| Nr. 6, Februar 2007 |
Mit Kunst und List Interesse wecken
Clara Grunwald und die Montessori-Pädagogik
von GERHILD H. M. KOMANDER
Ein ernstes Gesicht, der Anflug eines Lächelns um den Mund, die Lider unter schwarzen Augenbrauen leicht gesenkt: Clara Grunwald strahlt Ruhe aus. Die Art, wie sie den Kopf auf die Hand stützt, verrät viel Disziplin und etwas Eleganz.
Mit 19 Jahren nahm sie ihre Tätigkeit als Lehrerin auf. Viel ist nicht bekannt über die jungen Jahre der Pädagogin, die am 11. Juni 1877 in Rheydt zur Welt kommt und sechs Jahre später mit der Familie nach Berlin zieht.
... auch die Lehrer und Lehrerinnen sind zu erziehen
Sehr früh befasst sie sich selbständig und mit großer Skepsis mit Fragen der Kindererziehung und setzt sich das Ziel, „an der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen mitzuwirken“. Und sie erkennt, dass nicht allein die Kinder, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer zu erziehen seien, an der eigenen, scheinbar „erwachsenen“ Persönlichkeit zu arbeiten haben.
Vermutlich 1912 lernt Clara Grunwald das Buch von Maria Montessori (31. August 1870 – 6. Mai 1952) „Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter“ – so der deutsche Titel – kennen und setzt sich mit der Reformpädagogik der italienischen Medizinerin auseinander. Gar nichts hält sie davon, wie die Lehrer die Kinder durch Fragen und Antworten vor sich hertreiben, statt sich auf den Weg des Kindes einzulassen und zu schauen, wohin es geht, woran es denkt. „Daher heißt es, das Interesse des Kindes muß geweckt werden. Wie wird das erreicht? Der Lehrer muß mit aller Kunst und List versuchen, sich der Aufmerksamkeit des Kindes zu bemächtigen, von ihm hängt es ab, wie viel oder wie wenig Kenntnisse seine Schüler erwerben.“
Vom Schleifenbinden bis zum Blumengießen
Maria Montessori eröffnet am 7. Januar 1907 in Rom das erste Kinderhaus, in dem die Kinder mit neuen Spielgeräten lernen. Sie schult Gehör und Tastsinn, das Sehen und Raumempfinden. Alltägliche Fähigkeiten vom Schleifenbinden bis zum Blumengießen gehören zum Lernen im Kinderhaus ebenso dazu wie Lesen, Rechnen und Schreiben.
Clara Grunwald gelingt es im Mai 1919, den Volkskindergarten in Lankwitz als Montessori-Kinderhaus einzurichten. Bürgermeister Otto Ostrowski unterstützt sie, Elisabeth Schwarz und Elsa Ochs unterrichten die Kinder. Die Gründerin berichtet, dass das Kinderhaus und die ihm folgenden Einrichtungen sehr schnell großes Aufsehen erregen – in Berlin, Deutschland und die Grenzen hinaus. In ihrer Wohnung in der Cuxhavener Straße 18 in Tiergarten richtet sie eine Montessori-Sprechstunde ein, gründet eine Montessori-Gesellschaft und bildet Montessori-LehrerInnen aus.
Der Erfolg der Arbeit Clara Grunwalds fällt in eine Zeit, in der viele Pädagogen neue Wege in Erziehung und Unterricht gehen möchten. Die erste deutsche Republik gibt ihnen Gelegenheit dazu. Berlin mit seiner mehrheitlich sozialistisch-sozialdemokratischen Bevölkerung zeigt sich offen für verschiedene Ansätze, eine große Reform im Schul- und Bildungswesen in Gang zu setzen. Das freie Lernen, der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen, die Schule als Lebensgemeinschaft.
Entlassung, Verfolgung, Ermordung
1933 – mit dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten – ist das Experiment, das längst beste Früchte trug, vorbei. Für Clara Grunwald geht mehr verloren als die erfolgreiche Arbeit vieler Jahre. Als Sozialistin wird sie aus dem Schuldienst entlassen und engagiert sich bei den Quäkern als Fluchthelferin. Sie nutzt ihre internationalen Verbindungen, um denen zu helfen, die in Deutschland bedroht werden. Sie selbst weigert sich zu fliehen, obwohl sie als Mitglied der jüdischen Gemeinde in höchster Gefahr ist, um zu helfen.
Am 8. November 1941 wird sie gezwungen, auf das Landgut Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde überzusiedeln. Das Gut dient als Zwangsarbeitslager. Clara Grunwald betreut und unterrichtet auch hier die Kinder – selbstverständlich ohne Montessori-Material.
Mit dem 37. Transport in das Konzentrationslager Auschwitz wird Clara Grunwald mit den anderen Inhaftierten deportiert und ermordet. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt.
Leseempfehlung:
Inge Hansen-Schaberg: Clara Grunwald. Ein Leben für die Montessori-Pädagogik, Katalog zur Ausstellung in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Zusammenarbeit mit FrauenTreff Brunnhilde e.V., Berlin 2002. 48 S.
Manfred Berger: Clara Grunwald, in: www.Bautz.de/BBKL
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