www.berliner-lindenblatt.de - Die Zeitung für Berliner Geschichte: Berlin-Bücher, Berlin-Chronik, Berlin-Themen, Berlin-Veranstaltungen
Startseite arrow Künste arrow Bildende Künste arrow Franz Krüger
Aktuelle Themen
Montag, 6. September 2010
Startseite
Stadtführungen Berlin
Suche
Berliner Geschichte
Architektur
Berliner Straßen
Bildung
Biographien
Geschichte
Künste
Literatur
Sozialwesen
Spaziergänge
Stadtteile
Technik & Verkehr
Wirtschaft
Berlin im Überblick
Adressen / Links
Chronik Berlin
Retrospektive
Berliner Bürgermeister
Lindenblätter
Pin-up-Galerie
Kaffeehaus Berlin
Fundstücke
Berlin im Museum
Berlin erzählt
Berlin-Bücher
Bücherblatt 2008
Bücherblatt 2007
Bücherblatt 2006
Von gestern
Unverzichtbar
Register AutorInnen
Register Themen
Service
Übersicht
Themenübersicht
Presse
Impressum




| Nr. 10, Juni 2007 |

„Pferde-Krüger“ gibt der Bürgerschaft Zucker

Zur Ausstellung „preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“. Der Maler Franz Krüger


von Gerhild H. M. Komander


Der Himmel strahlt in klarem Blau von Hell bis Dunkel, Wolken, weiß und grau, fegen unter ihm und über die Linden hinweg. Ein Himmelsbild, vertraut in diesen Wochen, in denen die Ausstellung „preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“ den Berliner Maler Franz Krüger im Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg zum einhundertsten Geburtstag feiert.

Die Neue Wache Unter den Linden und das Standbild des Generals Scharnhorst davor leuchten marmorweiß in einer Wolkenlücke. Zum Brandenburger Tor hin liegen die Linden unter tiefem Graublau. Die Preußen marschieren auf dem Opernplatz zur Parade auf. Das Publikum, handverlesen vom Hofmarschallamt ausgewählt, kommt, um gesehen zu werden. Man trifft sich Unter den Linden - im Jahre 1839. 

Ist nicht dieser Umstand der eigentliche Anlass des Bildes? Die Elite der Berliner Geschichte, aus Wirtschaft, Militär, Verwaltung, Kunst und Wissenschaften, dazu Anne Schulze, die Spreewälderin, und Demoiselle Huhn als Blumenmädchen: Reizende Staffage zu den schwarz-weiß-blauen Uniformen.

Die preußische Parade auf dem Opernplatz, der schon lange ebenfalls Unter den Linden heißt, gerät zum Genrebild des Biedermeiers, auf dem der Maler Adolph Menzel und die Salonnière Hedwig von Olfers im Hintergrund zu erkennen sind.
Der Ingenieur Peter Christian Beuth, der Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Naturforscher Alexander von Humboldt, der Direktor der Königlichen Gemäldegalerie Gustav Friedrich Waagen, der Kunsthändler Louis Friedrich Sachse, der Oberkonsistorialrat Philipp Conrad Marheineke, die Schauspielerinnen Berta und Clara Stich und Auguste Crelinger: Sie stehen plaudernd beieinander, drehen die Köpfe, halten Ausschau nach Bekannten. Sie wenden Blick aus dem Bild heraus, als schauten sie den Maler wie einen Photographen an, der sie eben dazu aufforderte.

135 Personen können auf diesem Gemälde identifiziert werden. Preußischer Adel und Berliner Bürgertum huldigen dem König, indem sie der Parade beiwohnen – und ein wenig sich selbst. Franz Krüger hat sie in Dutzenden Porträts gezeichnet, allein und gruppiert, in aquarellierten Bleistiftstudien und Ölskizzen festgehalten.

