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Unverzichtbare  Berlin-Bücher  Berlin-Literatur

Bücher zur Berliner Geschichte aus Antiquariat und Bücherei
    

| Nr. 14, Oktobber 2007 |

 

Bauern, Tagelöhner und Großindustrielle im Berliner Osten


Marzahn und Biesdorf in einem Buch vereint



Gemeinsam feierten die Berliner Stadtteile Marzahn und Biesdorf im Jahr 2000 mit einer Ausstellung im Bezirksmuseum ihr Jubiläum gefeiert: Im Jahr 1300 wurde das Dorf Marzahn erstmals erwähnt, der Name Biesdorfs erschien 75 Jahre später in dem Landbuch Kaiser Karls IV. zum ersten Mal. Das „Lesebuch“ begleitete die Ausstellung und versammelt Aufsätze von neunzehn Autorinnen und Autoren, denen die Chronik der beiden Berliner Dörfer und des Bezirkes Marzahn angefügt wurde.

Die wenig bekannte Geschichte von Schloss und Rittergut Biesdorf, das mit siebzig Hufen seinen Anfang nahm, wird erzählt. Bis um 1450 besaß es die Familie von Gröben, dann ging es in den Besitz der Familie von Pfuhl über. Deren Rechte erwarb Kurfürst Friedrich Wilhelm. 1867/1868 entstand im Auftrag des Gutsbesitzers Hans Herrmann Freiherr von Rüxleben auf der Nordseite des Angers eine Villa, errichtet von Martin Gropius (1824-1880) und Heino Schmieden (1835-1913). Die Familie von Siemens wurde Eigentümer des Gutes und machte das „Schloss“ Biesdorf zu einem familiären Mittelpunkt der berühmten Unternehmerfamilie.

 

Die schwierigen, oft existenzbedrohenden Lebensumstände der Bauern und Kossäten im 17. und 18. Jahrhundert verdeutlichen die harten Bedingungen der brandenburgischen Landnahme. Kossäten waren DorbewohnerInnen, die im Unterschied zu den Bauern nur etwas Gartenland besaßen und sich als Tagelöhner verdingten. Der Dorfbevölkerung und ihrem Alltag sind mehrere Aufsätze gewidmet.

 

Ein anderer Text unternimmt den Versuch, die Geschichte und das Aussehen der ersten Kirche im Angerdorf Marzahn zu rekonstruieren. Obwohl sich der Konservator Ferdinand von Quast nach dem Bau einer größeren Kirche für die Gemeinde (1869/71) für den Erhalt der mittelalterlichen Kirche einsetzte, drängte die Kirchengemeinde auf Abriß, wobei die Ausstattung weitgehend verloren ging. Wenige Stücke wurden dem Märkischen Museum verkauft. Allein der Renaissancetaufstein verblieb am Ort. Er wurde auf dem Kirchhof aufgestellt, Wind und Wetter ausgesetzt. So hat die Autorin allen Grund, mit der Restaurierung und Rückführung des Taufsteines in die neue Kirche ein Stück Wiedergutmachung zu fordern. - Gerhild H. M. Komander -

Aus der Geschichte zweier Dörfer. Ein Lesebuch. Herausgegeben vom Bezirksamt Marzahn von Berlin Abt. Jugend, Bildung und Kultur, Kulturamt / Bezirksmuseum. Berlin: 2000. 221 S. 50 Schwarzweißabbildungen. Anhang mit Anmerkungen, Chronik, Einwohnerentwicklung, Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungs- und Autorenverzeichnis.

  


Leseempfehlung für Schloss Biesdorf
:

 

http://www.stiftung-schloss-biesdorf.de/geschichte.shtml

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 | Nr. 13, September 2007 |

Berliner Schnauze im Kalten Krieg

Günter Neumanns Kabarett zwischen Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder


Der Insulaner verliert die Ruhe nicht,
der Insulaner liebt keen Jetue nicht,
der Insulaner hofft unbeirrt,
daß seine Insel wieder'n schönes Festland wird.

Text und Musik: Günter Neumann, gesungen von Edith Schollwer

Weihnachten 1948 war’s, am 25. Dezember, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, als zum ersten Mal dieser Refrain über den Äther klang. Beim RIAS, dem Radio im amerikanischen Sektor, durfte Günter Neumanns Lied erklingen.

Heillosen, unverbesserlichen Subjektivismus und eine lokalpatriotische Perspektive bescheinigt die Autorin Regina Stürickow dem Funk-Kabarett „Die Insulaner“. Die SED im Osten Berlins beschimpfte die Kabarettisten als als „Kriegshetzer“. Stürickow nimmt die Truppe auch in Schutz. Schließlich war die Bevölkerung von West-Berlin schon vor dem Mauerbau reichlich Schikanen der Volkspolizei ausgesetzt, profitierte nicht wie die Menschen in den westlichen Besatzungszonen vom beginnenden „Wirtschaftswunder“ und fühlte sich zu Recht von den westdeutschen Politikern im Stich gelassen.

Zum Erfolg des Kabaretts „Die Insulaner“ trug natürlich die sprichwörtliche Berliner Schnauze bei, zumindest in West-Berlin. Zu diesem Thema hält die Autorin einen kleinen Exkurs bereit und erzählt von der Wirkung, die das Berlinische auf Fremde in der Stadt hatte. Die West-Berliner Bevölkerung hat sich den Jargon ja weitgehend abgewöhnt, vielleicht um sich von den Brüdern und Schwestern im Osten abzusetzen. Die Autorin druckt Sendetexte auszugsweise ab. Sie sind hochdeutsch verfasst.

Günter Neumann, trieb sich schon mit 16 Jahren im Kabarett „Katakombe“, das Werner Finck 1929 in der Bellevuestraße nahe des Potsdamer Platzes eröffnete. Zwei Jahre später – im Winter 1931/32 - erklomm er die Position des künstlerischen Leiters. In der „Katakombe“ traf Neumann auf Friedrich Hollaender, Ernst Toller, Rudolf Platte, in Hollaenders politischem Kabarett „Tingel-Tangel“ Kurt Tucholsky und Ernst Busch. Anfang 1933 verließen die meisten Kolleginnen und Kollegen Deutschland. Unter den Nationalsozialisten konnte Kabarett nicht existieren. Neumann ging in den Krieg.

