Berlin-Bücher „von gestern“ Berlin-Literatur
Bücher zur Berliner Geschichte, die es noch im Buchhandel gibt
| Nr. 14, Oktober 2007 |
Nicht sieben Leben, aber mehr als eins
Jenny Williams nähert sich Hans Fallada
„Mehr Leben als eins?“ Nur so scheint die gebrochene Biographie des Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947) zu fassen zu sein. Die Romane „Kleiner Mann – was nun?“(1932), „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ (1934) und „Ein Mann will hinauf“ (hg. 1953) besitzen bis in die Gegenwart große Popularität. Der Mensch Rudolf Ditzen dagegen verbirgt sich hinter dem Pseudonym Hans Fallada und bleibt seinem Lesepublikum weitgehend unbekannt. Jenny Williams analysiert ausgehend von der Privatperson Rudolf Ditzen dessen Lebensabschnitte.
Das Werk, die künstlerischen Schaffensprozesse finden Ursache und Wirkung zugleich im Pseudonym Hans Fallada, so die Autorin. Die irische Germanistin nutzte für ihre Darstellung insbesondere bisher unveröffentlichte Erinnerungen, Briefe aus dem Hans-Fallada-Archiv Carwitz und Gespräche mit der Ehefrau Falladas, Anna Ditzen.
Die umfangreichen Recherchen geben die Sicht frei auf die zwiespältigen Aspekte des Lebens von Hans Fallada. Politisch immer wieder zwischen den Fronten stehend, literarisch gelobt und bewundert einerseits, getadelt und verworfen andererseits, gelangen ihm trotz seiner starken, periodisch auftretenden Suchterkrankungen Werke, deren erzählerische Kraft und intensive Beobachtung zugleich dokumentarischen Charakter haben.
Wie stark dabei persönliche Probleme, finanzielle Nöte und literarischer Schaffensdrang voneinander in Abhängigkeit geraten, zeigt Jenny Williams so eindrucksvoll, das ihre Biographie Falladas wahrhaftig spannend zu lesen ist. Das liegt auch an der kompakten Darstellung, die sehr gut in die deutsche Übersetzung von Hans-Christian Oeser übertragen wurde. - Gerhild H. M. Komander -
Jenny Williams: Mehr Leben als eins. Hans Fallada Biographie. Berlin: Aufbau-Verlag 2002. 391 S. Mit 36 Schwarzweißabbildungen und einem Anhang mit Anmerkungen, Bibliographie und Personeneregister.
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| Nr. 14, Oktober 2007 |
Caroline, Wilhelm und Alexander
Die Humboldts in Berlin
Von „Schloss Langweil“ in Tegel bis nach „Preußisch Arkadien“ zieht sich ein Reigen von Erzählungen über das Leben der Familie Humboldt, der die Stadt Berlin, der Staat Preußen und in der Person des Forschers Alexander von Humboldt die ganze Welt viel zu verdanken haben.
Das Verdienst der Autoren besteht über die eigentlichen Recherchen und deren Wiedergabe hinaus darin, in bestens lesbarer Form, ja, zuweilen unterhaltender Komik, vom Leben der Humboldts zu erzählen; dem Verlag Nicolai ist die großzügige Ausstattung des Werkes zu verdanken, die mit der Hilfe von Kupferstichen, Gemälden, Zeichnungen und vielem mehr die stillen und abenteuerlichen Lebensläufe der Familienmitglieder illustriert und den Eindruck dieser ungewöhnlichen Persönlichkeiten intensiviert.
Ausführlich berichten Fröhling und Reuss von der Kindheit Wilhelms und Alexanders, von den Studienjahren der Brüder Humboldt, ihrer Tätigkeit als Staatsmann und Forscher. „Des Himmels bestes Geschenk“ ist nach einem Zitat Caroline von Humboldts das Kapitel über sie, die Frau Wilhelms, geborene von Dacheröden, überschrieben. Die Zitate aus dem Briefwechsel des Paares gehören wie die Briefe selbst zu dem schönsten, was in deutscher Sprache geäußert worden ist.
Sie schmücken auch das Kapitel über Wilhelms Jahre als Student und junger Ehemann. „Unrast“ trieb Alexander von Humboldt um die halbe Welt. Er freundete sich als Göttinger Student mit Georg Forster an, dem Autoren der „Reise um die Welt“, die er mit seinem Vater als Begleiter von James Cook tatsächlich erlebt hatte. Diese Begegnung hatte Folgen. Der Anblick der Nordsee bei Ostende ließ Alexander ins Schwärmen geraten, dachte er doch an die Länder jenseits des Meeres. Aus Schwärmerei wurde Ernst.
Sowohl Alexander als auch Wilhelm erlebten das revolutionäre Paris. Wilhelm führte Tagebuch, Caroline einen Salon. Alexander ließ es sich nicht nehmen, Sand für den Freiheitstempel auf dem Marsfeld herbeizuschaffen. Vom Pincio in Rom aus betrachtete Wilhelm von Humboldt als preußischer Vertreter beim Heiligen Stuhl die Ewige Stadt und fand genug Gelegenheit zu Altertums- und anderen Studien. „Ich muss Minister werden“, zitieren ihn die Autoren. Welch ein Land, das solch einen Minister, einen Gelehrten und Kosmopoliten, auch bekam.
Dennoch verließ er nur schweren Herzens Rom, um 1808 im schwer bedrängten Berlin anzukommen, nichtahnend, was die preußischen Reformer mit ihm vorhatten. Während Alexander in Paris forschte, reformierte Wilhelm in Berlin, was reformierbar war. Gegensätzlicher konnten unter Napoleons Herrschaft über Europa die Wohnorte der Brüder nicht sein.
Wilhelm zog sich endlich als der „Weise von Tegel“ mit Caroline auf sein Schloss zurück. Eine letzte Reise führte sie zur Tochter nach London. Mit der Beschreibung dieses letzten Lebensjahres des Ehepaares und des verarmenden Alexander schließen „die Lebenslinien einer gelehrten Familie“. - Gerhild H.M. Komander -
Stefan Fröhling, Andreas Reuss: Die Humboldts. Lebenslinie einer gelehrten Familie, Berlin: Nicolai 1999. 160 S. Mit 48 Farb- und 70 Schwarzweißabbildungen, Anhang mit Literaturverzeichnis und Personenregister.
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| Nr. 13, September 2007 |
Größer, aber nicht schöner
Günter de Bruyn spaziert Unter den Linden
Zwischen Zeughaus und Kronprinzenpalais sollten Bänke stehen, auf dem Mittelstreifen der Straße Unter den Linden – nicht nur, aber auch um Günter de Bruyns Buch „Unter den Linden“ zu lesen, ganz in Ruhe. Man liest ein Kaptitel oder zwei, vielleicht am Sonntagmorgen, wenn der Strom der Passanten sich erst bilden muss, der Straßenverkehr noch schläft, schaut sich um, geht weiter.
De Bruyn beginnt sein Buch mit dem Wintertag, an dem 937 Flugzeuge der 8. US-Luftflotte 2 264 Tonnen Spreng- und Brandbomben über der Mitte Berlins abwarfen und die Straße in eine rauchende Steinwüste verwandelten. Es war der 3. Februar 1945. Verglichen mit den Gebäudeschäden war der zahlenmäßige Verlust an Menschenleben geringer, denn Unter den Linden wohnte schon lange fast niemand mehr. Im interessantesten Teil der Straße, zwischen Schlossbrücke und Charlottenstraße, ist es schon lange so. Früher hieß es hier „Platz vor dem Zeughaus“ und „Platz vor dem Opernhause“, sprechende Namen. Daher haben die vielfigurigen Parade-Bilder Franz Krügers ihre Namen.
Günter de Bruyn rollt keine Geschichte der Straße auf, sondern erzählt Geschichten, Mensch für Mensch, Haus für Haus, da wo Menschen und Gebäude die berühmtesten Spuren hinterließen. Am Beginn der „Linden“, dort wo leider keine Bänke stehen, errichtete der erste Bürgermeister des Friedrichswerder, zu dem dieser Abschnitt damals gehörte, sein eigenes Haus: Johann Gregor Memhardt, kurfürstlicher Festungsbaumeister.
Am Ende der Linden, genau genommen am Pariser Platz, residierte Berlins berühmtester Maler, Max Liebermann. Beide Herren waren Bürger der Stadt, doch die Straße war lange nicht bürgerlich, sondern erstreckte sich wie ein verlängerter Arm des Schlossgartens vom kurfürstlich-königlichen Schloss zum kurfürstlich-königlichen Tiergarten. Ein Reitweg zunächst, den Linden- und Nussbäume verschatteten, angelegt 1647 unter Kurfürst Friedrich Wilhelm, genannt der Große Kurfürst.
Die Spaziergänge des Dichters Heinrich Heines in den „Briefen aus Berlin“ (1822) schildern die „Linden“ zu Beginn der Schinkelzeit. Da gab es anstelle der steinernen nur eine hölzerne Brücke über den Cöllner Stadtgraben, die Hundebrücke und nicht Schlossbrücke hieß. Statt der Bankhäuser und Hotels, der Kaffeehäuser und Bühnen, die schon vor den „goldenen zwanziger Jahren“ Furore machten, reihten sich jenseits der Charlottenstraße vier- und fünfstöckige Wohnhäuser aneinander, die Georg Christian Unger, Architekt Friedrichs II. , erbaut hatte. Gelegentlich fiel ein Palais dazwischen auf.
