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| Nr. 11, Juli 2007 |

Zwischen Keller und siebentem Himmel

Dem Neuen Kriminalgericht in Moabit zum einhundertsten Geburtstag


Eine Frau hat hier die ganze Macht in ihren Händen: Justitia. Sie prangt, wenn auch etwas eingeklemmt, im Schild über dem Eingang des Neuen Kriminalgerichts in der Moabiter Turmstraße. Ihre Schwester thront in der Mittelhalle, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand zum Schwur erhoben: Die Wahrheit weist den Eintretenden den Weg.

Der Neubau des Kriminalgerichts war notwendig geworden, weil das an der Rathenower Straße gelegene alte Kriminalgericht aus allen Nähten platzte. Seit der Justizreform im Jahre 1899, in der die drei Berliner Landgerichte vereinigt worden waren, konzentrierten sich die Gerichte in Moabit, das damals schon – also lange vor der Gründung der Stadtgemeinde Berlin – zu Berlin gehörte.

Wie ein Schloss mit Türmen und Höfen versehen, lagert der Bau in der Turmstraße, die viel zu schmal für das monumentale Gebäude ist. Wer von der Reichstagskuppel Richtung Hauptbahnhof schaut und sich über das Kolossalgebäude dahinter wundert, weiß nun, was er vor sich hat. Paul Thoemer und Jean Fasquel lieferten die Entwürfe für das Kriminalgericht. Rudolf Mönnich und Carl Vohl leiteten die Ausführung. In gut fünf Jahren, von 1902 bis 1906, entstand der Bau im Rücken des Untersuchungsgefängnisses in der Straße Alt-Moabit.

„Moabit ist der Sitz der Göttin Justitia“, schrieb Felix Hollaender in den zwanziger Jahren. „Für jeden Berliner, ja in ganz Deutschland, ist die Berliner Gerichtsbarkeit gleichbedeutend mit ‚Moabit’, dem großen Gebäudekomplex des Kirminalgerichts am Ostende der Turmstraße, wo täglich mehr als hundert Prozesse stattfinden.“ Diese und andere Beschreibungen des Geburtstagskindes stellte Gerhard Jungfer zusammen. Er ist wie die übrigen Autorinnen und Autoren der Festschrift – mit einer Ausnahme – Jurist.

Eine Geschichte des Hauses schreiben sie nicht, leider, aber Geschichten, die vom Arbeiten und Leben in der „Justizburg“ erzählen und von einem Märchen, auf das der Spruch „Die Sonne bringt es an den Tag“ zurückgeht. Margarete von Galen berichtet davon, weil der Spruch die Wand eines großen Hofes ziert. Adelbert von Chamisso veröffentlichte das Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm 1827 in Gedichtform.

Michael Grunwald nimmt ein kurioses Thema auf: So viele Jahre wie das Gebäude alt sei, bräuchten Gerichtsunkundige fast, um sich im Kriminalgericht zurechtzufinden. Also sind alle, die das Haus betreten wollen – oder müssen – vorgewarnt: Nehmen Sie sich Zeit, um den richtigen Weg zwischen Keller und siebentem Himmel zu finden. Zeit brauchen die Lesenden auch für das Buch, denn es ist, wie schon angedeutet, keine Geschichte des Moabiter Schlosses. Seine Gliederung baut auf die Neugier eines Publikums, dass sich nicht zurechtfinden will.

Wer die Damen und Herren Richter und Staatsanwälte kennenlernen möchte, ohne das Kriminalgericht zu betreten, wird sie an dem einen oder anderen Tag in einem der bemerkenswertesten Buchläden von Berlin erleben, gleich gegenüber in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung. - Gerhild H. M. Komander –

Das Neue Kriminalgericht in Moabit. Festschrift zum 100. Geburtstag am 17. April 2006, hg. vom Präsidenten des Amtsgerichts Tiergarten Alois Wosnitzka, Berlin: BWV Berliner Wissenschaftsverlag 2006. 183 S. Mit 39 Schwarzweißabbildungen

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| Nr. 10, Juni 2007 | 

Die eigene Scholle am Wannsee

Max Liebermann und seine Villa und die Berliner Geschichte


Dass sich das Rauhbein Liebermann im Haus am Pariser Platz eingeengt fühlte, können Menschen, die eine Zweizimmerwohnung bewohnen, kaum nachempfinden, den Traum des Malers vom großen Garten, den andere pflegen, schon eher. Max Liebermann war 63 Jahre alt, als er sich den langgehegten Traum von einem grünem Paradies erfüllte. Vom Millionenerbe des Vaters Louis, der mit der Kattunfabrikation sein Geld gemacht hatte, war noch etwas übrig.
7 000 Quadratmeter Land erwarb der berühmteste Maler der Berliner Geschichte am Wannsee und bezahlte sie – anders als bei dem reichen Erben zu vermuten wäre – von den Verkäufen der eigenen Bilder, und zwar, wie er stolz berichtete, aus den Honoraren der zwei zurückliegenden Jahre.

In der Seestraße, die heute Am Großen Wannsee heißt, zieht sich das Grundstück langgestreckt bis an das Ufer des Sees hin. Das Wohnhaus, errichtet von Paul Baumgarten, nimmt an seinem Platz wohl zwei Drittel der Breite ein, steht dicht am Haus der Nachbarn Hamspohn. Doch Max Liebermann stellte erleichtert fest, nun die Ellenbogen wenigstens nach beiden Seiten ausstrecken zu können, ohne anzustoßen.

Das Buch zu diesem Paradies ist ein verlässlicher Führer durch die Geschichte von Haus und Garten. Von der Villenkolonie Alsen ist einleitend die Rede, die die Hohenzollern als Landschaft seit dem 17. Jahrhundert in die „systematische Kultivierung“ der „Insel Potsdam“ einbezogen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ließen sich zahlreiche der wohlhabendsten Berliner Bürgerfamilien hier nieder. Das Liebermann-Grundstück ist keineswegs das größte.

Das Haus am Wannsee genoss der alt werdende Maler als Rückzugsort. Als Bildmotiv entdeckte er es erst, als er sich selbst mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs die jährlichen Reisen nach Holland verwehrte. Die Reiselust verließ ihn ohnehin mit zunehmendem Alter. Ab 1915 nahm er seinen Garten als Inspirationsquelle für seine Garten wahr. Zwanzig Sommer verbrachte die Familie Liebermann am Wannsee bis zum Tod des Künstlers 1935.

Die entwürdigende und letztlich lebensbedrohliche Entwicklung unter der nationalsozialistischen Herrschaft fand ein Ende mit der faktischen Enteignung Martha Liebermanns und ihrem Selbstmord, mit dem sie sich vor der Deportation als Jüdin rettete. Die geistlose, ja freche Nutzung von Haus und Garten durch nationalsozialistische Institutionen, die Gleichgültigkeit im Umgang mit dem kulturellen Erbe in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Berliner Senat und die Bezirksverwaltung Zehlendorf bilden für alle kulturbewussten Menschen den bitteren Höhepunkt in der Geschichte des Wannseeparadieses.

Die mühsame und liebevolle Arbeit, die das Landesdenkmalamt und die Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin leisteten, hat den Lebenden zurückerobert – im Grunde unberechtigt -, was den Toten entrissen wurde.

Das Buch aus dem Transit Buchverlag erweist sich als handliche Ergänzung der Biographien Liebermanns – und auch der Berliner Geschichte. Die Werke, zu denen der Garten seinen Besitzer motivierte, zeigten die Hamburger Kunsthalle und die Nationalgalerie Berlin in den Jahren 2004 und 2005. Sie sind in dem Katalog „Im Garten von Max Liebermann“ versammelt und beschrieben. – Gerhild H. M. Komander -


Max Liebermann. Das Paradies am Wannsee, herausgegeben von Nina Nedelykow und Pedro Moreira, Berlin: Transit Buchverlag 2006. 160 S. Mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 10, Juni 2007 |

 Fanny Hensel auf Reisen

Von Berlin nach Paris und zurück


Über Köln, Düsseldorf und Aachen, Lüttich, Namur und Valenciennes reiste die Komponistin Fanny Hensel im Sommer 1835 von Berlin nach Paris. Zweieinhalb Monate lang lebte sie mit ihrem Mann, dem Maler Wilhelm Hensel, dem Sohn Sebastian, damals fünf Jahre alt, und der Schwägerin Minna „aus den Koffern“. Das Reisen war beschwerlich. Bis nach Paris waren mehrere Übernachtungen notwendig, deshalb gab es die vielen Stationen bis zur Ankunft in der französischen Hauptstadt.

