| Nr. 4, Dezember 2006 |
Das Archiv des Aufbau-Verlags ist für 500 Jahre konservatorisch gesichert. In der Staatsbibliothek kann es digital genutzt werden.
Von Bertolt Brecht bis Anna Seghers
von GERHILD H. M. KOMANDER
Am 16. August 1945 wird in Berlin die Aufbau Verlag GmbH gegründet und erhält wenige Tage später die Lizenz der sowjetischen Militäradministration. Der Aufbau der demokratischen Erneuerung Deutschlands kann beginnen. Der Verlag bezieht das Haus Französische Straße 32, Mitte, hinter der St. Hedwigs-Kathedrale gelegen. Das Haus steht noch am Ort. 1946 erwirbt der Kulturbund e. V. die Anteile der privaten Gründungsgesellschafter.
236 Erstauflagen in 6 500 000 Exemplaren
Bis 1950 gibt der Aufbau-Verlag unter der Leitung von Kurt Wilhelm und Otto Schiele 236 Erstauflagen in 6 500 000 Exemplaren heraus:
„Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers, „Stalingrad“ von Theodor Plievier, „LTI“ von Viktor Klemperer, „In den Wohnungen des Todes“ von Nelly Sachs, viele Klassiker-Ausgaben.
die Wohnungen des Todes,/ Einladend hergerichtet/ Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war / ihr Finger,/ Die Eingangsschwelle legend,/ Wie ein Messer zwischen Leben und Tod / ihr Schornsteine,/ ihr Finger,/ Und Israels Leib und Rauch durch die Luft!
17. Juni und Mauerbau
Als 1956 Werke von Jean-Paul Sartre und Ernest Hemingway erscheinen, wird dieses Ereignis als außerordentlich bedeutsam für die Rezeption der Gegenwartsliteratur in der DDR gewertet. Gleichzeitig, am 5. Dezember 1956, lässt Walter Ulbricht den Lektor Wolfgang Harich und Verlagsleiter Walter Janka verhaften. Wegen „Bildung einer staatsfeindlichen Gruppe“ werden beide 1957 zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Die sogenannte Tauwetterperiode ist vorbei.
Der Aufstand vom 17. Juni 1953 und 1956 in Ungarn schockiert und alarmiert die SED-Führung. Ohne Skrupel bekämpft sie die Bemühungen der Intellektuellen und setzt den Ausbau des stalinistischen Unrechtsstaates fort. Im Aufbau-Verlag begrüßen die meisten Autorinnen und Autoren den Bau der innerdeutschen Mauer im August 1961. Bundesdeutsche Verlag kündigen daraufhin die bestehenden Lizenzverträge. Der Verlag in der Französischen Straße setzt seine Arbeit fort. 1962 führt er die Reihe „Bibliothek der Weltliteratur“ ein, zum 175. Geburtstag Theodor Fontanes gibt er die international geachtete Ausgabe „Romane und Erzählungen in acht Bänden“ heraus.
1990: Was geschieht mit dem Verlagsarchiv?
Als 1989 der Aufstand in der DDR die SED-Diktatur zu stürzen beginnt, reklamiert die Partei den Verlag als ihr Eigentum, muss ihn aber nach heftigen Protesten herausgeben. Über die Treuhandanstalt erwirbt eine Investorengruppe unter der Führung der BFL-Beteiligungs-GmbH des Unternehmers Bernd F. Lunkewitz die Aufbau-Verlags GmbH und die Rütten & Loenig GmbH – ohne das Verlagshaus in der Französischen Straße – und führt nach Änderungen der Verlagsprofile die Arbeit erfolgreich weiter.
Bernd F. Lunkewitz entschließt sich sofort nach der Übernahme des Verlages, dass literaturgeschichtlich und politisch wichtige Verlagsarchiv zu erhalten. In der Staatsbibliothek zu Berlin findet er die geeignete Partnerin, um die dauerhafte Sicherung des Archivs zu ermöglichen. Das Archivmaterial wird in 1 350 Archivkästen mit 7 004 Mappen, die 450 laufende Meter Regale füllen, aufbewahrt. Dazu kommen 700 Ordner mit 100 000 Blatt Pressearchiv.
450 laufende Meter Archiv werden verfilmt
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stellte die Finanzmittel der Sicherheitsverfilmung, 240 000 Euro, zur Verfügung. Die Firma Hofmaier GmbH & Co. KG / Mikro-Univers GmbH übernahm die Arbeit, die 1 200 000 Blätter zu verfilmen und digitalisieren.
Dietrich Hofmaier erklärte auf der Pressekonferenz am 28. November 2006, in der die Verfilmung und Digitalisierung des Aufbau-Verlags-Archivs vorgestellt wurde, dass zwar der Mikrofilm als Arbeitsmaterial nicht mehr gängig, für die Datenarchivierung und Sicherung aber unentbehrlich sei.
Warum?
Das Filmmaterial (35-mm- und 16-mm-unperforierte Rollfilme) wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dauerhaft eingelagert. Man geht von einer Lebensdauer von 500 Jahren aus. Die elektronischen Datenträger, die für die Forschung zur Verfügung stehen, müssen alle fünf bis zehn Jahre erneuert werden. Für eine Farbdigitalisierung des gesamten Aufbau-Verlags-Archivs wären fünfzig Terrabyte Speichervolumen nötig.
Die Staatsbibliothek öffnet das Archiv der Forschung
Die Staatsbibliothek zu Berlin hält seit Ende November 2006 das gesamte Archiv nach sechsjähriger Bearbeitung durch ihre Fachkräfte für die Forschung mit einem Findbuch bereit. Das Archiv kann in digitaler Form in der Handschriftenabteilung eingesehen und genutzt werden.
Eine freie Verfügbarkeit im Internet sei aus Gründen des Datenschutzes, Persönlichkeitsschutzes und der Urheberrechtsproblematik nicht vorgesehen, erklärte Barbara Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek. Die NutzerInnen müssen für die Veröffentlichung des Materials eigenverantwortlich die Publikationserlaubnis sowohl des Verlages als auch der UrheberInnen einholen.
Das originale Material kann nicht benutzt werden, denn der größere Teil ist konservatorisch gefährdet. Das benutzte Papier der Jahre 1945 bis 1990 ist von schlechter Qualität und säurehaltig. Es zersetzt sich langsam. Alle Nutzungsberechtigten der Staatsbibliothek können nun das archivierte und digitalisierte Material aus 55 Jahren Verlagsgeschichte betrachten, nutzen und erforschen.
Kein Widerhall in der Berliner Tagespresse
Arbeiten wie dieses Gemeinschaftsprojekt von privaten Unternehmern und staatlichen Institutionen finden in der Öffentlichkeit nicht immer die verdiente Aufmerksamkeit. In der Berliner Tagespresse fand die Pressekonferenz vom 28. November 2006, an der auch Frau Janka teilnahm, keinen Widerhall. Das ist sehr bedauerlich für eine Arbeit, die sechs Jahre lang viele Fachkräfte in Anspruch nahm und vom Bund mit 240 000 Euro finanziert wurde. Die Weltgeltung des Aufbau-Verlags-Archivs ist allen politischen Widrigkeiten zum Trotz unbestritten. Deshalb wird der Terminal in der Handschriftenabteilung im Haus Potsdamer Straße, Tiergarten, gut besucht werden.
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- © gerhild komander 12/06 -