Der Winterwohnsitz der Prinzessin Amalie von Preußen, die es dem Autor besonders angetan hat, ist zu nennen. Ihr Palais verschwand unter dem Prachtbau der russischen, später sowjetischen und seit der friedlichen Revolution 1989 wieder russischen Botschaft. De Bruyn erzählt von ihrer musikalischen Begabung, ihrer Pflege des Werkes von Johann Sebastian Bach und ihrer – nicht belegten – Liebe zu Friedrich Freiherr von der Trenck.
„Größer, aber nicht schöner“ überschreibt de Bruyn treffend dieses Kapitel. Denn nicht besser als dem Palais der Prinzessin Amalie erging es den Bauten Karl Friedrich Schinkels. Wo einst der Graf von Redern, Intendant des Königlichen Theaters, residierte, der Herzog von Cumberland mit seiner Frau Friederike – der viel geschmähten Schwester der Königin Luise – einen Salon unterhielt, ließ Lorenz Adlon 1906 sein Hotel errichten.
Eine kaum mehr bekannte Geschichte erzählt de Bruyn zum Ende seines Buches: „Die Tunnel“ heißt sie und spielt in den letzten Kriegstagen, kurz vor der Kapitulation 1945, vielleicht am 2. Mai. Die Bevölkerung Berlins suchte auch im Tunnel der Nord-Süd-Bahn Schutz vor Bomben und Gewehren. Wer die Sprengung und Flutung des Tunnels am Landwehrkanal veranlasst hatte, kann nicht mehr geklärt werden. Ein- bis zweihundert Menschen ertranken.
Günter de Bruyns Spaziergang durch die Straße Unter den Linden endet am Brandenburger, dem Symbol der Deutschen Einheit und Berliner Geschichte. Hier gibt es wieder Bänke, Sonnenplätze zum Niederlassen und Ausruhen. Nur ungern verlässt die Leserin den Boulevard und den stillen Meister der Sprache und wandert in Gedanken noch einmal zurück zur Schlossbrücke – wo alles begann. – Gerhild H. M. Komander -
Günter de Bruyn: Unter den Linden, München 2002. 191 Seiten. 8,50 Euro
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| Nr. 12, August 2007 |
Der Himmel über Berlin
Die Geschichte der astronomischen Forschung
auf den Punkt gebracht
Seit dem 1. August 2002 gehören die Archenhold-Sternwarte, Alt-Treptow 1, und das Zeiss-Großplanetarium in der Prenzlauer Allee 80 zur Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin. Ein gemeinsames Buch der beiden renommierten Forschungseinrichtungen erschien bereits vier Jahre vorher. Denn die Berliner Geschichte lässt sich ja nicht teilen. Beide Einrichtungen ergänzen das Spektrum der Angebote des DTMB.
Die Geschichte der Astronomie in Berlin hat eine lange Tradition. Die Berliner Akademie-Sternwarte, mit der Gründung der Sozietät der Wissenschaften Berlin 1700 entstanden, gehörte zu den frühesten Einrichtungen ihrer Art im deutschsprachigen Rauem. Eine ausführliche Darstellung fehlte jedoch bisher.
Die zwölf Autoren, ausgewiesene Kenner und Forscher im Bereich der Astronomie und ihrer Wissenschaftsgeschichte, stellen die wichtigen Persönlichkeiten der Berliner Astronomie und die bedeutenden Institute Berlins und auch Potsdams vor. Die Geschichte beginnt mit Johann Carion (1499-1537), Hofmathematiker und Astronom des Kurfürsten Joachim I. Die Sintflut, die Carion für das Jahr 1524 vorhersagte, blieb glücklicherweise aus und Brandenburg mäßig feucht. Leonhard Thurneysser, Johann Elert Bode, Johann Franz Encke, Wilhelm Beer, Wilhelm Julius Foerster - Namen, die Berliner Wissenschaftsgeschichte schrieben und weit darüber hinaus den Berliner Forschungsstätten internationale Anerkennung brachten -, folgen.
Überaus spannend liest sich die „Entdeckung des Neptun“ durch den Assistenten Enckes, Johann Gottfried Galle, und den Studenten Heinrich Louis D'Arrest im September 1846, die durch die Berechnungen von Urbain Jean Joseph Le Verrier möglich wurde. Alexander von Humboldt, so ist für die astronomischen Laien zu entdecken, erwarb mit seinen Vorlesungen über physische Weltbeschreibung die Bereitstellung der finanziellen Mittel für eine neue Berliner Sternwarte, da die alte Einrichtung den zeitgenössischen Erfordernissen seiner Meinung nach nicht mehr genügte. Weit mehr Beispiele wären zu nennen. Doch kurz gefasst: Ein vergnügliches Lesen, das die Autoren Fachkundigen und Laien bereiten. - Gerhild H.M. Komander -
Die Geschichte der Astronomie in Berlin, hg. von Dieter B. Herrmann und Karl-Friedrich Hoffmann, Berlin: Archenhold-Sternwarte und Wilhelm-Foerster-Sternwarte 1998. 159 S. 8,60 Euro
Das Buch ist über die beiden Institute, aber nicht im Buchhandel erhältlich.
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| Nr. 12, August 2007 |
„Eine Vorstadt zum Verlieben“
Die Spandauer Vorstadt ist die eigentliche Altstadt Berlins
„Eine Vorstadt zum Verlieben“ nennt Gerhard Eichhorn von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz das Altberliner Quartier vor dem einstigen Spandauer Tor am Hackeschen Markt.
Wer hier in den achtziger Jahren unwissend - in Hinsicht auf die Berliner Geschichte dieses Stadtteils - spazieren ging, fand sich bald und immer wieder überrascht: Von der düsteren Chausseestraße mit ihren historischen Friedhöfen, die Oranienburger Straße hinab gewandert, bog man als Fremde(r) eher zufällig hinter dem Hackeschen Markt - angelockt von dem zarten Kirchturm - in die Sophienstraße ein und rieb sich die Augen. In der Spandauer Vorstadt fanden die Besucher das, was es weder südostwärts um die Nikolaikirche noch etwa im Westen Berlins gab: alte Stadt, städtische Struktur, die wohl älter als hundert Jahre sein musste.
Nach der friedlichen Revolution 1989 entdeckten vorwiegend junge Menschen, die die Stadt besuchten, das, was jungen Einwohnern in Ostberlin längst vertraut war: die kulturelle Nische, die in diesen verwinkelten Straßen ihren Platz gefunden hatte.
Interesse vieler Hauseigentümer und vor allem das Engagement des Landesdenkmalamtes führten schließlich dazu, daß die Spandauer Vorstadt „im Ergebnis der flächendeckenden und parzellengenauen Inventarisation aller denkmalwerten Bauten in den Jahren 1991-1993 (...) in ihrer Gesamtheit als Denkmalensemble unter Schutz gestellt“ wurde.
Die umfangreichen Restaurierungen und Modernisierungen haben die Spandauer Vorstadt zu einem der beliebtesten Anziehungspunkte von Berlin gemacht. Dem Landesdenkmalamt, den Geldgebern und den vielen anderen Engagierten sei Dank, denn Berlin hat damit in der Tat eine Altstadt zurückerhalten.
Das Buch zur Spandauer Vorstadt, die ihren Namen nach der Spandauer Straße erhielt, seiner Geschichte und Gegenwart ist ein „Muss“ für alle Menschen, die sich für die Berliner Geschichte interessieren. Hier wird die städtebauliche Entwicklung des Viertels vorgestellt, der Menschen gedacht, die sie beleben.
Die Gliederung in vierzehn Standorte erlaubt auch den ortskundigen Spaziergängern einen tiefen Einblick, gibt Anregungen, der vielen Sehenswürdigkeiten Herr zu werden, Großbauten und versteckten Kleinoden auf Entdeckungsreisen zu begegnen. Antworten darüber hinaus geben die nachfolgenden Aufsätze. Das Bund-Länder-Programm Städtebaulicher Denkmalschutz wird vorgestellt, der denkmalgeschützte Stadtgrundriß, das jüdische Quartier und Kunstgeschichte im Stadtraum. Die Putz- und Stuckfassaden der Altbauten werden ebenso wie die Neubauten in der Spandauer Vorstadt beschrieben.
Auch wenn das Buch kein Taschenformat hat (es würde die Fülle an notwendigen Informationen nicht fassen können), gibt es dafür keinen Ersatz: Wer es einmal in die Hand genommen hat, wird es als ständigen Begleiter mit sich führen. Die vorbildliche Ausstattung mit Grundrissen, Übersichtsund Detailplänen, die zahlreichen Abbildungen, die auch auf verborgene Kostbarkeiten hinweisen, hat der Imhof Verlag gestalterisch perfekt gelöst. - Gerhild H. M. Komander -
Volker Hübner und Christiane Oehmig: Spandauer Vorstadt. Ein Kunst- und Denkmalführer, hg. vom Landesdenkmalamt Berlin/Jörg Haspel (Beiträge zur Denkmalpflege Berlin, Sonderband), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2002. 288 S. Mit 586 meist farbigen Abbildungen, sowie Straßen- und Personenregister. 19,95 Euro
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| Nr. 11, Juli 2007 |
Lessing, der Judenfreund
Das Leben eines Aufklärers, beschrieben von Willi Jaspers
Die Biographie von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) steht für ein halbes Jahrhundert deutscher Literatur und Philosophie. Er verbürgerlichte die deutsche Aufklärung, begründete die deutsche Nationalliteratur und war der erste freie Schriftsteller. „Einer freigeistigen Elite“ böhmisch-sächsischer Herkunft entstammend bricht Lessing früh aus den beengten Kamenzer Verhältnissen aus, um in Leipzig zu studieren, wo er erste Kontakte zum Theater aufnimmt.
