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| Nr. 4, Dezember 2006 | 

Man fängt nicht sein Leben mit guten Worten und Vorsätzen an. Mit Erkennen und Verstehen fängt man es an und mit dem richtigen Nebenmann.

Der Graphiker und Buchgestalter Georg Salter


von Gerhild H. M. Komander


Die Einladung zu Vortrag und Ausstellungseröffnung in der Stadtbibliothek BerlinDie Schrift geht quer über das Papier. In schwarzen Buchstaben steht geschrieben:

„Von einem einfachen MANN wird hier erzählt, der in“, in roten eingefügt „BERLIN“, wieder schwarz „am“, wieder rot „ALEXANDERPLATZ“, erneut schwarz „als Strassenhändler steht“: Von einem einfachen Mann wird hier erzählt, der in Berlin am Alexanderplatz als Straßenhändler steht. -

Der Text läuft fort, wird unterbrochen von kleinen Zeichnungen rot-blau-weißer Strichfiguren, schreibt unten fünf Zeilen Versalien, in rot:

„MAN FÄNGT NICHT SEIN LEBEN MIT GUTEN WORTEN UND VORSÄTZEN AN.
MIT ERKENNEN UND VERSTEHEN FÄNGT MAN ES AN UND MIT DEM RICHTIGEN NEBENMANN.“

Blau kommt es vom Buchrücken auf beide Einbanddeckel, in Wasserfarbe, eine gepinselte Fläche, streng geteilt durch weiße Linien, darin: „Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte des Franz Biberkopf.“ „sfv“ steht für S(amuel) Fischer Verlag, damals - 1929 - in Berlin ansässig. Georg Salter war der Urheber dieser eigenwilligen Gestaltung. Das Nebeneinander - auf den ersten Blick - von Skizze und festen Rahmen, dann Miteinander verweist im Rückblick auf den Inhalt des Buches.


Konfirmation in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 

Georg Salter kommt am 5. Oktober 1897 in Bremen zur Welt, als Ältestes von vier Kindern musischer Eltern. Die Familie geht nach Berlin, konvertiert vom jüdischen zum evangelischen Glauben, so dass Georg 1913 in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche konfirmiert werden kann. In einer Wohnung im Grunewald finden die Salters ihr Zuhause. Georg wendet sich dem Theater zu, dem Bühnenbild, legt das Reifezeugnis am Werner-Siemens-Realgymnasium ab.

Als Abiturient zieht er in den Ersten Weltkrieg, kehrt mit heilen Knochen zurück und schreibt sich an der Kunstgewerbe Schule in Charlottenburg ein. Schon 1921 erhält er Arbeit als Bühnenbildner an der Staatsoper. Gleichzeitig befasst er sich mit der Gestaltung von Büchern, eine Arbeit, die ihm sehr wichtig wird. Nach weiteren Stationen als Bühnenbildner in Berlin, Barmen und Elberfeld (Wuppertal) widmet er sich ab 1925 ausschließlich der Buchgestaltung.


Lehrer an der Graphischen Fachschule Berlin 

Die Theatererfahrung fließt ein in seine Werke. Aus den Jahren bis 1934 sind etwa 350 Werke für 33 deutsche Buchverlage von Georg Salter bekannt. Georg Trump gibt ihm Gelegenheit, sein Wissen an die Studierenden der Graphischen Fachschule Berlin weiterzugeben. Diese Lehrtätigkeit bedeutete Salter sehr viel. Als er sie mit der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1933 aufgeben muss, beschließt er zu emigrieren. Am 16. November 1934 betritt er amerikanischen Boden. In New York kann er sofort weiterarbeiten. Sein umfangreiches Werk ist hier bekannt, sein Können wird hoch geschätzt. Hier bleibt er bis zu seinem Tod am 31. Oktober 1967 als Lehrer und Gestalter tätig.


Buchumschläge für die Weltliteratur

Auf der Website des Wellesley College zeigt Thomas S. Hansen eine Auswahl der Buchumschläge, die Georg Salter in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von Amerika schuf. Für Alfred Döblins „Giganten“ entwarf er um 1931 im Auftrag des S. Fischer Verlages ein Werbeplakat. Rote Umrisslinien von Zahnrädern legen sich über die Weltkarte, schwarz, wie mit dem Kohlestift, zieht sich steil der Titel über die Fläche.

Ernst Tollers „Feuer aus den Kesseln“ erscheint zinnoberrot, 1930 bei Gustav Kiepenheuer. Gelbe Buchstaben züngeln im Rechteckrahmen. Die Dynamik der Zeit rückt Salter auf dem Umschlag für Peter Mendelssohns „Paris über mir“ ins rechte Licht. Das Buch erschien 1931 bei Reclam in Leipzig: der ungeliebte Eifelturm in photographisch steiler Perspektive beherrscht das Bild.

Sicher war Georg Salter auch dem Landsmann Carl Zuckmayer bekannt, dessen Buch „The Moons Ride Over“,  das 1937 in New York bei Viking veröffentlicht wurde, er ein solch anheimelndes Cover gab, dass man glauben möchte, das ganze Heimweh des Emigranten zu ahnen. Dramatisch wie die Reportagen William L. Shirers gestaltete Salter den Umschlag zu dessen “Berlin Diary“, 1941 bei Alfred Knopf, ebenfalls in New York, verlegt.

Der Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin setzt den Platz in der Mitte Berlins bis heute unter Druck. Man erwartet viel und findet einen gesichtslosen, zerrissenen Stadtraum. Der von Georg Salter gestaltete Schutzumschlag ist ab dem 11. Dezember, 19.00 Uhr, in der Stadtbibliothek Berlin zu sehen.


Leseempfehlung:

Jürgen Holstein: Georg Salter. Bucheinbände und Schutzumschläge aus Berliner Zeit, 1922-1934, Berlin: Jürgen Holstein 2003 (in englischer Fassung: Georg Salter: Book Bindings and Dust Jackets from the Berlin Period, 1922-1934). - Das Buch ist leider schon vergriffen.

Thomas S. Hansen: Classic Book Jackets. The Design Legacy of George Salter. New York: Princeton Architectural Press 2005.


Ausstellung:

Künstler gestalten Bucheinbände. Einblick in die Sammlung Holstein

Im Jahr 2005 hat die Zentral- und Landesbibliothek Berlin die Sammlung Holstein erworben. Sie umfasst rund eintausend Bücher des Antiquars und Sammlers Jürgen Holstein und seiner Frau Waltraud mit Bucheinbänden und Schutzumschlägen Berliner Verlage aus der Zeit von 1919-1933.
Die ZLB zeigt wichtige Stücke der Sammlung nun in einer Ausstellung. Besonderen Vorrang wird den bildenden Künstlern gegeben, die sich neben der Malerei und der Graphik als wesentlichem Bestandteil ihres Schaffens auch der Buchgestaltung widmeten.
 
Haus Berliner Stadtbibliothek, Historische Sammlungen, Lesesaal, Breite Str. 30 / 31, Mitte
Öffnungszeiten:  Do. 10.00 bis 19.00 Uhr  
12. Dezember 2006 bis 30. Juni 2007 (verlängert)   

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- © gerhild komander 12/06 - 4/07 -