| Nr. 2, Oktober 2006 |
100 Jahre Wilmersdorf im Heimatmuseum
Von Schafherden zu Emils Detektiven
von GERHILD H. M. KOMANDER
Wilhelm Rex persönlich unterzeichnete die Verleihung der Stadtrechte vor 100 Jahren: „Auf den Bericht vom 15. August d. Js. will Ich der Landgemeinde Deutsch-Wilmersdorf im Kreise Teltow die Annahme der Städteordnung vom 30. Mai 1853 gestatten. Wilhelmshöhe, den 20. August 1906. gez. Wilhelm R. ggz. von Bethmann Hollweg.“ Kaiser Wilhelm II. unterschrieb die Urkunde als preußischer König. Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) zeichnete als preußischer Innenminister gegen. 1909 stieg er zum Reichskanzler, Ministerpräsidenten und Außenminister auf. Die märkischen Dörfer Deutsch-Wilmersdorf und Schmargendorf entwickelten sich vor den Toren Berlins zu einer Stadt.
Einen Scheffel Roggen für den Pfarrer
Die Dörfer des Bezirkes entstanden im Zuge der deutschen Besiedlung der Mark, spätestens im 13. Jahrhundert. Der Wilmersdorfer Pfarrer betreute damals auch Lützow (seit 1705 Charlottenburg) und erhielt dafür von den Bewohnern einen Scheffel Roggen im Jahr. So steht es in der Urkunde aus dem Jahr 1293, in der Wilmersdorf zum ersten Mal erwähnt wird. Den Weg des Pfarrers bezeichnet die Brandenburgische Straße, die einst Priesterweg hieß. Die Grünanlagen an der Wilhelmsaue in Wilmersdorf zeichnen noch den Umfang des mittelalterlichen Ortes nach.
Schafherden weiden in Schmargendorf
Schmargendorf wurde schon im Jahr 1275 als ‘s Marggrevendorp (Dorf des Markgrafen) erwähnt. Der karge Boden hat die Siedlerfamilien knapp ernährt, so dass die Dörfer über Jahrhunderte kaum wuchsen. Wilmersdorf war durch seine Schafherden bekannt. Der große Umbruch kam mit Johann Anton Wilhelm von Carstenn (1822- 1896), dem holsteinischen Unternehmer, der auch Groß-Lichterfelde gegründet hatte. Er entwarf nach englischem Vorbild eine Villenkolonie großen Ausmaßes. Carstenn sah das Zusammenwachsen von Berlin und Potsdam voraus und wollte es planvoll – und Gewinn bringend – gestalten.
„Spreehans“, Wilhelm Bölsche und Rosa Luxemburg
Diese Jahre beschreibt der Maler und Dichter Hanns Fechner (1860-1931) in seinen Lebenserinnerungen „Spreehanns“, die 1911 erschienen. Wie beispielsweise das Joachimsthalsche Gymnasium 1875 in den unbebauten märkischen Sand gesetzt wurde, bildet eine Zeichnung im Heimatmuseum ab. Wenig optimistisch betrachtete der Künstlerkreis um Wilhelm Bölsche (1861-1939) die sich verdichtende Stadt und flüchtete, erst an den Schlachtensee, dann nach Friedrichshagen.
Andere Menschen suchten Zuflucht in Wilmersdorf: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht warteten 1919 in der Mannheimer Straße 43 (27) auf falsche Ausweispapiere und wurden von Freikorpssoldaten abgeführt und ermordet.
Erich Kästner dichtet an der Trautenauer Straße
Wie inspirierend das Leben jenseits der Wilhelmsaue sein konnte, bewies Erich Kästner in den zwanziger Jahren. Auf der Terrasse des Café Josty an der Trautenauer Straße schrieb er 1929 „Emil und die Detektive“.
Das Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf hat der Geschichte Wilmersdorfs eine kleine, sehr anschauliche Ausstellung gewidmet. Hier zeigt sich die Bezirksreform von ihrer
bester Seite. Wilmersdorf besitzt wieder ein Archiv mit Museum. Nun kann die Sammlungstätigkeit für alle Teile des Bezirks fortgesetzt werden, wie Museumsleiterin Birgit Jochens erfreut berichtet.
Die Ausstellung „100 Jahre Wilmersdorf“
erarbeiteten Dorothea Zöbl und Brigitte Götz. Sie ist bis zum 31. Oktober 2006 geöffnet.
Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf, Schloßstraße 69, Telefon: 90 29 13 201
Geöffnet: Di. bis Fr. 10.00 bis 17.00 Uhr, So. 11.00 bis 17.00 Uhr.
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