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| Nr. 4, Dezember 2006 | 

Von der Erdhöhle ans Licht

Bruno Taut und das Neue Bauen im Stadtmuseum Berlin


von GERHILD H. M. KOMANDER


Falblatt des Stadtmuseums Berlin für das Märkische Museum, AusschnittDas Märkische Museum am Köllnischen Park in Mitte hat einen Ausstellungsraum dem Architekten Bruno Taut (1883-1938) und dem Neuen Bauen in Berlin gewidmet. Photographien, Architekturmodelle, Originalmobiliar und ein Film würdigen das Wirken dieses für Berlin und seine Bevölkerung so wichtigen Architekten.


Erdhöhlen und Wohnwagen als Notunterkünfte

Die erste Photographie, von Willy Römer (1887-1979), zeigt den Blick in eine Wohnung um 1920 in Berlin. Die Wohnung besteht aus einem Raum. In diesem Raum befindet sich die Küche. Sie ist zugleich Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum für eine Familie. Die zweite Photographie Römers zeigt den Blick in eine Erdhöhle in Spreenhagen, Landkreis Oder-Spree, im Südosten von Berlin, ebenfalls um 1920, in der sich Kinder an die Wand drängen.

Zwei anonyme Photographien bilden einen Möbelwagen als Wohnung und die Notunterkunft in einer der Berliner Laubenkolonien ab. Vier Aufnahmen nur: Sie verdeutlichen drastisch die Lebensumstände von Berlinerinnen und Berlinern zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Berliner Wohnverhältnisse waren für zehntausende Menschen vor und nach dem Ersten Weltkrieg ungesund, unwürdig, unerträglich.


Das Neue Bauen. Ein gewichtiges Kapitel Berliner Geschichte 

Die Photographien führen in ein Kapitel Berliner Geschichte ein, das bis in die Gegenwart Staunen und Bewunderung erregt, den Wohnungsbau der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Der Architekt Bruno Taut und sein Werk stehen im Zentrum des Ausstellungsraumes im Stadtmuseum Berlin, der dem Neuen Bauen gewidmet ist.

Aufnahmen des Berliner Architekturphotographen Arthur Köster* (1890-1965) aus den Jahren um 1930 feiern schwarzweiß die farbige Wohnstadt Carl Legien, die Bruno Taut links und rechts der Carmen-Sylva-Straße (heute Erich-Weinert-Straße) errichtete. Köster photographierte auch das Waschhaus, in dem den BewohnerInnen Waschmaschinen und Einweichkabinen, Mangeln und Trockenschränke zur Verfügung standen.


Bruno Tauts Architektur im Modell

Von den fünf aufgestellten Architekturmodellen bilden zwei die Wohnstadt Carl Legien nach. Rüdiger Hammerschmidt rekonstruierte 1994 ein Gesamtmodell der Siedlung nach den Plänen Bruno Tauts und seines Kompagnons Franz Hilliger im Maßstab 1:100. Ein zweites Modell baute Hammerschmidt im Maßstab 1:50. Es greift zwei der Wohnblöcke und die sie verbindende Ladenpassage heraus. Der Anblick dieser Modelle wird nicht nur die Museumsgäste begeistern, die sich ohnehin schon für Architektur oder noch spezieller für Bruno Taut interessieren. Sie schauen wie Gullivers Riesen auf die Häuser herab, erkennen die Harmonie der Proportionen und den Willen des Architekten.

Letzterer bestand darin, arbeitenden Menschen eine angemessene, eine gesunde Wohnung in lebenswerter Umgebung zu schaffen – und das für möglichst wenig Geld in Hinsicht auf alle Beteiligten. Auch die Gartenstadt Falkenberg wird in Teilen im Modell – von Fritz Walter, 1963 – gezeigt. Die unter der Bezeichnung Tuschkastensiedlung bekannten Reihenhäuser in Alt-Glienicke erbaute Bruno Taut mit Heinrich Tessenow vor und während des Ersten Weltkrieges.