In seinem zwanzigsten Lebensjahr entschließt er sich, als freier Schriftsteller zu leben, und geht nach Berlin, wo er bis 1751 bleibt. Hier hinterlässt er erste literarische Spuren in der „Berlinischen Privilegierten Zeitung“ – aus der die „Vossische Zeitung“ hervorgeht -, für die er bis 1755 Kritiken schreibt und die Redaktion des „Gelehrten Artikels“ übernimmt.
In Berlin entsteht das Theaterstück „Die Juden“. Es macht Lessing zum „Judenfreund“, bevor er seinem jüdischen Freund Moses Mendelssohn begegnet. Der Aufenthalt in Berlin wird unterbrochen, der freie Schriftsteller und Journalist holt in Wittenberg die Promotion zum Magister nach.
Ein Jahr später, im November 1752, kehrt er zurück, trifft auf Karl Wilhelm Ramler, Friedrich Nicolai, Moses Mendelssohn und Ewald von Kleist. Diese Freundschaften binden ihn an Berlin, dennoch lässt er sich nicht endgültig nieder, geht 1755 nach Leipzig, weil er in Berlin keine Bühne für „Miss Sara Simpson“ findet, kehrt 1758 zurück und verläßt die Stadt zweieinhalb Jahre später abermals, um von 1760 bis 1765 als Sekretär des Generals Tauentzien in Breslau zu arbeiten, kommt wiederum für zwei Jahre nach Berlin und verlässt es endgültig, um als Dramaturg am Nationaltheater Hamburg zu arbeiten.
Lessing und Nicolai heben ein neues kritisches Journal, die „Briefe Die Neueste Literatur betreffend“ aus der Taufe und verfassen gemeinsam mit Moses Mendelssohn und Thomas Abbt 337 Briefe, deren polemische Schärfe die Beteiligten mehrfach zum Verhör vor die staatliche Zensurbehörde bringt.
Als zwiespältig erweist sich durch die intensiven Nachforschungen Willi Jaspers der Aufenthalt Lessings in Breslau. Was tat er als Sekretär Tauentziens? Jasper bezeichnet ihn als „Makler des Interessensausgleiches zwischen dem jüdischen Münzpächter in Berlin und dem preußischen Münzdirektor in Breslau“. Lessing kennt beide persönlich, Veitel Heine Ephraim und Friedrich Bogislaw von Tauentzien, und nutzt seine Berliner Verbindungen. So läßt ihm Moses Mendelssohn vertrauliche geschäftliche Botschaften durch den Kaufmann und Dichter Ephraim Moses Kuh, einem Neffen Ephraims, zukommen.
Willi Jasper vermutet, daß Lessing von Anfang an in die Pläne der Münzverschlechterung während des Siebenjährigen Krieges eingeweiht war und bringt „die unverhoffte Ernennung zum auswärtigen Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften, ohne dass ein Antragsteller bekannt wurde,“ damit in Verbindung.
Zwei Jahre lang hält sich Lessing danach in Berlin auf und beendet die Manuskripte zu „Laokoon“ und „Minna von Barnhelm“, Texte, in denen er die Breslauer Erfahrungen bearbeitet. Darauf verweist die Gedenktafel am Haus Nikolaikirchplatz 7, deren Inschrift an diesem Ort Verwirrung stiftet. Sie stammt vom letzten Berliner Wohnort Lessings in der Königstadt.
Gotthold Ephraim Lessing wohnte bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin von 1748-1751 in demselben Haus in der Spandauer Straße wie später Mendelssohn und verfasste hier das Drama „Die Juden“. 1752-1755 lebte er am Nikolaikirchplatz (Nr. 10) - und verfasste mit "Miss Sara Sampson" das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel, 1755 -, drei Jahre später bis 1760 in der Heiliggeiststraße (Nr. 10) und 1765 Am Königsgraben in der Nähe des Paradeplatzes. Am letzten Wohnort entstanden „Laokoon“ und „Minna von Barnhelm“. Hier war die Freundschaft mit Ewald von Kleist maßgeblich an der Entstehung der Figur des Major von Tellheim beteiligt. „Minna von Barnhelm“ gelangte als erstes deutsches Theaterstück auf die englische Bühne.
Eng verbunden ist die Rezeption der Werke Lessings durch die Berliner Theaterbühnen mit der Gestalt Carl Theophil Döbbelins, der 1783 „Nathan der Weise“ im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt zur Aufführung brachte, nachdem er zuvor andere Werke Lessings (1768 „Minna von Barnhelm“, 1772 „Emilia Galotti“) mit seiner Truppe gespielt hatte.
Im Nicolaihaus in der Brüderstraße Nr. 13 wurde ein Lessing-Museum eingerichtet, das 1939 geschlossen wurde. Dem Judenfreund Lessing durfte unter nationalsozialistischer Regierung kein Museum gewidmet sein. - Gerhild H. M. Komander -
Willi Jasper: Lessing, München: List Taschenburch Verlag 2006. 480 S. 9,95 Euro
Willi Jasper: Lessing. Aufklärer und Judenfreund, Berlin und München: Propyläen Verlag 2001. 471 S. 25,00 Euro
Leseempfehlung:
Gustav Sichelschmidt: Lessing in Berlin, Berlin: Punkt-Verlag 1971. 107 S.
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| Nr. 11, Juli 2007 |
Rohrpost
Auf geheimen Wegen durch Berlin
Am 1. März 1963 erließ das Bundespostministerium in West-Berlin die Mitteilung, die Sendungsart „Rohrpost“ falle künftig weg. Rohrpost? „Eine Methode zur Beförderung von Briefen, Karten, Telegrammen, kleineren Paketen und Frachtgut mittels Luftdruck durch Rohrleitungen von Sende- zu Empfangsstation“, so kann man als Erklärung bei Ingmar Arnold nachlesen. Auch vor 1963 Geborene werden sich darunter nicht viel vorstellen können: Es klingt zu modern, als das dieses Verfahren so lange schon nicht mehr bestehen könnte.
Die Rohrpost, das war der Fortschritt der Kommunikationstechnik im 19. Jahrhundert, sie wurde dann von der Entwicklung derselben überholt. Ihre höchsten Beförderungszahlen, ihre Blütezeit hatte die Rohrpost, in England - wo sonst? - entwickelt, zwischen 1875 und 1945. Die Rohrpostzentrale befand sich im Haupttelegraphenamt Oranienburger Straße (gegenüber der Neuen Synagoge), Berlin-Mitte.
Berlin war bis 1945 das Zentrum der deutschen Rohrpostindustrie. Arnold beschreibt die Anfänge in London, die „Eroberung der Welt“ und die Rohrpost in Berlin, die als technisches Denkmal durch Führungen des Museums für Kommunikation Interessierten gezeigt wird. Besonders anschauliches Quellenmaterial wie das Verzeichnis der „Rohrpostlinien“ mit ihren „Fahrtzeiten“ illustriert das Buch.
Rohrpostanlagen existieren heute noch und sind weltweit in Gebrauch, aber örtlich begrenzt, in Flughäfen, Bibliotheken, Banken, Behörden, als Hausrohrpost und so weiter. Dank Ingmar Arnold erfahren wir mehr über diese inzwischen „geheimen“ Wege der Kommunikation. - Gerhild H. M. Komander -
Ingmar Arnold: Luft-Züge. Die Geschichte der Rohrpost in Berlin und anderswo, Berlin: Verlag Gesellschaft für Verkehrspolitik und Eisenbahnwesen e.V. (GVE) 2000. 136 S. Mit 137 Schwarzweißabbildungen. 15,24 Euro
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| Nr. 11, Juli 2007 |
Immer ein Paar tausend Pfund Schnupftabak vorrätig
Anton Friedrich Büsching über Friedrich den Großen
Wenn ein „Vielschreiber“ Anekdoten schreibt und das Werk „Friedrich der Große privat“ betitelt, findet das Büchlein seine Leserschaft. Der König hat ungebrochen über Jahrhunderte sein staunendes, krittelndes, bewunderndes Publikum. Der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching (1724 - 1793) nahm sich nicht die Zeit, am aufklärerischen Disput seiner Zeitgenossen teilzunehmen, und wird doch ein Aufklärer genannt. Dem König begegnete er selten und beschrieb ihn doch „privat“ – aus zweiter und dritter Hand.
Die Bezeichnung „Anekdoten“ hätte Büsching sich wohl verboten, hatte er doch die ihm erzählten Gewohnheiten des Königs gewissenhaft „untersucht“. Tatsächlich sind es keine Anekdoten im Stile Friedrich Nicolais oder Georg Christian Ungers, keine der Geschichtchen, die den „Alten Fritz“ popularisierten, sondern trockene Beschreibungen des königlichen Tageslaufs, wie sie wohl geschwätzige Pagen und Lakaien hervorbrachten. Anton Friedrich Büsching, der Statistiker verzeichnete sie penibel. Wie er sie auf ihren „Wahrheitsgehalt“ hin prüfte - so die Behauptung, der König habe stets ein paar tausend Pfund Schnupftabak vorrätig gehabt -, bleibt des Autors Geheimnis. - Gerhild H. M. Komander -
Anton Friedrich Büsching: Friedrich der Große privat. Bericht eines Zeitgenossen, Karwe: Edition Rieger o. J. 63 S. Mit neun Illustrationen
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| Nr. 10, Juni 2007 |
Kein Ghetto in Berlin
Der Jüdenhof an der Grunerstraße
Weitab von den bekannten Orten jüdischen Lebens in der Mitte Berlins liegt heute die Jüdenstraße. Sie weist auf die Anwesenheit von Juden im Mittelalter hin. Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in der Stadt erfolgt im Jahr 1295, als den – christlichen – Tuchmachern verboten wurde, Garn von jüdischen Händlern zu beziehen. Eine kontinuierlich in Berlin ansässige jüdische Gemeinde gab es erst seit 1671.