Ein kabarettistischer Neubeginn ließ auf sich warten. Regina Stürickow schreibt von der Berliner Nachkriegszeit, der Blockade West-Berlins, der Gründung des Rundfunksenders RIAS. Drei Sendungen mit Günter Neumann und seinen Insulanern waren geplant, etwa 150 wurden es. Die Insulaner waren: Olaf Bienert, Joe Furtner, Walter Gross, Bruno Fritz, Günter Neumann, Tatjana Sais, Edith Schollwer, Ilse Trautschold, Ewald Wenck, Agnes Windeck.

Hervorgegangen aus der satirischen Zeitschrift Neumanns „Der Insulaner“ im Stile des Münchner „Simplizissimus“ bezog sich dieses Hörfunk-Kabarett auf die Berlin-Blockade.

Hohn und Spott schütteten die „Insulaner“ über die SED-Führung, den Stalinismus, die sozialistische Wirtschaft und die SED-Propaganda aus. Am 17. Juni 1953 verstummte dieser Ton und ging in einen traurigen Kommentar über. Nach dem Mauerbau 1961 und dem steigenden Wohlstand in der Bundesrepublik Deutschland richteten sich die Berlinerinnen und Berliner auf der „Insel“ langsam auf die politische Situation ein. Das Kabarett verlor seine Bedeutung, die Figuren der Insulaner passten nicht mehr in die Zeit. Das Fernsehen lehnte Günter Neumann ab. So erklang seine Stimme zum letzten Mal (bis auf zwei Ausnahmen im Jahre 1968) am 8. Februar 1964. Die Insulaner traten ab. - Gerhild H. M. Komander -

Regina Stürickow: Der Insulaner verliert die Ruhe nicht. Günter Neumanns Kabarett zwischen Kaltem Krieg und Wirtschaftswunder, Berlin: arani-Verlag 1993


Hörempfehlung:

Günter Neumann und seine Insulaner. Aufnahmen aus den Jahren 1948-1964. Herausgeber: Günter-Neumann-Stiftung, Berlin in Zusammenarbeit mit Bear Family Records. Hambergen: Bear Family Records 2005


Website (mit Musik): www.guenter-neumann-stiftung.de

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| Nr. 13, September 2007 |

Der Tod lädt zum Tanz

Der mittelalterliche Schatz in in der Marienkirche und das Plattdeutsche in Berlin


Welche Berlinerin, welcher Berliner vermag wohl den Text zu entziffern, besser gesagt: zu verstehen, der die Besucher der Marienkirche in der westlichen Vorhalle des Baus empfängt? Entstand er doch mitsamt seinen Bildern um das Jahr 1490: der Berliner Totentanz, ein mittelalterliches Kunstwerk ersten Ranges, überliefert uns gleichzeitig Bilder, Sprache und Ausdrucksfähigkeit des Niederdeutschen im Berliner Raum.

Totentänze stellten Menschen aus allen Generationen und jeden Standes dar, die der Tod zum Tanz auffordernd mit sich nimmt. In dem Zusammenspiel von Bild und Text wird den Gläubigen die Endlichkeit irdischen Lebens für alle Menschen gleich welchen Standes vor Augen geführt und rührte besonders in der Zeit der großen europäischen Pestepidemie 1347 bis 1353 an Herz und Verstand der Christen.


Der Tod fordert den Mönch zum Tanz auf:

Her monick ik wil jw gar kort was seggen
den blawen budel moghet gy van jw leggen
vnde ok dar thu dat bereideken wyth
vorsuket nu wu wol jw dat dantzen syt
dat gy vaken hebben gedan myt eren
volget na gy muthen den tal vormeren

Herr Mönch, ich will euch gar kurz etwas sagen
Den blauen Beutel könnt ihr von euch legen
Und dazu auch das weiße Barettchen
Versucht nun, wie gut euch das Tanzen ansteht
Das ihr oft mit Ehren geübt habt
Folget nach, ihr müßt die Zahl [der Toten] vermehren!


Peter Walther, der bereits 1992 im Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins den Berliner Totentanz zu St. Marien einer breiten Leserschaft vorstellte, bemüht sich in ausführlichen Analysen um das Werk im Spiegel der Forschung und um die Beschreibung und Interpretation desselben. Insbesondere das Kapitel über die Verwandtschaft des Berliner Totentanzes zu anderen Totentanzdenkmälern liest sich - auch für Laien - äußerst anregend.

Die Einleitung befasst sich mit der Entstehung und Verbreitung des Totentanzmotivs. Durch Abbildungen der Fotografien und Umzeichnungen der Wandgemälde sowie der Textausgabe und ihrer Übertragung ins Hochdeutsche am Ende des Buches ist der gesamte Totentanz in der gedruckten Version mit Muße zu betrachten. Ist doch das Werk selbst innerhalb der Kirchenmauern von einer Glaskonstruktion gegen Kondenswasser geschützt und damit dem bloßen Auge der Betrachternden wenn nicht entzogen, so doch sehr entfernt (womit ich nicht die denkmalpflegerischen Maßnahmen in Zweifel ziehen, sondern die Nützlichkeit des Buches hervorheben will).

Die Analysen Walthers blättern nacheinander auch den Unkundigen wie ein Buch die Schritte zum Verständnis des Berliner Totentanzes auf: Nicht Abbild der sozialen Situation der Stadt, vielmehr eine Bußpredigt im Gewand einer allgemeingültigen Bilderfolge. - Gerhild H. M. Komander -

Peter Walther: Der Berliner Totentanz zu St. Marien, Berlin: Lukas Verlag 1997. 87 Seiten. Mit 40 Schwarzweißabbildungen, Chronologie zum Berliner Totentanz, Literaturverzeichnis.

