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| Nr. 2, November 2006 |
Die Potsdamer Straße von der Bülow bis zum Sportpalast
Im Elisabeth-Bad war ich meinem Vater nahe,
den ich nie kennengelernt habe
Von INGRID TSCHIERSCHKE
Meiner Tante gehörte von 1938 bis 1971 eine medizinische Badeanstalt im linken Seitenflügel der Potsdamer Straße 139, das Elisabeth-Bad.
Gegenüber war die Bülow Klinik.
Die Potsdamer Straße links hinunter gab es das „Atlantik“, eine urige Berliner Kneipe. Rechts das Pelzgeschäft Schröder. In der Wohnung darüber lebte der Uhrmacher Konka.
Früher gab es wenig Autos, und in der Mitte der Straße fuhr die Straßenbahn 73. Zu den Patienten meiner Tante zählten die Geschäftsleute der Gegend.
Unter anderem die Inhaber von Tabakwaren Palm, einem Blumengeschäft, dem Frisör, Optiker Wunder und Radio Bree am Sportpalast. Es gab in dieser Gegend noch Walterchens Ballhaus, einen Kuhstall, der Milch verkaufte, und die Fleischerei Pingel in der Göbenstraße.
An der Ecke Bülow- und Alvenslebenstraße ragten noch lange die Ruinen der vom Krieg zerstörten Häuser aus dem Boden.
In der Alvenslebenstraße gab es einen Bäcker Busch, an den ich mich immer noch erinnere, und den Tante Emma Laden von Frau Fleischer, bei der es alles und vor allem die beste Teewurst gab.
Die Wäscherei Zupp in der Steinmetzstraße hatte ihre Räume im Keller. Hier ließ meine Tante die Bade- und Handtücher ihrer Badeanstalt waschen und mangeln.
Viele Wohnungen hatten damals noch kein eigenes Bad. Deshalb konnte man im Elisabeth-Bad für ein paar Groschen ein warmes Wannenbad nehmen. Auf Wunsch gab es ein Stück Seife dazu, der Rücken wurde von unserer Wannenfrau Lenchen geschrubbt. Stammkunden aus dem Rathaus Schöneberg, von einer Bank, Ärzte und Angestellte vom Sportpalast kamen regelmäßig auch zur Fußpflege. Die Schauspielerin Dorothea Thiess gehörte auch zu den Stammgästen. Ihr passierte einmal eine Peinlichkeit in einem Fichtennadel-Bad passiert: Plötzlich wurde das Wasser blau.
Als Kind verbrachte ich meine Ferien bei meiner Tante und war stolz, wenn ich etwas helfen durfte. Meine Mutti musste arbeiten gehen, mein Vater war einen Monat vor meiner Geburt in Russland gefallen. Noch heute bin dankbar für diese Zeit der unbeschwerten Kindheit. Mein Vater war oft als junger Mann im Elisabeth-Bad und mir dadurch sehr nahe, obwohl wir uns nie kennen gelernt haben.
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Die Bestimmung von Berlin und Potsdam als preußisch-königliche Residenzen, die Einrichtung eines regelmäßigen Postdienstes und schließlich der Ausbau als erste gepflasterte Chaussee in Preußen gaben der Potsdamer Straße den Stellenwert, den sie über 170 Jahre bis zur Teilung Berlins durch die Mauer behielt, trotz oder gerade wegen aller Veränderungen, die hier stattfanden.
Die Potsdamer Straße in Berlin-Mitte, Tiergarten und Schöneberg verbindet den Potsdamer Platz mit dem Kleistpark und der Schöneberger Hauptstraße als Teil der ehemaligen „Alten Reichsstraße Nr. 1“, der heutigen Bundesstraße 1. Ursprünglich als vornehme Ausfallstraße vor dem Potsdamer Tor auf dem Weg nach Lützow-Charlottenburg und Potsdam angelegt, entwickelte sich die Straße zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur verkehrsreichsten Straße Deutschlands.
Die Potsdamer Straße war die erste Kunststraße in Preußen. Friedrich II. vertrat noch die Auffassung, „je schlechter die Straße, desto schwieriger kommt der Feind auf ihnen voran“, und hielt nicht viel von Verbesserungen. Erst sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. beauftragte den Architekten Carl Gotthard Langhans, die Straße zwischen Berlin und Potsdam zu befestigen, zu schottern und mit einer Baumallee zu säumen.
Der preußische Militärfiskus eröffnete 1837 parallel zur Potsdamer Straße die erste preußische Eisenbahnlinie zwischen Potsdam und Berlin mit seinem Potsdamer Bahnhof. Die einsturzgefährdeten Yorckstraße-Brücken sind die Überreste dieser Bahnlinie. Die erste Ampel Deutschlands am Potsdamer Platz Ecke Potsdamer Straße war umstritten, weil kein Mensch einsah, von einem Lichtsignal Anweisungen entgegen nehmen zu müssen. Legendäres Gebäude der Potsdamer Straße war der Sportpalast, 1910 in nur einem Jahr erbaut und 1973 abgerissen. An seiner Stelle steht heute ein Wohnblock.
- Bernd Oertwig -
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