In diesem Jahr gewährte Kurfürst Friedrich Wilhelm jüdischen Familien – ausdrücklich die wohlhabenden -, die Kaiser Leopold I. aus Wien vertrieb, Aufnahme in seiner Residenz. Sie lebten bis ins 19. Jahrhundert hinein vorzugsweise in der Spandauer Straße und deren Seitenstraßen. Denn am Ende dieser Berliner Hauptstraße befand sich in der Heidereutergasse die Synagoge, jenseits des Spandauer Tores hatte die Gemeinde ihren Friedhof in der Großen Hamburger Straße angelegt.
Die Jüdenstraße, die sich vom Berliner Rathaus über die Stralauer Straße zur Spree hinzieht, fand ihre Fortsetzung ursprünglich im Hohen Steinweg, der seinerseits auf den Neuen Markt vor die Marienkirche führte. An ihrem südlichen Ende lag der Jüdenhof, dicht an der Parochialstraße. Dieser Hof umfasste elf Wohnhäuser in einem unregelmäßigen Rechteck. Er war durch eine breite Gasse zwischen den Häusern Jüdenstraße Nummer 46 und 47 zu erreichen.
Der Jüdenhof war kein Ghetto, wie vielfach angenommen wird. Ein Ghetto hat es in der Berliner Geschichte nicht gegeben. Die jüdischen Familien, die ab 1671 nach Berlin kamen, wohnten nicht im Jüdenhof. Die Häuser waren viel zu klein für die wohlhabenden Ankömmlinge. Der Autor hat Pläne des Ortes zusammengestellt, die die Wandlung des Ortes dokumentieren, Photographien, die alle Gebäude des Hofes zeigen, und weitere Bilder aus den Jahren 1945, 1947 und 1960.
Die Häuser, die den Krieg leidlich überstanden, riss man zugunsten des Parkplatzes und der Grunerstraße ab. Die Robinie, die 1937 im Hof gepflanzt worden war und auf zahlreichen Bildern zu sehen ist, ließ das Grünflächenamt im Spätsommer 2006 fällen. Wohlwissend, dass ein Antrag vorlag, die Scheinakazie als Baumdenkmal eintragen zu lassen.
Dieter Hoffmann-Axthelm geht der Frage nach, wann der Jüdenhof entstand, wer ihn bewohnte, berichtet vom wechselhaften Schicksal der Berliner Juden und stellt Vergleiche zu brandenburgischen und deutschen Städten an. Er macht es seinem Lesepublikum sehr schwer, die vielen wichtigen Einzelheiten zum Jüdenhof zu überschauen. Es gibt keine zusammenfassende Einleitung, auch kein solches Nachwort.
Der Autor beginnt in der Gegenwart, geht in die frühe Neuzeit, dann weiter zurück ins Mittelalter, schließt vergleichende Kapitel mit anderen Regionen an, schiebt die Frage nach dem Wesen des Judenhofes ein, kehrt dann nach Brandenburg zurück und zum mittelalterlichen Jüdenhof in Berlin und endet in einer Betrachtung über die Zukunft des Ortes. Jegliche Chronologie und übergreifende inhaltliche Kontinuität fehlen dem Werk.
So schleppen sich die Lesenden – auch die Berlin-Versierten – von Kapitel zu Kapitel, blättern suchend vor und zurück und finden endlich eine Lesestrategie, die das Inhaltsverzeichnis ignoriert. Ermüdend sind die weit ausholenden Erklärungen, Wiederholungen und Ermahnungen, der Stil des Autors bis zum Satzbau hin. Die Frage nach dem mittelalterlichen Jüdenhof – die des späteren ist ja bekannt – beantwortet Hoffmann-Axthelm letztlich nicht. Da mag man das fehlende Literaturverzeichnis schon gar nicht mehr bemängeln. – Gerhild H. M. Komander –
Dieter Hoffmann-Axthelm: Der große Jüdenhof. Ein Berliner Ort und das Verhältnis von Juden und Christen in der deutschen Stadt des Mittelalters, Berlin: Lukas Verlag 2005. 230 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen.
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| Nr. 9, Mai 2007 |
Über Stock und Stein durch die Geschichte
Fort Hahneberg bei Spandau
Während die Berliner Bevölkerung eine Festungsanlage um ihre Stadt gerade fünfzig Jahre lang kannte, lebten die Menschen in Spandau über Jahrhunderte mit Zitadelle und Festung – und dem Fort, südlich des Dorfes Staaken auf dem Hahneberg errichtet.
Fort Hahneberg entstand in der Kaiserzeit, in den Jahren 1882 bis 1886. Seine Aufgabe bestand darin, die Festung Spandau zu schützen. Die Festung ihrerseits diente dem Schutz der preußischen Hauptstadt. Die Erfahrungen aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 zeigten, dass ein Ausbau der vorhandenen Anlagen notwendig war, um sowohl Berlin als Reichshauptstadt – seit 1871 – als auch die sich in Spandau konzentrierende Rüstungsindustrie zu verteidigen.
72 Millionen Taler aus den französischen Reparationszahlungen (für den vergangenen Krieg) bestimmte die deutsche Regierung zur Umgestaltung und Aufrüstung der deutschen Festungen. In diesem Zusammenhang steht der Bau des Forts Hahneberg.
Der Autor erzählt zunächst in aller Kürze die Geschichte der Festung Spandau mit dem Fort Hahneberg, beschreibt dann die Entwicklung der Artillerietechnik und die strategische Situation vor dem Bau des neuen Forts. In weiteren Kapiteln berichtet er von der Planung des Neubaus, dem Bau selbst, der Bewaffnung, der militärischen Nutzung von der Fertigstellung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.
Eine Zäsur gab es in der Geschichte des Forts nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Deutschen Teilung. Vielleicht war sie die Rettung. Denn Fort Hahneberg lag im Mauerstreifen. Sprengungen am Ende des Krieges hatten Teil der Anlage zerstört. Unmittelbar nach Kriegsende benutzten Anwohner das Fort als Steinbruch, um die eigenen Häuser zu reparieren. Nach dem Bau der innerdeutschen und der Berliner Mauer überwucherten Bäume und Sträucher Fort Hahneberg. Am Fuße des Berges errichteten Grenzsoldaten den Kontrollpunkt Staaken.
Zur Erforschung des Forts gründete sich nach 1990 die Arbeits- und Schutzgemeinschaft Fort Hahneberg. Ihre Mitglieder sicherten das Gelände ab und legten Gänge und Gewölbe in Monate langer Arbeit frei. Fundstücke aus den Grabungen stellten sie in einer Ausstellung im Haupt-Pulvermagazin zusammen. Aufgrund dieser engagierten Arbeit ist das Fort Hahneberg nun für BesucherInnen geöffnet, die ein wertvolles Stück der vierhundertjährigen Spandauer Festungsgeschichte und damit auch Berliner Geschichte erleben möchten.
Manfred P. Schulze hat für seine Darstellung die Quellen des Stadtgeschichtlichen Museums Spandau, des Militärarchivs im Bundesarchiv, Freibung, und des Sächsischen Hauptstaatsarchivs Dresden durchforstet. Und ein umfangreiche Literaturliste angefügt. Ein kleines Glossar löst die häufig vorkommenden militärischen Fachbegriffe aus dem Festungsbau auf. - Gerhild H. M. Komander –
Manfred P. Schulze: Fort Hahneberg. Das einzige Außenfort der Festung Spandau (= Forschungen zur Geschichte von Stadt und Festung Spandau Band 1), Berlin: Heimatkundliche Vereinigung Spandau 1954 e.V. 2004. 224 Seiten. Mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabbildungen. 14,40 Euro
Führungen im Fort Hahneberg:
In der Saison von April bis Oktober veranstaltet die Arbeits- und Schutzgemeinschaft Fort Hahneberg an den Wochenenden und Feiertagen Führungen durch das Gelände:
Jeweils um 11 Uhr, 12.30 Uhr, 14.00 Uhr und 15.30 Uhr. Die Kosten betragen 3,00 Euro für Erwachsene, 1,00 Euro für Kinder.
Jeden ersten Sonntag im Monat führen Mitglieder des Vereins die Klappbrücke des Forts vor.
Umfangreiche Informationen bietet der Verein auf seiner Website an.
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| Nr. 9, Mai 2007 |
Berliner Konfektion und Mode 1836 - 1939
Die Zerstörung einer Tradition
In einer Zeit, in der ein schlichtes Vorwort AutorInnen schon zu HerausgeberInnen macht, Berlin-Bücher ohne Quellenstudien den Buchmarkt überschwemmen, greifen Leserinnen und Leser, die sich für die Berliner Geschichte interessieren, um so lieber auf Titel zurück, die auf echter Recherche beruhen. Auch wenn sie dafür in die Bibliothek gehen müssen.