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| Nr. 11, Juli 2007 |

Und schmeckt so lecker nach Sahne und Butter

Spaziergang in Friedrichshain


Lenin? Wer ist Lenin? Längst ein Teil verschwundener Berliner Geschichte. Sein Denkmal fiel im Februar 1992. Der Lenin-Platz, auf dem es stand, heißt heute Platz der Vereinten Nationen. Jan Feustel beginnt das Buch über den Berliner Stadtteil Friedrichshain mit dem vielleicht bestdokumentierten Denkmal der Stadt aus gutem Grund. Friedrichshain ist ein zerstörter Bezirk, nicht durch die Bezirksreform in Berlin, die ihn mit Kreuzberg zusammenführte, sondern durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau.

Lenin erging es wie Stalin, das heißt natürlich den Denkmälern für die sowjetischen Führer: Abgerissen. Um Josef Wissarionowitsch Stalin, den Generalsekretär der KPDSU, und den Stalinismus würdig zu präsentieren, ließ die DDR-Regierung die Straßenzüge und restlichen Altbauten vom Alexanderplatz bis hinter das Frankfurter Tor abreißen und die Stalinallee erbauen. Als der große Diktator am 5. März 1953 starb, defilierte ein wohlorganisierter Trauermarsch durch die sozialistische Pracht und propagierte die freiwillige Erhöhung der Arbeitsnorm. Wochen später zogen empörte Arbeiter durch die Stalinallee: Der Volksaufstand vom 17. Juni war das wichtigere Ereignis in dieser Straße. Nach dem Bau der Berliner Mauer wanderte der bronzene Stalin in den Schmelztiegel und wurde zu anmutigen Tierfiguren für den Tierpark Friedrichsfelde verarbeitet.

Lange kam Friedrichshain ohne Helden aus. Diese Zeit beschreibt Jan Feustel. Der Autor greift Geschichten aus der Geschichte des Bezirks heraus und erzählt vom Kleine-Leute-Viertel, dass es war und ist. Einen „Hauch von Florenz“ entdeckt er in der verlorenen Markuskirche an der Weberstraße, eine frühchristliche Kirche in St. Andreas auf dem Stralauer Platz, den „sozialen Winkel“ in den Weydinger Stiftungen in der Großen Frankfurter Straße. Kirchen, Schulen, Heime, Straßen und Plätze, die es nicht mehr gibt, beschreibt Jan Feustel.

Auch die Blumenstraße, durch die einst Friedrich Nicolai des Sommers in seinen Garten spazierte, gehört der Vergangenheit an. Die heutige Straße gleichen Namens hat mit der alten nichts mehr gemein. Das Frauengefängnis in der Barnimstraße, in dem 1915/16 Rosa Luxemburg inhaftiert war überlebte als Strafvollzugsabteilung Barnimstraße – bis 1974. Dann rollten auch hier die Abrissbagger an.

Der Stadtplan, der dem kleinen Buch als Anhang beigegeben ist, zeigt das verschwundene Friedrichshain, an das Jan Feustel mit diesem Begleitbuch zu einer Ausstellung des – ebenfalls verschwundenen – Heimatmuseums erinnert. Wer den heutigen Stadtteil kennt, wird verblüfft, irritiert sein: Wo sind die Straßen hin? Wo waren Wallner-Theater, Rose-Theater, das Warenhaus Hertie? In der Andreasstraße 73 errichtete Julius Pintsch 1863 eine größere Fabrik für seine Gasbeleuchtungskörper. Den Firmenschriftzug erkennt man noch heute vom S-Bahnsteig aus. An den Geschmack der Sahnebonbons aus echter Sahne und Butter, die Frauen in der Firma der Brüder Kanold, Andreasstraße 23, herstellten, erinnern sich nur noch wenige ZeitgenossInnen.  – Gerhild H. M. Komander –

Jan Feustel: Verschwundenes Friedrichshain – Bauten und Denkmale im Berliner Osten. Begleitmaterial zur Ausstellung im Heimatmuseum Friedrichshain, Berlin 2001. 88 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 9, Mai 2007 |

Von Schinkel bis Alvar Aalto?

Von den Schöneberger Wiesen zum Hansaviertel


Es gibt Bücher zur Berliner Geschichte, die sollten immer greifbar sein. Das neue Hansaviertel feiert seinen fünfzigsten Geburtstag, und das wunderbare Buch von Bertram Janiszewski über das alte Hansaviertel ist wie verschollen. Die Bibliothek am Hansaplatz besitzt ein Exemplar. Es dürfte jetzt sehr gefragt sein.

Von den Schöneberger Wiesen führt der Autor seine LeserInnen über die frühen Ansiedlungen in die Bebauung dieses Berliner Viertels durch die Berlin-Hamburger Immobilien Gesellschaft, die 1874 ihre Tätigkeit aufnahm. Nachdem mit der Knobelsdorffschen Meierei nach 1743 im Bereich des späteren Schlosses Bellevue der westliche Bereich des Tiergartens erschlossen worden war, übergab Friedrich II. Isaak Benjamin Wulff ein Grundstück, das westlich an die Schöneberger Wiesen grenzte, damit dieser eine Kattunfabrik erichtete.

„Eine Kostbarkeit unter den frühen Ansiedlungen vor Entstehen des Hansa-Viertels war seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Villa Finkenherd“, schreibt Janiszewski bewundernd. Carl Ferdinand von Graefe, Chirurg und Augenarzt, ließ hier 1823 westlich des Standortes der später errichteten Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche sein Sommerhaus erbauen. 1970 stifteten deutsche Augenärzte eine Gedenktafel für den Sohn Albrecht von Graefe, die zugleich an den berühmten Augenarzt und die verdiente Familie Graefe erinnert. Sie markiert heute den Standort der zerstörten Villa.

