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| Nr. 3, November 2006 | 

Den Teufel im Kristallglase geführt

Leonhard Thurneysser


 von Gerhild H. M. Komander

Er war Goldschmied und Landsknecht, Schriftsetzer und Bergwerksunternehmer, Magier und Alchimist. Manchen Zeitgenossen galt Leonhard Thurneysser als Betrüger und Hochstapler. Vor 475 Jahren, am 22. Juli 1531, kam er in Basel zur Welt. Zum 400. Jahrestag seines Todes am 8. Juli 1996 zeigte Gabriele Spitzer, was konsequente Forschung auszurichten vermag: Aus dem Scharlatan, Zauberer und Wucherer wurde ein hochgebildeter Weltreisender, „eine innovative Person“, die für die Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von herausragender Bedeutung war.

1574 trat Thurneysser als Leibarzt in den Dienst des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg (1525-98) und siedelte nach Berlin über. Mit 16 Jahren war der Basler Goldschmied auf Wanderschaft gegangen. Russland, Straßburg, Tirol, England, Schottland, Spanien, Portugal, Ägypten, Kleinasien, Griechenland, Italien und Ungarn bereiste er in zweieinhalb Jahrzehnten. Außergewöhnliche Kenntnisse erwarb er sich dabei in Astronomie, Biologie, Chemie, Metallurgie, Medizin und Geographie. Er nutzte sie als Arzt – bald gesucht an den europäischen Fürstenhöfen – und Autor. Der Ruf der Druckerei Johann Eichorn in Frankfurt an der Oder lockte ihn nach Brandenburg.

Sein Buch „Pison“, in dem er seine Untersuchungen “von kalten, warmen, minerischen und metallischen Wassern“ niederschrieb, weckte das Interesse des Kurfürsten. Hieß es doch darin über die Spree: „Dis wasser Spree ist etwas grünferbig und lauter. Es fuehret in seinem Schlich Gold und ein schönes Glasur.“ Kurfürst Johann Georg, der mit seiner Frau Elisabeth (1563-1607) zur Huldigung nach Frankfurt gekommen war, las interessiert erste Seiten des unveröffentlichen Werkes. Die erkrankte Kurfürstin vertraute sich Thurneysser zur Behandlung an und wurde geheilt. Der Landesherr dankte ihm mit der Ernennung zum Leibarzt.

Der Weltreisende bezog Räume im verlassenen Franziskanerkloster und richtete eine Druckerei ein. Sein Vermögen erwarb er durch Harnproben-Ferndiagnosen und den Versand von Medikamenten, die bis an den Hof Elisabeths I. gelangten. Kosmetik und Lehrbücher, Kalender persönliche Prophezeiungen sicherten ihm einen luxuriösen Lebensstandard – und den Neid der Konkurrenz. Den Teufel in einem Glas – wie er es im Labor benutzte – bei sich zu führen, wurde er verdächtigt.

Mit erstaunlichem Aufwand widmete sich Thurneysser privaten Interessen. Er legte ein Herbarium und – als erster in Brandenburg – ein Naturalienkabinett an. Er beobachtete mit einem Fernrohr den Sternenhimmel, sammelte Kunst, Waffen und Bücher. Die Druckerei in der Klosterstraße mit ihrer modernen Ausstattung wurde weit über die Grenzen Brandenburgs berühmt. 1576 richtete Thurneysser  eine eigene Schriftgießerei ein. Drucker, Setzer, Formschneider und entwerfende Künstler aus Frankfurt/Oder, Stettin, Küstrin, Leipzig, Basel, Prag und Nürnberg arbeiteten für Thurneysser. Denn in Berlin und Cölln waren solch spezialisierte Handwerker nicht zu bekommen. Der erste Apotheker der kurfürstlichen Residenzen, Michael Aschenbrenner, erlernte seinen Beruf bei Thurneysser.

Das Unternehmen gilt als das erste kapitalistische in Berlin. Sein wirtschaftlicher Erfolg brachte dem unbedeutenden Wirtschaftsstandort Berlin internationale Kontakte – und viel bares Geld. Die Druckerzeugnisse waren überwiegend die Werke des Wissenschaftlers Thurneysser. Seine Tätigkeiten beruhten – allen Ausflügen in die Spekulation zum Trotz – auf rein empirischer Erkenntnis. Der Kurfürst und die Residenzen hatten sich eben der modernen Zeit, der Renaissance, geöffnet. Deshalb fiel Thurneyssers vielseitige Arbeit auf fruchtbaren Boden. Die Scheidung von seiner dritten Frau Marina Herbrott kostete den Mann sein gesamtes Vermögen.
In dieser Situation vermochte der Gelehrte den Anfeindungen nicht mehr Stand zu halten und verließ – mit kurfürstlicher Erlaubnis – Berlin.

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- © gerhild komander 11/06 -