Die Unterbrechungen der Reise hatten jedoch noch einen anderen Grund. Wohl gingen in diesen Zeiten - sehr viel häufiger als heute - zahlreiche Briefe zwischen Familienmitgliedern und Freunden hin und her, doch ersetzten sie den persönlichen Kontakt nicht. Die Familie Hensel nutzte die Reise nach Frankreich auch für ein Familientreffen. Felix Mendelssohn Bartholdy, der berühmte Bruder Fannys, leitete in Köln das Musikfest. Dazu trafen die Eltern Lea und Abraham aus Berlin, die Schwester Rebecka und die Schwägerin Rosa ein. Gemeinsam machte sich die Familie nach Düsseldorf auf, wo Felix als städtischer Musikdirektor tätig war.

Am 21. Juni hieß es, Abschied zu nehmen. Die Hensels reisten nun Richtung Paris. Schon vom nächsten Tag datiert der erste Brief, den Fanny an ihre Mutter Lea schrieb. „Mit den Gefühlen eines Kindes“ findet sie sich in der Hauptstadt der Künste und Künstler wieder, sehnt die Gespräche mit den Vertrauten herbei, schimpft auf das schlechte Wetter und berichtet von den ersten Eindrücken und dem babylonischen Sprachengewirr, das das Zusammentreffen von Menschen verschiedener Herkünfte entfacht.

Die Briefe, die Hans-Günter Klein für den Band „Briefe aus Paris“ entziffert und kommentiert hat, zeigen, wie eng die Verbindungen europäischer Bürgerfamilien im 19. Jahrhundert waren, wie dicht das kommunikative Netzwerk sein musste, um emotionale und informelle Bindungen aufrecht zu halten. In Nebensätzen scheinen oft die über die persönlichen Eindrücke hinausgehenden Ereignisse und Beziehungen durch, deren Beschaffenheit sich ohne die Erläuterung des Herausgebers nur selten erschließen.

Welches Verhältnis hatten die bis heute für die Berliner und deutsche Kulturgeschichte relevanten Bürgerfamilien des 19. Jahrhunderts untereinander?

Das eher gespannte Verhältnis zwischen der Familie Beer / Meyerbeer und der Familie Hensel / Mendelssohn Bartholdy spricht Fanny Hensel in einem Brief vom 17. August an ihre Schwester Rebecka Dirichlet direkt an. Den Eindruck, den das Haus der Familie Rothschild auf sie macht, beschreibt Fanny Hensel gspielt nüchtern: „Mit mehr Geschmack kann man sein Geld nicht verschwenden.“ Ihre Sprache sprüht von Witz und Ironie dabei und macht auch vor den liebsten Verwandten nicht Halt.

Die Fürsorge und Liebe der Familienmitglieder und befreundeten Familien untereinander zieht sich gleichzeitig wie ein roter Faden durch alle Briefe. Aufmerksam beobachtet die Briefschreiberin ihren kleinen Sohn und gibt den Lesenden damit Einblick in das innere Gefüge einer Familie im Biedermeier. Als der Vater schreibt, die Mutter sei schwer erkrankt, beruhigt er die Tochter sogleich, um ihr den Gedanken an eine Rückkehr auszutreiben. Die tiefe Sorge Fannys um die Mutter legt sich nur zögernd.

Der beständige Kontakt über große Entfernungen hinweg mutet beschaulich an und war doch mit großem Aufwand verbunden. Jeder einzelne Brief musste von einem zuverlässigen Menschen „besorgt“ werden, nicht immer stand ein Postbote zur Verfügung.

Die Briefe Fanny Hensels bewahrt das Mendelssohn-Archiv in der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Antwortschreiben an die Absenderin gelten großenteils als verschollen, so dass der Herausgeber nicht alle inhaltlichen Bezüge klären konnte. Mit Personenregister und Anmerkungen ausgestattet finden sich auch diejenigen Lesenden in den Briefen Fannys zurecht, die keine eingehenden Kenntnisse der in der dritten Generation schon weit verzweigten Familie Mendelssohn-Bartholdy-Hensel besitzen.  – Gerhild H. M. Komander –


Fanny Hensel: Briefe aus Paris an ihre Familie 1835, nach den Quellen zum ersten Mal herausgegeben von Hans-Günter Klein, Wiesbaden: Reichert Verlag 2007. 100 S. Mit neun Schwarzweißabbildungen. 24,90 Euro

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| Nr. 9, Mai 2007 |

„Ich bin immer auf der anderen Straßenseite gelaufen“

Hospital der Reichshauptstadt, Haftort der Geheimdienste, Bezirksamt Prenzlauer Berg


Welche Geschichten haben diese Mauern wohl erlebt?
Hospital und Siechenhaus der Reichshauptstadt, Haftort der Geheimdienste, Bezirksamt Prenzlauer Berg: 120 Jahre Geschichte stecken in den Backsteinbauten, die an der Prenzlauer Allee Ecke Fröbelstraße stehen. Gut einhundert Jahre davon breiten die AutorInnen in ihrem Buch aus.

Könnten Häuser sprechen, würden ihre Erzählungen mühelos Bände füllen, CDs an die Grenzen ihrer Kapazität führen. Das Bezirksamt Prenzlauer Berg besteht gleich aus mehreren solcher Häuser. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beschloß die städtische Armenkommission, ein Hospital und Siechenhaus an der damals fast unbewohnten Prenzlauer Allee zu bauen. Stadtbaurat Hermann Blankenstein entwarf eine Anlage mit sechs großen Gebäuden – wie immer, wenn es um öffentliche Bauten ging, in gelben Ziegeln mit roten Formsteinen.

Das Städtische Obdach eröffnete 1887, 1889 folgte das Friedrich-Wilhelm-Hospital und Siechenhaus. Viele Hunderte Berlinerinnen und Berliner fanden in den Häusern an der menschenleeren Straße Unterkunft, alte und chronisch kranke Menschen versorgte ausgebildetes Personal. 1934 verfügte das Hauptgesundheitsamt die Auflösung der Anstalt und ließ alle Patienten – mehr als 1 300 Menschen – in das Krankenhaus nach Buch verlegen. Die Gründe dafür sind unbekannt.

Die Bezirksverwaltung nutzte die Gelegenheit und brachte erstmals alle Dienststellen an einem Ort zusammen, als es in die leeren Gebäude zog. Anstelle der Wohlfahrtspflege zog nationalsozialistische Willkür in die Häuser Prenzlauer Allee Ecke Fröbelstraße. Diese Zeit der nationalsozialistischen Verwaltung konnte in dem Buch nicht vollständig bearbeitet werden, da die Akten nur unvollständig erhalten sind.

Intensiver lässt sich dagegen die Nachkriegszeit beschreiben: Wie sich die Herrschaft der SED durchsetzte, der sowjetische Geheimdienst NKWD ein Gefängnis einrichtete, das Ministerium für Staatssicherheit einzog. Ab 1950 diente das Haus 3 dem Staatssicherheitsdienst als Verhörzentrum und Untersuchungshaftanstalt.

Und wie haben Bewohnerinnen und Bewohner des Bezirks Prenzlauer Berg die Haftstätte des NKWD und die Staatssicherheit in ihrer „Nachbarschaft“ erlebt? Die AutorInnen fragten die Bevölkerung in den umliegenden Häusern nach ihren Erinnerungen. Was haben sie in den vier Jahrzehnten mitbekommen, in denen Stalinisten Andersdenkende als Staatsfeinde verfolgten?

