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| Nr. 4, Dezember 2006 | 

Wie sich Frauen den Zutritt zur Universität erstritten

Eine mächtige, an die Wurzeln unserer Kultur greifende Bewegung


 von GERHILD H. M. KOMANDER


Frontispiz: Geschichte der Gymnasialkurse für FrauenDer 29. März 1896 ist ein bedeutsames Datum für die deutsche Bildungsgeschichte.

Sechs junge Frauen legten am Königlichen Luisengymnasium zu Berlin ihr Abitur ab. „Es ist das erste Mal in Deutschland, dass Frauen, die in einer eigens für sie errichteten Anstalt vorbereitet waren, die Reifeprüfung für die Universität ablegten“, berichtet Gertrud Bäumer zehn Jahre später.

Die jungen Frauen waren: Ethel Blume, Johanna Hutzelmann, Irma Klausner, Else von der Leyen, Margarete von der Leyen, Katharina Ziegler. Sie studierten Medizin, alte Sprachen, Mathematik. Die Medizinerinnen Irma Klausner (1874-1959) und Else von der Leyen (1874-1908) praktizierten beide nach einem Studium in Halle und Heidelberg in Berlin.


Kaiserin Victoria unterstützt die Frauenbewegung 

Begonnen hatte die Geschichte im Jahre 1888, das oft auch als „Dreikaiserjahr“ bezeichnet wird, weil in diesem Jahr Wilhelm I,, sein Sohn Friedrich III. starben, und Wilhelm II. an die Regierung kam. Für die weibliche Seite der Geschichte war jedoch ein weibliches Mitglied der Kaiserfamilie von Bedeutung, die Kaiserin Victoria. Denn sie unterstützte die Pläne, die Frauen den gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Wissen ermöglichen sollten. Die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren nicht die besten der Frauenbewegung.


„Immerhin gab es kleine Kreise,
denen die Frauenfrage in anderem Lichte erschien ...“
 

„Immerhin gab es kleine Kreise, denen die Frauenfrage in anderem Lichte erschien als in dem einer wirtschaftlichen Mittelstandsfrage, die dem Wunsche nach Selbstentfaltung und innerer Bereicherung, der neben dem Streben nach wirtschaftlicher Versorgung in all den lautwerdenden Wünschen und Forderungen lebendig war, Verständnis und Zustimmung entgegenbrachten.“ Gertrud Bäumer nennt an erster Stelle das Haus des Reichstagsabgeordneten und Juristen Karl Schrader und seiner Frau, der Pädagogin und Gründerin des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses Henriette Schrader-Breymann.

Schulen für Mädchen gab es ja, doch sie wurden geleitet von Männern, in der Regel von reaktionären Köpfen. Die Erziehung der jungen Menschen hielt mit den Erfordernissen der Zeit nicht mit. 1887 reichte deshalb die Politikerin Helene Lange im Namen Berliner Frauen dem Kultusministerium eine Petition ein, in der sie forderte, mehr weibliche Lehrkräfte in den höheren Mädchenschulen einzustellen und eine geeignete akademische Vorbildung für diese Lehrkräfte anzubieten. Vergeblich.

Die Umgestaltung der höheren Mädchenschule – sie umfasste fünf Klassen – diskutierte Helene Lange mit Henriette Schrader-Breymann, den Ärztinnen Hedwig Heyl und Franziska Tiburtius, der Politikerin Minna Cauer und anderen. Kronprinzessin Victoria ermunterte die Frauen – noch in der Hoffnung ihr Gatte Friedrich würde bald regieren, das Konzept für eine Musteranstalt der Frauenbildung zu entwerfen.


Der Vorstand der Vereinigung


Keine Chance für Frauenbildung im Kaiserreich

Die Reorganisation der staatlichen Mädchenbildung war zu diesem Zeitpunkt nicht durchsetzbar. In privatem Kreis wollten die Frauen „einen praktischen Versuch“ wagen. Aufbauend auf die vollendete höher Mädchenschule sollten junge Frauen im logischen Denken geschult werden, sollte an moderne Bildungsinteressen angeknüpft werden und eine allgemeine Bildungsgrundlage für praktische Berufe und, so weit möglich, für die Universität angeboten werden. Sie gründeten die Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen, der auch männliche Vertreter angehörten.

