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Fundstücke aus der Berliner Geschichte

aus Berliner Zeitungen und Dokumenten


| Nr. 16, Dezember 2007 |

Bittschrift eines D ... haufens an die Polizei,
eingereicht am Sonnabend

„Ich armes Häuflein D ...
lieg' hier, wie Du's befohlen,
seit Montag wie auf Kohlen,
und niemand holt mich weg.
O, Mutter Polizey,
sei flehentlich gebeten,
lass mich nicht ganz zertreten,
ich fließe schon wie Brey;
kaum bin ich noch ein Hauff.
Soll ich auf Deinen Karren
hier noch acht Tage harren,
löst sich mein Wesen auf.“

Aus: Spenersche Zeitung, Berlin 1755


| Nr. 15, November 2007 |

Um die Georgenkirchstraße

Du muß durch alte Straßen geh'n,
wo Frauen in Trupps noch zum Klatsche steh'n
und Käse-, Hering- und Zwiebelduft
aus schwarzen Kellern ins Freie pufft;
wo die Häuser verwinkelt, lichtlos und eng
und die Menschen verwittert, verbissen und streng,
weil der Kampf mit dem Tag ein Geringe ist,
das mit der Kraft auch - die Seele zerfrißt.-

Du mußt öfters durch solche Straßen geh'n,
um einmal ganz in dem Zauber zu steh'n,
wenn plötzlich vor Dir im Sonnenschein
der Märchenbrunnen im Friedrichshain
über all Dumpfe, Enge und Qual
schüchtern gemahnt Dich: Das war einmal,
und der gestiefelte Kater und Hans im Glücke
und Dein Gestern wölbt eine Erinnerungsbrücke.

Joseph Buchhorn

Aus: K. Nase: Siebenhundert Jahre berlinischen Lebens im Spiegel des Gedichts. Berlin, Oehmigke
Zitiert nach: Der Berliner Osten, auf Anregung des Bezirksamts Friedrichshain bearbeitet von W. Gensch, Dr. H. Lisesigk, H. Michaelis, Berlin 1930, S. 167 


| Nr. 14, Oktober 2007 |

Berlin hält jeden Vergleich mit Paris aus 

Kinderspielwaaren-Fabrik von George Gropius

Sie besteht seit dem Jahre 1827, und lieferte früher unter der Firma von Gebrüder Gropius eine Menge von Arbeiten, die im Geschmack und in der ganzen Art der Fabrikation jeden Vergleich mit den bisher aus Paris eingeführten Waaren der Art aushalten, hat sich in den letzten Jahren sehr ausgedehnt und wetteifert fortdauernd mit den französischen Fabriken.

Ihre Erzeugnisse werden weit und breit gesucht, da sie bis jetzt in Deutschland noch keine Konkurrenten hat und ihre Preise beinah 50 Procent billiger stellt, als die französischen Fabriken. Besonders empfehlen sich die Fabrikate des Herrn Gropius dadurch, daß die mehrsten Spiele außer dem ansprechenden Aeußern auch eine belehrende Tendenz haben, und somit die Kinder nützlich beschäftigen.

Der Verfertiger ist deshalb nicht allein bemüht, den Spielen und Spielwaaren ein geschmachvoll glänzendes Aeußeres zu geben, um dadurch diese Gegenstände verkäuflich zu machen, sondern es ist seine Idee, daß dieselben zugleich dazu dienen sollen, schon in frühester Zeit bei der Jugend einen Schönheitssinn zu wecken und zu erhalten, welcher, wenn er den Kindern recht eigen wird, sie vor manchen üblen Gewohnheiten und Eindrücken bewahrt.
Die Niederlage der genannten Fabrik befindet sich Schloßplatz No.1, Ecke der Brüderstraße, und verkauft zu festen Preisen. Es ist auf jeden Fall ein sehr interessantes und viel benutztes Etablissement.

