| Nr. 2, Oktober 2006 |
Akademie der Künste öffnet Walter-Benjamin-Archiv
Behütete Jugend, mystisches Ende
von Bernd Oertwig
Hat sich Walter Benjamin damals, am 26. September 1940, in der katalanischen Grenzstadt Portbou tatsächlich mit einer Überdosis Morphium umgebracht, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen? Seit dem Film „Wer tötete Walter Benjamin?“ von David Mauas ist die Suizid-These keinesfalls so klar, wie sie jahrzehntelang erschien. Vier Jahre recherchierte Mauas. Was er seltsam findet: Der Inhaber der Pension, in der Benjamin starb, emigrierte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Venezuela – die Franzosen hatten seine Auslieferung als Nazikollaborateur verlangt.
Der Arzt, der den Totenschein für Benjamin ausstellte, war höchstwahrscheinlich an dessen Todestag, einem Donnerstag, nicht in Portbou. Vermutlich wurde Benjamin vom einzigen anderen Mediziner am Ort, der gleichzeitig Chef der örtlichen Falange (der faschistischen Partei) war, untersucht. Todesbescheinigung und Kirchenbuch weisen unterschiedliche Todesdaten auf. Der Amtsrichter soll unter Druck gesetzt worden sein, die Leiche schnell freizugeben.
Vermutlich wird sich nie aufklären lassen, ob der Berliner Philosoph, Essayist und Kunsttheoretiker im Alter von 48 Jahren Selbstmord beging – oder ob den Nationalsozialisten verbundene Kreise nachhalfen. Mystisches Ende eines Lebens, das in Berlin friedlich und behütet begonnen hatte.
Vater Emil Benjamin (1856-1926) war Kaufmann. Der gelernte Bankier hatte es als Teilhaber eines florierenden Antiquitätenhauses zu erheblichen Reichtum gebracht. Mutter Pauline (1869-1930) führte den Haushalt. Walter Benjamin hatte einen drei Jahre jüngeren Bruder, Georg, der später Arzt auf dem Wedding wurde. Er engagierte sich in der kommunistischen Partei und kam 1942 im Vernichtungslager Mauthausen um. Georgs Ehefrau Hilde Benjamin wurde die erste Justizministerin der DDR, die „rote Hilde“. Dora, die Schwester der beiden Brüder, kam 1901 zur Welt, studierte Nationalökonomie, promovierte 1925, arbeite im sozialen Bereich und flüchtete vor den Nazis nach Paris ins Exil, wo sie zeitweilig mit ihrem Bruder Walter eine Wohnung teilte. Sie wurde internierte, freigelassen, konnte sich in die Schweiz retten – und starb 1946 in Zürich.
Die Kinder wuchsen in der Carmerstraße in Charlottenburg auf. Die rote Backsteinvilla mit der Hausnummer 3 steht noch immer. Von dort aus hatte Walter Benjamin nur einen kurzen Weg zur Schule direkt hinter den Bahnbrücken in der Knesebeckstraße auf der anderen Seite des Savignyplatzes. In seiner „Berliner Chronik“ erinnert er sich: „Dem Baumeister, der die Kaiser-Friedrich-Schule gebaut hat, muß etwas wie märkische Backsteingotik vorgeschwebt haben. (…) alles ist engbrüstig, hochschulterig ausgefallen. Der ganze Bau ist von altjungferlicher, trauriger Sprödigkeit. Mehr noch als den Erlebnissen, die ich in seinem Innern hatte, ist es wahrscheinlich diesem seinen Äußern zuzuschreiben, dass ich keine einzige heitere Erinnerung an ihn bewahre.“
Und in seinen autobiographischen Schriften „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ schreibt er unter der Überschrift „Zu spät gekommen“: „Die Uhr im Schulhof sah beschädigt aus durch meine Schuld. Sie stand auf ‚zu spät’. Und auf dem Flur drang aus den Klassentüren, die ich streifte, Murmeln von geheimer Beratung. (…) Unhörbar rührte ich die Klinke an. Da schändete ich meinen grünen Tag, um einzutreten. Niemand schien mich zu kennen, auch nur zu sehen. Wie der Teufel den Schatten des Peter Schlemihl, hatte der Lehrer mir meinen Namen zu Anfang der Unterrichtsstunde einbehalten. Ich sollte nicht mehr an die Reihe kommen. Leise schaffte ich mit bis zum Glockenschlag. Aber es war kein Segen dabei.“
Die Berliner Akademie der Künste zeigt in einer Sonderausstellung bis zum 19. November das bei ihr eingerichtete Walter-Benjamin-Archiv der Öffentlichkeit.
Leseempfehlung:
Walter Benjamin, „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag 2006, 116 S., 6,00 Euro.
Eine Rezension zu Walter Benjamin finden Sie im Bücherblatt. Gerhild H. M. Komander beschreibt das Adressbuch des Exils.
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- © bernd oertwig 10/06 -