| Nr. 4, Dezember 2006 |
Immer an der Wand lang
Wie die Behrenstraße in Mitte 1834 aussah
Behren-Straße, im 15ten und 16ten Polizei-Revier. Sie gehört zu den schönsten Straßen der Hauptstadt, und die Wohnungen in derselben sind von den höhern Ständen sehr gesucht. Ihre Länge beträgt 226 Ruthen, und ihre Breite fast 5 Ruthen. Gutes Pflaster und schöne Trottoirs vermehren ihre Annehmlichkeit, ihren östlichsten Punkt bildet die katholische Kirche, und die Charlotten- und Friedrichstraße durchschneidet sie in dem schönsten Theile der Wilhelms-Straße, während die Markgrafen-, Mauer-, und Kanonier-Straße von ihr auslaufen oder resp. in ihr enden.
Vor der Erbauung der Friedrichstadt zogen Wall und Graben durch diese Gegend; der erstere wurde 1712 abgetragen, und der letztere bestand noch als sich schon die südliche Häuserreihe hier erhob, die deshalb von den Franzosen Rue de fossé genannt wurde. Der Ingenieur Behr leitete nach Nehring's Tode, vom Jahre 1695 an, den Bau der Friedrichstadt, und ihm zu Ehren erhielt diese Straße den Namen Behrenstraße oder eigentlich Behrstraße, während sehr häufig der Behr in Bär und die Straße in Bären-Straße verwandelt wird.
Hier stand in dem Hofe des Hauses Nr. 55 das erste deutsche Komödienhaus, erbaut durch den Schauspiel-Direktor Franz Schuch im Jahre 1764; es faßte nur 800 Personen, ging 1771 an Koch, 1775 an Döbbelin über, und wurde am 3. December 1786 geschlossen; und zwar mit dem Großmannschen Lustspiel: „Henriette, oder sie schon verheirathet,“ - und am Tage darauf wurde das Königl. National-Theater* mit „Verstand und Leichtsinn“ eröffnet. In den ehemaligen Barrezschen Hause, in derselben Häuserreihe, wohnte der berühmte Maler und Zeichner Chodowiecki.
Die schönen Gebäude auf der Nordseite, die aber in Berlin die Sonnenseite genannt wird, wurden erst unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. aufgeführt, unter ihnen bemerken wir folgende:
das an die Königl. Bibliothek stoßende schöne Gebäude, welches zur Dienstwohnung Sr. Excellenz des wirklichen Geh. Staatsministers Freiherrn v. Schuckmann dient;
es wurde in den Jahren 1787 bis 1790 ursprünglich für die Wittwen-Kasse erbaut, später bezog es der Geh. Staatsminister Graf v. Schulenburg-Kenert, und im Jahre 1812/13 wurde es von Ihrer Königl. Hoheit der verwittweten Frau Erbstatthalterin von Holland, Tante Sr. Majestät bewohnt; -demselben folgen die beiden großen Häuser des Herrn v. Hacke, und weiter zeichnen sich noch mehr oder minder aus das Haus des Herrn Commissionsrath Robert Tornow Nr. 45, bewohnt von Sr. Excellenz dem wirklichen Geh. Staats- und Justiz-Minister Herrn Mühler und dem Herrn Kammergerichts-Präsidenten v. Grollmann;
- das Haus Nr. 53, erbaut im Jahre 1793 für einen Herrn Rümpler; später war es das Mindersche Haus, und jetzt gehört es dem Rentier Hrn. Fuß; - das große, 4 Geschoß hohe, im Jahre 1830 und 1831 aufgeführte Voigtsche Haus welches den Durchgang nach den Linden bildet, und die Nr. 65 führt.
In diesem weitläufigen Gebäude befindet sich unter andern die rühmlich und weit bekannte Fabrik der Herren Hof-Instrumentmacher Griesling und Schlott; - das große pallastähnliche und geschmackvoll erbaute Haus des Generalstabes (Nr. 66), in dessen Belleetage der Chef des Generalstabes der Armee, der General-Lieutenant Krauseneck, wohnt; im Hochparterre befinden sich die Büreaus des Generalstabes und die Königl. Plankammer.
