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| Nr. 3,  November 2006 | 

Um Gottes Willen

Was die Mönche in den grauen Kutten Berlin hinterließen


 von GERHILD H. M. KOMANDER

Das Hauptportal der Kirche


Wollstoff, dunkelgrau, verhüllt die Körper vom Kinn bis zu den Knöcheln.

Die Kutte der Mönche vom Orden des Heiligen Franziskus gab einem mittelalterlichen Ort in Berlin seinen volkstümlichen Namen:

Das Graue Kloster. Tritt heute Bruder Thaddäus, der den Franziskushof in Zehdenick gründete, in Berlin und Umgebung auf, erregt die graue Mönchskutte das Staunen des Publikums.



Im Jahre 1252 tagte erstmals ein Provinzialkapitel der Franziskaner in Berlin

Annähernd 300 Jahre lang gehörte sie zum vertrauten Anblick der Berliner Bevölkerung. Eine Niederlassung der Franziskaner in Berlin ist seit 1249 nachweisbar. Vierzig Jahre zuvor hatte Giovanni Bernadone (1181 oder 1182 – 3. Oktober 1226 Assisi) den Orden gegründet.

Unter dem Namen Franziskus wurde er 1228 heilig gesprochen. Der Bettelorden, dessen Mitglieder nach dem Willen seines Gründers ausschließlich nach dem Evangelium leben und auf persönlichen und gemeinsamen Besitz verzichten sollten, verpflichtete sich zum Dienst an den Menschen: durch Arbeit und Predigt.

So betätigten sich die Franziskaner in der Seelsorge in den Städten, an den Universitäten und in der Mission. Sehr schnell breitete sich der Orden über Europa aus. Im Jahre 1252 tagte erstmals ein Provinzialkapitel der Franziskaner in Berlin. Zu dieser Zeit besaß der Orden schon weit über 2 000 Klöster in verschiedenen Ländern Europas.


Grundriss des Klosters, Rekonstruktionsversuch von Richard Borrmann, 1893. Links die Klosterstraße, rechts die Littenstraße.Die Ruine der Franziskanerklosterkirche*

Der Standort der jetzigen Ruine der Franziskanerklosterkirche in der Klosterstraße ist der erste Niederlassungsort des Ordens in Berlin. Die erste Anlage wird eine Feldsteinkirche gewesen sein, deren Reste sich im nördlichen Seitenschiff der Kirche erhalten haben könnten. Um 1250 bis 1265 wurde der frühgotische Backsteinbau errichtet, von dem die Ruine zeugt. Trotz der 1945 erlittenen schweren Beschädigungen ist das Gebäude das älteste in seiner ursprünglichen Gestalt erhaltene Berlins.

Es entstand als dreischiffige kreuzgewölbte Basilika von vier Jochen. Um die Wende zum 14. Jahrhundert kam der polygonal gebrochene Chorschluß hinzu. Der schlichte Außenbau erhielt ein reich gegliedertes spitzbogiges Westportal, das noch heute die Gäste in das Innere führt. Hier teilen Spitzbogenarkaden auf Bündelpfeilern die drei Schiffe voneinander. Die konstruktiven und dekorativen Elemente verweisen auf Einflüsse der Brandenburger und Magdeburger Dombauhütte. Im Norden der Kirche schlossen sich die Klostergebäude an und reichten bis an die Stadtmauer, später an die Neue Friedrichstraße (heute Littenstraße) sowie an das Hohe Haus, den Sitz der Markgrafen.


Der Inneraum der Kirche. Blick in Mittelschiff und ChorIn der Klosterstraße
befand sich die erste Grablege der brandenburgischen Landesherren in Berlin

Die askanischen Markgrafen Otto V. und Albrecht III. traten gemeinsam mit dem Ritter Jacob von Nybede 1271 als Stifter auf, wie an den Chorstühlen inschriftlich belegt war. Die enge Nachbarschaft zu den Landesherren führte dazu, daß die Kirche die erste fürstliche Grablege Berlins wurde.

Unter anderen ließen sich hier die Kurfürstinnen Margarethe (1340) und Kunigunde (1357) sowie Kurfürst Ludwig der Römer (1365) bestatten.

