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| Nr. 1, September 2006 | 

„Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“

Am 9. September 1948 rüttelte Ernst Reuter die Welt auf


 von Gerhild H. M. Komander


Man muß sie einmal gehört haben, diese Stimme, die in höchster Erregung, heiser schon, die Worte hinausschrie: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.“

Der 9. September 1948 lag mitten im Kalten Krieg, mitten in der Berlin-Blockade. Wie auf dem Photo zu sehen ist, war es ein sonniger Tag. Am 24. Juni des Jahres hatte die sowjetische Militärverwaltung den Passagier- und Güterverkehr aller auf den von Westen nach Berlin führenden Bahnstrecken wegen angeblicher technischer Störungen eingestellt. Bereits einen Tag später landeten die ersten amerikanischen Flugzeuge mit Lebensmitteln für die Bevölkerung in Westberlin. An dieser als Luftbrücke in die Geschichte eingegangene Versorgung der Stadt beteiligten sich in den nächsten Monaten auch britische Flugzeuge. Insgesamt wurden bis zur Aufhebung der Blockade am 4. Mai 1949 1 736 781 Tonnen Güter auf dem Luftweg nach Westberlin gebracht.

Fast zwei Drittel davon waren Kohlen, sowohl zum Heizen als auch für eine notdürftige Strom- und Gasversorgung. Der dringende Appell von Stadtverordneten und Magistrat an die Vereinten Nationen, den physischen Untergang der Bevölkerung zu verhindern, blieb wirkungslos. Mehr als 9 000 Betriebe mußten die Arbeit einstellen und Kurzarbeit einführen. Zehntausende Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. In dieser Situation war der Stadtrat Ernst Reuter eine der wichtigen Integrationsfiguren der Bevölkerung. Seine flammenden Reden ermunterten zum Durchhalten.

Wie die Rede vom 9. September vor 58 Jahren, in der  Reuter die Hoffnung auf den „Sieg über die Macht der Finsternis“ beschwor. Drei Tage zuvor hatten SED-Demonstranten das Stadthaus besetzt und verhindert, dass die Stadtverordnetenversammlung ihre Sitzung durchführen konnte.

Am 28. September 1963 enthüllte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt das Denkmal für Ernst Reuter, das Bernhard Heiliger entwarf und ein Mahnmal für Frieden und Freiheit zugleich ist. Die „Flamme“ steht am Ernst-Reuter-Platz, vor dem Architekturgebäude der Technischen Universität Berlin, zwischen Straße des 17. Juni und Marchstraße.

Lesen Sie die ganze Rede Ernst Reuters auf www.berliner-lindenblatt.de.

Ein Bericht über die Tagung „Ernst Reuter als Kommunalpolitiker 1922 - 1953“ (Technische Universität Berlin, Center for Metropolitan Studies, Landesarchiv Berlin, Deutscher Städtetag, Stiftung Checkpoint Charlie 23. - 24. März 2007, Berlin) ist auf hsozkult.geschichte.hu-berlin.de zu lesen. 
 

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- © gerhild komander 9/06 - 7/07