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| Nr. 2, Oktober 2006 |

Schnaps gekippt, vom Barhocker gefallen – tot

Da konnte nur noch der Pfarrer von gegenüber helfen 


 Von ULRIKE BELLER

Autorin Ulrike Beller (50) wurde als Tochter des damaligen Kreuzberger Pfarrers Gerhardt Hoffmann mit ihren vier Geschwistern in der Taborstraße 17 in Kreuzberg groß. Der Vater (geboren 1925) war von 1955 bis 1961 erst Vikar und später Pfarrer in der eintausendseligen Taborgemeinde. In dem Haus, in dem die Familie damals lebte, soll angeblich ein Hitchcock-Film gedreht worden sein.

Die Tabor-Kirche während einer Predigt von Pfarrer Gerhardt Hoffmann, entstanden zwischen 1956 und 1961. Photo: Beller
Die Tabor-Kirche während einer Predigt von Pfarrer Gerhardt Hoffmann, entstanden zwischen 1956 und 1961. Photo: Beller


Die Pastorenlaufbahn unseres Vaters begann gleich in Berlin SO 36. Dort wurde dringend ein Vikar für die große, mit vielen sozialen Problemen beladene Gemeinde gesucht. Verwahrloste Jugend, Alkohol, Kriminalität, zerrüttete Familien und die Grenzsituation zur DDR: Ein junger, engagierte Mann mit großem Herz und Menschenkenntnis wurde dringend benötigt. In Kreuzberg lebten keine Bürger. Packer, Kutscher, Kriegsinvalide, Schlosser, Fabrikarbeiter waren unsere Nachbarn. Vor allem sollten aber die vielen Witwen unser junges Leben begleiten.

Wir wohnten in dem Nebenhaus der großen, dunklen Tabor-Kirche. Diese alte Kirche war in die düstere Häuserzeile der Taborstraße eingebaut. Die Kirchturmspitze war vor ihrer Zerstörung durch den Krieg schlank und sehr hoch. Sie wurde nie wieder aufgebaut, denn Geld gab es nicht. So ist sie bis zum heutigen Tage abgebrochen.

Neben dem imposanten Kircheneingang war unser prunkloser Hauseingang. Wir wohnten drei Treppen. Ein großer, quadratischer, völlig leer stehender Flur verband unsere Wohnung mit der des anderen Gemeindepfarrers, der über zwanzig Jahre schon dort wohnte: Pfarrer Heinzel. In diesem dunklen Flur fuhren wir gerne unsere Puppen spazieren oder rollerten mit dem Dreirad über das gebohnerte Linoleum.

Eine Etage höher wohnte die Diakonisse Elisabeth Werner. Wir Kinder nannten sie einfach „Alla“. Sehr häufig besuchten wir sie in ihrer düsteren Wohnung. Meistens hielten wir uns bei ihr nach Berliner Art in der Küche auf. Wir beobachteten sie, wenn sie für uns Zuckereier mit der Gabel schlug. Dabei wackelte ihre gestärkte Diakonissenhaube, die wir so interessant fanden, dass wir ständig bettelten, sie aufsetzen zu dürfen. Alla las uns mit Vorliebe aus Zeitungen Berichte von Kindermorden in Spandau vor, die in meiner Erinnerung offensichtlich zu der Zeit häufiger passierten. Dabei saßen wir wohlig auf der breiten geriffelten Blechfensterbank, die die trockene Hitze der Dampfheizung in den Raum leitete, und schauten aus dem Fenster. Das war gemütlich mit dem Schälchen in der Hand, aus dem wir den Eischnee schleckten.

Im Häuserblock gegenüber lehnten alte Leute und jüngere Frauen mit ihren Männern im Unterhemd aus den Fenstern, gestützt auf pludrige Sofakissen. So lehnten sie stundenlang da, tranken aus der Flasche Schultheiß-Bier und rauchten. Von Fenster zu Fenster wurde gequatscht oder einfach nur auf die Straße gestarrt. Das „aus dem Fenster kieken“ war sozialer Kontakt, denn Telefone waren damals noch nicht sehr verbreitet.

Die Taborstraße war unser Fernseher. Da läuteten, mit einer großen Glocke, die Lumpensammler. Auf ihren Leiterwagen türmten sich grau-braune Stoffberge. Über das Kopfsteinpflaster rumpelten die Holzräder der Drehorgeln, die von Kriegsversehrten mit Blindenbinden, geschoben wurden. Traurige Melodien hallten zwischen den grauen Häusern. Alla wickelte Fünfpfennigstücke in Papier, die wir hinunter werfen durften.

Besonders beeindruckend waren die stämmigen Pferde, die mit Bierfässern beladene Wagen zur Schultheißkneipe „Tabor-Eck“ gegenüber zogen. Die Kutscher hatten Lederschürzen über ihre dicken Bäuche gebunden. Sie hievten unter lautem Gebrüll die schweren Fässer vom Wagen und rollten sie in den Kellerschacht der Kneipe. Wir sahen die Gäste, die aus der dunklen Kneipe kamen, um sich anzuschauen, wie die Pferde aus Eimern Bier tranken. Die Kneipe war der Kiez-Treff, und auch unser Vater saß da gerne und trank sein frisch Gezapftes. Man kannte ihn, den Pfarrer von gegenüber.

Eines Tages, in den Morgenstunden, klingelte es Sturm an unserer Wohnungstür. Eine Frau in größter Auflösung drängte unseren Vater in das ‘Tabor-Eck’ zu kommen. „Der Alte hat’ n Schnaps jeschluckt, so heftig, dassa nach hinten kippte, vom Barhocka rückwärts runta (...) der hat sich det Jenick jebrochen. Der Olle is tot! Und jetzt kommt die Polente, was sollen wir nur tun?“, heulte sie. In Kreuzberg wurde erst mal der Pastor geholt.

Häufig gingen wir mit Alla drei Stockwerke tiefer in den großen Gemeindesaal, um ihr bei den Vorbereitungen für den Hanna-Verein zu „helfen“. Dieser Verein bestand aus fast einhundert alten, überwiegend verwitweten, Frauen. Der junge „Paschta“, so wurde unserer Vater von ihnen genannt, war sehr beliebt, er regte offenbar besonders die mütterlichen Gefühle an. Seine Haarlocken gaben immer wieder Gesprächsstoff, bis endlich eine alte Dame sich zu fragen getraute: „Sind die echt? Oder ham Se sich ne Welle machen lassen?“

Berge von Streuselkuchen und Plätzchen wurden von den „Hannas“ angeschleppt. Die Hundertschaft kam pünktlich und fast immer gemeinsam in den Saal. Der Lärmpegel ihrer Berliner Stimmen war immens. Der junge Pastor musste für ein Programm sorgen. Das begann offiziell mit der Verlesung der Namen – die alten Damen wollten das so.

„Morhin? ... Schmoll? ... Kriese? ... Lehmann? ... Knörnschild? ...“ Es dauerte, bis die Anwesenden mit einem „Ja, hier!“ antworteten. Fehlte eine, fragte er, ob eine Entschuldigung für die Abwesenheit vorläge. Mit dieser ausdrücklichen Nachfrage fühlten sie sich gewichtig, es gab Gesprächsstoff. Nach diesem offiziellen Teil, der gehörig viel Zeit in Anspruch nahm, wurde gesungen. Mein Leben vergesse ich nicht, wie es klingt, wenn hundert alte Frauen in Berliner Jargon „Ihr Kindalein kommet“ singen.

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- © ulrike beller 10/06 -