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| Nr. 2, Oktober 2006 | 

Hans Böttcher und der kleine Park vor seinem Fenster

Das glückliche Seepferdchen vom Sachsenplatz 


 von BERND OERTWIG

ES SANG EINE NACHT...
EINE NACHTI...
JA NACHTIGALL
AM SACHSENPLATZ
HEUTE MORGEN.–
HAST DU IN BERLIN
DAS JE GEHÖRT?–
SIE SANG, SO SCHIEN
ES MIR, FÜR MICH,
FÜR RINGELNATZ

Mit diesem Gedicht schuf Joachim Ringelnatz dem Sachsenplatz im Charlottenburger Westend ein literarisches Denkmal. Ringelnatz wohnte bis zu seinem Tod 1934 direkt am Sachsenplatz und konnte vom Fenster seiner Wohnung im Haus Nummer 11 auf die Gartenanlage sehen.

Heute heißt der Platz Brixplatz. 1947 benannt nach Josef Brix (1859-1943), Geheimer Regierungsrat und Professor für Städtebau an der Technischen Hochschule. Das kleine Gedicht über den Sachsenplatz steht auch auf dem Grab von Ringelnatz. Es befindet sich auf dem Friedhof an der Heerstraße. Von seinem Sachsenplatz aus lief Joachim Ringelnatz oft mit seinem Hund bis zum Steubenplatz, um sich dort in seine Stammkneipe, die Westend-Klause, zu setzen, gleich links, wenn man zur Tür hinein kommt.

Als es ihm nicht so gut ging, zahlte er seine Biere mit kleinen Gedichten oder Zeichnungen auf Bierdeckeln. Ringelnatz, der eigentlich Hans Bötticher hieß, war ein Poet, der als Kabarettist vor allem in München und Berlin auftrat. Mit seinen Gedichten, gemischt aus Tief- und Unsinn, die er in Bänkelsängermanier vortrug. Noch heute populär sind die Gedichtsammlungen „Kuttel Daddeldu“ und „Kinderverwirrbuch“.

Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte er sich in unterschiedlichen Branchen: In einer Gartenbauschule und als Archivar in einem Berliner Verlag. Seit 1919 nannte er sich nach dem seemännischen Namen für das glückbringende Seepferdchen Ringelnatz. 1920 erhielt er ein Engagement an der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“. Dort und auf Tourneen durch die Kabaretts im ganzen deutschsprachigen Raum trug er eigene Dichtung vor. 1933 erhielt er Auftrittsverbot in Deutschland; er starb verarmt im folgenden Jahr.

Der Brixplatz, Ringelnatzens alter Sachsenplatz, ist ein sehr vielfältiger und abwechslungsreicher Park auf engstem Raum. Ein Gartenbaudenkmal. Von 1919 bis 1921 wurde der Park von Erwin Barth angelegt, dem legendären Charlottenburger Gartenbaudirektor.

Sein Credo: „Wenn irgendwo eine reiche Ausstattung der Plätze mit verschwenderischer Blumenfülle, mit Brunnen und dergleichen angebracht ist, so ist es da, wo Leute wohnen, die sich keine eigenen Gärten leisten können.“ Charlottenburg verdankt Erwin Barth etliche Plätze. Er gestaltete unter anderem den Klausener und den Goslarer Platz, den Savigny-, Hochmeister-, Raußendorf-, Mierendorff- und Kuno-Fischer-Platz, den Karolingerplatz, den Schustehruspark, den Volkspark Jungfernheide, die Krankenhausgärten des Klinikums Westend und des heutigen Universitätsklinikums Rudolf Virchow. Außerdem vermutlich den Friedhof Heerstraße und den Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf, wo er begraben ist.

Der Brixplatz hat ein natürliches, 14 Meter tiefes Becken und war ehemals Teil des Grunewaldes. Als Barth mit den Arbeiten begann, war eine Kiesgrube mit einigen Waldkiefern vorgegeben. Er legte Teiche und Sumpfpartien an, setzte Pflanzen aus der Berliner Umgebung. 1950 wurde die Parkanlage wiederhergestellt und 1960/61 durch Joachim Kaiser umgestaltet. Dabei wurden die Pflegepfade zu öffentlich zugänglichen Parkwegen umgebaut. Die von Barth vorgesehenen natürlichen Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren wurde dadurch erheblich gestört.

Was den Fachleuten vom Gartenbauamt besonders Kummer macht: Die Zunahme von Wasservögeln durch unerwünschtes Füttern. Joachim Ringelnatz hätten die Vögel vermutlich nichts ausgemacht. Wo er doch schon Nachtigallen liebte.

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- © bernd oertwig 10/06 -