Aus:
Neuestes Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände, hrsg. von L. Freiherr von Zedlitz, Berlin 1834


|Nr. 13, September 2007|

Raffkes

„Ick laß mir doch nich für dumm verkoofen!“

In den Zeiten der Raffkes wurden unzählige Witze über die Raffkes gemacht, die vor allem die Unbildung dieser rücksichtlosen Emporkömmlinge festnageln sollten und die häufig ebenfalls mit dem Klang spielten:

Frau Raffke hat einen Seal-Pelz bekommen, den sie als See-Aal-Pelz bezeichnet. Als sie belehrt worden ist, daß man Siel-Pelz sagt, erzählt sie, ihr Sohn sei aufs Rielgymnasium gekommen und zankt sich stundenlang mit ihrem Mann, der sie aufklären will, daß es Realgymnasium heißt:
„Ick laß mir doch nich für dumm verkoofen!“

Aus:
Hans Ostwald: Was nicht im Wörterbuch steht. Berlinerisch, mit vielen Zeichnungen von Heinrich Zille, Karl Arnold und Rudolf Großmann, München: R. Piper & Co. Verlag 1932, S. 61


| Nr. 12, August 2007 |

„Schlafe patent“. Jaekel's Patent-Möbel

Jaekel's Patent - Anzeige 1907  
 

Aus:
Katalog der Grossen Berliner Kunst-Ausstellung 1907, Berlin, Stuttgart und Leipzig: Union Deutsche Verlags-Gesellschaft 1907


| Nr. 11, Juli 2007 | 

 „Det is’n Sauwetter! Da könnte man zwee draus machen!“

Von Zahlen und von Zeitbegriffen


Der Berliner erzählt: Eens, zwee, dreie, viere, fünfe, sechse, sieben, achte, neune, zehne, elwe, zwelfe, dreizehn, virrzehn, fufzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzij, eenunzwanzij, zweeunzwanzij, dreiunzwanzij, vierunzwanzij, fünfunzwanzij, sechsunzwanzij, sieb’nunzwanzij, achtunzwanzij, neununzwanzij, dreißij, virrzij, fufzij, sechzij, siebzij, achtzij, neinzij, hundert, dausend, ’ne, Milliohn, ’ne Milljarde.

Wer mit einem Chauffeur oder mit einem Kleinhändler abrechnet, muß achtgeben auf Abkürzungen. Der Berliner ist zwar liebenswürdig, aber er setzt voraus, daß jeder seine Abkürzungen versteht und sagt nicht „Eine Mark und fünfzig Pfennig“. Kurz und bündig sagt er: „Eensfuffzij!" Der Fremde muß sehen, wie er das versteht.

Die Zahlen werden vom Berliner nicht nur beim Rechnen verwendet. Er benutzt sie in mancherlei Gesprächen. Einen hochgewachsenen Menschen nennt er „’ne lange Eens“. Bei schlechtem Wetter ruft er: „Det is’n Sauwetter! Da könnte man zwee draus machen!“ Fragt man jemand zu neugierig nach der Wohnung, dann antwortet der Berliner: „Drei Treppen hoch im Keller!“ Eine Frau, die nicht gern ihr Alter angeben will, wird geneckt: „Zwischen siebzehn und siebzig!“ Wer übermäßig schmeichelt, bekommt zu hören: „Sie sind’n falscher Fuffzijer!“ (ein unechtes Geldstück).

So dient jede Zahl zu einer oder gar mehreren Redensarten.

Bei der richtigen Zeitbestimmung wendet der Berliner, wie das im Kapitel „Vom Tonfall“ schon geschildert ist, gern alte Wortstellungen an. „Um Uhrer eenßen!“ bedeutet: „Um ein Uhr.“ „Vor’n Jahrenser zehne!“ „Vor zehn Jahren“. Doch wird diese Wendung nur bei unbestimmten Zahlenangaben gebraucht.

Der Berliner, sonst so genau, sagt nicht „Drei Viertel nach Vier“, Dreiviertel fünf!“ sagt er. Ein Viertel nach fünf aber ist „Viertel sechs!“ Ein Besuch kommt pünktlich um vier – nicht vier Uhr. Wer um Uhre vieren kommt, ist nicht pünktlich, sondern kommt ungefähr um vier Uhr. Wenn jemand während der Mittagszeit kommt, dann heißt das „unter Mittag“: Wird er die ganze Mittagszeit hindurch erwartet, dann heißt das „über Mittag“. Und kommt jemand genau um 12 Uhr, dann heißt das „uff Mittag“.

