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| Nr. 3, November 2006 | 

Friedrich der Große und seine Leidenschaft für Windspiele. Sie schliefen in seinem Bett, die Lakaien mussten sie auf Französisch anreden - und er wollte bei ihnen begraben sein

Der königliche Hundenarr


von BERND OERTWIG


Harter Kriegsherr, kompromissloser Herrscher – und doch ein Mann mit Seele.
König Friedrich II. (1712 – 1786) eignete sich weder zu Lebzeiten noch aus historischer Retrospektive zu einem, der sich in schlichte Schubladen stecken lässt. Eine spezielle Facette des Mannes, der sein Reich in drei schwere Kriege führte: Die Liebe des Königs zu seinen Windspielen.

Viermal hat Friedrich der Große zwischen 1752 und 1769 festgelegt, wie und wo er beigesetzt werden wollte. Unmittelbar vor seinem 57. Geburtstag, am 8. Januar 1769, regelte der König in einem 33-Punkte-Testament seine Angelegenheiten. Darin bestimmte er erneut, was er schon früher festgelegt hatte: Er wollte in einer Gruft beigesetzt werden, die er in Sanssouci längst hatte anlegen lassen.

Bereits am 11. Januar 1752, zwei Wochen nach dem Tod seines Freundes Friedrich Graf von Rothenburg, der im Alter von nur 41 Jahren gestorben war, und unmittelbar vor seinem eigenen 40. Geburtstag, hatte Friedrich II. das erste Mal sein Testament aufgesetzt:

„Ich habe als Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Pomp und ohne Prunk und ohne die geringsten Zeremonien. Ich will weder geöffnet noch einbalsamiert werden. Sterbe ich in Berlin oder Potsdam, so will ich der eitlen Neugier des Volkes nicht zur Schau gestellt und am dritten Tag um Mitternacht beigesetzt werden. Man bringe mich beim Schein einer Laterne und ohne dass mir jemand folgt nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt, in einer Gruft, die ich mir habe herrichten lassen.“


11 Taler und 12 Groschen für das Hunde-Grab

Friedrich II. wollte in dieser Gruft nicht alleine begraben sein. Mit ihm seine geliebten Hunde, zu denen er zeitlebens eine tiefe Zuneigung empfunden hatte. Starb einer der Hunde, wurde für ihn ein Sarg hergestellt, der in der Bibliothek des Königs aufgestellt wurde, bevor er in der Gruft auf der Terrasse beigesetzt wurde.

Wie Sibylle Prinzessin von Preußen und ihr Mann Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen in ihrem neuen Buch „Die Liebe des Königs“ beschreiben, wurde das Gelände unmittelbar um die Flora und die Gruft der Begräbnisplatz für die Tiere. Jedes Hundegrab bekam eine Sandsteinplatte mit dem jeweiligen Namen. Für den Stein auf dem Grab von Alcmene beispielsweise bezahlte der König 11 Taler und 12 Groschen aus seiner Privatschatulle.

Die Gruft hatte der Preußen-König schon bauen lassen, bevor die Arbeiten an Schloß Sanssouci überhaupt begonnen hatten. In seinen „Anekdoten von König Friedrich II. von Preußen“ aus dem Jahre 1789 – drei Jahre nach Friedrichs Tod erschienen – schrieb der Berliner Verleger Christoph Friedrich Nicolai:

„Auf dem offenen Platze, gerade dem Fenster seines Studierzimmers gegenüber, vor einer halben Rundung, ließ der König schon im Jahre 1744, gleich als die Terrassen angelegt wurden und noch ehe der Grund des Schlosses gelegt war, in der Stille eine Gruft graben und das Gewölbe mit Marmor bekleiden und auf demselben nachher eine liegende Bildsäule der Flora setzen. „(…) Diese Gruft, von deren Existenz so wenige Personen wussten, war wahrscheinlich die einzige Veranlassung, diesem Orte die Benennung Sanssouci zu geben. Der König gab diese Benennung dem Hause noch nicht, als es gebauet ward. Er nannte es sein Lusthaus, sein Weinbergslusthaus.“

Mit seinem verstorbenen Freund Friedrich Graf von Rothenburg hatte Friedrich II. unter anderem eine starke Affinität zu Hunden gemeinsam. Von Graf Rothenburg bekam Friedrich auch die Windspielhündin Biche geschenkt, die einer seiner Lieblinge werden sollte. 1744 begleitete Biche Friedrich zur Kur nach Bad Pyrmont, wo er sich auf einen weiteren Waffengang vorbereitete. Kurz darauf, Mitte 1744, begann der Zweite Schlesische Krieg.


Im richtigen Moment blieb Biche ganz still

Biche durfte an der Seite des Königs in den Krieg ziehen. Im Oktober 1745 gerieten Herr und Hund in eine gefährliche Situation. Kurz nachdem Friedrich sein Hauptquartier in Rohnstock bezogen hatte, tauchte die österreichische Armee auf. Friedrich-Biograph Franz Kugler schildert die Situation:

„Friedrich hatte sich einst beim Recognoscire zu weit vorgewagt; plötzlich bemerkte er einen Trupp Panduren, der ihm des Weges entgegengeritten kam; ihm blieb nichts übrig, als eilig in einen Graben hinabzuspringen und sich unter einer Brücke zu verbergen. Aber nun fürchtete er, dass Biche, die bei ihm war, bei dem Geräusch der Huftritte der Pferde bellen und ihn so verrathen würde; das Thier jedoch, als ob es die Gefahr seines Herrn ahne, schmiegte sich dicht an ihn und gab keinen Laut von sich.“