Der Modellbauer Manfred Baatz konstruierte 1993 im Maßstab 1:500 ein Abbild der Schule am Dammweg, die Bruno Taut nicht mehr fertigstellen konnte. Photographien von Richard Schneider, um 1925 entstanden, und eines unbekannten Photographen aus der Zeitschrift „Bauwelt“, Jahrgang 1928, stellen den traditionellen und den reformierten Unterricht einander gegenüber.

Taut plante in enger Abstimmung mit dem Pädagogen Fritz Karsen eine Gemeinschaftsschule, die den fortschrittlichen Gedanken der Gesamtschule in ein passendes Kleid hüllen sollte. Der Entwurf für einen Klassenraum zeigt, wie Taut die Idee des freien Klassenraums, in dem die Tische der SchülerInnen frei im Raum stehen sollten, umsetzte. Die Schule am Dammweg in Neukölln ist bis auf den Versuchspavillon nicht ausgeführt worden.


Küchenmöbel und Geschirr aus der Waldsiedlung Zehlendorf 

Die GEHAG GmbH, deren langjähriger Berater und Architekt Bruno Taut war, schenkte dem Stadtmuseum originale Küchenmöbel aus einer Wohnung der Waldsiedlung Zehlendorf.  Die Senatskanzlei übergab dem Haus ein mehrteiliges Kaffeeservice der Königlichen Porzellanmanufaktur, das 1925/30 produziert wurde. Die Küchenmöbel entwarf Bruno Taut um 1930. Ein vierstöckiger Schrank hoher Funktionalität ist da zu sehen: Schiebetüren, Schubladen, Ausziehplatte, Lebensmittelfächer und – das ist der Clou – ein mit dem Schrank verbundener, ausklappbarer Hocker. Dazu passend gibt es einen Wandtisch, ebenfalls ausklappbar. Viel Platz auf engem Raum.


Bruno Taut im Film 

Das Stadtmuseum Berlin konnte den Ausstellungsraum mit Hilfe der Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit gemeinnütziger Wohnungsunternehmen in Berlin mbH (GfÖ) gestalten. Wer etwas Muße mitbringt, sollte sich unbedingt den Film ansehen: „Bruno Taut. Der Weltbaumeister“.

Er beginnt mit Helmut Jahn (dem Erbauer des Sony Centers in Berlin), der dem Architekten Taut Referenz erweist, indem er den nicht ausgeführten Entwurf des Hotels Stadt Köln zitiert. Er zeigt die Begeisterung der japanischen ArchitekturfreundInnen für das Werk Tauts, Ausschnitte aus Originalfilmen der späten zwanziger Jahre und Gesprächsmitschnitte mit Heinrich Taut, Sohn des Architekten, Kurt Junghanns, Biograph Tauts, und Julius Posener, Architekturkritiker.

Die Ausstellung ist eine kleine, feine Würdigung dieses großen Architekten, dessen Motto lautete: „Der Gestirnte über mir, das moralische Gesetz in mir.“ Wer das Werk Tauts näher betrachtet erkennt, dass es sich bei diesem Mann um eine integre Persönlichkeit handelt. Keine Selbstverständlichkeit.


Stiftung Stadtmuseum Berlin, Märkisches Museum

Am Köllnischen Park 5, Mitte
Telefon: 308 66 – 215
Eintritt: 4,00 / 2,00 Euro
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr


Leseempfehlung:

Winfried Brenne: Bruno Taut. Meister des farbigen Bauens in Berlin, hg. vom deutschen Werkbund Berlin e. V., Berlin: Verlagshaus Braun 2005. 169 S. Zahlreiche Schwarzweiß- und Farbabbildungen. 19,90 Euro.  -  Das Buch versammelt alle erhaltenen Bauten von Bruno Taut in Berlin. Und das sind eine ganze Menge.

*Über Arthur Köster arbeitet Simone Förster an der Universität der Künste Berlin: Der Berliner Architekturfotograf Arthur Köster und sein Auftraggeber Erich Mendelsohn.


Stadtführungen zu Bruno Taut

www.gerhildkomander.de

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