1874 entwickelte die Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft einen Bebauungsplan für das Gelände, das nordwestlich der Villa Finkenherd und des Schlossparks Bellevue im Spreebogen lag. In der Form eines sechsstrahligen Sternes wurden rund um den Hansaplatz, der das Zentrum des neuen Viertels bildete, die Altonaer Straße, die Klopstock- und die Lessingstraße angelegt und mit Ein- und Mehrfamilienhäusern im Landhausstil sowie Mietwohnhäusern in den Spielarten des Historismus' erbaut. Drei Synagogen, eine evangelische und eine katholische Kirche, das Kaiserliche Gesundheitsamt, eine Realschule und mehrere private Schulen entstanden bis Mitte der zwanziger Jahre.

Der Autor beschreibt sehr anschaulich die herausragenden Bauten, fügt Grundrisse und gelegentlich Innenraumaufnahmen sowie Porträts der Bevölkerung hinzu. Er erzählt von den Kaufleuten, Privatiers und den vielen KünstlerInnen, die hier lebten und arbeiteten: Hugo Lederer, Julius Raschdorff, Ludwig Marcus, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Emma Dohme und viele andere mehr.

„In einem Inferno versank das alte Hansa-Viertel“, überschreibt Bertram Janiszewski das letzte Kapitel. Das Viertel wurde bereits 1943 durch mehrere Luftangriffe fast vollständig zerstört. Der Vergleich der beiden Stadtplanausschnitte zum Hansaviertel im Vor- und Nachsatz des Buches lässt die Unwissenden mehr als staunen. Der heute als Hansaviertel bekannte südliche Teil des Viertels hat sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Wer das alte Hansaviertel und die Geschichte seiner BewohnerInnen sucht, findet es in diesem Buch wieder, in Teilen zumindest. - Gerhild H. M. Komander -

Bertram Janiszewski: Das alte Hansa-Viertel in Berlin - Gestalt und Menschen, Berlin: Haude & Spener 2000. 125 S. Mit 101 Schwarzweißabbildungen


Das alte Hansa-Viertel, Ausstellung 

Heimatverein Tiergarten und Geschichtswerkstatt Tiergarten e. V. in Zusammenarbeit mit dem Mitte Museum

Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, Händelallee 20, am S-Bahnhof Bellevue
12. Mai bis 30. Juni und 1. September bis 31. Oktober 2007
Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr
Dienstag und Donnerstag 16 bis 19 Uhr
Sonnabend 15 bis 17 Uhr

Hansabibliothek, Altonaer Straße 15, am U-Bahnhof Hansaplatz
2. Juli bis 31. August 2007
Dienstag und Donnerstag 12 bis 18 Uhr
Montag und Freitag 13 bis 19.30 Uhr

Leseempfehlung: 
Walter Hoffmann-Axthelm: Die Familie Graefe und ihre Villa Finkenherd im Berliner Tiergarten, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 66, 1970, S. 293-301 und S. 322-334

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      | Nr. 9, Mai 2007 |    

Flieger über Tempelhof

Der größte Flughafen der Welt und seine Geschichte


Tempelritter, Schafe, Bauern, Soldaten: Das Tempelhofer Feld hat viele – Menschen und Tiere - über sich gehen sehen. Exerzieren, marschieren, paradieren ließ sich gut üben auf den lichten Weiten im Süden Berlins. 180 Jahre ist es her, dass der Militärfiskus ein großes Stück Land kaufte, weil die Bauern gegen die Zerstörung ihrer Felder protestierten. Nun konnte in Ruhe manövriert und zugeschaut werden. Anlässe gab es genug für die beliebten Truppenschauen auf dem Tempelhofer Feld.

Abenteuerlicher gestalteten sich die Übungen der Luftschiffer und Ballonfahrer. Die Berliner Bevölkerung belagerte – gesittet – das Feld. Wie bei fast allen technischen Neuerungen stand das Militär auch Pate bei den ersten Flugversuchen, die Arnold Böcklin, der Maler der „Toteninsel“ (Nationalgalerie Berlin) auf dem Tempelhofer Feld unternahm, 1883. Aus den luftigen Abenteuern wurde Ernst, aus dem Tempelhofer Feld ein Flugplatz, aber nicht sofort. Der erste Flugplatz entstand in Johannisthal.

Frank Schmitz schließt diese Berliner Geschichte in sein Buch ein. Auch dem zweiten Flugplatz in Staaken widmet er sich, so dass sein Buch eine kleine Geschichte der Berliner Luftfahrt wird.

Der Flughafen Tempelhof wird ein republikanisches Werk. Leonhard Adler, Stadtbaurat für Verkehrswesen, plädiert für Tempelhof als Standort eines zentralen Berliner Flugplatzes. Tatsächlich erwirbt die Stadt Berlin, zu der Tempelhof seit 1920 gehört, das alte Paradefeld 1922. Ein Wärterhäuschen, zwei Flugzeughallen und Verwaltungs- und Abfertigungshalle – mehr Baracken als Gebäude – sind fertig, als der Flughafen 1923 eröffnet wird.

Heinrich Kosina und Paul Mahlberg errichten in den folgenden Jahren die ersten festen Gebäude, sachlich-funktionale Stahlkonstruktionen, die den Architekten großes Lob einbringen. Fritz Bräuning plant das Radiohaus, in dem der Funkverkehr abgewickelt wird. Klaus und Paul Engler erhalten den Auftrag für ein Hauptgebäude, das sie 1929 fertigstellen. Außenbau und Innenausstattung dokumentieren die zeitgenössischen Photographien, ebenso die Entwicklung der Deutschen Luft Hansa (die erst ab 1934 „Lufthansa“ geschrieben wird), die 1925 durch die Zusammenlegung der Konkurrenten Junkers Luftverkehr und Aero Lloyd entsteht. Faszinierende Aufnahmen zeigen Männer und Maschinen, die Begeisterung des Publikums auf den Großflugtagen.