Erstaunt – und enttäuscht? – schreibt Ulrike Gentz, dass die „facettenreiche Geschichte“ nur in wenigen Beobachtungen der Menschen präzise sei. Gerade ältere Menschen erinnern sich stärker an das „Städtische Obdach“, das 1933 auszog. Die antifaschistische Umerziehung scheint lange nachzuwirken. Willkür und Verfolgung der „Befreier“ und „Befreiten“ waren tabu. Verdrängen, verheimlichen, vergessen: Ob sich Geschichte doch wiederholt?

Jungen Frauen war die „Russische Kommandantur“ unheimlich. Sie fürchteten Vergewaltigung, liefen lieber die andere Seite der Prenzlauer Allee entlang, wenn ihr Weg sie vorbeiführte. Die Frauen erzählen fünfzig Jahre von Schreien junger Männer, die aus den Fenstern drangen. Wer keine persönliche Berührung mit den Häusern der Bezirksverwaltung Prenzlauer Berg hatte, konnte sie ignorieren. Vor allem die jüngeren Menschen nahmen keinen Anstoß an Mauern und vergitterten Fenstern. Sie waren ja damit groß geworden, erzählen sie in den Interviews.

Das Buch ist keine leichte Kost. Das ergibt sich aus der Geschichte des Ortes, aber auch weil man beim Lesen schnell den Faden verliert. Die Kapitel stehen nacheinander, weisen wenige Bezüge zueinander auf, als hätten alle Autorinnen und Autoren für sich gearbeitet. Eine Zusammenfassung fehlt, auch eine Chronologie. Alle Lesenden, die die DDR nicht erlebt haben, werden viele Begriffe nicht verstehen. Da wirkt sie noch nach, die Deutsche Teilung. Dennoch: Das Buch ist ein mutiges Werk, steht erst am Anfang einer Bearbeitung der Nachkriegsgeschichte der DDR. – Gerhild H. M. Komander -

Prenzlauer, Ecke Fröbelstraße. Hospital der Reichshauptstadt, Haftort der Geheimdienste, Bezirksamt Prenzlauer Berg 1889 – 1989, herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Geschichtswerkstatt, Berlin: Lukas Verlag 2006. 247 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen.

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 | Nr. 9, Mai 2007 |

Telte, Bäke, Teltowkanal 

Vom Bach zum Schifffahrtskanal


37,8 Kilometer ist er lang, der Teltowkanal, der sich von der Glienicker Lake bei Kohlhasenbrück bis nach Grünau zieht, wo er in die Dahme mündet. Handfeste Probleme führten zu seinem Bau. Einer Region, in der am Ende des 19. Jahrhunderts 250 000 Menschen lebten, fehlte die Entwässerung.

Jan Feustel erklärt, dass der Name Teltow, der eine Landschaft, einen Landkreis und später den Kanal im Süden Berlins bezeichnete, einst der Bäke galt. Die Bäke, der vergessene Bach, dümpelte zwischen verlandenden Gewässern. An ihren Ausbau wagte sich kein Landrat. Geld und Tatkraft fehlten, bis ein Verwaltungsbeamter namens Ernst Stubenrauch 1885 zur Tat schritt. Stubenrauch entwickelte als Landrat den Kreis Teltow zu einem Musterkreis Preußens. Der Landkreis umfasste bei seinem Amtsantritt auch die heutigen südlichen Bezirke Berlins – von Zehlendorf bis Köpenick. Auf dem Weg durch die Instanzen gewann Stubenrauch Kaiser Wilhelm II. für sein Kanalprojekt, erhielt am 1. Januar 1900 den erblichen Adel und am 5. März desselben Jahres die Zustimmung des Kreistages zum Kostenvoranschlag über 25 250 000 Mark. Der Kronprinz eröffnete die Bauarbeiten am 22. Dezember 1900 mit dem ersten Spatenstich im königlichen Schlosspark Babelsberg.

In fünfeinhalb Jahren Bauzeit stellte die Wilmersdorfer Firma Havestadt & Contag den Teltowkanal so weit fertig, dass Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria zur Eröffnung am 2. Juni 1906 auf ihrer Yacht Alexandria bis nach Teltow fahren konnten. Im Frühsommer 1907 war der Kanal auf der gesamten Strecke befahrbar.

Die Planungs- und Baugeschichte des Teltowkanals fasst Jan Feustel auf 14 Seiten zusammen. Ein Plan vom Verlauf des Wasserweges bereitet den Hauptteil des Buches vor: Die Reise entlang der „Lebensader durch Sumpf und Sand“. In sechs Abschnitten begleitet der Autor diese Reise von der Glienicker Lake bis zur Dahme: Ausflüge in die Geschichte des Kanalbaus und die anliegenden Orte. Er macht auf Brückenstümpfe der früheren Treidelbahn, die Bäkemühle und die Hakeburg aufmerksam, führt seine LeserInnen zum Stubenrauchdenkmal in Teltow und zur Orgelbaufirma Schuke in Schönow. Begleitet werden die Texte von historischen und neuen Aufnahmen.

Das Buch wiegt nicht schwer im Rucksack und ist auch deshalb ein idealer Reisebegleiter für Spaziergänge am Berlin-Brandenburgischen Teltow-Kanal. 
Gerhild H. M. Komander -

Jan Feustel: Lebensader durch Sumpf und Sand. 100 Jahre Teltowkanal, Mitarbeit: Horst Köhler, Berlin: Hendrik Bäßler Verlag 2006. 128 S. Mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabbildungen.

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 | Nr. 9, Mai 2007 |

Eine noble Straße macht Politik

Geschichtsmeile Wilhelmstraße


Sie war die erst noble Straße in Berlin, angelegt auf Befehl des Königs, der durch Sparsamkeit und seine Vorliebe für hochgewachsene Männer bekannt war. Friedrich Wilhelm I. ließ in seinem letzten Regierungsjahrzehnt die Friedrichstadt ausbauen. Soldaten und Bürger trugen den Festungswall ab, der die Residenzen seit 1688 umschloss. Der König befahl, eine neue Stadtmauer zu errichten, weit ab von der Festungslinie. Die stadtplanerischen Ambitionen des Königs waren hochgesteckt. Erstmals in der Berliner Geschichte erhielten die ausführenden Baumeister – Philipp Gerlach und Georg Behr – die Anweisung, große Stadtplätze anzulegen und – davon ausgehend – Magistralen anzulegen.

Die zwischen Stadtmauer und Friedrichstraße gelegene Wilhelmstraße – benannt nach ihrem Initiator – verband Rondell und Karrée, heute Mehringplatz und Pariser Platz. Friedrich Wilhelm I. nötigte die wohlhabenden seiner Untertanen, die Straße beidseitig mit großzügigen Stadthäusern zu bebauen. Mehrere Palais’ blieben bis zur Abdankung Kaiser Wilhelms II. und zur Revolution von 1918 im Besitz der Hohenzollern. Andere erwarben Großindustrielle wie der Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg. Viele der weitläufigen Gebäude mit ihren langgestreckten Gärten an der Westseite der Wilhelmstraße wechselten mehrfach die Eigentümer.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten sich einzelne Gebäude zu Regierungsstandorten. Mit der Reichsgründung 1871 wuchs der Platzbedarf enorm, und die Ministerien mieteten zunächst einzelne Etagen, kauften dann Häuser und Grundstücke auf. Die Wilhelmstraße wurde zum Synonym der deutschen Reichsregierung.

Die wechselhafte Geschichte der Gebäude in der ersten deutschen (Weimarer) Republik, im nationalsozialistischen Reich und in der DDR war 1996 Thema der Freiluftausstellung Geschichtsmeile Wilhelmstraße. Weil das Interesse sehr groß war, wurde aus der zeitlich begrenzten Ausstellung eine dauerhafte. Auf 24 Schautafeln erklärten Texte und Bilder die Geschichte der Bauten, ihrer BewohnerInnen und Nutzer.