Aus:
Hans Ostwald: Was nicht im Wörterbuch steht. Berlinerisch, mit vielen Zeichnungen von Heinrich Zille, Karl Arnold und Rudolf Großmann, München: R. Piper & Co. Verlag 1932, S. 68-69


 | Nr. 10, Juni 2007 |

Patentirte Kaffeemaschinen-Fabrik S. Löff, Brüderstraße Nr. 32.


Das große Ministerium hat dem Inhaber im Jahre 1832 ein Patent auf die von ihm erfundenen neu construirten Kaffee-, Thee- und Chokoladen-Maschinen auf fünf Jahre erteilt. Herr Löff hat dadurch seine Kunstwerkstatt und sein Geschäft überhaupt auf eine sehr bedeutende Weise vermehrt, und sein Waarenlager, welches auf eine sehr geschmackvolle Weise eingerichtet ist, reiht sich auf diese Art, auf eine ausgezeichnete Weise, an die vielen Magazine unserer Hauptstadt an.

Schon seit mehreren Jahren sehr verdienstlich damit beschäftigt, seinem Fabrikat durch besondere Bearbeitung und Vorrichtungen eine Haltbarkeit zu verschaffen, welche durch die früheren Methoden, die man zur Bearbeitung dieser Gegenstände anwendete, nicht erreicht ward.

Herr Löff bedient sich statt des Schlagens des Metalls durch die gewöhnlichen Instrumente einer besonders dazu erbauten Maschine, welche nicht allein vollkommen ihrem Zweck, in Hinsicht des getriebenen Metalls, entspricht, sondern sie erspart, durch die Quantität ihrer Lieferungen, eine Menge Arbeiter. Die Werkstatt des Herrn Löff besteht schon seit dem J. 1830, sie ist aber in neuester Zeit aus dem frühern Lokal in das oben bezeichnete Grundstück verlegt, und man findet in diesem eleganten Magazin alle Arten von Blech-, Messing- und Tombal-Waaren, sowohl Kaffee-Maschinen nach eigener Invention bearbeitet, als auch andere Geräthschaften, zu einem Preise, welcher bei der Güte der Waaren sehr billig gestellt ist.

Aus:
Neuestes Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände, hrsg. von L. Freiherr von Zedlitz, Berlin 1834
 

| Nr. 9, Mai 2007 |

Wie spart die Frau von heute?

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Aus: Was die Frau von Berlin wissen muß ... Ein praktisches Frauenbuch für Einheimische und Fremde. Unter Mitwirkung der berufensten Vertreterinnen auf den verschiedensten Gebieten der Frauenarbeit, zweite Ausgabe, Berlin und Leipzig: Herbert S. Loesdau Verlagsbuchhandlung 1932 


***

Der Text erschien in dem genannten Buch als eines der „illustrierten Referate“.  Das Buch gibt Frauen einen Einblick in Berliner Geschichte und - schwerpunktmäßig - Gegenwart. Professor Dr. Frida Schottmüller fasst die Geschichte Berlins und die bildende Kunst zusammen, Anna Wertheimer berichtet über das Kunstgewerbe in Berlin, Professor Dr. Rhoda Erdmann über die wissenschaftlichen Anstalten. Von der Frau im politischen Leben berichtet Annegrete Lehmann als Mitglied des Reichstages, Dr. Ilse Reicke als Schriftstellerin von der Berliner Literatur. Von Berliner Frauenklubs und dem Frauenstudium ist die Rede, von der Hausfrauenarbeit als Berufsarbeit und der Hauswirtschaft als Erwerbsberuf: eine wahre Fundgrube. - gk -


