| Nr. 3, November 2006 |
Trichter, Kolben und Stative
Der Photograph F. Albert Schwartz dokumentiert das Berliner Stadtbild
von GERHILD H. M. KOMANDER
Ines Hahn ist begeistert. Die Kuratorin der Ausstellung „Camera Berolinensis. Das Berliner Album des Fotografen F. Albert Schwartz 1836-1906“ hat sich in das Werk des Berliner Photographen F. Albert Schwartz vertieft, wie kaum jemand zuvor. Das Stadtmuseum Berlin zeigt anlässlich des 100. Todestages des Photographen erstmals das Berliner Album, genauer gesagt den einzigen erhaltenen Teil der Firmenregistratur des Ateliers Schwartz.
Hier war ein Berlin-Liebhaber am Werke
Als Dokumentarist verstand er sich, nicht als Künstler. Da ist sich Ines Hahn ganz sicher. Man sieht es den Photographien an. Hier war ein Berlin-Liebhaber am Werke, der sich weit über die notwendige Erwerbstätigkeit hinaus für die märkische Geschichtsforschung engagierte. Ines Hahn schätzt das ehemals existierende Gesamtwerk des Photographen auf 5 000 Bilder. Der größere Teil gilt als Kriegsverlust. Dennoch wird das Stadtmuseum gemeinsam mit dem Landesarchiv Berlin eine Datenbank zum Werk des wichtigsten Stadtphotographen im 19. Jahrhundert aufbauen und der öffentlichen Nutzung zugänglich machen.
Die Stadt Berlin erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen in ihrer gesellschaftlichen Struktur und ihrem Stadtbild wie kaum eine zweite deutsche Stadt: bewundernswerte Neuerungen in technischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen einerseits, unkontrollierter Zuzug von arbeitssuchenden Menschen und gedankenloser Umgang mit der
historischen Substanz der Stadt andererseits.
Diese zweischneidige Entwicklung betrachteten jene Bürger, die sich der Geschichte der Stadt aus beruflicher und privater Neigung widmeten, mit großem Unbehagen und gründeten 1865 den Verein für die Geschichte Berlins. Die Leipziger „Illustrierte Zeitung “ druckte in diesem Jahr die erste nachweisbare Veröffentlichung einer Photographie von F. Albert Schwartz, eine Aufnahme der Spandauer Geschützwerkstätten.
Das Atelier in der Friedrichstraße
Seit 1860 betrieb Schwartz ein eigenes Atelier in der Friedrichstraße 73, nachdem er bei seinem Onkel Heinrich Ferdinand – ebenfalls in der Friedrichstraße, Nummer 185 – die Ausbildung zum Photographen abgeschlossen hatte. 1866 regte er beim Magistrat der Stadt Berlin an, eine Summe Geldes bereitzustellen, um denkwürdige Bauten in photographischen Aufnahmen zu dokumentieren.
Auch er machte sich Sorgen um den Erhalt der historischen Bausubstanz seiner Heimatstadt. In den Verein für die Geschichte Berlins trat er erst 1877 ein. Da durfte er sich bereits zehn Jahre Hofphotograph nennen. Der preußische Prinz Karl hatte ihm die Ehre erwiesen. Werbewirksam ließ Schwartz diesen Titel in sein Firmenschild einsetzen. Der Titel war ein Privileg und belegt die Wertschätzung, die F. Albert Schwartz und seine Arbeit schon in jüngeren Jahren erfuhren.
Solche bewies ihm auch Ernst Friedel, der Direktor des 1874 gegründeten Märkischen Provinzialmuseums, in dessen unmittelbarer Nachfolge das Stadtmuseum Berlin steht. Zwischen Friedel und Schwartz entwickelte sich eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit. 1886 erhielt der Hofphotograph den Auftrag, für das Museum vom Abriss bedrohte historische Bauten der Stadt im Bilde festzuhalten.