Am 16. April 2007 eröffnete die Stiftung Topographie des Terrors die Ausstellung neu. In deutscher und englischer Sprache informieren jetzt 29 Tafeln über die historische Bedeutung der Wilhelmstraße. Das Begleitbuch zur Ausstellung widmet ebenfalls zweisprachig jedem Erinnerungsort eine Doppelseite mit Bildern (in Briefmarkengröße) und eine Graphik, die den jeweiligen Standort anzeigt. Die Texte sind lesefreundlich verfasst. Die Nummerierung der Wilhelmstraße in der Graphik ist kaum lesbar. Es ist dem Buchrücken schon einige Gewalt anzutun, um die untere Hälfte entziffern zu können. Einen zusammenfassenden Text, der die Entstehung der Wilhelmstraße skizziert (wie oben nachzulesen) und die Frage beantwortet, warum ausgerechnet hier das Regierungsviertel entstand, gibt es nicht. - Gerhild H. M. Komander -

Geschichtsmeile Wilhelmstraße, herausgegeben von der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2006, 68 S. Mit zahlreichen Abbildungen. 4,00 Euro

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 | Nr. 9, Mai 2007 |

Baumeister mit Leib und Seele

Karl Friedrich Schinkel in Berlin und Potsdam


Ein Führer zu den erhaltenen Werken Schinkels in Berlin und Potsdam verspricht das Vorwort der HerausgeberInnen. Bewusst haben sich die Initiatoren für den Kern des Werkes entschieden, Arbeiten, die Karl Friedrich Schinkel mit Kollegen plante, ohne sie wesentlich zu gestalten, außer Acht gelassen. 

Leben und Wirken Schinkels stellt die Einführung vor. Überschaubare Absätze verweisen auf den Architekten und Baumeister, den Baubeamten und Städtebauer, den Lehrer und Selbstdarsteller. Rastlos und arbeitswütig war er und der einzige Künstler, nach dem eine ganze Epoche benannt wird, als Schinkelzeit. Die Bezeichnung trifft tatsächlich häufig besser den Charakter der Zeit zwischen den Napoleonischen Kriegen und der Revolution von 1848.

Die Werkschau beginnt in Berlin mit der Neuen Wache, dem ersten Werk Schinkels in der königlichen Residenz und folgt der Chronologie in Bezug auf die Bauwerke in der Stadtmitte. Kreuzbergdenkmal, Vorstadtkirchen, Bauten in Tegel, Charlottenburg, Glienicke und auf der Pfaueninsel folgen, den Abschluss bilden die Grabdenkmäler auf sechs Berliner Friedhöfen. Die Potsdamer Bauten schließen an, gruppiert nach ihren Standorten.

Die Werksartikel beinhalten einen Lageplan, eine Chronologie, historische Abbildungen und aktuelle Photographien. Neben der eigentlichen Beschreibung erfahren die Lesenden den jeweiligen Werkzusammenhang und die kunsthistorische Einordnung. Spätere Eingriffe in die Bauten werden diskutiert, der Forschungsstand durch Literaturhinweise angegeben.

Wer den Führer zu Schinkels Bauten in die Hand nimmt, kann sich auf den Weg machen, Schinkels Berlin – und Potsdam – zu erobern. Wer mehr studieren möchte und sich vorbereiten oder Fragen nachbereiten möchte, dem steht mit der ausgewählten Literatur aus der unüberschaubaren Fülle zu Leben und Werk Karl Friedrich Schinkels ein guter Leitfaden zur Verfügung. - Gerhild H. M. Komander - 

Karl Friedrich Schinkel. Führer zu seinen Bauten, Band 1: Berlin und Potsdam, herausgegeben für das Schinkel-Zentrum der Technischen Universität Berlin von Johannes Cramer, Ulrike Laible und Hans-Dieter Nägelke, München und Berlin: Deutscher Kunstverlag 2006, 160 S. Mit 166 Farbabbildungen. 14,90 Euro

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| Nr. 8, April 2007 |

Der Palast am Schloßplatz

Die Geschichte vom Palast der Republik


Der Palast steht nackt und ohne Mittelbau am Schloßplatz. So stand er schon einmal, 1974, als die Stahlkonstruktion in die Gleitkerne montiert wurde und der Platz noch Marx-Engels-Platz hieß. Ist deshalb die Rede von Rückbau und nicht von Abriss?

Anke Kuhrmann legt ihre aktualisierte Dissertation vor, die sie im Jahr 2003 am Kunsthistorischen Institut der Ruhr-Universität Bochum einreichte. Sie behandelt eines der wichtigsten Bauwerke der DDR und berichtet einleitend von den Schwierigkeiten, die die Quellensuche bereitete. Die Vernichtung von Plänen, Akten und Notizen von Betrieben und stattlichen Einrichtungen der DDR nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 wog um so schwerer, als vor 1990 eine kritische Baugeschichtsschreibung nicht erwünscht war. Das erhaltene Quellenmaterial bewahren mehrere bundesdeutsche Institutionen.

Die Autorin klärt zuerst die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Bau und stellt fest, dass der Palast der Republik „seine Existenz vor allem der kurzen Phase wirtschaftlicher  Konsolidierung der DDR in den Jahren 1971 bis 1976“ verdanke. Auf dem achten Parteitag der SED 1971 bestimmte der Erste Sekretär der SED Erich Honecker die „weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes“ zum Hauptziel des nächsten Fünfjahresplanes. Der Palast der Republik gehörte dazu.

Minutiös betrachtet Anke Kuhrmann die Planungsgeschichte und räumt der künstlerischen Gestaltung viel Platz ein, die Ausstattung eingeschlossen. Das entspricht den aufwendigen Planungen für Architektur, Farbigkeit und Kunstwerke zur Ausstattung. Dass die Finanzpolitik der Honecker-Regierung die Wirtschaft der DDR kollabieren ließ, daran hatte der Bau des Palastes seinen Anteil. Die Baukosten können nur geschätzt werden. Sie betrugen vermutlich achthundert Millionen Mark. Zum Vergleich: Der Berliner Hauptbahnhof hat – ebenfalls geschätzt – bis zu eine Milliarde Euro gekostet.

Die Autorin führt erstmals und ausführlich alle Aspekte des Palastes der Republik auf der Grundlage aller verfügbaren Quellen zusammen. Die Bildquellen rufen nicht bloß vergessene Erinnerungen wach. Sie dokumentieren Bau, Funktion und historische Ereignisse. Wie umfangreich das Material ist, belegt Anke Kuhrmann im Anhang ihres Buches, der außer den notwendigen Teilen auch die an Planung und Ausführung Beteiligten, biographische Notizen und die bildkünstlerischen Werke verzeichnet.

Der stilistische Vergleich, den die Autorin unter dem Titel „Das ‚Déja-Vu der ostdeutschen Moderne’ – zur Stilistik“ anstellt, zeigt dass der Palast der Republik ideengeschichtlich an ein sowjetisches Vorbild anknüpft: Die Planung zum Palast des Obersten Sowjet in Moskau, die 1931 mit einem ersten Wettbewerb begann. – Gerhild H. M. Komander - 

Anke Kuhrmann: Der Palast der Republik. Geschichte und Bedeutung des Ost-Berliner Parlaments- und Kulturhauses. Petersberg: Michael Imhof Verlag 2007. 240 S. Mit 195 Farb- und 81 Schwarzweißabbildungen. 39,95 Euro

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| Nr. 8, April 2007 |

Musik im Salon

Die Musikveranstaltungen bei den Mendelssohns


Gibt es eine deutsche Universität, die einen Frauennamen trägt? Berlin jedenfalls besitzt eine Freie Universität, eine Technische Universität, eine Universität der Künste und eine Humboldt-Universität. Ein Humboldt-Forum wird hinzukommen. – Auf diesen Gedanken verfällt der kritische Geist beim Lesen des ersten Beitrags in diesem Band. 