| Nr. 8, April 2007 | 

Der König grüßt die Berliner

Friedrich II. reitet durch Berlin

Am 21. Mai 1785 – erzählt der General von der Marwitz* – sah ich den König von der Revue zurückkommen. Er ritt ein großes weißes Pferd, ohne Zweifel den alten Condé, denn er hatte seit dem Bayrischen Erbfolgekrieg beinahe kein andres Pferd mehr geritten. Sein Anzug war wie früher auf der Reise, nur daß der Hut ein wenig besser war, ordentlich aufgeschlagen und mit der Spitze nach vorn, echt militärisch aufgesetzt. Hinter ihm waren eine Menge Generale, dann die Adjutanten, endlich die Reitknechte. Das ganze Rundteil (der jetzige Belle-Alliance-Platz)* und die Wilhelmstraße waren gedrückt voller Menschen, alle Fenster besetzt, alle Häupter entblößt, überall das tiefste Schweigen und auf allen Gesichtern ein Ausdruck von Ehrfurcht und Vertrauen wie zu dem gerechten Lenker aller Schicksale.

Der König ritt ganz allein vorn und grüßte, indem er fortwährend den Hut abnahm. Er beobachtete dabei eine merkwürdige Stufenfolge, je nachdem die aus den Fenstern sich verneigenden Zuschauer es ihm zu verdienen dünkten. Bald lüftete er den Hut nur ein wenig; bald nahm er ihn vom Haupte und hielt ihn eine Zeit lang neben diesem; bald senkte er ihn bis zur Höhe des Ellenbogens herab. Aber diese Bewegung dauerte an, und sowie er sich bedeckt hatte, sah er schon wieder andre Leute und nahm den Hut von neuem ab. Er hat ihn vom Hallischen Tor bis zur Kochstraße gewiß zweihundertmal abgenommen.

Durch dieses ehrfurchtsvolle Schweigen tönte nur der Hufschlag der Pferde und das Geschrei der Berliner Gassenjungen, die vor ihm hertanzten, jauchzten, die Hüte in die Luft warfen oder neben ihm hersprangen und ihm den Staub von den Stiefeln wischten. Beim Palast der Prinzessin Amalie in der Wilhelmstraße* angekommen, war die Menge noch dichter, denn dort erwartete sie den König. Der Vorhof war gedrängt voll, doch in der Mitte, ohne Anwesenheit irgendeiner Polizei, geräumiger Platz für ihn und seine Begleiter.

Er lenkte in den Hof hinein. Die Flügeltüren gingen auf, und die alte lahme Prinzessin, auf zwei Damen gestützt, die Oberhofmeisterin hinter ihr, wankte die flachen Stiegen hinab, ihm entgegen. So wie er sie gewahr wurde, setzte er sich in Galopp, hielt, sprang rasch vom Pferd, zog den Hut, umarmte sie, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe wieder hinauf. Die Flügeltüren gingen zu. Alles war verschwunden, und noch stand die Menge, entblößten Hauptes, schweigend, aller Augen auf den Fleck gerichtet, wo der König verschwunden war, und es dauerte eine Weile, bis ein jeder wieder ruhig seines Weges ging.

Und doch war nichts geschehen. Nein, nur ein dreiundsiebzigjähriger Mann, schlecht gekleidet, staubbedeckt, kehrte von seinem mühsamen Tagewerk zurück. Aber jedermann wußte, daß dieser Alte auch für ihn arbeite, daß er sein ganzes Leben an diese Arbeit gesetzt und sie seit fünfundvierzig Jahren noch nicht einen einzigen Tag versäumt hatte.

Aus: Anekdoten von Friedrich dem Großen, eingeleitet von Reinhold Schneider, Leipzig: Insel-Verlag ohne Jahr (dreißiger Jahre)


***

* Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777 – 1837) erzählte die Geschichte, die in die Flut von Anekdoten um Friedrich II. einging. In Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Oderland, wird sie wiederholt. – Das Rondell in der Friedrichstraße erhielt 1815 den Namen Belle-Alliance-Platz, 1947 den Namen Mehringplatz. - Der Palast der Prinzessin Amalie war die Sommerresidenz der Schwester Friedrichs des Großen. Sie lag in der Wilhelmstraße 102. Das Palais baute Karl Friedrich Schinkel 1830 für den Prinzen Albrecht um. 1934 zogen die Nationalsozialisten ein: Der Sicherheitsdienst des Reichsführers der SS nutzte es für das SD-Hauptamt und als Dienstsitz des Chefs der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich. Seit 1987 liegt dort ein Teil der Gedenkstätte Topographie des Terrors. - gk -