Vor 19 Jahren veröffentlichte der Verlag Edition Hentrich Berlin in seiner Reihe „Deutsche Vergangenheit. Stätten der Geschichte Berlins“ Uwe Westphals Studie „Berliner Konfektion und Mode. Die Zerstörung einer Tradition. 1836 – 1939“.
Im Jahr 1288, am 12. April, stifteten die Markgrafen Otto V. und Albrecht die Schneidergilde zu Berlin, die den in der Stadt lebenden Handwerkern die Mitgliedschaft verpflichtend auferlegte. Ohne Bruderschaft in der Gilde durfte fortan niemand das Schneidergewerbe ausüben.
Konkurrenz gab es dennoch, eine gleichfalls fürstlich sanktionierte. Die Landesherren verkauften den Juden die Konzession, Handel mit fertigen Kleidern und Tüchern zu betreiben. Die Errichtung von Manufakturbetrieben im 18. Jahrhundert war den zünftigen Schneidern ebenso ein Dorn im Auge. Die Zunftverfassung schützte eine rückschrittliche Produktionsweise, die die Schneider – wie andere Gewerke auch – mit Zähnen und Klauen verteidigten, obwohl sie den steigenden Bedarf an Kleidung nicht decken konnten.
Auf dem Titel des Buches ist ein Entwurf der Modezeichnerin Alice Neumann zu sehen. Er steht für die Glanzzeit der Berliner Konfektion, die sich im 18. Jahrhundert entwickelt hatte, und deutet zugleich auf ihr abruptes Ende mit dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten hin. Denn ein großer Teil der Konfektionäre und Entwerfenden war jüdischer Herkunft. Ihnen war in Berlin – wie in anderen europäischen Städten – die freie Berufswahl verschlossen geblieben.
Uwe Westphal beschreibt die Entwicklung der Berliner Konfektion, ihre Standorte und Produkte, er nennt die vielen Namen von Unternehmern und Gestaltenden, die Berliner Modegeschichte schrieben. Hermann Gerson, der 1836 sein Geschäft in der Königlichen Bauakademie No. 3 eröffnete, Nathan Israel in der Spandauer Straße, die Brüder Manheimer in der Oberwallstraße. Alt-Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Friedrichstadt, das waren die Hauptstandorte der Bekleidungsindustrie und Konfektionshäuser. Die Kollektionen vom Hausvogteiplatz erreichten Weltruf.
Die Geschichte der Berliner Konfektion fügt Uwe Westphal eine Liste von Firmen der Damenkonfektion an, die er mit Hilfe von ZeitzeugInnen ermittelte. Sie ist eine wichtige Quelle weit über Forschungen zur Berliner Mode hinaus. Der Liste folgen Interviews. Den Abschluss des Buches bildet – natürlich vor Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Register – ein Artikel von Christa Gustavus über die Modezeichnerin Lieselotte Friedlaender. – Gerhild H. M. Komander -
Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836 – 1939. Die Zerstörung einer Tradition, Berlin: Edition Hentrich, 2. Auflage, 1992. 264 Seiten. Mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabbildungen
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| Nr. 8, April 2007 |
Gärtner am Galgenplatz und Eisen an der Panke
Die Invalidenstraße inmitten Berlins
Der Spaziergang beginnt am Nordbahnhof und endet am Lehrter Bahnhof, den es nicht mehr gibt, aber das war 1999, als das buch erschien, noch in weiter Ferne. Dem Buch und seinen vielen Fakten tut das keinen Abbruch. Gerhard Heinicke schreibt tatsächlich einen Spaziergang durch ein Stück Berliner Geschichte nach, beschreibt ein Viertel Berlins, das weitgehend unbekannt ist. Das neue Kapitel Berliner Hauptbahnhof können die neugierigen LeserInnen selbst hinzufügen und so die Geschichte fortschreiben.
Gerhard Heinicke erzählt erst einmal von den Kolonisten an Galgenplatz und Invalidenstraße, von der Sandwüste vor dem Hamburger Tor, dann von der Nord-Süd-Bahn, die das Leben in der Gegend für ein Jahrhundert prägte. Der Stettiner Bahnhof, der jetzige U- und S-Bahnhof Nordbahnhof nimmt viel Platz ein. Bahngeschichte interessiert viele Menschen. Bahnhöfe lieben viele Menschen. Ein kleiner Rest blieb vom Fest an der Invalidenstraße.
Von der Kreuzung Chausseestraße berichtet der Autor und von Scherings Grüner Apotheke. Schering ... Der Mythos ist geplatzt. Vorbei an Eisengießerei und trockenem Panke-Bett Naturkundemuseum, linker Hand Neuem Tor geht es zum Invalidenpark mit seiner langen, gar nicht glatten Geschichte bis an die Sandkrugbrücke. Schon wieder Sand ... Und schon verlassen die Stadtwanderer die Mitte und gelangen in den Tiergarten. Jetzt muss es heißen „nach Tiergarten“, denn der Tiergarten, das Tiergehege, gibt es hier jenseits des Berlin-Spandauer-Schiffahrtskanals schon lange nicht mehr.
Das Buch hat eine sehr schlichte Ausstattung. Es ist ein Privatdruck mit kopierten Bildern. Der Inhalt ist so faktenreich, dass die Investition allemal lohnt. Bis zum Lehrter Bahnhof hin. – Gerhild H. M. Komander –
Gerhard Heinicke: Spaziergänge durch die Mitte. Vom Henkergehöft zum Sandkrug – die Invalidenstraße, Berlin: Selbstverlag Heimatverein Berlin-Mitte e.V. 1999. 110 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen. 8,00 Euro
Zu beziehen über den Heimatverein Berlin-Mitte e.V., Am Festungsgraben 1, 10117 Berlin
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| Nr. 7, März 2007 |
Mit Bruno Taut durch Berlin
Winfried Brenne führt zu den Berliner Bauten des Architekten
Als vor einhundert Jahren der Deutsche Werkbund gegründet wurde, gehörte er zu den ersten Mitgliedern. Bruno Taut, der Weltbaumeister, der in Berlin zehntausende Wohnungen hinterließ. Der Deutsche Werkbund Berlin nennt ihn „Architekt, Stadtplaner, Designer, Humanist, Idealist, Sozialreformer, Utopist und vor allem Künstler“. Bruno Taut war auch Sozialist, weshalb er Deutschland verließ, bevor die Nationalsozialisten die Regierung an sich nahmen.
Zu seinem 125. Geburtstag stellte Winfried Brenne das Material zusammen, das diesen einzigartigen Stadtführer der Berliner Architekturgeschichte ausmacht. Nein, Spaziergänge werden hier nicht vorgegeben. Erstmals aber sind sämtliche Berliner Bauten in einem handlichen Band zusammengefasst, ausgezeichnet durch eine vollständige Werkliste. Keine Liste im üblichen Sinne des Wortes, sondern eine sehr detaillierte, mit Grundrissen, alten und neuen Photographien, einer knappen Beschreibung und Bewertung des Bauwerks oder der Siedlung.
Dem Werk Bruno Tauts vorangestellt sind einleitende, einführende Kurzaufsätze, die allen Leserinnen und Lesern leichten Zugang zum Verständnis des Architekten ermöglichen: Licht und Farbe bei Bruno Taut, Baudenkmale von Bruno Taut – Berliner Kandidaten für die Welterbeliste (UNESCO), Erhalt und Instandsetzung von Bruno Tauts Wohnsiedlungen. Auf den Werkkatalog folgt noch der schöne Aufsatz von Winfried Brenne: Städtebau und Architektur bei Bruno Taut.
Winfried Brenne: Bruno Taut. Meister des farbigen Bauens, hg. vom Deutschen Werkbund Berlin e.V., Berlin: Verlagshaus Braun 2005. 169 Seiten. Mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen. Texte in deutscher und englischer Sprache. 19,90 Euro - Gerhild H. M. Komander -
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| Nr. 7, März 2007 |
Der schönste Platz Berlins
Der Gendarmenmarkt in Geschichte und Gegenwart
Berlinerinnen und Berliner behaupten, dass auf dem schönsten Platz der Stadt zwei Dome stehen: der Französische und der Deutsche Dom. (Den einzigen wahren Dom halten wiederum die BesucherInnen der Stadt oft für die Hauptkirche der Katholiken Berlins.) Das ist ein Phänomen Berliner Geschichte.
Unter diesen Bezeichnungen stellt selbst der renommierte Kirchenführer-Verlag Schnell & Steiner in Regensburg die beiden Kirchen auf dem Gendarmenmarkt vor. Dass die beiden Gebäude, die hier als Dome bezeichnet werden, lediglich kleine Kirchen mit gesondert und sehr viel später errichteten Turmbauten sind, nehmen viele Gäste Berlins mit Erstaunen wahr. Aber das ist nur eine der Merkwürdigkeiten dieses Platzes, die der Autor erklärt.
Auch mit dem Namen des Platzes hat es eine besondere Bewandtnis: Offiziell besaß er die meiste Zeit seiner Existenz keinen! Bis um 1800 nannte man ihn den Friedrichstädtischen Markt, weil er unter König Friedrich I. als Kirchplatz angelegt und schließlich unter Friedrich Wilhelm I. als Marktplatz der Friedrichstadt ausgewiesen worden war. Die Bevölkerung fand die Aussprache des Namens zu umständlich und machte kurzerhand Gendarmenmarkt daraus, nach dem hier stationierten Régiment Gensd'Armes.