Barbara Hahn erzählt vom Abschied Wilhelm von Humboldts von Rahel Varnhagen, die damals noch Levin hieß, und eröffnet einen anderen Blick auf die Gründung der Berliner Universität 1810: Die Errichtung der Universität trennt plötzlich Männer und Frauen, Christen und Juden auf ein andere Weise als zuvor. Der Berliner Salon, wie Rahel Varnhagen ihn kannte, wird verdrängt, mit ihm die Frauen. – Darauf muß man erst einmal kommen. –

Der gesellschaftliche Rückschritt, den die Frauen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erleben, zeigt sich auch im Haus der Familie Abraham Mendelssohn und in der Antwort auf die Frage, ob die Musikveranstaltungen der Mendelssohns denn musikalische Salons gewesen seien? Petra Wilhelmy-Dollinger beschreibt die musikalischen Salons in Berlin zwischen 1815 und 1840. Wolfgang Dillinger erzählt von den Sonntagsmusiken bei Abraham und Lea Mendelssohn, Hans-Günter Klein von denen bei der Tochter Fanny Hensel. Aus den Aufsätzen erschließt sich die verneinende Antwort: Eher halböffentliche Konzerte gaben die Mendelssohns und Fanny Hensel.

Restauration, Reaktion, Biedermeier: Es war nicht die Zeit für freizügige Gespräche, es war nicht die Zeit für geistreiche Konversation und erotische Verwicklungen. Es war nicht die Zeit der Frauen, als die Sonntagsmusiken im Hause Mendelssohn-Hensel stattfanden. – Gerhild H. M. Komander

Die Musikveranstaltungen bei den Mendelssohns – ein ‚musikalischer Salon’? Die Referate des Symposions am 2. September 2006 in Leipzig, herausgegeben im Auftrag des Mendelssohn-Hauses von Hans-Günter Klein. Leipzig: Mendelssohn-Haus 2006. 101 S. Mit fünf Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 8, April 2007 | 

Tauben und Jäger am Gendarmenmarkt

Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt


Die Straße ist nicht besonders lang. Sie verbindet die Oberwallstraße auf dem Friedrichswerder mit der Mauerstraße in der Friedrichstadt und überquert dabei den Gendarmenmarkt. Die Jägerstraße trägt ihren Namen nach den kurfürstlichen Jägern, die ihr Domizil jenseits der Stadtmauern am Tiergarten hatten. Das Haus lag nach heutiger Topographie dicht am Auswärtigen Amt, am östlichen Ende der Jägerstraße Ecke Kurstraße. 

In der Jägerstraße lag die Keimzelle des Berliner Bankenviertels – in Gestalt der Giro- und Lehnbank, die Friedrich II. im Haus des nunmehr königlichen Hofjägers einrichtete. Später gründete der König die Königliche Seehandlung, aus der sich die Preußische Staatsbank entwickelte. Ihr wies er das königliche Domestikenhaus in der Jägerstraße Ecke Markgrafenstraße zu. Hier hat heute die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ihren Sitz.

Die Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin nahmen ihr Jubiläum, zehn Jahre in der Jägerstraße 10/11, also am westlichen Ende der Straße, ansässig zu sein, zum Anlass, sowohl die Geschichte ihres Hauses als auch dessen Umgebung zu erforschen. 29 Autorinnen und Autoren beschreiben die Geschichte der Straßen, Häuser und Menschen rund um den Gendarmenmarkt.

Die Familie Humboldt besaß in der Jägerstraße ein Stadthaus, die Mendelssohns etablierten ihr Bankhaus, Friedrich Schiller, Leopold von Ranke und Sören Kierkegaard hielten sich hier auf. Vom Bankenviertel ist ausführlich die Rede, vom gesellschaftlichen Leben und vom Urania-Theater. Das erste Gesinde-Vermiethungskontor und die Belgische Botschaft, der Club von Berlin und die Photoagenturen John Graudenz und Dephot – hier lernte Robert Capa das Photographieren -, die Komische Oper und die Berliner Zeitung waren um den Gendarmenmarkt zuhause. Manche Namen sind zurückgekehrt. Auch das erwähnen die AutorInnen. - Gerhild H. M. Komander

Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte aus der Berliner Friedrichstadt, herausgegeben von Wolfgang Kreher und Ulrike Vedder. Berlin: Gebr. Mann Verlag 2006. 231 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 8, April 2007 | 

Helden und Soldaten auf dem Friedhof

Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin


Ein sowjetisches Ehrenmal war der erste Berliner Nachkriegsbau: das Ehrenmal für die Gefallenen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg im Tiergarten an der Straße des 17. Juni. Das Zusammenspiel von sowjetischem Ehrenmal und Straßenehrung ist an dieser Stelle kurios, spiegelt die Widersprüche der jüngeren deutschen, ja, europäischen Geschichte.

Helga Köpstein beschreibt die drei sowjetischen Ehrenmale, die zwischen 1945 und 1949 in Berlin entstanden. Das erste ist die gewaltige Anlage im Tiergarten, das zweite – noch viel größere – liegt im Treptower Park, das dritte befindet sich in der Schönholzer Heide. 

Die Autorin handelt die Gedenkstätten, die zugleich Friedhöfe sind, nacheinander bis in das letzte Detail ab. Die Kapitel heißen „Die Zeit der Entstehung“, „Erste Vorbereitungen“, „Einweihung“, „Nach der Einweihung“ usw. usf. Übergeordnete Fragestellungen und Kapitel fehlen. Mühsam sortiert die Autorin das Material. Viele und überlange Zitate stören den Lesefluß. Das ist bedauerlich, insbesondere da keine weitere aktuelle Publikation zu diesem Thema greifbar ist.

Über die propagandistische Aussage, stalinistische Ästhetik und künstlerische Qualität verliert Helga Köpstein kein Wort. Das trifft leider auch auf die Künstlerbiographien im Anhang des Buches zu. – Gerhild H. M. Komander

Helga Köpstein: Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin, Berlin: R.O.S.S.I. 2006. 283 S. Mit 93 Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 7, März 2007 | 

Ein Prenzlberger wird Hausbesitzer

Frank Ewald erzählt eine Wiedervereinigungsgeschichte


Einen Sommer lang haben sie den Nachbarn in der Seestraße die Abende mit dröhnender Musik verdorben. Dann war es plötzlich still auf der Dachterrasse. Ob die jungen Leute von drüben kamen? Aus Mitte oder Prenzlauer Berg?

Max Steinert jedenfalls vermisst das Toben auf den Dächern über Berlin und die Partys, die sie da oben feierten. Gleich nach der Öffnung der Mauer, kaum sind die ersten Häuser von Volks- in Privateigentum übergegangen, ist Schluß damit. Das Reich der Dächer von Prenzlauer Berg gibt es nicht mehr.

Max trauert ihm nach. Er erhält sein Diplom als Ingenieur für Gartenbau und – nach alter DDR-Sitte – einen befristeten Arbeitsvertrag beim Umweltamt. Dort lernt er die GGO1 kennen, die „Gemeinsame Geschäftsordnung der Berliner Verwaltung“, staunt über Anweisungen, wie Kommata, Satzbau und Unterschrift auszusehen haben. Der Brief, in dem ihm das Land Berlin mitteilt, dass das Haus, in dem er zur Miete wohnt, an einen privaten Investor verkauft wurde, stimmt so gar nicht mit diesen Regeln überein. Das fällt Max sofort auf.

Er zeigt Harry das Schreiben, seinem Amtsleiter. Der kennt sich aus. Er ist aus West-Berlin. Tatsächlich, das Schreiben ist nicht echt. Nach dem Bundesaltschuldengesetz mußt den Mietern das Vorkaufsrecht eingeräumt werden. – Eine interessante Angelegenheit, an die heute niemand mehr denkt, denn die Zeit der „Wende“ ist 17 Jahre her. Frank Ewald, der Autor erzählt seine eigene Geschichte. Mit dem Bundesaltschuldengesetz nimmt seine Geschichte Fahrt auf. Das Gesetz mit dem sperrigen Namen ermöglicht ihm, das Haus, in dem er wohnt, zu einem Bruchteil des Schätzwertes zu erwerben. Wie der Autor seinen Helden Max Steinert in gelassener Heiterkeit den westdeutschen Immobilienmaklern gegenübertreten lässt, die „sein“ Haus gekauft haben und – Bundesaltschuldengesetz hin und her – behalten wollen, liest sich gut.