| Nr. 7, März 2007 |

Knopf-Fabriken

Schon im vorigen Jahrhundert zeichneten sich mehrere Gürtler durch ihre Lieferungen von glatten und façonnirten Modeknöpfen aus, welche, gleich den ausländischen, geschätzt und gesucht waren, und eine Stahlfabrik, die des Schwerdtfegers Herrn Voigt, welche im Jahre 1755 errichtet wurde, beschäftigte sich unter andern auch mit der Anfertigung von allerhand Stahlknöpfen, die von den Galanthommes* damaliger Zeit zum Theil von ziemlicher Größe auf den Mode-Fracks getragen wurden, und noch in unserer Zeit hin und wieder auf Winterröcken erscheinen.

Damals sind die Metall-Knopf-Fabrik des Herrn Jagdmann an der Jungfernbrücke, in erstem Ruf, und Haffner in der Sieberstraße unterhielt seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine ganzmetallene Knopf- und Schnallen-Fabrik; zinnerne und versilberte Zinnknöpfe lieferten Erdmann, Hoffmann und Apel. Im Jahre 1801 waren 30 Metall- und Horn-Knopfmacher in Berlin; zu ihnen kamen 5 Zinn-Knopfmacher.

In Hinsicht der Fabrikation der Seidenknöpfe müssen wir bemerken, daß sie  immer mehr ein integrirender Theil des Posamentiergeschäfts* geworden ist; daher hatten sich die bis zum Jahre 1806 422 Personen im Jahre 1830 auf 369 vermindert. In der Gegenwart besitzt Berlin eine größere Fabrik, welche metallene Knöpfe liefert. Sie war früher unter dem Namen „die Maedickische“ bekannt, und ist jetzt auf die Herren Gebr. Anwandter, Jägerstraße Nr. 25, übergegangen. Eine andere ist die des Herrn J. C. Maedicke, Spandauer Straße Nr. 46 und noch andere sind die von Papenguth, Spittelmarkt Nr. 5, Pötsch, Artilleriestraße* Nr. 31 und Linienstraße Nr. 154, Stülpnagel, Breite Straße Nr. 8 u. s . w. Die zuerst genannte Knopf-Fabrik beschäftigte im Juli 1834 gegen 100 Personen.

Aus:
Neuestes Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände, hrsg. von L. Freiherr von Zedlitz, Berlin 1834


***
* Die Galanthommes waren die feinen Herren, die Gentlemen. Sie, die Damen und - je nach Vermögen - alle Menschen brauchten und gebrauchten Posamentierwaren: Besatzartikel wie Borten, Schnüre, Quasten und Fransen, die auf die Kleidung genäht wurden, an Fenster- und Sitzmöbeldekorationen. Auch dieser Begriff stammt aus dem Französischen, von passement = Borte. - Die Artilleriestraße ist die heutige Tucholskystraße in Mitte, Spandauer Vorstadt.

Wer heute eine Knopf-Fabrik sucht, besuche Knopf Paul in der Zossener Straße, Kreuzberg. - gk -


| Nr. 6, Februar 2007 |

Berlinerisch


Nichtberliner glauben, daß der Berliner stets da, wo im Hochdeutschen ein ei steht, es wie ee ausspricht. Das stimmt aber nicht.
Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß im Berlinerischen „ei“ nur dann zu „ee“ wird, wenn auch im Niederdeutschen „ee“ steht. Er sagt also: „Der Kerl , der die Arbeet erfunden hat, der muß nischt zu dun jehabt haben!“ Wenn aber im Niederdeutschen für ein „ei“ ein „i“ steht, dann bleibt der Berliner beim „ei“: „Det kann ja keen Schwein lesen!“
Also sagt der Berliner auch nicht „meen“. Wenn jemand „meen“ oder „meener“ sagt, verrät er, daß er kein echter Berliner ist und nur vortäuschen will. Der Berliner sagt wohl: „Du meenst wohl nee?“ d.i.: „Bist du anderer Meinung.“ Wenn aber das besitzanzeigende Wort mein ausgesprochen wird, dann bleibt es deutlich mein“ Nie sagt der Berliner: „Meene Braut!“

