief: „Mein Hintern ist doch nicht schlechter als der von Weigel!“ Ruth Berlau wurde oft zur Furie, wenn sie getrunken hatte. Brechts Briefe an sie waren voller Sorge: Wahrscheinlich kannst Du Dir gar nicht vorstellen, was für eine Veränderung mit Dir vorgeht, wenn Du trinkst. Du bist dann ein ganz anderer Mensch, verworren, keifend, lügnerisch und so aggressiv, daß jeder Mensch einfach Angst bekommt.“
Nach Brechts Tod erteilte ihr Helene Weigel Hausverbot im Theater. Doch fast immer sah großzügig darüber hinweg, wenn die Berlau trotzdem auftauchte. 1958 kündigte ihr Helene Weigel den Vertrag mit dem Theater, überwies ihr aber für zwei weitere Jahre monatlich 500 Ostmark. Ruth Berlau war dankbar. Sie verteidigte die Weigel auch immer nach außen. An einem Abend begrüßte Wolf Biermann die Berlau in einem Theaterclub mit einem Spottlied über die Weigel. Ruth Berlau trat ihm ans Schienbein und ging. Im Dezember 1973 stürzte sie, brach sich Hüfte, Fußknöchel und einen Unterarm. Wieder kam sie in die Charité, wurde im Sauerbruch-Haus untergebracht.
Am Dienstag, dem 15. Januar, schlief sie am späten Abend mit einer brennenden „Pall Mall“ in der Hand ein. Sie erstickte am Schwelbrand. Ruth Berlau wurde 67 Jahre alt. Ein dreizeiliges Gedicht wird beiden zugeschrieben, Bert Brecht und Ruth Berlau. Es heißt „Schwächen“: Du hattest keine. / Ich hatte eine. / Ich liebte.
Leseempfehlung:
Sabine Kebir: Mein Herz liegt neben der Schreibmaschine. Ruth Berlaus Leben vor, mit und nach Bertolt Brecht, Algier: Editions Lalla Moulati 2006, 412 S., 25,00 Euro
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- © bernd oertwig 10/06 -