Max Steinert schläft schlaflose Nächte. Die Immobilienfirma trumpft auf, das Geld für das Hauskauf liegt auf der Bank, aber nicht auf seinem Konto. Doch die Mieter stimmen für ihn. Damit nimmt Max die erste Hürde, denn das Bundesaltschuldengesetz besagt, dass das Vorkaufsrecht nur dann in Kraft tritt, wenn die Mieter des Hauses zustimmen, dass eine(r) von ihnen ihr neuer Hausbesitzer wird. Die Immobilienfirma lässt nicht locker, weigert sich, die erworbenen Häuser abzugeben, bestehendes Recht anzuerkennen. 

Wie die Mieter aus Prenzlauer Berg doch ihr Recht erwirken, beschreibt Frank Ewald spannend, mit feiner Ironie, in einer Art deutschem Wiedervereinigungskrimi. Und das Beste an dem letztlich guten Ende ist, dass die Geschichte eine wahre ist.  – Gerhild H. M. Komander - 

Frank Ewald: Monopoly in Prenzlauer Berg, Berlin: Trafo Verlag 2007. 183 S. 12,80 Euro

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| Nr. 7, März 2007 |

Wieso gewannen die Russen den Ersten Weltkrieg?“

Ein Amerikaner berichtet über Berlin und Deutschland 1918/19


Ben Hecht (1894 – 1964) war einer der berühmtesten Drehbuchautoren, die Hollywood gesehen hat. Wo nimmt ein Drehbuchautor in den Vereinigten Staaten von Amerika seine Ideen her? Waren vielleicht seine Erinnerungen eine Quelle? 1918 zum Beispiel: Der Deutschland-Korrespondent der „Chicago Daily News“ steigt im Hotel Adlon am Pariser Platz ab. Das Abenteuer kann beginnen ...

Ben Hecht spricht kein Wort Deutsch. Der „Gehrock“ vom Hotel Adlon ist seine erste Informationsquelle. - Der Kellner flüstert ihm zu, Karl Liebknecht werde in der Nacht das kaiserliche Schloss angreifen. „Wer ist Karl Liebknecht?“ Ein Führer des Spartakusbundes, erwidert der Kellner. Ob das Bolschewisten seien? Nein, Deutsche. - Das absurde Frage- und Antwort-Spiel gipfelt in der Einladung, am Angriff auf das Berliner Schloss teilzunehmen. Ben Hecht nimmt teil, die Nacht endet mit dem Zusammenbruch des kaiserlichen Nachttisches im Schlafzimmer Wilhelms II. Der Nachttisch ist der Bürde revolutionärer Literatur nicht gewachsen.

Der naive Augenzeuge Hecht hat den Auftrag, seiner Zeitung in New York Nachrichten aus Deutschland zu schicken, schreibt eine „tolle Story“. Mit den Interviews will es nicht so recht klappen. Großadmiral Alfred von Tirpitz verweist auf seine Memoiren. Das bescheidene Ergebnis aus dem Gespräch mit Philip Scheidemann, dem Ministerpräsidenten der ersten deutschen Republik, enttäuscht den Chef jenseits des Atlantiks so sehr, dass die Entlassung droht. Von General Max Hoffmann lässt Hecht sich berichten, dass der russische Wahnsinn die deutsche Wehrmacht an der Ostfront ruiniert hätte, weshalb die Truppen nicht zur Unterstützung an die Westfront hätten geschickt werden können.

Als er in den fünfziger Jahren seine Memoiren schreibt, verfasst Ben Hecht auch die Texte über seinen Aufenthalt in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Imponieren kann Berlin ihm nicht. Was er nicht vergisst, ist das „Lechzen der Deutschen nach dem Peitschenknall der Autorität“, das in der Zeit des nationalsozialistischen Deutschland seinen Gipfel erreicht.  - Gerhild H. M. Komander -

Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919, aus dem Englischen von Dieter H. Stündel und Helga Herborth, mit einem Nachwort von Helga Herborth und Karl Riha, Berlin: Berenberg Verlag 2006. 107 S. Mit zwölf Schwarzweißabbildungen. 19,00 Euro


Leseempfehlung:

Thomas Wolfes: Das Berliner (Stadt)Schloß und die „Blutweihnacht“ 1918, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 95, 1999, Heft 3.

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| Nr. 7, März 2007 | 

„Nichts Juden. Juden kaputt“

Der Jurist Daniel B. Silver schreibt über das Überleben im Jüdischen Krankenhaus Berlin


Seit mehr als 250 Jahren besteht das Jüdische Krankenhaus Berlin. Auf eine derart lange Geschichte blicken wenige Berliner Institutionen zurück. Das allein ist also schon etwas Besonderes. Das Jüdische Krankenhaus überstand auch den nationalsozialistischen Terror von 1933 bis 1945. Die ärztliche und pflegerische Arbeit konnte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs durchgeführt und in der Nachkriegszeit fortgesetzt werden. Das erscheint wie ein Wunder, doch das war es nicht, sondern kalte Berechnung der nationalsozialistischen Führung. 

David B. Silver hat auf der Grundlage der Arbeiten von Rivka Elkin, Dagmar Hartung-von Doetinchem und Rolf Winau, Aussagen von ZeitzeugInnen und Dokumenten die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses Berlin aufgeschrieben. Den Ergebnissen der vorhandenen Bücher konnte er weitere Details hinzufügen, insbesondere über die zwiespältige Rolle des Leiters Walter Lustig, das Schicksal der emigrierten und untergetauchten Ärzte und Krankenschwestern und den Alltag im Krankenhaus in den Jahren existentieller Bedrohung.

Der amerikanische Autor David B. Silver ist Jurist, kein Historiker. Er ist auch kein Nachfahre emigrierter deutscher Juden. Wie kam er auf die Idee, sich mit dem Jüdischen Krankenhaus in der Weddinger Heinz-Galinski-Straße zu befassen? Die Begegnung mit Klaus Zwilsky in den achtziger Jahren brachte für Silver die erstaunliche Erkenntnis, daß es deutsche Juden gab, die der Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen waren. Zwilsky erzählte ihm seine „Berliner Geschichte“: Sein Vater war Arzt am Jüdischen Krankenhaus und lebte in den letzten Kriegsjahren mit seiner Familie dort. 

Silver war von dieser Geschichte so fasziniert, von der Tatsache, daß im nationalsozialistischen Berlin ein jüdisches Krankenhaus bestand und arbeitete, daß er mehr wissen wollte. Jahre später begann er seine Recherchen, die er in dem Buch „Überleben in der Hölle“ zusammenfaßt. Der Autor weiß wenig von der Berliner Geschichte, auch vom Leben in der jüdischen Gemeinde vor 1933. Deshalb fehlt die Einbettung der Ereignisse in die Gesamt-Berliner Geschichte. Das erschwert LeserInnen, die selbst keine umfangeichen Kenntnisse haben, den Zugang zu diesem Thema. 

Mehrfach verzichtet Silver auf lange bekannte Fakten. Ein Beispiel: Er erwähnt die Autobiographie der Journalistin Cordelia Edvardson, die eine kurze Zeit im Waisenhaus des Krankenhauses lebte, aber nennt nicht den Namen ihrer Mutter, der Dichterin Elisabeth Langgässer*. Ist es für die amerikanischen LeserInnen unwichtig? Auf der anderen Seite hat der Autor keine Scheu, das Thema der Mitwirkung jüdischer Gemeindemitglieder bei den Transporten aus dem Jüdischen Krankentransport in die Konzentrationslager anzusprechen. Dieses Buch ist aus der Ferne geschrieben. Manche Fakten und Zusammenhänge vermißt man, andere wird man nur hier lesen können.  - Gerhild H. M. Komander -

Daniel B. Silver: Überleben in der Hölle. Das Berliner Jüdische Krankenhaus im „Dritten Reich“, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2005. 280 S. Mit 28 Schwarzweißabbildungen, 25,00 Euro


*Leseempfehlung:
Frederik Hetmann: Schlafe, meine Rose Die Lebensgeschichte der Elisabeth Langgässer, Weinheim: Beltz & Gelberg 1999. 214 S.