Aus:
Hans Ostwald: Was nicht im Wörterbuch steht. Berlinerisch, mit vielen Zeichnungen von Heinrich Zille, Karl Arnold und Rudolf Großmann, München: R. Piper & Co. Verlag 1932, S. 48


| Nr. 5, Januar 2007 |

Berlin, der Feuerkopf

„Wasserkopf“ – schalten sie dich – du große, herrliche Stadt. Aber gewaltige Kräfte gären in dir. Zu jeder Frone geknechtete Elemente dienen deinem Tagewerke. Tiefste Gedanken denken deine Forscher. Deine Künstler weben im Schönen, deine Dichter träumen mehr.
Wieviel Gutes und Großes gebärst du? Wieviel Gutes und Edles hebt sich zum Licht in deinen Mauern! Das Erbarmen geht groß durch deine Straßen: dem Heimlosen ein Dach, dem Hungernden ein Brot, dem Kranken ein Bett weist deine offene Hand. Verlassener Kinder Hort, ich preise dich hoch!
Was die herrliche Zeit Herrliches denkt, du bringst es zur Tat, du Riesenkind! Von heißem Leben durchpulst, durchglüht von allen Ideen der Epoche, träumst du in Werken schon die neue Zeit.
Heißes flammendes, glühendes Leben loht in dir - - Feuerkopf – Feuerkopf! ...

Hans Land

Aus: Berlin unter dem Scheinwerfer, mit einem Titelbilde von Prof. Dr. Max Liebermann, herausgegeben von J. Landau im Auftrage der Centralstelle für den Fremdenverkehr Groß-Berlins, Berlin: Fichte-Verlag (Paul Wustrow) 1924


***
In den zahlreichen Büchern über die zwanziger Jahre in Berlin wird ein Thema stets vergessen: Dass Berlin in dieser Zeit von Publizisten, Künstlern und Politikern kritisiert und schlecht gemacht wurde. Deshalb rief die Centralstelle für den Fremdenverkehr Groß-Berlins fünfzig namhafte Persönlichkeiten aller Bereiche auf, für dieses Buch Texte zu verfassen, in denen der schlechte Ruf der Reichshauptstadt widerlegt würde. Maximilian Harden, Gerhart Hauptmann, Else Lasker-Schüler und Franz Mendelssohn sind darunter. Für das Titelbild gewann sie Max Liebermann, dessen Radierung den bibliophilen Reiz des Bandes ausmacht.

Das Geleitwort des Bürgermeisters Gustav Böß fiel etwas länger aus als die Verteidigung Berlins durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit im Jahre 2006, Berlin sei „arm, aber sexy“.

Aus dem Geleitwort von Gustav Böß: 

„Die Männer, die nach mir an dieser Stelle das Wort ergreifen, werden, so hoffe ich, Kritiker jener Art eines besseren belehren. Sie werden zeigen, daß Berlin trotz mancher unerfreulichen Ereignisse und Erscheinungen auch heute noch eine Stadt regster, angespanntester Arbeit ist; daß bei allen in ihm vertretenen Gebieten industriellen und kommerziellen Lebens, wissenschaftlicher und künstlerischer Betätigung der ihm stets eigen gewesene Schaffensdrang nicht erlahmt ist, sondern im Gegenteil, trotz der ihn immer noch beengenden Fesseln mannigfaltigster Art, die sich aufs neue kräftig zu regen beginnt.

Sie werden des weiteren dartun, daß auch die Bevölkerung Berlins im Grunde die alte geblieben ist: daß Fleiß und Nüchternheit des Berliners, seine Zähigkeit wie sein Wille sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen, und endlich auch seine besondere Gabe, mit den Waffen fröhlichen Witzes und Spottes der mancherlei Widerwärtigen und Ärgernisse des täglichen Lebens Herr zu werden, bis auf den heutigen Tag keine Einbuße erlitten hat.“ – gk

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