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| Nr. 3, November 2006 | 

Samuel Becketts erster Besuch in Berlin: Gewaltmärsche durch die Stadt und immer wieder Museen. Manchmal hatte er Pech:

„Obergeschoß still closed. Jawohl.“


von BERND OERTWIG


Freitag, der 11. Dezember 1936. Ein hoch aufgeschossener Ire steigt in Berlin aus dem Zug. Er lässt sich mit einer Taxe ins Hotel Deutsche Traube in der Invalidenstraße 32 bringen. Er checkt kurz ein, bringt sein Gepäck aufs Zimmer, kippt hastig ein Bier – und stürzt sich sofort ins abendliche Straßengetümmel. Samuel Beckett ist in Berlin angekommen.

Sein erster Besuch. Er bleibt bis März 1937. Der Dichter wird zum Langstreckenläufer durch die Stadt. Er teilt sich Berlin in Planquadrate auf, die er konsequent abläuft, zieht eine Nord-Süd- und eine Ost-West-Achse. Kein Schlenderer, kein Müßiggänger, kein Spaziergänger. Kein Charles Baudelaire, Frank Hessel, Walter Benjamin. Dafür ein strammer Geher.

Sein erster Abend in Berlin: Samuel Beckett verlässt das Hotel, läuft die Chausseestraße entlang. Weiter geradeaus in die Friedrichstraße. Unter der Brücke des Bahnhofs hindurch bis zu den Linden. Beckett biegt nach rechts ab, läuft bis zum Brandenburger Tor. Er überquert den Platz, geht auf die andere Straßenseite, wieder zurück. Vorbei an der Staatsbibliothek, an der Universität, zum Zeughaus. Das hält er in seinen Notizen für das „beste Barock in Berlin“.

Im Lustgarten herrscht Weihnachtsmarkt-Trubel. Für den einsamen Wanderer sind es zu viele Leute. Beckett läuft rasch weiter, durch die Kaiser-Wilhelm-Straße (Karl-Liebknecht-Straße) in Richtung Rathaus. In seinen Aufzeichnungen nennt er es durchgehend „Neues Rathaus“. Im Ratskeller legt er eine Pause ein und macht seine erste Bekanntschaft mit der Berliner Küche: „in the Keller (Bier Abteilung) I eat liver and drink beer.“

Nach Leber und Bier marschiert er weiter. Geradeaus, dann rechts die „endless Leipzigerstr.“ entlang. Endlich landet er am Leipziger und Potsdamer Platz. Er braucht wieder eine Pause, setzt sich in ein Café im Haus Vaterland. Er liest eine Zeitung und erfährt, dass in England Edward VIII. aus Liebe zu der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson abgedankt und auf den Thron verzichtet hat. England ist in heller Aufregung. Becketts sarkastische Einschätzung des britischen Königshauses: „full of whores“ (Huren). So sieht er auch die Umgebung draußen: „streets outside also“.

Beckett setzt sich in den Bus, fährt ins Hotel und geht ins Bett. Sein erster Abend in Berlin ist zu Ende. Samuel Beckett zeichnet in den nächsten Tagen und Wochen penibel seine Laufbewegungen auf. Unterläuft er seinen hausgemachten Leistungsdruck, wird dies nachgerade trotzig festgehalten.

Wie am Heiligabend 1936. Beckett ist an diesem Tag offenbar nicht besonders aufgelegt. Nur widerwillig verlässt er seine Pension in der Budapester Straße, in die er mittlerweile umgezogen ist. Er läuft durch die Hardenbergstraße bis zum Knie (Ernst-Reuter-Platz), dann weiter in Richtung Schloss Charlottenburg. Von dort aus schräg durch zur Avus und zum Adolf-Hitler-Platz, der heute Theodor-Heuss-Platz heißt.

Hier steigt er ausnahmsweise in die U-Bahn und fährt zurück zum Bahnhof Zoo. Zum Funkturm schreibt er nur: „Bin nicht hinaufgestiegen.“ Und zu den neuen Ausstellungshallen: „Schätze sie nicht hoch ein.“ Vielmehr amüsiert er sich über Schwäne, die über den zugefrorenen Lietzensee schliddern.

Beckett läuft am liebsten in den Abendstunden durch Berlin. Tagsüber besucht er etliche Museen. In seinem Nachlass finden sich Kataloge der Gemäldegalerie, des Kaiser-Friedrich-Museums (Bode-Museum), des Deutschen Museums (im Pergamon-Museum) und des Tell Halaf-Museums in der Franklinstraße. Beckett war auf Bildungsreise durch Deutschland.

Eine Empfehlung, die er vom Britischen Konsul Tilliter für Hamburger Museen bekommen hatte, will er Eberhard Hanfstaengl, dem Direktor der Nationalgalerie, vorlegen. Doch die Abteilung im Kronprinzenpalais war geschlossen, wie immer montags. Er notiert am 20. Januar 1937: „Obergeschoss still closed. Jawohl. Eat in Aschingers. Buy a Aktentasche for 4.75.“

Bei seiner Ankunft in Berlin steckte der 30-jährige Beckett in einer erheblichen Krise: Keine Anstellung, Schreibblockade. Sein Tagebuch scheint ihm Disziplinübung zu sein, ebenso wie das Wandern durch die Stadt. Es wirkt, schreibt Gaby Hartel in „Samuel Beckett in Berlin 1936/37“, fast auch wie Selbstkontrolle, wenn er abends noch einmal notiert, wo er tagsüber war. Am 12. Dezember 1936 hält er nach einem seiner langen Märsche fest: „What is to become of me?“

***

Eine Rezension zum Thema Beckett in Berlin finden Sie im Bücherblatt. Jörg von Bilavsky bespricht das Buch von Erika Tophoven.

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- © bernd oertwig 11/06 -