Genau ein Jahr nach dem Tod des Grafen Rothenburg, der Friedrich Biche geschenkt hatte, starb auch das Windspiel. Im Brief vom 29. Dezember 1752 schrieb Friedrich an seine Schwester Wilhelmine:

„Liebste Schwester! (…) Ich habe einen häuslichen Kummer, der meine Philosophie ganz über den Haufen geworfen hat. Ich gestehe Dir meine ganz Schwäche. Ich habe Biche verloren; ihr Tod hat mir wieder die Erinnerung an den Verlust aller meine Freunde wachgerufen, besonders dessen, der sie mir geschenkt hatte. Ich war beschämt, dass der Tod eines Hundes mir so nahe geht, aber das häusliche Leben, das ich führe, und die Treue des armen Tieres hatten es mir so ans Herz wachsen lassen. Sein Leiden hat mich so erregt, dass ich offen gestanden, niedergeschlagen und traurig bin. Soll man hart sein? Soll man gefühllos sein? Ich glaube, ein Mensch, der gegen ein treues Tier gleichgültig sein kann, wird gegen seinesgleichen nicht dankbarer sein, und wenn man vor die  Wahl gestellt wird, ist es besser, zu empfindsam als hart zu sein.“


Zerrissene Canapées - der König erlaubte alles

Friedrichs große Leidenschaften waren die Arbeit, die Musen – und seine Hunde. Der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching (1724 – 1793), seit 1766 Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster und Oberkonsistorialrat, schrieb zwei Jahre nach Friedrichs Tod:

„Aus Hunden machte Er sich unsäglich viel, und hatte beständig drey oder vier Stück um sich, von denen einer Sein Favorit, und die anderen desselben Gesellschafter waren. Jener lag bey Tag allezeit da, wo der König saß, an der Seite desselben, auf einem besonderen Stuhl, den zwey Küssen bedeckten, und schlief des Nachts bey Ihm im Bette. Die anderen wurden des Abends weg, und am folgenden Morgen, wenn man Ihn weckte, wieder gebracht, da denn die kleine Gesellschaft durch ihre große Munterkeit und Zärtlichkeit dem Könige Vergnügen machte. Sie saßen neben Ihm auf den Canapés, die dadurch beschmutzet und zerrissen wurden, und der König erlaubte ihnen alles. Er sorgte aufs zärtlichste für ihre Erhaltung, Gesundheit und Verpflegung; der Favorit empfing auch bey der Tafel etwas aus der Hand des Königs; überhaupt aber wurden die Hunde von einem Bedienten versorget, der sie auch nach ihrer Mahlzeit bey guter Witterung spazieren führete, damit sie der frischen Luft genießen konnten. Ein Bedienter, der aus Unvorsichtigkeit einem Hund auf den Fuß trat, konnte dem Zorn des Königs nicht wohl entgehen.“

Girolamo Marchese Lucchesini (1751 – 1825) wurde mit 29 Jahren Kammerherr Friedrichs des Großen – weil Windspiel Alcmene ihn offenbar mochte. Bei der ersten Begegnung Friedrich mit dem Italiener sprang Alcmene an ihm hoch und wedelte freudig mit dem Schwanz. Der König, ganz verblüfft über seine sonst zurückhaltende Hündin, starrte den Marchese wie etwas ganz Ungewöhnliches an: „Eh bien, Marquis! Wenn Alcmene ja sagt, kann ich schlecht widersprechen.“ Im Alter wurden die Hunde für Friedrich noch wichtiger. Sie waren die einzigen Wesen, die des Königs gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten.

Marchese Lucchesini schreibt in seinem Tagebuch vom Dezember 1784 von einem offiziellen Souper beim König. Friedrich legte das Fleisch für das Lieblingstier mit den Fingern vom Teller auf das Tischtuch, damit es kalt wurde, ehe er es verfütterte. Er ließ sich auch oft das Hundemenü zeigen, um es zu überwachen. Die Lakaien mussten die Tiere französisch und mit Sie anreden.


Sein letzter Gedanke: Superbe darf nicht frieren

Auch kurz vor seinem Tod galt Friedrichs Liebe seinen Hunden. Sie durften bei ihm bleiben, bis er starb. Am frühen Morgen des 17. August 1786, gegen 1 Uhr, saß der völlig geschwächte König in einem Sessel, den er sich wenige Wochen vorher hatte anfertigen lassen, weil er vor Schmerzen nicht mehr liegen konnte. Das Windspiel Superbe war bei ihm und zitterte wie er selbst vor Kälte. Kaum noch zu verstehen, befahl er, Superbe mit Kissen zu bedecken. Es soll seine letzte bewusste Äußerung gewesen sein. Friedrich der Große starb um 2.20 Uhr.

Trotz seinem erklärten Willen ließ der Nachfolger Friedrich Wilhelm II. Friedrich nicht bei den Windspielen, sondern in der Potsdamer Garnisonkirche beisetzen. Erst 205 Jahre später erfüllte Louis Ferdinand Prinz von Preußen das Testament Friedrichs II. und ließ am 17. August 1991 die sterblichen Überreste vom Großen Fritz in die Gruft von Sanssouci überführen.


Leseempfehlung:

Sybille Prinzessin von Preußen, Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, „Die Liebe des Königs – Friedrich der Große, seine Windspiele und andere Passionen“, München: Siedler Verlag 2006, 14,95 Euro.

Weitere Geschichten über Friedrich II. finden Sie in der Rubrik Wirtschaft: 

„Wie Friedrich II. sein eigenes Volk mit falschen Münzen betrog“. 

Friedrich II., die erste Berliner Bank und das Berliner Bankenviertel

Die Biographie im Überblick lesen Sie auf www.gerhildkomander.de.

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