Krügers Präzision in den Bildnissen und in seinem Gesamtwerk nehmen Qualitäten der Photographie vorweg, verraten eine ganz individuelle Freude des Künstlers an Bewegungsabläufen von Menschen und Tieren. Seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe sucht nach persönlichen Merkmalen der Porträtierten, selbst wenn sie in einem Massenbild wie der Parade von 1839 im Hintergrund stehen.

„Pferde-Krüger“, wie Zeitgenossen ihn – durchaus respektvoll – nannten, war ein Kompositeur ersten Ranges. Ruhe und Beschaulichkeit, verhaltene Heiterkeit und bürgerliche Zurückhaltung, jugendlich spontane Bewegungen charakterisieren Krügers Werk. Sie spiegeln die Wesenszüge seiner Lebenszeit. Die Enttäuschung der Bürgerschaft über das gebrochene Versprechen des Königs, dem Staat eine Verfassung zu geben, hat sich gelegt. Man hat sich in die private Geselligkeit zurückgezogen und arbeitet still und fleißig am wirtschaftlichen Wohlstand.

Der Katalog zur Ausstellung „preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“ bildet eine große Zahl der Werke Franz Krügers ab, einschließlich der vielen Studien zu den großen zeitgenössischen Historienbildern. Renate Franke nennt sie Zeitgeschichtsbilder und spricht damit ein kulturgeschichtliches Verdienst des Künstlers an. Franz Krüger wandte sich den zeitgenössischen Ereignissen zu, die in der Malerei der Romantik im Zuge der politischen Restauration seit dem Wiener Kongress durch mittelalterliche Motive verdrängt worden waren.

Die Kunstkritiker beklagten Krügers mangelnde Kreativität, die großen Ideen fehlten ihm, hieß es. Die Bürgerschaft der Stadt jubelte, als sie sich in den Bildern des Künstlers wiederfand. Der Maler brach – aus dem Stand, ohne Vorbild – mit der höfischen Bildordnung. Der reaktionären Haltung des Königs und der preußischen Politik des Vormärz setzte er das – noch – verdeckte bürgerliche Selbstbewußtsein entgegen.
Die Berlinerinnen und Berliner, Maler, Architekten, Schauspielerinnen und Verwaltunsgbeamte fanden sich nicht nur als Schaulustige der Paraden wieder, sondern nahmen den Platz von Adel und königlicher Familie ein. Dem König – Friedrich Wilhelm III. – fehlte die intellektuelle Einsicht in die sozialen Veränderungen, die Krüger subtil und geistreich ins Bild setzte.

Renate Franke macht auf ein Gemälde mit dem harmlosen Titel „Marsch preußischer Kavallerie“ von 1820 aufmerksam, in dem auf den ersten Blick nicht mehr als ein Zug preußischer Kavallerie, begleitet von reitenden Zivilisten, zu sehen ist. Tatsächlich beschreibt Krüger den Einzug des Generals Gneisenau in Berlin im Dezember 1815, der kein Triumphzug mehr war wie 1814 nach dem Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Belle Alliance. Gneisenau hatte die Durchsetzung der Reformen nicht aufgegeben, für die die Zeitgenossen noch 1810 viel Spielraum gesehen hatten. Die Vertreter der Reaktion drängten den Reformer ins politische Abseits.

In Zar Nikolaus I, der weit rückständiger als sein Schwiegervater Friedrich Wilhelm III. regierte, fand Krüger einen großzügigen Auftraggeber, dessen Wünsche nach Bildnissen und Zeitgeschichtsbildern er wohl zu befriedigen wusste. In den Vorgaben der Auftraggeber zeigen sich die Grenzen, künstlerische und gesellschaftliche, denen Franz Krüger und die Bürgerschaft unterworfen waren. „Preußisch korrekt, berlinisch gewitzt“ durfte der Künstler malen, die Grenzen übertreten, wie es die Bürgerschaft 1848 wagte, nicht.


Zurück zum Seitenanfang

Zurück zum Überblick Künste

- © gerhild komander 6/07 -