Kulturhistorisch bedeutsam, künstlerisch innovativ
Eine der kulturhistorisch bedeutsamsten Aufnahmen aus dem Atelier Schwartz – das sich seit 1882 in der Friedrich-Wilhelm-Stadt, Louisenstraße 23, befand – war die des einstigen Wohnhauses von Moses Mendelssohn, Spandauer 68. Das Haus wurde nach dem Tod des Berliner Philosophen (1886) abgerissen, als im Jahre 1887 die Kaiser-Wilhelm-Straße (Karl-Liebknecht-Straße) als neue Verkehrsverbindung vom Lustgarten zur Marienkirche angelegt wurde. Die Schwartzsche Aufnahme ist die einzige bekannte der für die Kulturgeschichte Berlins so wichtigen Stätte.
Ein Spreekahn ragt vom Ufer in den Cöllner Stadtgraben hinein, verbindet die gewinkelten Ufer links und rechts des Gewässers scheinbar unbeabsichtigt in einer Diagonalen. Dem wilden Wuchs der rechten Grabenböschung steht die strenge Häuserfront in der Uferstraße Am Kupfergraben gegenüber. Auf welches Motiv zielte der Photograph ab? 1881 oder 1882 entstand diese Aufnahme mit
dem Blick von der Eisernen Brücke Richtung Norden. Der Photograph stand auf der ersten gußeisernen Brücke Berlins, 1797 von dem Schotten Baildon in der Königlichen Eisengießerei Malapane/ Schlesien gegossen und acht Jahre nach dem Tod von Schwartz durch einen verkehrsgerechten Neubau ersetzt.
Drei oder vier Jahre später steht Schwartz auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Alexanderplatz, Station der 1878 bis 1882 errichteten Stadtbahn. Die zwanzig Meter hohe Halle aus genieteten Stahlbögen fasziniert den Photographen ebenso wie die Idylle am Stadtgraben mitten in Berlin. Ähnliche Aufnahmen macht er von der Halle des Bahnhofs Friedrichstraße. Der Bahnhof ziert auch sein Werbeblatt. Für diese Photographie bezog er seinen Standort auf der Friedrichstraße, um die eben aus der Halle fahrende Lokomotive auf das Bild zu bannen.
Wenige Beispiele zeigen die Vielfalt der ästhetischen und historischen Perspektiven des Photographen F. Albert Schwartz. Meisterleistungen des modernen Ingenieurbaus faszinierten ihn, der im neuen Medium Photographie längst etabliert war, ebenso wie die vergangener Epochen.
Camera Berolinensis
Ausstellung bis 7. Januar 2007
Katalog: Ines Hahn, Gerd Heinemann u. a.: Camera Berolinensis. Das Berliner Album des Fotografen F. Albert Schwartz 1836-1906. Berlin: Nicolai 2006, 143 S. 39,80 Euro.
Begleitprogramm zur Ausstellung des Stadtmuseums Berlin:
Die photografischen Verfahren um 1880. Vortrag von Gisela Harich-Hamburger Mittwoch, 22. November, 18.00 Uhr
Vortrag und Führung durch die Ausstellung unter stadthistorischen Aspekten mit Gerd Heinemann Mittwoch, 6. Dezember, 18.00 Uhr
Die photographische Sammlung des Vereins für die Geschichte Berlins Vortrag von Sibylle Einholz Mittwoch, 13. Dezember, 18.00 Uhr
Studenten der BEST-Sabel Berufsfachschule für Design stellen Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Werk von Schwartz vor. Moderation: Ulrike Griebner Mittwoch, 20. Dezember, 18.00 Uhr
Anmeldung, Telefon: 240 02 – 159
Eintritt: 3,00 / 2,00 Euro
Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte
www.stadtmuseum-berlin.de
Die Ausstellung ist Teil des Europäischen Monats der Photographie, an dem sich auch die Berlinische Galerie und die Berliner Festspiele beteiligen.
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