Im „Dritten Reich“ wird alles anders. Faschistische Megalomanie ergreift auch den Flughafen Tempelhof. Die nationalsozialistische Führung nutzt die Beliebtheit von Fliegern und Fliegerei. Ernst Sagebiel qualifiziert sich als „Reichsschnellbaumeister“ vor allem durch organisatorische Qualitäten. Im Mai 1936 beginnen die Bauarbeiten für den größten Flughafen der Welt, über und unter der Erde. Unterirdische Räume beherbergen Versorgungseinrichtungen und Luftschutzbunker, deren Existenz geheim bleibt. Im Eisenbahntunnel, der sich unter der Abfertigungshalle befindet, werden Jagdflugzeuge produziert, die die Luftwaffe ab 1940 im Zweiten Weltkrieg benutzt.

Abenteuerspielplatz, Verkehrsflugplatz, Standort der Rüstungsproduktion: Keiner dieser Zeitabschnitte in der Geschichte des Flughafens erreicht die Popularität, die Tempelhof im Sommer 1948 erlangt, als Hauptort der Luftbrücke. Friedrich Luft, dessen Radio-Reportage über die deutschen Sender geht, beschreibt sie mit atemloser Stimme. Der Autor des Buches findet sogar ein Photo, das belegt, wie stark der Eindruck der Ereignisse während der Blockade West-Berlins die Bevölkerung prägte: Kinder spielen Luftbrücke, 1948/49.

Am 1. Juni 1950 öffnet sich für West-Berlin in Tempelhof das „Tor zur Welt“. Unabhängig von der sowjetischen Kontrolle kann die Berliner Bevölkerung die Stadt verlassen, als die amerikanische Besatzungsmacht einen Teil des Flughafens der deutschen Verwaltung übergibt. Flüchtlingen aus der DDR gibt der Flughafen Tempelhof nun die einzige Möglichkeit, in die Bundesrepublik Deutschland zu gelangen.

Es ist eine lange Geschichte, die Frank Schmitz auf 135 Seiten erzählt, kurzweilig und voller Details. Wie es weitergeht in Tempelhof, lesen wir ab Montag wieder im wöchentlichen Tempelhof-Bericht einer bekannten Berliner Tageszeitung. – Gerhild H. M. Komander –

Frank Schmitz: Flughafen Tempelhof. Berlins Tor zur Welt, Berlin: be.bra Verlag 1997. 139 Seiten. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen

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| Nr. 7, März 2007 | 

Arbeiterbewegung und Revolution

Kurt Wernicke untersucht Entwicklung und Nachwirkung der Revolution


Revolution macht man nicht an einem Tag, da gibt es Vorlauf, Entwicklungen und Ent-Wicklungen. Deshalb ist dieses Buch, wie so viele viel zu schnell vom Buchmarkt verschwunden, eine gute Quelle für Nachforschungen über die Revolution 1848.

Wernicke nahm bereits 1952 - noch als Student - seine Tätigkeit am Museum für deutsche Geschichte in Berlin auf. Das Thema des Buches, die frühe Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, beschäftigte ihn aus der Arbeit heraus seit den sechziger Jahren und war auch Gegenstand seiner Habilitation (Dissertation B). Studien im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin (West) ermöglichten ihm, seine Skepsis gegenüber den gängigen stereotypen Darstellungen zu diesem Kapitel Berliner Geschichte durch Einsicht in bis dahin nicht berücksichtigte Quellen zu rechtfertigen. Teile dieser Quellenstudien versammelt das vorliegende Buch.

Sie werden ergänzt durch Aufsätze über den „Berliner Handwerkerverein“, den Berliner Abgeordneten Julius Berends, die „Muckerlieder„“ und andere mehr. Den in diesem Sammelband erstmals versammelten, zwischen 1987 und 1998 an verschiedenen Stellen veröffentlichten Beiträgen Wernickes wurden die zwei bislang unveröffentlichten Aufsätze „Grenzüberschreitungen. Julius Berends im Berliner Handwerkerverein“ und „Julius Berends (1817-1891). Mit Berlin verbunden“ angefügt. - Gerhild H. M. Komander -

Kurt Wernicke: Vormärz - März - Nachmärz. Studien zur Berliner Politik- und Sozialgeschichte 1843-1853, Berlin: Edition Luisenstadt 1999. 380 S. Mit 60 Schwarzweißabbildungen 

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 | Nr. 7, März 2007 |

Ein voller Bauch macht keine Revolution

Rüdiger Hachtmann beschreibt Ursachen der Revolution 1848


Nur 1008 Seiten umfasst das Werk, mit dem der Autor die Revolution von 1848 beschreibt.
Hachtmann legte mit diesem Werk die überarbeitete und gekürzte(!) Fassung seiner 1995 an der Technischen Universität Berlin angenommenen Habilitation vor. Berlin war neben Paris und Wien Hauptschauplatz der Revolution 1848. Schon der Versuch, die komplexen Ereignisse von europäischem Rang in einem Buch als deren Politik- und Gesellschaftsgeschichte zusammenzufassen, ist eine große Leistung. Hachtmann ist dieser Versuch gelungen. Und darüberhinaus ist sein Buch lesbar, wenn auch nicht an jedem Ort - aufgrund des hohen Gewichtes.

In zehn Teilen, die in sich wiederum übersichtlich in Kapitel aufgeteilt sind, berichtet er ausführlich von den Ursachen der Revolution, ihrem Verlauf und den Auswirkungen. Für die Ursachen werden drei „Ebenen wirtschaftlicher und sozialer Krise“ genannt: eine Agrarkrise, eine „erste konjunkturelle, frühindustrielle Wirtschaftskrise“ und eine „strukturelle Krise, die Geburtswehen des sich herausbildenden Industriekapitalismus, die weite Teile des Handwerks in Mitleidenschaft zogen“.

Dabei macht Hachtmann deutlich, dass die Frage, ob es sich in den Jahren 1846 bis 1848 um eine schlechtere Ernährungssituation der unteren Bevölkerungsschichten als in vorangehenden Jahrzehnten handelte oder nicht, nicht definitiv zu beantworten sei. Doch die Menschen glaubten, dass es ihrem Stande schlecht erging wie nie zuvor. Dennoch war es zuvor zu keiner Revolution gekommen. Waren die Mägen gesättigt, war stets wieder Ruhe eingekehrt.