Zum schönsten Platz Berlins machte Friedrich II. den Gendarmenmarkt, der die kleinen Bauten der Deutschen Kirche (ab 1701 für eingewanderte Schweizer Calvinisten errichtet) und der Französischen Kirche (ab 1701 für die Hugenotten erbaut) 1780-85 durch mächtige Turmbauten akzentuieren ließ. Die drei aufeinanderfolgenden Theaterbauten (seit 1774) in der Mitte des Platzes, Französisches Theater, Nationaltheater und schließlich Schauspielhaus (heute Konzerthaus), gaben dem Gendarmenmarkt die heutige städtebauliche Ausrichtung.
Eine einheitliche Randbebauung mit dreigeschossigen Häusern, die in den historischen Aufnahmen des Buches zu entdecken ist, vollendete die im barocken Sinne konsequent repräsentative Gestaltung. Das Schillerdenkmal von 1864/69 fügte das bürgerliche Element hinzu. Der offiziellen Benennung des Gendarmenmarktes als Schillerplatz folgten die BerlinerInnen aller Verehrung für Friedrich Schiller zum Trotz nicht.
Die gestalterische Schönheit des Gendarmenmarktes aus friederizianischer Zeit begründete seinen Ruf, seine ungeheure Popularität rührt aber, so Laurenz Demps, aus den wenigen Jahren zwischen 1815 und 1830. In dieser Zeit eröffneten zahlreiche Gaststätten am und um den Platz, darunter das Weinlokal Lutter & Wegner, das Stammlokal E.T.A. Hoffmanns. 1821 wurde das Schauspielhaus eingeweiht, dessen Besucher und Akteure teilweise um den Markt herum lebten und arbeiteten.
Demps führt die Geschichte des Gendarmenmarktes über die fast komplette Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den bewundernswerten Wiederaufbau bis 1987 und die ergänzenden Rekonstruktionen bis 1993 in die Gegenwart. Dabei darf man eine eigentliche Baugeschichte nicht erwarten, dafür ist die Gliederung des Buches nicht eindeutig genug. Die Kapitel überschneiden sich häufig, wie auch die zahlreichen bedeutsamen Abbildungen, die gebündelt das Lesen des Textes erleichtern würden. Bedauerlich, dass dem Text weder Anmerkungen noch Literaturhinweise angefügt wurden.
Laurenz Demps: der schönste Platz Berlins. Der Gendarmenmarkt in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Parthas Verlag 2001, 132 S. Mit 72 Schwarzweiß- und 16 Farbabbildungen. 19,50 Euro
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| Nr. 6, Februar 2007 |
Berlin-Wedding auf historischen Ansichtskarten
Ein historischer Stadtrundgang
Sigrid Schulze, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Heimatmuseums Weddung, hat aus den Beständen der Sammlung Günter Rehm, des Heimatmuseums Wedding und des Bezirskamts Mitte von Berlin 79 historische Ansichtskarten (eine kolorierte ziert den Titel) vom Wedding aus den Jahren zwischen 1890 und 1960 ausgewählt und kommentiert.
Ungläubiges Staunen weckt bereits die Titelabbildung, die den Weddingplatz mit der 1884 eingeweihten Dankeskirche zwischen Müllerstraße und Reinickendorfer Straße als das Entré des Wedding von der Chausseestraße her zeigt. Diese Ansicht sucht man heute ebenso vergeblich wie viele andere auch. Doch weitere frühe Postkarten verdeutlichen, daß die städtische Struktur des einstigen Bezirkes weitgehend erhalten blieb.
Neben den berühmten Bauten des Wedding, dem „Beamtentor“ der AEG in der Brunnenstraße, der St. Paulskirche an der Badstraße, dem Amtsgreicht in der Pankstraße und dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus am Augustenburger Platz, findet man in diesem Buch viele - vielleicht unvermutete - Ansichten aus dem Wedding, die heute auch alteingesessenen BewohnerInnen nicht mehr vertraut sein dürften. Die ausführlichen Kommentare von Sigrid Schulze machen diese Ansichtensammlung zu einer wichtigen Quelle für alle an der Geschichte des Wedding Interessierten und zu einem Vergnügen für die Neugierigen.
Sigrid Schulze: Berlin-Wedding auf historischen Ansichtskarten. Ein historischer Stadtrundgang, Lutherstadt Wittenberg: Drei Kastanien Verlag 2001. Unpaginiert. Mit 78 Schwarzweißabbildungen.
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| Nr. 6, Februar 2007 |
Berlin – „Germania“.
Luftbildplan 1945 – Das zerstörte Berlin
„Germania“, diesen Namen hätte Berlin als Reichshauptstadt erhalten sollen, wenn – wie Adolf Hitler plante – die umfassende Neugestaltung der alten Stadt im Jahr 1950 abgeschlossen worden wäre. Der Abriß von mehreren zehntausend Gebäuden war beschlossen und begonnen, um die Bebauung der Nord-Süd-Achse zu realisieren, die mit einem nördlichen Fernbahnhof in der Gegend des Nordhafens beginnen und einem südlichen Bahnhof in sieben Kilometern Entfernung abschließen sollte. Der geringste Teil davon ist gebaut und genutzt worden: die Neue Reichskanzlei in der Voßstraße.
Der Plan zeigt das auf einen Luftbildplan Berlins aus dem Jahr 1943 projizierte CAD-Modell – einmal als dreidimensionales Modell, einmal als transparenten Grundriß -, das auf der Grundlage von Dokumenten aus dem Bestand des Landesarchivs Berlin und dem Fotoarchiv von Wolfgang Schäche (vgl.: Hans J. Reichhardt und Wolfgang Schäche: Von Berlin nach Germania. Über die Zerstörungen der „Reichshauptstadt durch Albert Speers Neugestaltungen, Berlin: Transit Verlag 1998) erstellt wurde. Felix Escher kommentiert den Plan auf 24 Seiten im dazugehörigen Begleitheft und thematisiert „Architektur und Herrschaft“, befaßt sich mit dem Ideengeber der Nord-Süd-Achse, Martin Mächler, und dem erhaltenen Schwerbelastungskörper an der Kolonnenbrücke in Schöneberg.
Aus einzelnen photographischen Aufnahmen der Alliierten, die vermutlich im März 1945 entstanden, setzt sich der Luftbildplan 1945 zusammen, den Bien & Giersch in diesem Jahr herausgebracht hat. Die Planlegende, die Felix Escher im Begleitheft beschreibt, nennt wichtige Orientierungspunkte, politische Einrichtungen, militärische Bauten wie Flakbunker, Schutzanlagen, Splittergräben und großflächige Tarnmaßnahmen. Darüberhinaus wird den Betrachtenden deutlich, in welchem bedeutenden Umfang die Zerstörung Berlins nach Beendigung des Kampfhandlungen durch Abriß sowohl in Ost- wie in Westberlin fortgesetzt wurde. Doch das ist hier nicht das Thema.
Weitere Luftbilder kommentiert Felix Escher im Begleitheft. Sie zeigen zum Beispiel den Runden Platz an der Potsdamer Brücke, der unweit der St. Matthäuskirche im Entstehen begriffen war. Die Ruine des Hauses des Fremdenverkehrs, nicht unähnlich den Bauten am Fehrbelliner Platz, wurde wie die ringsum verbliebenen Gebäudereste abgerissen. Das Luftbild der Friedrichstadt aus dem Jahr 1956 beschreibt Escher anhand der verbliebenen Orientierungspunkte.
Hier zeigt sich besonders deutlich, daß nach der Kapitulation nicht nur die Trümmer fort geräumt wurden, sondern auch die historische Struktur ganzer Stadtteile zerstört wurde. Ganz wichtig ist auch die letzte Abbildung mit ihrem Kommentar: der Potsdamer Platz und seine Umgebung nach Süden und Osten. Hier wird gewissermaßen der Hinweis von Hans-Werner Klünner illustriert, daß die Gegend, die heute als Potsdamer Platz bezeichnet wird, nicht der ursprünglich so benannte Platz ist. - Gerhild H. M. Komander -
Berlin – „Germania“, Konzept von Ulrich Giersch. Mit einem Begleitheft von Felix Escher, Berlin: Bien & Giersch Projektagentur GmbH 2004.
Luftbildplan 1945 – Das zerstörte Berlin. Bereich Knie (Ernst-Reuter-Platz) bis Ostbahnhof, Konzept von Ulrich Giersch. Mit einem Begleitheft von Felix Escher, Berlin: Bien & Giersch Projektagentur GmbH 2004.
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| Nr. 6, Januar 2007 |
Der Kaiser von Neukölln
Berlin 1948. Wilhelm Kaiser dachte sich eine kluge Lösung aus: Briten und Amerikaner bauen eine Brücke über die sowjetisch besetzte Zone hinweg nach Berlin. Ob man für den Bau der Brückenpfeiler auf dem Territorium zwischen Berlin und den Westzonen eine Genehmigung erhalten würde? Ach, denen würde schon etwas einfallen.