Wie sehr auch den Landesherrn aus dem Hause Hohenzollern das Wohl des Franziskanerklosters angelegen war, belegt die Urkunde des Kurfürsten Friedrich II. aus dem Jahr 1443. Friedrich II. bestätigt den Mönchen den Besitz der ihnen von Jacob von Nybede verliehenen Ziegelei:

„Wir Friederich von gots gnaden Marggraff zcu Brandenborg, bekennen – das vor uns kamen sein die werdigen unser lieben andechtigen, der Gardian, der lesemeister und die gemeynen Bruder des Closters Barfussen ordens, in unnser Stad Berlin belegen und haben uns eynen Brieff fürbracht, dar In ettwenn Er Jacob Nybede Ritter seliger Gedechtnisse demeselben Closter zue ihrem Gebuwe zu Hulffe lewterliche umb gots und syner selen seligkeit willen, die zeygelschüne zewischen dem Dorffe Tempelhofe und unser Stadt Cöln mit alle deme, das dartzu gehort, mit guten willen gegeben hat (...)“.


Dienstkonsole im Langchor, Der PelikanDie Klosterbauten, die immer wieder erweitert und verschönert wurden (1471-74 Kapitelhaus von Meister Bernhard; 1516-18 Westflügel), umschlossen zwei innere, von Kreuzgängen umgebene Höfe und zur Straße hin einen Vorhof. Dortentstanden später Gebäude des Gymnasiums zum Grauen Kloster. Mit der Kirchenordnung vom 15. August 1540 musste die Ordensgemeinschaft ihr bisheriges Leben aufgeben. Die Mönche, die nicht auswandern wollten, durften die Klostergebäude weiterhin nutzen und den Betrieb ihrer Schule fortführen. Der wertvolle materielle Besitz wurde – wie andernorts – eingezogen. Der letzte Ordensbruder verstarb am 1. Januar 1571.


Dienstkonsole mit Adler und HasenThurneysser etabliert Druckerhandwerk und Forschung in den Klosterbauten

In demselben Jahr zog Leonhard Thurneysser in einen Teil der Klostergebäude und errichtete seine Laboratorien und Werkstätten.
Am 13. Juli 1574 öffnete das Gymnasium zum Grauen Kloster seine Pforten, das auf Anregung und mit finanziellen Mitteln Berliner Bürger gegründet worden war. Weitreichende Umbauten und Umnutzungen der ehemaligen Klostergebäude sowie Neubauten auf dem Klostergelände seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zerstörten wertvolle Bausubstanz und veränderten den Anblick einschneidend. Im Zuge einer intensiven Restaurierung 1926 bis 1937 konnten die Veränderungen an der Kirche weitgehend beseitigt werden.


Zerschlagener Bogenansatz der Arkade zum südlichen Seitenschiff, 2006. Photo: GKWas blieb?

Im Zweiten Weltkrieg wurden Kloster und Kirche schwer beschädigt, die Klostergebäude, zuvor in ihrem Bestand gesichert, zugunsten der Verbreiterung der Grunerstraße 1968 abgerissen. Von der reichen mittelalterlichen Ausstattung bewahrt die Marienkirche den Schnitzaltar mit der Mondsichelmadonna, der nach 1500 entstand. Das Grabmal des Konrad von Belitz (gestorben 1308) befindet sich im Märkischen Museum, die Triumphkreuzgruppe, aus der Zeit um 1500, die Johanneskirche in Moabit.

1992 gründete sich der Verein Klosterruine e. V., dessen Mitglieder erreichten, dass die Ruine gesichert und für Kunstausstellungen nutzbar gemacht wurde. Bruder Thaddäus, der Franziskanermönch aus Zehdenick, eröffnete in diesem Jahr das Restaurant Franziskushof, Wilmersdorfer Straße 95. Dort wird nicht – wie vor Jahrhunderten in der Klosterstraße – gepredigt, sondern zur Freude der Gäste seit März 2006 ein engagiertes soziales Projekt betrieben.

Photos: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 50, 1933 (5)


***

*Leseempfehlung:

Neueste Forschungergebnisse - auch zur Datierung der Kirche und eines möglichen Vorgängerbaus des gotischen Baus - finden sich in dem 2007 erschienenen 23. Band Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin. Eine Rezension des Buches finden Sie im Bücherblatt 2007.

Kirchenruine des Grauen Klosters in Berlin. Geschichte, Forschung, Restaurierung (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin Band 23), herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2007. 230 Seiten. Mit zahlreichen Abbildungen. 29,95 Euro  

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- © gerhild komander 11/06 - 9/07 -