Ursula El-Akramy: Wotans Rabe Elisabeth Langgässer, ihre Tochter Cordelia und die Feuer von Auschwitz, Frankfurt: Verlag Neue Kritik 1997. 134 S.

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| Nr. 6, Februar 2007 | 

Backstein zwischen Glaspalästen

Die Heiliggeistkapelle bekommt ein Buch 


Gleich hier war die Stadtgrenze erreicht: In unmittelbarer Nähe zur Stadtmauer errichteten Handwerker ein Kleinod, das heute selbst die Bevölkerung Berlins kaum noch kennt: Die Heilig-Geist-Kapelle an der Spandauer Straße, erbaut als Gotteshaus des Hospitals zum Heiligen Geist, des einzigen innerstädtischen Hospitals in Berlin. In diesem Haus ließ die Stadt die Armen betreuen, auch alte und kranke Menschen fanden Unterkunft und Pflege. Die Kapelle entstand zwischen 1250 und 1400, erhielt um 1520 ein modernes Sternengewölbe. Die Bürger der Stadt Berlin schmückten auch diesen Ort nach der neuesten Mode – noch kurz vor der gerade von ihnen erwünschten Einführung der Reformation.

Reformation, Dreißigjährigen Krieg, Besetzung durch Russen und Franzosen überstanden Kapelle und Hospital ohne Schaden. Erst die Kaiserstadt Berlin bedrohte den mittelalterlichen Rest in Alt-Berlin. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wandelte die Spandauer Straße ihr Gesicht. Der Magistrat ließ die Gebäude des Hospitals abbrechen, um die Handelshochschule errichten zu können. Der Friedhof wurde aufgelassen. Der scharfe Protest geschichtsbewusster Bürger verhinderte den Abriss der Kapelle. Sie wurde in den Bau der Schule eingebunden.

Wiederum bürgerschaftlichem Engagement ist die umfangreiche Restaurierung der Heilig-Geist-Kapelle in den vergangenen Jahren zu verdanken. Im Jahre 2003 konnte die Restaurierung abgeschlossen und zugleich die erste Monographie dieses bedeutenden Ortes Berliner Geschichte veröffentlicht werden.  

Die Autorinnen und Autoren verfolgen die Bau- und Nutzungsgeschichte der Kapelle, erklären den mittelalterlichen Begriff des Hospitals, der nicht unserem des Krankenhauses gleichzusetzen ist, und setzen das Bauwerk in Zusammenhang mit der norddeutschen Backsteinarchitektur seiner Zeit. Das lässt sich alles sehr gut lesen, obwohl die Texte natürlich auf Seiten des Lesepublikums allerhand Wissen voraussetzen. Wissenserwerb „light“ ist mit diesem Buch nicht zu machen.

 

Die zahlreichen Abbildungen werden jedoch die Lesemüden wieder neugierig machen. Sicher ist vielen LeserInnen die älteste Ansicht von Berlin aus dem Jahre 1537 nicht vertraut, die Berlin vom Galgenberg im Norden der Stadt aus zeigt, zwar das Umland als blaue Berge erhöht, die Hauptbauten der Stadt aber detailgetreu wiedergibt. Reizvoll sind die Konsolfiguren, die die BesucherInnen vor Ort weniger deutlich sehen und nicht so schön beschrieben finden. Sie zeigen ein ganz klares Bewusstsein von Körperlichkeit und seelischem Ausdruck.

 

Eine weitere Besonderheit des Buches stellen die Abbildungen der Emporenbilder dar. Berlin ist arm an Kunstwerken des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Emporenbilder erzählen Geschichten aus dem Neuen Testament, von Wohltätigkeit und abermals von bürgerschaftlichem Engagement: Sie wurden durchweg von Bürgern für die Kapelle gestiftet.

 

Viel Platz beanspruchen – zu Recht – die restauratorischen Arbeiten. Unter der mehrfachen Umnutzung hat die Innenausstattung der Heilig-Geist-Kapelle stark gelitten, bis hin zur Malerei im Sterngewölbe, die nun wieder in ihrer spätmittelalterlichen Erscheinung zu bewundern ist. Der historische Fußbodenbelag konnte freigelegt und gereinigt und durch neue Backsteinplatten ergänzt werden. Einzigartig die Rettung des mittelalterlichen Dachstuhls, die ebenfalls ausführlich dokumentiert wird.

 

Dank an die großzügigen Mäzene, die geduldigen Fachleute, kompetenten AutorInnen und den Verlag Michael Imhof. Jetzt strahlt die alte Kapelle wieder und trotzt den Glaspalästen in der Nachbarschaft. Die Berliner Geschichte beginnt nicht erst im 19. Jahrhundert ...  - Gerhild H. M. Komander -

 

Die Heilig-Geist-Kapelle in Berlin. Geschichte, Forschung, Restaurierung, herausgegeben von der Humboldt-Universität zu Berlin, bearbeitet von Jörg Breitenfeld, Norbert Heuler, Ursula Hüffer, Jenny Hüttenrauch, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2005. 221 S. Mit 334 Farb- und 103 Schwarzweißabbildungen sowie vier Planbeilagen. 29,80 Euro


 

Leseempfehlung:

Heinrich Lange: Eine Sternstunde der Berliner Stadtarchäologie. Pestmassengräber von 1348 und slawische Siedlung des 10. Jahrhunderts am Spreeufer in Berlin-Mitte, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Heft 2, 2003.

 

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| Nr. 6, Februar 2007 | 

Wonnige Zeiten in stiller Biederkeit

Die Knoblauchs, das Knoblauchhaus und das Biedermeier in Berlin


Ein einziges Haus hat im alten Berlin die Zeitläufte unbeschadet überstanden. Es gehörte der Familie Knoblauch, die mit besonderem Verständnis die eigene Geschichte und Erbstücke bewahrte. Mit diesen Schätzen einer jetzt fast 250jährigen Familiengeschichte stattet das Stadtmuseum Berlin eine Ausstellung zum Berliner Biedermeier im Knoblauchhaus aus. Das Haus, im Jahre 1759 errichtet, ist seit 1990 Museumsstätte und steht seit Januar 2007 nach gründlicher Sanierung wieder offen.

Das Begleitbuch zur Ausstellung „Berliner Leben im Biedermeier“ führt den Untertitel „Knoblauchhaus“. Um dieses Haus in der Poststraße 23 geht es auch zunächst. Jan Mende beschreibt die Geschichte der Wohnstätte, das Familienunternehmen Knoblauch, das Nadeln und Seide, später Bier umfasste. In Henriette Knoblauch ist das Ideal der bürgerlichen Frau im Biedermeier treffend geschildert. Ihr Pendant ist im Gatten erfasst: Carl Knoblauch steht für den engagierten Kaufmann und Kommunalpolitiker. Sein jüngerer Bruder Eduard erbaut eines der schönsten Berliner Gebäude, die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße.

Über das Biedermeier hinausgehend findet der Experimentalphysiker Carl Hermann Knoblauch Erwähnung. Er ist das zweite Kind der jung verstorbenen Henriette und begründet mit Heinrich Gustav Magnus, Hermann von Helmholtz, Johann Karsten und Werner Siemens die Physikalische Gesellschaft zu Berlin – die heute noch besteht. Ein Blick auf den Begriff Biedemeier schließt den Band ab.