Wilhelm Kaiser wusste nicht, dass Lucius Clay, der amerikanische Militärgouverneur ähnliche Überlegungen anstellte. General Clay gab Anweisung, „sämtliche verfügbaren Transportflugzeuge auf der Strecke nach Berlin einzusetzen – obwohl er sich mit dem pfiffigen Gastwirt aus Berlin-Mitte nicht darüber beraten hatte.“
Horst Pillau (* 1932) erzählt diese Geschichte in seinem Roman „Der Kaiser von Neukölln“. Er erschien 1987, als der Autor von Hörspielen und Kabarettsendungen längst berühmt war. Seine Romanfigur Wilhelm Kaiser hat wesentlich dazu beigetragen. Als „Kaiser vom Alexanderplatz“ hatte Pillau den Kneipenwirt erfunden und machte ihn auch zur Hauptfigur in seinem Roman der Berliner Nachkriegsgeschichte. Im Hebbeltheater wurde der „Kaiser vom Alexanderplatz“ am 30. April 1964 uraufgeführt. Erik Ode verfilmte die Geschichte 1963/64: Die Hauptrollen spielten Anita Kupsch, Berta Drews und Rudolf Platte. Walter Plathe spielte den „Kaiser“1996 im Theater am Kurfürstendamm, dann in Hamburg und Dresden.
Am 12. Dezember 1987 erlebte das Publikum die Uraufführung des Nachfolgestückes „Der Kaiser von Neukölln“ im Hansa-Theater in Moabit und am 19. Januar 1992 am selben Ort den dritten Teil der Kaiser-Trilogie „Der Kaiser vom Potsdamer Platz“. Kriegsende, Berlin-Blockade und Berliner Luftbrücke, Mauerbau – diese drei Etappen Berliner Geschichte erzählt Horst Pillau mit sehr viel Sympathie für seine Protagonisten und deren menschliche Schwächen.
Wilhelm Kaiser verlässt seinen geliebten Alexanderplatz und pachtet eine heruntergekommene Gastwirtschaft in der Neuköllner Hermannstraße. Mit Tochter Kitty und der Kellnerin Wally Dreffke richtet er die neuen Kaiserstuben ein. Das Röhren der Flugzeuge schreckt die drei gleich am ersten Tag auf: Das Lokal liegt in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof, der in den folgenden Monaten Landeplatz der Luftbrücken-Piloten wird. Der Spaß kann beginnen.
Unverdrossen machen Wilhelm. Kitty und Wally an die Arbeit. Sie begegnen dem Polizisten Hans Müller, der lieber Geiger sein will und nicht küssen kann, dem Schieber und Hausbesitzer Apostel, der vor dem gewitzten Gastwirt kapitulieren muss, und Ernst Reuter, dem Berliner Bürgermeister, der Wilhelm Kaiser für eine Heldentat dankt. Wilhelm Kaiser organisiert, was zu organisieren ist. Die Frauen organisieren sich selbst. Hand in Hand gelingt ihnen ein Neuanfang.
Der Flughafen Tempelhof, der bald seine Pforten schließen wird, liegt dem Schriftsteller Pillau persönlich am Herzen. Im letzten Jahr schimpfte er öffentlich über die bevorstehende Schließung des Flughafen, weil er selbst passionierter Flieger ist. Die meiste Zeit seines Lebens jedoch verbringt Horst Pillau mit Schreiben. Das ist die Schreibart eines Hans Fallada, fröhlicher jedoch – oder soll man sagen: positiver? - Gerhild H. M. Komander -
Horst Pillau: Der Kaiser von Neukölln, Frankfurt a. M. und Berlin: Ullstein Verlag 1987. 176 S.
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| Nr. 5, Januar 2007 |
Die Mendelssohns – eine deutsche Familie von A bis Z
15 Aufsätze in den Mendelssohn-Studien, Band 14
Alle zwei Jahre gibt die in Berlin ansässige Mendelssohn-Gesellschaft die Mendelssohn-Studien heraus. Die Aufsätze der letzten Ausgabe aus dem Jahre 2005 wählten Hans-Günter Klein und Christoph Schulte aus. 15 Beiträge haben die beiden Herausgeber zusammengetragen und redigiert. Die Reihenfolge entspricht der Generationenfolge innerhalb der Familie.
Viermal Moses Mendelssohn
So beginnt der 14. Band der Mendelssohn-Studien mit dem Familiengründer Moses Mendelssohn (1729-86). Dominique Bourel untersucht die Ikonologie Moses Mendelssohns, Christoph Schulte die Rezeption Moses Mendelssohns in Israel. Gideon Freudenthal geht der Kritik nach, die Salomon Maimon (1754-1800) an Mendelssohn und Naphtali Hartwig Wessely (1725-1805) übte.
Andreas Kennecke legt die erste deutsche Übersetzung eines Briefes vor, den Isaac Abraham Euchel (1756-1805) 1788 seiner in hebräischer Sprache verfassten Biographie Moses Mendelssohns voranstellte. Euchel schrieb diesen offenen Brief an Joel Bril (1762-1802), seinen Freund, dem er damit das Werk zueignete.
Warum widmete Euchel die Biographie nicht David Friedländer (1750-1834), der sich als legitimer Nachfolger Mendelssohns in dessen Rolle als Haupt der jüdischen Aufklärung, der Haskala, betrachtete? Euchel betont in seinem Brief-Vorwort die existentielle Bedeutung, die Moses Mendelssohn für die jüdische Jugend, für seine Schüler hatte, und schreibt deshalb seinen die Jugend vertretenden Freund an. Die Biographie Mendelssohns übertrug Reuven Michael 1998 ins Deutsche. Andreas Kennecke nennt sie, „eines der wichtigsten, präzisesten, kenntnis- und umfangreichsten Lebenszeugnisse eines Zeitgenossen über Moses Mendelssohn.“
Henriette Maria Mendelssohn
Hans-Günter Klein widmet sich der Herausgabe der Briefe von Henriette Maria Mendelssohn (1775-1831) aus Paris an ihre Schwägerin Lea Mendelssohn Bartholdy (1777-1842). Henriette, die jüngste Tochter Moses Mendelssohns, lebte seit 1802 in Paris. Lea Salomon heiratete 1804 ihren Bruder Abraham. Die Briefe Henriette Mendelssohns befinden sich im Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Briefe ihrer Schwägerin gelten als verschollen.
Felix Mendelssohn Bartholdy
Im Frühjahr 2004 fand sich im Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin eine Akte an, die seit Jahrzehnten vermisst wurde: „Acta betreffend: Die Berufung des Componisten Dr. Felix Mendelssohn Bartholdi nach Berlin“. Wolfgang Dinglinger beschreibt den Inhalt der Akte, dessen Teile sich um die Bemühungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. drehen, Felix Mendelssohn Bartholdy für Berlin zu gewinnen. Dinglinger ediert sechs Entwürfe zu Briefen, die der Minister für Geistliche-, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, Johann Albrecht Friedrich Eichhorn (1779-1856), dem Geheimen Oberregierungsrat Karl Wilhelm Christian Kortüm (1787-1859) schreiben ließ.
Fanny Hensel
Mit der Pianistin Fanny Hensel (1805-47), Enkelin Moses Mendelssohns, befassen sich zwei Aufsätze der Mendelssohn-Studien. Christian Lambour kommentiert Berichte der Zeitgenossen, Hans-Günter Klein die öffentlichen Auftritte. Carl Friedrich Zelter, der Leiter der Sing-Akademie, Lili Parthey, die Schriftstellerin, Lea Mendelssohn, die Mutter, Ignaz Moscheles, der Musiker, Georg Friedrich Louis Stromeyer, der Arzt, und viele, viele Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Biographen beurteilten das Spiel der Mendelssohn-Enkelin und verglichen sie stets mit Felix, ihrem Bruder. Johanna Kinkel, die Politikerin, äußerte sich tief beeindruckt über das Klavierspiel Fanny Hensels, nannte es schlicht „vollendet“.
Christian Lambour hat Urteile der ZeitgenossInnen bis über Fanny Hensels Tod hinaus 1847 hinaus zusammengestellt. Franz Liszt schrieb an Carolyne Fürstin Sayn-Wittgenstein, sie sei „une musicienne extrêmement distinguée“ gewesen. Hervorragend? Mindestens!
Über die öffentlichen Auftritte Fanny Hensels, also außerhalb der Hauskonzerte im Elternhaus in der Leipziger Straße, berichteten die Berliner Tageszeitungen umgehend, in unterschiedlichen Wertungen. Hans-Günter Klein hat die Ankündigungen und Kritiken zu den Berliner Konzerten recherchiert. Die Vossische Zeitung und die Haude und Spenersche Zeitung nahmen das Spiel von Damenhand wohlwollend zur Kenntnis, ebenso die beiden Leipziger Musikzeitungen. Die sogenannten Dilettantenconcerte fanden mit doppeltem Eintrittsgeld zugunsten der Armen statt. Der karitative Zweck erlaubte es auch der Schwester eines Felix Mendelssohn Bartholdy, vor einem großen Publikum zu spielen. Dreimal trat Fanny Hensel in Berlin auf: am 19. Februar 1838, am 4. März 1841 und am 21. Februar 1847.
Arnold Mendelssohn
Der bislang wenig bekannte Komponist Arnold Mendelssohn (1855-1933) ist Thema des Aufsatzes von Jürgen Böhme. Der Autor erklärt, warum das Werk des Komponisten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr aufgeführt und Werk und Komponist infolge dessen in Vergessenheit gerieten. Wilhelm Furtwängler (1886-1954) hat „einen Mendelssohn“ nicht mehr aufführen wollen. Karl Straube (1873-1950) gefiel die Musik des Freundes nicht mehr. Beider Zeitgenossen Urteil wog schwer und wirkte nachhaltig. Kritiker bewerteten die Musik Arnold Mendelssohns als „gediegene akademische Arbeit“, der es an Genialität mangele. Böhme führt auch den hohen Schwierigkeitsgrad und die fehlende Aufführungspraxis als Gründe für das Desinteresse an.
