| Nr. 6, Februar 2007 |
Das erste Berliner Telefonbuch von 1881
Telefonanschlüsse von der Alexanderstraße bis zur Zimmerstraße im ältesten deutschen Telefonbuch
von Gerhild H. M. Komander
Das Telefon eroberte Berlin geographisch gesehen „im Sturm“. Das heißt natürlich Berlin in den Grenzen von 1881, denn in diesem Jahr öffnet Generalpostmeister Heinrich Stephan das erste Fernsprechamt. Nur dreieinhalb Jahre vergehen zwischen der ersten Begegnung Stephans mit den Bellschen Apparaten und der Einführung und Durchsetzung des Telefons in Berlin.
Im Oktober 1877 liest Generalpostmeister Stephan in der Wochenzeitschrift „Scientific American“, die in New York erscheint, einen Bericht über „Bell’s New Telephone“. Am 18. des Monats bestellt er einen Satz Geräte und hält ihn schon am 24. Oktober in Händen, nicht aus Übersee, sondern von seinem befreundeten Kollegen Henry C. Fischer, Leiter des Londoner Haupttelegraphenamtes. Die Geräte werden im Generalpostamt mit Erfolg ausprobiert.
Begeistert lässt Stephan sein Amtsgebäude in der Leipziger Straße mit dem Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbinden - wo sich jetzt die Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom befindet - und erklärt wiederum nach gelungenem Versuch den 26. Oktober 1877 zum Geburtstag des deutschen Fernsprechers. Ende Oktober kann Stephan feststellen, daß die Fernsprechverbindung bis nach Brandenburg an der Havel, also über eine Strecke von 61 Kilometern in guter Übertragungsqualität funktioniert. Er beschließt mit Hilfe des Fernsprechers das deutsche Telegraphienetz auszubauen und zu verdichten.
Das Buch der 99 Narren
Am 12. November 1877 lässt Stephan in Friedrichsberg bei Berlin (Berlin-Lichtenberg) das erste Telegraphenamt mit Fernsprechbetrieb eröffnen. Ein Jahr später gibt es bereits 1 126 Stationen dieser Art.
Das erste Fernsprechamt, das ausschließlich der Vermittlung von Gesprächen dient, die Berliner Stadtfernsprecheinrichtung, wird am 1. April 1881 eingerichtet. Es wird für einhundert Teilnehmer ausgelegt – daher wohl die gutmütige Spottrede von den „99 Narren“ - und muss Ende des Jahres bereits fünf Mal so viele bedienen.
Das älteste erhaltene Telefonbuch erscheint am 14. Juli mit dem Titel „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“. Heinrich Stephan besteht darauf, eine deutsche Bezeichnung für Telefon zu verwenden.
Telefone von Alexander bis Zimmermann
Geographisch verteilen sich die Anschlüsse beziehungsweise die Standorte der Firmen und Wohnsitze wenigen Privatpersonen über den gesamten Raum, den Berlin im Jahre 1881 einnimmt. Diesem Raum entspricht auf dem aktuellen Stadtplan das Gebiet, das sich vom Oranienburger Tor im Norden über Rosenthaler Platz, Mollstraße und Friedensstraße zur Oberbaumbrücke im Osten, über Skalitzer Straße und Schlesisches Tor zum Halleschen Tor im Süden, über die Stresemannstraße und Gneisenaustraße zum Leipziger Platz im Westen und über Alexanderufer und Hannoversche Straße erstreckt.
Auffallend viele Anschlüsse verzeichnet das erste Berliner Telefonbuch in der Behrenstraße, in der Französischen Straße, der Jägerstraße, Leipziger Straße, Mohrenstraße und in der Straße Unter den Linden. Die Erklärung für diese Häufung ist einfach: Die Straßen liegen auf dem Friedrichswerder und in der Friedrichstadt. Hier konzentriert sich für etwa anderthalb Jahrhunderte das Berliner Bankenviertel. Bankiers und Bankhäuser unterstützen Heinrich Stephan in seinem Vorhaben, das Telefon in Berlin als Kommunikationsmedium einzuführen.
Das Telefon zieht westwärts
Da im Jahre 1881 die Wanderung nach Westen längst im Gang ist, finden sich zahlreiche Telefonanschlüsse auch in den Straßen des Stadtteils Tiergarten: Alsen-, Bellevue-, Rauch-, Roon-, Tiergarten- und Victoriastraße; sogar im Tiergarten selbst, in der damals auch mit Wohnhäusern besetzten Straße In den Zelten. In diesen Straßen wohnen die Bankiers und Unternehmer. Vielen wohlhabenden Bürgerfamilien ist das alte Berlin zu klein geworden. Moderne Häuser lassen sich in der engen Stadt nicht mehr bauen. Man zieht ins Grüne.
Der alte Stadtkern mit Alt-Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt verliert in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich die gutsituierte Bevölkerung, besitzt aber zahlreiche Firmenniederlassungen. Einige von ihnen können Heinrich Stephan und sein Werbeagent Emil Rathenau für das Telefon gewinnen: In der Beuthstraße Posamentierwaren Gebrüder Buhlmann, Buchdruckerei H. S. Hermann und Bankgeschäft Rudolf Stucke; in der Breiten Straße die Vossische Zeitung, Bankgeschäft Goldstein, Pintus u. Co., Tapisserie-Manufaktur W. Ziesch u. Co. und Tuch und Buckskin en gros Rathenau u. Arnheim.
Die Vielfalt der Unternehmungen in den einzelnen Straßen ist groß, wie die Beispiele zeigen. Nicht überall setzt sich die Konzentration von einzelnen Branchen durch, wie sie die Textilbranche am und um den Hausvogteiplatz entwickelt.
Einzelne Telefonanschlüsse liegen auch jenseits des Altstadtkerns. In der Gartenstraße 9, Rosenthaler Vorstadt, meldet sich die Maschinenbauanstalt Carl Hoppe an. Am Görlitzer Ufer 9 sind es die Berliner Kupfer- u. Messingwerke C. Heckmann, in der Köpenicker Straße 71 die Importeure von Cochenille* u. Indigo von Schönlank Söhne. Vier Hausnummern weiter besitzt die Putzfedern-Fabrik E. Lewinsohn einen Telefonanschluss. Auch die Fabrik für Telegraphen-Anlagen der Gebr. Naglo in der Waldemarstraße 44 ist dabei.
Damit belegt das erste Berliner Telefonbuch, dass die neueste Technik 1881 auch in den jüngeren Stadtgebieten und den Vorstädten angekommen ist. Entlang der Ausfallstraßen der preußischen Hauptstadt haben sich seit den Anfängen der Industrialisierung Industriebetriebe angesiedelt. Jetzt tragen sie das neue Kommunikationsmedium Telefon aus der Stadt heraus und erleichtern den Anschluss für weitere Interessenten.
* Cochenille ist ein roter Farbstoff, der aus Schildläusen gewonnen wird.
Leseempfehlung:
Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte der Friedrichstadt, Berlin 2006
Gerhild H. M. Komander: Das erste Berliner Telefonbuch 1881, Berlin 2006
Gerhild H. M. Komander: Telefonbuchgeschichte, Berlin 2006
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