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 | Nr. 1, September 2006 |

 

Die Waschküche Berlins 

Köpenick und sein Heimatmuseum


von GERHILD H. M. KOMANDER


Rathaus Köpenick, der Turm, 2006
Rathausturm Köpenick
75 Minuten dauert die Fahrt mit dem Fahrrad von der Seestraße im Wedding zum Rathaus Köpenick. Wilhelm Voigt schaffte es vor einhundert Jahren schneller. Er trug ja auch die Uniform eines Hauptmanns – und er nahm die S-Bahn. Mit dem Fahrrad gewinnt man jedoch eine Vorstellung davon, wie weit Köpenick von Berlin entfernt liegt – oder Berlin von Köpenick?

1906 sahen es die Menschen in der Stadt Köpenick sicher so. Längst war die Stadt über sich selbst hinausgewachsen. Große Industriebetriebe hatten sich angesiedelt: Die Marienglashütte, die Erste Deutsche Patent-Linoleum-Fabrik Köpenick-Berlin, die Firma Wilhelm Spindler, die AEG.

Ein Gaswerk war 1891 errichtet worden, der Bau der elektrischen Straßenbahn 1903 begonnen und das Rathaus 1905 erbaut worden. 1906 öffnete die Cöpenicker Bank ihre Pforten. Doch nicht sie war das Ziel des arbeitslosen Schusters, der am 16. Oktober 1906 Köpenick mit der S-Bahn ereichte.


Der Hauptmann von Köpenick macht Berliner Geschichte

Wilhelm Voigt marschiert geradewegs in das Rathaus, beruft sich auf eine „Allerhöchste Kabinettsordre“ und lässt den Bürgermeister Dr. jur. Georg Langerhans und den Kassendirektor von Wiltberg verhaften und zur Neuen Wache nach Berlin bringen.

Rathaus Köpenick, der Eingang, 2006
Rathausportal
Schuster Voigt beschlagnahmt 4 000 Reichsmark und geht. Zehn Tage später steht er vor dem Richter im Berliner Landgericht, kurz darauf vor den Toren der Strafanstalt Tegel.

Als Hauptmann von Köpenick ging er in die Geschichte ein. Die Köpenickiade ist heute eines der wichtigsten Arbeitsthemen des Heimatmuseums.

Claus-Dieter Sprink*, der das Haus am Alten Markt leitet, nennt ebenfalls die längst vergangene Fischerei- und Wäschereitradition als wichtige Forschungsaufgabe. Zu Recht.


 

Köpenick ta copan bedeutet die Siedlung auf einem Erdhügel oder Inselort

Das Heimatmuseum rollt jedoch die ganze, mehr als 800 Jahre umfassende Geschichte Köpenicks vor seinen Gästen auf. Die Ausstellung frühgeschichtlicher Funde und Rekonstruktionszeichnungen des Holz-Erde-Walls aus dem 8. Jahrhundert weisen auf die ersten Siedlungen hin.

Das Bildnis des christlichen Slawenfürsten Jacza de Copnik ist auf silbernen Brakteaten (Münzen) zu sehen. Jacza hatte Albrecht dem Bären im Jahre 1157 die Brandenburg streitig gemacht – und unterlag. Aus der slawischen Zeit blieb der Name des Ortes: Köpenick ta copan bedeutet etwa Siedlung auf einem Erdhügel oder Inselort. Wer denkt dabei nicht sofort an das nahe gelegene Schloß? Es steht an der Stelle der mittelalterlichen Burg, bis in die Gegenwart auf einer Insel.

Ein bescheideneres Gebäude sorgte 1995 für Erstaunen: Unter einer drei Meter dicken Erdschicht entdeckte man mächtige Eichenbalken, die um das Jahr 1214 zum Bau eines Hauskellers verwandt wurden. Fünf Jahre zuvor wurde Köpenick erstmals urkundlich erwähnt. Die Eichenbalken und ein Wasserfass bewahrt das Heimatmuseum.


Henriette Lustig wäscht für Berlin

Ein herausragendes Thema Köpenicks und des Heimatmuseums ist „Die Waschküche Berlins“. Eine Frau legte hierzu den Grundstock, Henriette Lustig: 27 Jahre alt, Nachfahrin des Heidereiters Peter Bock, der das heutige Heimatmuseum 1665 als kurfürstliches Geschenk erhielt. Sie gründete 1835 die erste Lohnwäscherei, aus der sich eine ganze Industrie entwickelte, die Wäscherei als Dienstleistung. Bei diesem Thema kommen die Gäste des Museums immer ins Gespräch.


Heimatmuseum Köpenick

Alter Markt 1, Telefon: 61 72 33 51
Di. u. Mi. 11.00 bis 16.00 Uhr, Do. 10.00 bis 18.00 Uhr, So. 14.00 bis 18.00 Uhr
Archive: Do. 10.00 bis 12.00 und 13.00 bis 18.00 Uhr


Leseempfehlung:

Köpenick. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. vom Heimatmuseum Köpenick, Berlin 1999. – Winfried Löschburg: Ohne Glanz und Gloria. Der Hauptmann von Köpenick. Berlin: Ullstein 1998. - Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann  von Köpenick wurde. Ein Lebensbild, hrsg. von Werner Labisch und Jörg Sundermeier. Berlin: Verbrecher Verlag 2006.


* Claus-Dieter Sprink, der im August noch die Arbeit zu diesem Artikel unterstützte und Photos bereitstellen ließ, starb am 4. Oktober 2006 nach schwerer Krankheit. Der engagierte Historiker setzte sich für die Aufstellung des Denkmals Friedrichs II. in Friedrichshagen ein, baute das Köpenicker Museum aus, gab der Geschichte eine Heimat.

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- © gerhild komander 9/06 - 6/07 -