Wappen für die Mendelssohns
Sebastian Panwitz verfolgt in seinem Beitrag „Die Wappen der Mendelssohns“ und deren Entwicklung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erfuhren drei Mitglieder der Familie Mendelssohn höchste kaiserliche Auszeichnungen, indem ihnen Friedrich III. und sein Sohn Wilhelm II. Adelsprädikate verliehen. Franz Mendelssohn (1829-89) erhielt den erblichen Adel anlässlich der Thronbesteigung Kaiser Friedrichs III. im Jahre 1888. 1896 und 1907 erhob Wilhelm II. Ernst Mendelssohn-Bartholdy (1846-1909) und Otto Mendelssohn Bartholdy (1868-1949) in den Adelsstand.
Mit den Nobilitierungen verbunden war die Bitte des Heroldamtes um Taufschein und Wappenentwurf. Der Taufschein lag vor, das Wappen nicht. Franz Mendelssohn wählte den Kranich als Wappentier, dazu den Spruch „Ich wach“. Vermutlich hatte Joseph Mendessohn, der Begründer der Mendelssohn-Bank, den Kranich als familiäres Emblem eingeführt. Als Firmenwappen taucht es erst im 20. Jahrhundert auf. Auch die Familienmitglieder Otto und Ernst nahmen das Motiv des wachsamen Kranichs als Wappentier auf.
Register der Mendelssohn-Studien
Das 25 Seiten umfassende Personen- und Firmenregister, das sich im Anhang befindet, weist auf die Verflechtungen hin, in denen sich die Familie Mendelssohn über alle Generationen hinweg befand. Hannah Arendt und Fanny Arnstein sind darin vertreten, ebenso die Familie Beer, Friedländer, Rothschild, die preußischen Könige und der Adel, die Künstler Christian Daniel Rauch und Wilhelm von Schadow, der Politiker Gustav Stresemann und der Philologe Leopold Zunz.
– Gerhild H. M. Komander –
Mendelssohnstudien. Beiträge zur neueren deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, Band 14, hg. von Hans-Günter Klein und Christoph Schulte für die Mendelssohn-Gesellschaft, Berlin: Duncker & Humblot 2005. 374 S. Mit 26 Schwarzweiß- und einer Farbabbildung. 44,00 Euro
Inhalt
Dominique Bourel: „Mendelssohn ist kein Wunder“: Zur Ikonologie von Moses Mendelssohn
Christoph Schulte: Herr Moses war kein Zionist. Zur Rezeption Moses Mendelssohns in Israel
Gideon Freundenthal: Rabbinische Weisheit oder Rabbinische Philosophie? Salomon Maimons Kritik an Mendelssohn und Weisel
Andreas Kennecke: Ein hebräischer Brief Isaac Abraham Euchels an Joel Bril über Moses Mendelssohn
Sebastian Pannwitz: Joseph und Abraham Mendelssohn unter Arrest. Eine Akte aus den Jahren 1811/12
Hans-Günter Klein: Henriette Maria Mendelssohn in Paris. Briefe an Lea Mendelssohn
Wolfgang Dinglinger: „Acta betreffend: Die Berufung des Componisten Dr. Felix Mendelssohn Bartholdi nach Berlin“. Briefe von und an Felix Mendelssohn Bartholdy
Anselm Hartinger: „… lauter Vocal- und Instrumentalcompositionen dieses unsterblichen Meisters“. Felix Mendelssohn Bartholdy und das Konzert zur Enthüllung des Leipziger Bach-Denkmals am 23. April 1843
Rudolf Elvers: „Alles Schöne muß verschwinden“. Das kurze Leben des Felix Mendelssohn Bartholdy jun.
Christian Lambour: Fanny Hensel – Die Pianistin. Dritter Teil: Berichte der Zeitgenossen
Hans-Günter Klein: Fanny Hensels öffentliche Auftritte als Pianistin
Ute Büchter-Römer: „Vergiß nicht Deine Tante…“. Aus den Briefen Rebecka Dirichlets an ihren Neffen Sebastian Hensel
Jürgen Böhme: „Von klassischem Geist und neuem Klang“. Ein Beitrag zur Rezeption der Musik Arnold Mendelssohns
Hans Bergemann: Ernst Westphal – Eine biographische Skizze
Sebastian Pannwitz: Die Wappen der Mendelssohns
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| Nr. 3, November 2006 |
Ganz Berlin. Ein Stadtführer
Woran erkennt man einen guten Stadtführer? Unter anderem daran, dass nicht nur die zeitweise in Mode gekommenen Stadtteile, Personen und Ereignisse zur Sprache kommen, sondern auch jene, die die Berliner Geschichte wesentlich geprägt haben, aber heute nicht zu den touristischen Zielen gehören. Eine ganze Stadt in einem Buch unterzubringen, ihrer Vergangenheit und Gegenwart gerecht zu werden und auch noch die Nutzbarkeit zu gewährleisten, ist kein leichtes Unternehmen.
Doch mit „Ganz Berlin“ ist es den Autoren und dem Nicolai Verlag gelungen. Wer auf seinen Spaziergängen durch die Stadt Geschichte und Gegenwart Berlins auf einen Nenner bringen will, ist mit diesem Stadtführer gut beraten. Die Historie und die KünstlerInnen hätten stärker berücksichtigt werden sollen, die Geschichtsdaten gelegentlich auch (1237 ist nicht das Gründungsdatum von Berlin und Cölln, sondern der Ersterwähnung Cöllns). Dennoch wird dieser Stadtführer lange zu den nützlichsten unter den Berlin-Büchern gehören. - Gerhild H. M. Komander -
Spaziergänge durch die Hauptstadt, hg. von Hinnerk Dreppenstedt und Klaus Esche, Berlin: Nicolai 2003. 512 S. Mit 444 Schwarzweißabbildungen und 56 Plänen.
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| Nr. 3, November 2006 |
Jüdische Geschichte in Berlin ist Berliner Geschichte
Moses Mendelssohn, Henriette Herz, Heinrich Heine, Felix und Fanny Mendelssohn-Bartholdy, Samuel Fischer, Emil und Walter Rathenau, Magnus Hirschfeld, James Simon, Alfred Döblin, Lesser Ury, Max Liebermann, Georg und Walter Benjamin, Paul Singer, Hugo Heimann ...
Die Liste der Namen populärer jüdischer Bürger und Bürgerinnen der Stadt Berlin scheint endlos. Sie lebten in der Stadt, mit der Stadt, für die Stadt und prägten Wirtschaft, Kultur und Politik so nachhaltig, daß der Verlust nicht auszugleichen war. Tröstlich, daß in dem vorliegenden Buch auch der Wiederaufbau der jüdischen Einrichtungen thematisiert wird. Es ist ein Neuanfang, wie die Herausgeber im Vorwort ausdrücklich betonen. Kontinuität, wie sie in den Feuilletons schwärmerisch beschrieben würde, sei nicht möglich nach der Zäsur, die das Jahr 1938 mit dem Novemberpogrom gesetzt hatte.
Das Buch beginnt am Anfang der jüdischen Geschichte Berlins, mit dem ältesten Zeugnis jüdischer Kultur in den Grenzen der heutigen Stadt, dem ältesten erhaltenen jüdischen Grabstein aus dem Berliner Raum vom Spandauer jüdischen Friedhof. Claudia-Ann Flumenbaum schreibt dazu im ersten Kapitel „Von den Anfängen bis 1789“, die Geschichte der Juden Berlins sei etwa so alt wie die der Stadt selbst, obwohl die erste Erwähnung erst für das Jahr 1295 nachgewiesen ist - doch der datierte Grabstein belegt diese Aussage.
Die folgenden Jahrhunderte der in Berlin und Brandenburg lebenden Juden waren gezeichnet von Duldung, Ausweisung und Ermordung. Die Orte ihrer Geschichte bis 1671 sind verschwunden, materielle Zeugnisse sind rar. Erst nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges kam es unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm wieder zur Aufnahme von Juden.
Ausdrücklich mit der Begründung, sie zur Beförderung des Handels und der Wirtschaft ins Land zu holen, gestattete der Kurfürst 1671 fünfzig jüdischen Familien, die aus Wien vertrieben wurden, die Einreise. Sie erhielten keine Bürgerrechte, und die Aufenthaltsdauer wurde auf zunächst zwanzig Jahre begrenzt. Dennoch entwickelte sich aus dieser zahlenmäßig geringen Gruppe von Menschen eine der wirtschaftlich und kulturell bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas.
Einzelne Mitglieder gewannen in den Jahrzehnten der Industrialisierung politischen Einfluß und setzten sich unbeirrt auf Seiten der Sozialdemokratie und anderer fortschrittlicher politischer Parteien für die Rechte der Arbeiter ein. Die verschiedenen Facetten jüdischen Lebens in Berlin und jüdischer Berliner, Emanzipation und Assimilation, Aufstieg und Vernichtung in einem Buch nachlesen zu können, erleichtert es interessierten Lesern und Leserinnen enorm, die eigenen Kenntnisse der Berliner Geschichte in der Neuzeit zu vertiefen, sie vielleicht überhaupt erst zu begreifen. - Gerhild H. M. Komander -
Juden in Berlin, hg. von Andreas Nachama, Julius H. Schoeps, Hermann Simon, Berlin: Henschel Verlag 2001. 264 S. Mit 37 Farb- und 240 Schwarzweißabbildungen, Chronik, Literaturverzeichnis und Personenregister.
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- © gerhild komander 11/06 -