Nicht so in diesen Jahren! Die politischen und mentalen Voraussetzungen für eine Revolution waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts andere. Hachtmann führt die Eisenbahn ins Feld: Sie erweiterte den intellektuellen Horizont der Zeitgenossen nicht nur geographisch, sondern auch politisch. Die Bevölkerung begann, in gesamtdeutschen, ja, europäischen Dimensionen zu denken. In vielen Köpfen des bürgerlichen Zeitalters „verankerte“ sich jetzt die Idee der nationalen Einheit.

Eine weitere Voraussetzung für das politische Selbstbewusstsein in der Bevölkerung und damit für die Revolution war der in Berlin im Vergleich zum preußischen Landesdurchschnitt hohe Anteil von Schülern, die eine „höhere Schule“ besuchten: 25 Prozent der Berliner Schüler waren hier versammelt. Den erfolgreichen - ausschließlich männlichen - Absolventen stand ein ungleich besserer Start in die berufliche Karriere bevor.
40 Prozent der Studenten wählten Jura als Studienfach, während der Anteil der Theologiestudenten stark zurückging. Hachtmann zitiert Friedrich Engels, der gerade die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität (Humboldt-Universität) als „Arena der geistigen Kämpfe“ hervorhob. Die neuen, an den Hochschulen entwickelten Methoden wissenschaftlicher Kontroverse schulten eine ganze Generation.

Ein ganzes Unterkapitel widmet der Autor den „Frauen in der Revolution“, von denen schriftliche Selbstzeugnisse seinen Recherchen zufolge nur in Ausnahmefällen vorliegen. Ein Drittel der Berliner Gesellen und Arbeiter forderte öffentlich „ein Verbot oder zumindest eine drastische Beschränkung lohnabhängiger Frauenarbeit“, um sich der „lohndrückenden Konkurrenz“ der unqualifizierten Arbeiterinnen entledigen zu können. Die Frauen aus dem Bürgertum wurden von der Politisierung der Gesellschaft miterfasst, debattierten aber statt auf der Straße im Verborgenen, in den sogenannten Frauenclubs.

Die Kurzbiographien im Anhang des Buches führen dementsprechend nur wenige Frauenbiographien auf:
Louise Aston, die aufgrund ihrer politischen Tätigkeit mehrfach aus Berlin ausgewiesen wurde; Lucie Lenz, die vermutlich an den Barrikadenkämpfen teilnahm, sicher am Zeughausturm, und den Frauenverein „Germania“ mitbegründete; die Schriftstellerin Fanny Lewald, die als revolutionsbegeisterte Demokratin aus Paris nach Berlin kam und in den siebziger Jahren Anhängerin Bismarcks wurde; Klara Mundt, die die Berlinerinnen aufrief, sich der Hinterbliebenen der Märzgefallenen anzunehmen.

2002 erschien Hachtmanns Buch „Epochenschwelle zur Moderne. Einführung in die Revolution von 1848/49“ als Band 9 der Historischen Einführungen im Verlag edition discord mit nur 255 Seiten. Die Rezensentin Birgit Ellen Bublis-Godau bemängelt für diese Ausgabe, dass die Biographien fehlen, die in dem umfangreichen Werk von 1997 eine so gewichtige Rolle spielen. 

Das Buch eignet sich zum Stöbern - anhand der gut gegliederten Inhaltsangabe - ebenso wie zum Studieren einer Zeit, in der vielfältige politisch, religiös und philosophisch geprägte Weltanschauungen in größter Anspannung aufeinanderstießen. Leider ist dieses Standardwerk zur Revolution 1848 nur noch in Bibliotheken zu finden. Mehr als zwei Verlängerungen werden daher bei der Ausleihe nötig sein.  - Gerhild H. M. Komander -

Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution, Bonn: Dietz 1997. 1008 Seiten. Mit 29 Schwarzweißabbildungen, zahlreichen Tabellen und einem Anhang mit Quellen und Literatur, Kurzbiographien, Chronologie der wichtigsten Ereignisse und Register.

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| Nr. 5, Januar 2007 |

Heimat Berlin

Die lange Geschichte der Hauptstadt bis 1962


Heimatchronik Berlin klingt etwas verstaubt. Das gewichtige Buch, das diesen Titel trägt, ist es keineswegs, obwohl es aus heutiger Sicht einige Mängel hat.

Willy Brandt, 1962 Regierender Bürgermeister von Berlin, schrieb das Vorwort. Er lobt „das Verdienst des Archivs für deutsche Heimatpflege, den Werdegang der deutschen Hauptstadt in einer umfassenden Darstellung aufgezeichnet zu haben. Mit Fleiß und Exaktheit wurde ein Werk zusammengestellt, das den Bürgern unseres Landes die unermeßliche Bedeutung einer freien und blühenden Hauptstadt zu Bewußtsein bringt.“ Sein Wunsch einer nicht fernliegenden Neuauflage erfüllte sich nicht. Die Heimatgeschichte Berlins erschien weder den Forschenden noch der Mehrheit der Bevölkerung in den folgenden 25 Jahren attraktiv. Erst 1987 erschienen anlässlich der 750-Jahrfeiern in Ost- und West-Berlin Überblickswerke, die die Geschichte Berlins aufgrund neuer Forschungsergebnisse darstellten.

In fünf Kapiteln beschreiben die Autoren der Heimatchronik die Entwicklung Berlins von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Teilung der Stadt. 1961. Es schließen sich die „Geschichte der äußeren Berliner Stadtteile bis zur ihrer Eingemeindung“ (1920) und „Das Stadtbild in Geschichte und Gegenwart“ an. Der Wirtschaftsgeschichte Berlins sind zwei weitere ausführliche Kapitel gewidmet. Der Abschnitt „Einzeldarstellungen der Wirtschaft“ berichtet über einzelne Banken und Versicherungen in der Stadt. Am Schluss des Buches befinden sich eine Liste der Berliner Ehrenbürger Berlins, eine Literaturverzeichnis und ein Orts- und Personenregister.