Dieses Gebäude wurde vom Anfange des letzten Decenniums des vorigen Jahrhunderts, von dem Kammerherrn von Maskow aufgeführt; es diente eine Zeitlang der Kurprinzessin von Hessen Königl. Hoheit zur Wohnung, und später wurde es dem Minister des Handels, Grafen v. Bülow, eingeräumt; seit einigen Jahren aber ist ihm die heutige Bestimmung gegeben worden.
Noch gehören in die Reihe der schönen Häuser der Behren-Straße das Haus des Herrn Dr. Martens Nr. 67, das Haus Nr. 68, dessen Belleetage der Minister des Königl. Hauses und Oberkammerherr, Fürst v. Wittgenstein, bewohnt, das Haus der Gräfin America Bernsdorf, und endlich das des Herrn Dr. Hein, früher unter dem Namen das Faudelsche Haus Nr. 70.
Aus:
Neuestes Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam zum täglichen Gebrauch der Einheimischen und Fremden aller Stände, hrsg. von L. Freiherr von Zedlitz, Berlin 1834
*Das Schauspielhaus, jetzt Konzerthaus, auf dem Gendarmenmarkt
Fundstücke aus der Berliner Geschichte
| Nr. 3, November 2006 |
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„Vossische Zeitung“ vom 16. Oktober 1906
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Fundstücke aus der Berliner Geschichte
| Nr. 2, Oktober 2006 |
Wo bleiben die Gurken?
„Vossische Zeitung“ vom 24. Oktober 1924
Die Berliner Hausfrau begab sich bisher mit sorgenvollen Ahnungen auf den Einkauf, wenn der Hausherr etwa Gurkensalat für den Abendtisch bestellt hatte. Denn ohne Gewissensbisse nannte der Gemüsehändler, ihr eine große Gurke über den Tisch reichend, einen Preis von 1,20 und 1,50 M. Das entschuldigende Achselzucken bedeutete stets: „Ja, Madame, wir hatten eine schlechte Ernte!“ Ganz unrecht hatte er dabei nicht.
Das letzte Jahr brachte in Deutschland nur den zehnten Teil der sonstigen Produktion. Der Konsum mußte dennoch befriedigt werden, bis alle Gurkenvorräte ausverkauft waren. Geringe polnische und tschechoslowakische Sendungen versorgten die Haushalte jetzt mit der begehrten Ware. Aber zu so unerschwinglichen Preisen, daß sich die Wucherpolizei vor einigen Tagen genötigt sah, energisch einzugreifen.
In Verhandlungen mit den Groß- und Kleinhändlern wurden die hohen Gurkenpreise abgebaut. Im Kleinhandel bezahlt man jetzt je nach Größe und Qualität 20, 40 und 60 Pfennige, und der Gurkensalat kommt, wenn auch seltener, so doch billiger wieder auf den Tisch.
Fundstücke aus der Berliner Geschichte
| Nr. 1, September 2006 |
Auch Kinderwagen brauchen einen Passierschein
Wie wird der Lehrer Paul Schütze erleichtert gewesen sein, als er das untenstehende Papier in Händen hielt! Warum Herr Schütze seinen Kinderwagen nicht auf dem Alexanderplatz, dem Molkenmarkt und Unter den Linden führen durfte, blieb uns verborgen (die Rückseite des Papiers führt weitere Ausnahmen von der Erlaubnis auf). Vielleicht wissen die Leserinnen und Leser des „Lindenblatts“ mehr?
Dem Lehrer Herrn Paul Schütze, wohnhaft Andreasstraße No 3, wird hierdurch bis zum 11. April 1888 einschließlich die jederzeit widerrufliche Erlaubnis ertheilt, sein Kind Elisabeth Martha Johanna, am 1. April 1886 geboren, in einem Handwagen auf den Bürgersteigen und Plätzen Berlins – mit Ausnahme der umseitig aufgeführten – fahren zu lassen. Über Ertheilung der Erlaubnis zum Befahren der Nebenwege des Thiergartens hat die Königliche Thiergartenverwaltung zu befinden. Dieser Schein ist bei Ausfahrten als Legitimation gegenüber den Aufsichtsbeamten stets bereit zu halten.
Berlin, den 1. Juni 1886
Im Auftrage des Königlichen Polizeipräsidium
Der Polizei-Lieutenant
Wondriz
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