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| Nr. 3, November 2006 | 

Cioma Schönhaus: Ein Grafiker und genialer Passfälscher überlebt den braunen Terror und hilft vielen Menschen, aus der Hölle zu entfliehen

Es ist so schwer, ein Held zu sein


 von BERND OERTWIG


Ein Entlassungsschein der deutschen Wehrmacht. Cioma Schönhaus soll das Passbild austauschen und den Stempel auf dem Foto ergänzen. Es ist 1942 die erste Arbeit eines zwanzig Jahre alten Grafikers im von den Nazis beherrschten Berlin. Der erste Betrug an einem System, das nur Lüge, Betrug und Mord kennt.

Unter einer Lupe zeichnet Cioma Schönhaus mit Hilfe eines spitzen Japanpinsels auf dem Passbild des ehemaligen Besitzers den Hoheitsadler samt Hakenkreuz nach. Er verwendet Aquarellfarbe im Originalviolett.
Ein Stück Zeitungspapier befeuchtet er an einer unbedruckten Stelle mit der Zunge und drückt es auf den nachgezeichneten Stempel. Das feuchte Papier saugt die Wasserfarbe auf. Es entsteht ein Spiegelbild des Stempels. Jetzt drückt er das feuchte Zeitungspapier mit dem Negativ des Stempels auf die richtige Ecke des neuen Fotos und befestigt das Bild mit den alten Ösen. Der Ausweis ist perfekt.

Ende 1941 lebten in Berlin noch etwa 73 000 Menschen jüdischer Herkunft. Nach dem Auswanderungsverbot vom 23. Oktober 1941 blieb den meisten von ihnen nur die Möglichkeit, illegal ins Ausland oder in den Hintergrund zu flüchten, um der Deportation in eines der Vernichtungslager zu entgehen. Etwa 10 000 Deutsche versuchten aus diesem Grund im Untergrund zu überleben, etwa die Hälfte von ihnen in Berlin. Im Untergrund zu leben, das bedeutete: kein sicherer Wohnsitz, keine Lebensmittelkarten, keine Ausweispapiere. Ständige Flucht, ständige Angst vor Entdeckung und der drohenden Deportation in den sicheren Tod.

Die erste Fälscherarbeit verschafft Schönhaus Zutritt zum Kreis der Bekennenden Kirche, zu dem auch Dr. Franz Kaufmann gehört, ein ehemaliger Oberregierungsrat im Reichsfinanzministerium, der später zum Reichssparkommissariat versetzt wird. 1939 entlassen die Nazis den getauften Juden. 1942 wird Kaufmann zur Zwangsarbeit herangezogen, er muß deformierte Feldflaschen reparieren. Nach seiner Festnahme Ende 1943 lautet seine Berufsangabe im Vernehmungsprotokoll der Gestapo: „Franz Kaufmann, Oberregierungsrat, umgeschult zum Hilfsarbeiter“. Kaufmann hat seit 1940 Anschluss an den kirchlichen Bibelkreis der Bekennenden Kirche. 1942 beginnt er, Ausweise für verfolgte Menschen zu besorgen.

Unter anderem mit Hilfe von Cioma Schönhaus. Der Grafiker besucht ihn in seiner Villa in der Hobrechtstraße in Halensee. Die Straße gibt es nicht mehr, ein Teil des alten Verlaufes heißt heute Storckwinkel. Von diesem Tag an wird Cioma Schönhaus immer wieder Ausweise fälschen, mit deren Hilfe Franz Kaufmann wiederum bedrohten Menschen hilft. Kaufmann wird verraten und im Februar 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen.

Die Passfälscherwerkstatt befandt sich in einem Elektrolager der afghanischen Botschaft in der Waldstraße. Zur Tarnung lagen dicke Rollen mit Elektrokabeln und Kisten herum. Der junge Grafiker geht regelmäßig jeden Morgen zur „Arbeit“. Dabei trägt er einen weißen Kittel, wie ihn technische Zeichner verwenden.

Cioma Schönhaus alias Günther Rogoff alias Peter Petrov alias Hans Brück: Er gönnt sich Tanzvergnügen und Theaterbesuche, Frühstück bei Kempinski, schöne Frauen. Und: Er kauft sich sogar ein eigenes Segelboot für 2 500 Reichsmark. Ein Untergetauchter versucht, das Beste aus der Situation zu machen, obwohl er jeden Tag festgenommen werden kann.

Um im Berliner Untergrund zu überleben, reicht es nicht, einen exzellent gefälschten Pass zu besitzen. Auch der übrige Inhalt der Brieftasche muss stimmen. Cioma Schönhaus besorgt sich legal einen Büchereiausweis und einen an ihn adressierten Brief. Diese lebenswichtige Brieftasche verliert er eines Tages – und steht seitdem ganz oben auf der Fahndungsliste der Nazis.

Er überlebt, obwohl er sich nicht mehr am Tage auf die Straße trauen kann. Geholfen hat ihm vor allem seine Jugend und ein unerschütterliches Vertrauen, dass schon alles gelingen würde. Vor dem Untertauchen war seine Familie – russische Einwanderer jüdischen Glaubens, die in den zwanziger Jahren nach Berlin kamen – schon durch die Hölle von Entrechtung, Verfolgung und der Beraubung ihres Besitzes gegangen.

Mit einem Transport im Juni 1942 sollen Eltern und Sohn zum „Arbeitseinsatz“ in den Osten gehen. Cioma wird im letzten Moment zurückgestellt, Vater, Mutter und ein Großteil seiner Familie sterben in den  Vernichtungslagern. Seitdem er steckbrieflich gesucht wird, steht für Cioma Schönhaus fest: Er flieht in die
Schweiz. Natürlich mit neuem, selbst gefälschtem Pass. Getarnt mit Militärhaarschnitt und Nazi-Literatur fährt er los – mit dem Fahrrad, von Berlin an den Bodensee. Schließlich erreicht er die Schweizer Grenze: „Und plötzlich höre ich ein Geräusch. Also rennen! Und dabei sehe ich mich stehen bleiben und die Hände erheben. Gegen diesen Reflex bin ich machtlos. Es ist so schwer, ein Held zu sein. Und wie ich so dastehe, springt ein Reh an mir vorbei. Das war also das Geräusch! Und so renne ich weiter (...)“. Cioma Schönhaus lebt immer noch in der Schweiz. Er ist verheiratet und hat vier Söhne.


Leseempfehlung:

Cioma Schönhaus, „Der Passfälscher“, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2006, 235 Seiten, 8,95 Euro.

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- © bernd oertwig 11/06 -