Zeitbedingt mangelt es der Heimatchronik Berlin an ausgewogenen politischen Darstellungen, gerade für die Nachkriegszeit. Der weibliche Anteil der Berliner Geschichte wird fast vollständig ignoriert. Dennoch ist das Buch eine wertvolle Quelle für aller Lesenden, die eine ausführliche chronologische Darstellung der Berliner Geschichte suchen – die das neuere Werk von Ribbe / Materna nicht bietet.
Die Abbildungen sind besonders erwähnenswert, weil viele darunter sind, die man selten oder gar nicht in neueren Berlin-Büchern findet, und weil die damals neuen Aufnahmen längst zu historischen geworden sind.  - Gerhild H. M. Komander -

Otto-Friedrich Gandert, Berthold Schulze, Ernst Kaeber u.a.: Heimatchronik Berlin, Köln: Archiv für deutsche Heimatpflege 1962. 951 S. Zahlreiche Schwarzweißabbildungen.

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 | Nr. 4, Dezember 2006 |

This is Berlin

 Rundfunkreportagen aus Deutschland 1939-1940


Der Geschichts- und Politikwissenschaftler Vollnhals hat die Rundfunkreportagen des amerikanischen Journalisten Shirer (1904 - 1993) herausgegeben, die der Autor vom 13. August 1939 bis zum 29. September 1940 als Europaberichterstatter für CBS New York aus Berlin sandte. Die von der Zensur gestrichenen Passagen wurden kenntlich gemacht. Nüchtern im Tonfall, zuweilen humoristisch, kommt stets Shirers liberale Grundhaltung zum Ausdruck.

Am 17. Dezember berichtet er aus dem vorweihnachtlichen Berlin, es falle schwer, sich vorzustellen, daß gerade ein Weltkrieg stattfinde. Der Staat habe ein kleines Zugeständnis gemacht und einem alten Brauch in deutschen Familien entsprechend (Männern und Söhnen zu Weihnachten eine Krawatte zu schenken), bekannt gegeben, daß jeder Mann ohne Bezugsschein eine Krawatte kaufen könne.

Solche Notizen sind Randbemerkungen. In der Hauptsache geht es um die Kriegsereignisse, die offizielle deutsche Berichterstattung, die öffentlichen Reden Adolf Hitlers, die Shirer ausschnittsweise im Wortlaut weitergibt. Er widmet sich den Auswirkungen des Krieges auf das alltägliche Leben der Berliner Bevölkerung, die einen zweiten Kriegswinter (1940) nicht erwartet habe, deren Versorgung mit Nahrungsmitteln aber besser sei, als im ersten. Shirer zitiert die Berliner Zeitungsberichte und kommentiert vorsichtig. Der Luftkrieg mit Großbritannien nimmt breiten Raum ein. Noch gibt es Hoffnung, daß die deutsche Regierung die Übergabe von fünfzig Zerstörern der USA an Großbritannien nicht zu einer Affäre mit den Vereinigten Staaten hochspiele.

Im Epilog des Buches werden die Überlegungen Shirers abgedruckt, die ihn zur Aufgabe seiner Stellung in Berlin veranlaßten. Ein neuer Zensor an seiner Seite spürte den versteckten Anspielungen und anderen Kunstgriffen Shirers nach, die man in seinen Berichten entdeckt hatte. Da er sah, daß sich die Deutschen der unabhängigen Korrespindenten entledigen wollten, verließ er Berlin und kehrte in seine Heimat zurück. Geblieben ist das einzigartige Dokument eines Amerikaners in Berlin während des ersten Jahres des Zweiten Weltkrieges. - Gerhild H. M. Komander -

William L. Shirer: This is Berlin. Rundfunkreportagen aus Deutschland 1939-1940, hg. von Clemens Vollnhals, Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag 1999. 416 S. Mit einer Einleitung von Clemens Vollnhans und einem Nachwort von Inga Shirer Dean.

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 | Nr. 3, November 2006 |

Von Adlershof nach Zehlendorf

Die Geschichte der Berliner Stadtteile in einem Buch mit Brandenburg vereint


Knapper geht es nicht. 116 Seiten (von insgesamt 612) reichen aus, um einen guten Einstieg in die Berliner Geschichte zu erhalten. Eingebettet sind diese Seiten in eine ausführliche geschichtliche Einführung in die brandenburgische Geschichte – zu der ja auch die Berliner gehört – und die Abschnitte zu allen brandenburgischen Orten. Der Ausflug in die Neumark und die Grenzmark Posen-Westpreußen hat selbstverständlich ausschließlich historische Gründe.

Anhand der historischen Stätten stellen die Autoren um Gerd Heinrich die geschichtliche Entwicklung aller Stadtteile Berlins dar. Vorgeschichtliche Fundstätten – sofern vorhanden -, mittelalterliche Kirchen, neuzeitliche Industrieanlagen geben das Gerüst. Geologische Bedingungen, geographische und wirtschaftliche Verbindungen werden auch für die kleinsten Orte erwähnt. Für Laien sicher etwas umständlich sind die Literaturangaben gestaltet. Für alle Neugierigen, die tiefer in die Berliner Geschichte, in die Geschichte der vielen Stadtteile eintauchen möchten, geben sie allerdings wertvolle Hinweise, die in jetzt käuflichen Büchern in der Regel nicht berücksichtigt werden.

Wer das Buch antiquarisch erwerben kann, sollte es unbedingt tun. Es ist dem Umfang zum Trotz ein Leichtgewicht, durch gute Bindung strapazierfähig und ersetzt mehrere Dutzend Reiseführer. Ein Stadtplan ist allerdings nötig. – Gerhild H. M. Komander -

Handbuch der historischen Stätten. Berlin und Brandenburg. Mit Neumark und Grenzmark Posen-Westpreußen, hg. von Gerd Heinrich, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, dritte Auflage 1995. 612 S.