Als eine Veranstaltung des wissenschaftlichen Zentralvereins, der die Humboldt-Akademie begründet hatte, konnten die Realkurse für Frauen am 10. Oktober 1889 in der Aula der Charlottenschule in Anwesenheit der Kaiserinwitwe Victoria eröffnet werden. Das Ziel, die jungen Frauen auch auf ein Universitätsstudium hin auszubilden, musste zurückgestellt werden. Eine Zulassung von Frauen zum Studium war damals einfach unwahrscheinlich. Dennoch enthielt der Stundenplan der auf vier Semester angelegten Realkurse den Lehrstoff der Gymnasien, für den die Jungen viele Jahre Zeit hatten.


Ein Gymnasium für Frauen 

Als sich die Aussicht, dass Frauen an der einen und anderen deutschen Universität der Zutritt gestattet würde, vergrößerte, wandelte der Vorstand der Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen die Realkurse in Gymnasialkurse um. Nun dehnte sich der Unterricht über acht Semester aus, umfasste die Fächer Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Französisch, Geschichte, Geographie, Mathematik, Biologie, Physik, Religion. Bis auf das Fach Religion hatten die Studentinnen der Gymnasialkurse die Fächer in ihrer bisherigen Schullaufbahn nicht kennengelernt. Das Abitur legten die Absolventinnen als „Externe“ an anderen Berliner Gymnasien ab.

Als die Städte Berlin, Charlottenburg und Schöneberg die ersten Gymnasien für Mädchen eröffnet hatten, legte das Kuratorium um Helene Lange im Herbst 1906 die Verantwortung für die Gymnasialkruse nieder. Es hatte seine Aufgabe erfüllt, sein Ziel, Pionierarbeit zu leisten, erreicht. Wie erfolgreich die Arbeit gewesen war, zeigte sich im Frühjahr 1906: Alle 35 Frauen des Jahrgangs bestanden die Reifeprüfung.


Frauen greifen an die Wurzeln der Kultur 

Und wie ging es weiter? Das Ziel der geistigen Befreiung war erreicht. Auf dem Weg zum Universitätsstudium legten Männer den Frauen alle erdenkbaren Steine in den Weg. Die Frauen nahmen die Stein auf – und bauten eine Treppe daraus. Die Abiturientinnen von 1896 wurden in keinem deutschen Bundesstaat immatrikuliert. Griffen nicht die weiblichen Forderungen an die Wurzeln der Kultur? Man duldete sie an machen Orten zunächst bloß als Hospitantinnen. Die Frauen der ersten Abiturjahrgänge waren fast alle in ihren Hörsälen, Seminaren und Laboren die ersten und bereiteten den Boden für die Nachkommenden. Im Frühjahr 1899 beschloss der Bundesrat, Frauen zum medizinischen Studium zuzulassen.

Die Gleichstellung der vor 1900 in der Schweiz absolvierten Studienabschlüsse mussten die Inhaberinnen mit einer zusätzlichen Eingabe erkämpfen. Karl Schrader und sein Kollege Heinrich Rickert setzten sich noch 1899 vergeblich für die Petition einer ehemaligen Schülerin der Berliner Gymnasialkurse ein, in der sie bat, zur staatlichen Approbation zugelassen zu werden und die Immatrikulation an allen reichsdeutschen Universitäten zu gestatten.

Derselbe Bundesrat, der diese Petition ablehnte, hatte der Forderung nach der Zulassung von Frauen zum Staatsexamen stattgegeben. Die erste Universität, die positive Konsequenzen zog, war die Universität zu Heidelberg. Sie nahm im Sommersemester des Jahres 1900 erstmals Frauen als ordentliche Hörerinnen auf.


W. Moeser Buchdruckerei BerlinLeseempfehlung:

Gertrud Bäumer: Geschichte der Gymnasialkurse für Frauen zu Berlin, herausgegeben vom Vorstand der Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen, Berlin: W. Moeser Buchdruckerei 1906. Mit einem Porträt der 2. Vorsitzenden Helene Lange. - Die Schrift ist im Zentrum für Berlin-Studien vorhanden.
  

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- © gerhild komander 12/06 -