Im Anhang findet sich ein Auszug aus dem Stammbaum der Familie. An seiner Stelle sähen sicher viele Berlinerinnen und Berlin gern eine vollständige Ahnentafel, so wie sie in der Ausstellung zu sehen ist. Denn in den verwandschaftlichen Bezügen zu anderen Berliner Familien des 18. und 19. Jahrhunderts steckt wichtiges Material für die Berliner Geschichte.  - Gerhild H. M. Komander -

Stadtmuseum Berlin: Berliner Leben im Biedermeier. Knoblauchhaus, Berlin 2007. 63 S. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen. 7,90 Euro

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 | Nr. 5, Januar 2007 |

Wie kam Moses nach Berlin?

Der Weg Moses Mendelssohns von Dessau nach Berlin


Am 30. August des Jahres 2004 brachen sie auf. Wolfgang Holtz und Klaus-Dieter Wille wanderten vom Ort des Geburtshauses Moses Mendelssohns in Dessau nach Berlin. Sie suchten die Antwort auf die Frage, welchen Weg Herr Moses aus Dessau genommen haben könnte.

Regina Scheer hat diese Wanderung zum Anlass genommen, in der Reihe Jüdische Miniaturen, die die Stiftung Neue Synagoge Centrum Judaicum herausgibt, den Band „Mausche mi Dessau. Moses Mendelssohn. Sein Weg nach Berlin“ zu veröffentlichen. Sie kehrt zurück nach Dessau – wie die Wanderer, deren Material sie nutzen durfte -, wo Moses Mendelssohn unter seinem hebräischen Namen - in der deutsch-aschkenasischen Form – Mausche mi Dessau lebte. Regina Scheer beschreibt Kindheit, Familie und Lehrer Mendelssohns, seine Ankunft in Berlin.

Sie schreibt: „Der Historiker und der Journalist, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts versuchten, seinem Weg zu folgen, sind nicht den Weg des Moses Mendelssohn gegangen, sondern ihren eigenen Weg. Auf ihrer eigenen Haut haben sie den Regen gespürt, es waren ihre Füße, in guten Schuhen, die weh taten, mit ihren Augen haben sie die Sonne untergehen sehen. Sie hatten Landkarten bei sich, schliefen unterwegs in weichen Betten, konnten in ihren Quartieren duschen und frühstücken. Statt bewachter Landesgrenzen versperrten ihnen Wildschutzzäune und Autobahnen den Weg.“

Die beiden Wanderer werden ihre Erlebnisse und Aufzeichnungen in diesem Jahr in einem Aufsatzband des Moses-Mendelssohn-Zentrums Potsdam veröffentlichen. Die Autorin hat bereits in diesem Band der Jüdischen Miniaturen die Angaben von Wolfgang Holtz und Klaus-Dieter Wille eingearbeitet, zeitgenössischen und späteren Aussagen und Vermutungen gegenübergestellt.  – Gerhild H. M. Komander

Regina Scheer: Mausche mi Dessau. Moses Mendelssohn. Sein Weg nach Berlin (= Jüdische Miniaturen Band 29), Berlin: Hentrich & Hentrich 2006. 63 S. Mit 16 Schwarzweißabbildungen.


Leseempfehlung:

Hermann Simon: Moses Mendelssohn. Gesetzestreuer Jude und deutscher Aufklärer Berlin (= Jüdische Miniaturen Band 1), Berlin: Hentrich & Hentrich 2003. 63 S. Mit 13 Schwarzweißabbildungen.

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 | Nr. 5, Januar 2007 |

Vom Reichstag zur AEG-Turbinenhalle

Die Bau- und Gartendenkmäler in Moabit, Hansaviertel und Tiergarten 


Der Tiergarten in Berlin umfasst 220 Hektar, Wege, Straßen und Gewässer eingeschlossen, und ist die älteste Parkanlage Berlins. 1920 übertrug man seinen Namen – ohne Artikel – auf den neugebildeten Bezirk der Stadtgemeinde Berlin. Der Bezirk Tiergarten vereinte die Kolonie Moabit, den Großen Tiergarten, Hansa- und Alsenviertel sowie die Schöneberger Vorstadt und zahlreiche Randsiedlungen zum Bezirk Tiergarten, der seinerseits am 1. Januar 2001 im Großbezirk Mitte aufging.

Dem einstigen Bezirk widmet das Landesdenkmalamt Berlin den 358 Seiten starken Band der Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Mit diesem Werk wird die Beschreibung der Denkmale im jetzigen Bezirk Mitte abgeschlossen. Die Denkmalliste enthält 233 Nummern, aufgeteilt in Ensembles, Gesamtanlagen, Bau- und Gartendenkmale. Sie listet nach dem Stand vom Mai 2005 die aktuellen Denkmale auf, also die denkmalgeschützten Bauten und Gärten, die auch auf der Website der Hauptstadt unter www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/ abgerufen werden kann.

Hier wird auf den ersten Blick allen Lesenden deutlich, wie unterschiedlich die Stadtteile Moabit, Hansaviertel und Tiergarten sich entwickelten. Dicht beieinander liegen weit über die Stadtgrenzen Berlins hinaus bekannte Baudenkmäler, die dem Zentrum der Bundeshauptstadt zugerechnet werden, neben scheinbar abgelegenen Mietshäusern, Schulen und Industrienanlagen, die im großen Angebot der Stadtspaziergänge nicht thematisiert werden.

Hauptbahnhof, Westhafen, Hamburger Bahnhof, Reichstag, Neuer Nationalgalerie, Zoologischem Garten, Hansaviertel und AEG-Turbinenhalle in der Moabiter Huttenstraße markieren die Grenzen des einstigen Bezirks Tiergarten: die heutigen Ortsteile (wieso eigentlich nicht Stadtteile?) Moabit, Hansaviertel und Tiergarten im Großbezirk Mitte. Folgt man den historisch-topographischen Kapiteln des Buches, erschließt sich die Heterogenität der genannten Bauten und ihrer Umgebungen schnell.
Ein Verwaltungsakt fügte 1920 die größte Gartenanlage Berlins mit dem Villen- und Botschaftsviertel im Süden und dem Industrie- und Arbeiterviertel im Norden zusammen. Mit dessen Folgen haben nicht nur die Fachleute des Landesdenkmalamtes ihre liebe Not.

Der Stadtplan zeigt es deutlich. Wer ihn nicht komplett vor Augen hat und die historischen Gebiete nicht exakt kennt, schlägt die Schöneberger Vorstadt leichtfertig Schöneberg zu, den Zoologischen Garten Charlottenburg. Er fasst vermutlich das angrenzende , nördlich der Spree bebaute Gebiet mit dem Tiergarten zusammen und erlebt Moabit als ein Dickicht von Mietskasernen, Verwaltungs- und Industriebauten.

Die Autorinnen und Autoren der Denkmaltopographie verschaffen den neugierig Spazierenden Orientierung. Sie gliedern das rundum von Wasser umgebene Moabit in fünf Bereiche: Alt- und Neu-Moabit, das Kasernenviertel (mit dem Poststadion), das Industriegebiet Martinickenfelde im Westen und das Eisenbahn-, Kanal- und Hafengebiet im Norden und Osten. So viel Geschichte auf engstem Raum.

Da lässt das Stöbern in den 385 Seiten und 369 Abbildungen des Buches alle Lesenden ahnen, dass sich hier „ein weites Feld“ auftut. Gerade das „unbekannte“ Moabit ist mehr als eine Entdeckungsreise wert. Die ausführlichen Beschreibungen der verschiedenen Stadtteile mit historischem und aktuellem Bildmaterial in der Denkmaltopographie für die Mitte Berlins bieten Forschenden, Suchenden und Neugierigen die beste Grundlage für Stadtwanderungen. – Gerhild H. M. Komander

Jürgen Tomisch, Matthias Donath, Angelika Kaltenbach u. a.: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Moabit, Hansaviertel und Tiergarten, hg. vom Landesdenkmalamt Berlin. 358 S. Mit 369 Schwarzweißabbildungen und einer Karte. 34,80 Euro

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