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 | Nr. 3, November 2006 |

Berliner Geschichte in Gedenktafeln

Holger Hübner notiert das Gedächtnis der Stadt 


Der Autor spürt die Gedenktafeln der Stadt Berlin auf, in 23 Kapitel, nach den Alt-Bezirken geordnet. Zum ersten Mal erscheinen alle in Berlin angebrachten Gedenktafeln zusammen in einem Buch, verweist auf die, die in absehbarer Zeit angebracht werden sollen und jene, die "verschwunden", aber in der Literatur nachweisbar sind. Die Gliederung des Lexikons nach Bezirken kommt jedem gelegen, der vor der eigenen Tür Berliner Geschichte entdecken will. Das Register läßt die gezielte Suche nach bestimmten Personen und ihrer(n) Gedenktafel(n) zu. Eine spannende Reise!

In der Weddinger Schulstraße 99-100 erinnert eine Gedenktafel an den Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, der der Bücherei, an deren Hauswand sich die Tafel befindet, am 30. November 1976 den Namen "Jeruslalem-Bücherei" gab. Dem Heimatdichter Jonny Liesegang wurde in der Afrikanischen Straße 146c, wo er gewohnt hatte, eine Ehrentafel gesetzt. An das Geburtshaus seines nach 1933 emigrierten Kollegen Theodor Plievier in der Wiesenstraße 29 erinnert eine Metalltafel.

Politisch verfolgte Menschen, Dichter, Politiker, Künstler sind hier versammelt. Die Malerin Jeanne Mammen am Kurfürstendamm, die Zwangsarbeiterinnen aus Jugoslawien, Polen, der Sowjetunion und Ungarn in der Pichelswerderstraße, die koreanische Studentin Kyung-Lim Lee, vergewaltigt und verstorben am Teltower Damm, Claire Waldorff an der Regensburger Straße und viele andere mehr. Schon das Blättern in dem Buch bereitet Freude, das nachzulesende Schicksal der Erinnerten sehr oft nicht. Die ausführlichen Recherchen des Autoren zur Geschichte vieler der aufgeführten Gedenktafeln ließen ein - nicht gerade handliches - Handbuch zur Geschichte Berlins entstehen. Eine Neuauflage des Buches ist unbedingt wünschenswert, denn seit dem dieser Titel erschien, kamen viele neue Gedenktafeln hinzu. - Gerhild H. M. Komander -

Holger Hübner: Das Gedächtnis der Stadt. Gedenktafeln in Berlin, Argon: Berlin 1997, 536 S., 295 Schwarzweiß-Abbildungen, Anhang mit Literaturauswahl, Ortsnamenkonkordanz und Bildnachweis.

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 | Nr. 3, November 2006 |

„Bauen wie auf der Friedrichstadt“

und andere Geheimnise der preußischen Bauverwaltung


Selten finden Inneres und Äußeres einer Publikation so gelungen zueinander: der silbergraue Einband ist so schlicht, so edel wie die Arbeit der preußischen Bauverwaltung es im Ganzen war. Die Autoren, Reinhart Strecke, Christof Baier, Ralph Jaeckel und Stephan Waldhoff haben sich durch Berge bislang nicht systematisch ausgewerteter Quellen des Geheimen Stastsarchivs gearbeitet und entwerfen ein Bild von der Tätigkeit dieser Institution, die das beste Licht auf deren Mitarbeiter wirft.

Von der „Neuformulierung der Städtebaupolitik unter Friedrich Wilhelm I.“ spannt sich der Bogen über die Verwissenschaftlichung des Bauwesens hin zur ästhetischen Aufwertung des Ökonomiebaues. Der sorgfältigst aufgebaute Katalog unterscheidet sich von vielen Neuerscheinungen wohltuend durch seine gelassene Ausführlichkeit, ist Nachschlagewerk für diesen bedeutenden Abschnitt preußischen Bauens. Hier wird aus dem Vollen geschöpft. - Gerhild H. M. Komander -

Mathematisches Calcul und Sinn für Ästhetik. Die preußische Bauverwaltung 1770 - 1848, Katalog zur  Ausstellung des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Zusammenarbeit mit der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Berlin: Duncker & Humblot 2000. 224 S. Mit 29 Farb- und 96 Schwarzweißabbildungen, einer Zeittafel und einem Literaturverzeichnis.

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 | Nr.3, November 2006 |

Berlin im Hier und Jetzt

 Landeskunde kurz gefaßt


Hoffmann, der unter anderem in der Kultusministerkonferenz der Bundesländer und als Schulbuchautor tätig war, legt eine Landeskunde vor, die durch ihre übersichtliche Gliederung besticht. Grundlagen, Geographie und Bevölkerung, und Geschichte Berlins, die Lage in Brandenburg-Preußen einschließend, werden knapp behandelt.

Breiteren Raum erhalten die Kapitel „Vereinigung und ihre Folgen“, „Politisches System“ und „Schwerpunkte städtischen Lebens“, zu denen Wirtschaft, Bauen, Kultur, Schule und Wissenschaft gerechnet werden. Abschließend folgen die Perspektiven Berlins, die die Funktion als Hauptstadt und das Verhältnis zum Land Brandenburg thematisieren.
Dabei werden den vielfachen Veränderungen, die Berlin wie keine zweite deutsche Stadt erleben und bewältigen muß, in hohem Maße Rechnung getragen.

Der umfangreiche Anhang enthält eine Zeittafel, die auf sieben Seiten knapp die Geschichte Berlins erfaßt. Anschließend werden die Magistrate und Senate von 1945 bis 1998 aufgeführt. Es folgen die Ost-Berliner Oberbürgermeister 1948 bis 1990 und der Magistrat von 1990 sowie die Liste der Stadtverordnetenvorsteher und Präsidenten des Abgeordnetenhauses 1946 bis 1998. Ein Literaturverzeichnis und ein Verzeichnis der Tabellen, Graphiken und Karten vervollständigen den Anhang. - Gerhild H. M. Komander -

Hansjoachim Hoffmann: Berlin. Eine politische Landeskunde, Opladen: Leske + Budrich 1998. 256 S. Mit 31 Scharzweißabbildungen, zahlreichen Tabellen und Anhang. 
  

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- © gerhild komander 11/06 -