| Nr. 1, September 2006 |
Der Schillerpark
„Freude schöner Götterfunken ...“
Von Gerhild H. M. Komander
Keinen geringeren Namen als den der Europa-Hymne trug der Entwurf des Gartenbauingenieurs Friedrich Bauer für den Schillerpark, der im Wedding entstehen sollte: „Freude schöner Götterfunken“. Er hat ihn wohlverdient.
Nach den Plänen Friedrich Bauers (1872-1937) legten die städtischen Gärtner eine der schönsten Volksparkanlagen in Berlin an.
Einen Garten zur Erholung und sportlichen Betätigung forderten die Stadtverordneten in der Wettbewerbsausschreibung von 1907.
„Eine überraschende Kostbarkeit hinter dem Alltag nördlicher Schultheiße und Patzenhofer“ nannte ihn Joseph Roth 1923, einen Park im Exil. „Er sieht aus, als wäre er einmal im Westen gewesen und als hätte man ihm, anläßlich seiner Verbannung, seinen Schmuckteich genommen und die Edelschwäne und das Wetterhäuschen mit Barometer und Sonnenuhr.“
Das Staunen über diesen Park hält bis in die Gegenwart an. Die einstigen Sanddünen der Wurzelberge bedeckten die Arbeiter mit 250 000 Kubikmeter Hausmüll, bevor sie den Mutterboden aufbrachten. Die Hauptkuppen der Sanddünen blieben erhalten. Bauer modellierte sie sanft, ließ einheimische Gehölze pflanzen, immer in kleinen Gruppen einer Art. Ein Park im Stil des englischen Landschaftsgartens entstand im Arbeiterbezirk Wedding.
Auf der Schülerwiese erhebt sich die dreistufige Terrassenanlage, in deren Unterbau Unterkünfte, Umkleide- und Waschräume Platz fanden. Sie steht wie eine Ritterburg in der Nordwestecke. Am schönsten ist ihre überraschende Wirkung zu erleben, wenn man die „Burg“ über die liegt der Kastanienhain zu Ehren Friedrich Schillers. Von hier gleitet der Blick über Sportfeld und Baumkronen hinweg bis zur Nazarethkirche am Leopoldplatz.
Eine Ebene tiefer grüßt der Dichter selbst, in Bronze, und erscheint seinen Gästen so vertraut. Richtig, das Standbild ist eine Kopie des Marmorwerkes auf dem Gendarmenmarkt, 1941 gegossen aus der eingeschmolzenen Bronze des Rathenau-Brunnens in den Rehbergen.Verschwunden ist der Rosengarten auf der untersten Terrasse. Immer wieder ist der weitgehend original erhaltene Zustand des Schillerparks betont worden.
Doch im vergangenen Jahr wichen die Beete eintönigen Rasenflächen. Im Südosten des Bezirks Mitte wird mit großem Aufwand die gärtnerische Gestaltung des Luisenstädtischen Kanals betrieben. Im Stadtteil Wedding werden die Rosenbeete des Parks eingeebnet, den der Kunsthistoriker Alfred Lichtwark 1907 als einen der schönsten und modernsten Deutschlands bezeichnete.
Fragen wirft die Namensgebung des Parks auf. War sie dem Arbeiterbezirk verordnet worden? Mitnichten. Friedrich Schiller galt der Arbeiterbewegung als Bundesgenosse des arbeitenden Volkes. Zum 100. Todestag des Dichters 1905 veröffentlichte Franz Mehring das Buch: Schiller – ein Lebensbild für deutsche Arbeiter. In demselben Jahr entschied die Stadtverordnetenversammlung die Namensgebung. Friedrich Bauer schloss sich an: Sein Entwurf „Freude schöner Götterfunken“ zitierte bewusst die erste Zeile der „Ode an die Freude“, die Schiller 1785 geschrieben und Ludwig van Beethoven 1824 vertont hatte.
Leseempfehlung:
Dieter Hildebrandt: Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs. München: Carl Hanser Verlag 2005.
Mehr über den Wedding erfahren Sie auf der Website gerhildkomander.de. Dort wird auch das Buch „Der Wedding. Auf dem Weg von Rot nach Bunt“ vorgestellt.
Zurück zum Seitenanfang
Zurück zum Überblick Künste
- © gerhild komander 9/06 -