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| Nr. 12, August 2007 |

13. August 1961: Das „Neue Deutschland“ jubelt über den Mauerbau

„Lektion für Kriegshetzer gefällt uns ausgezeichnet“


Von GERHILD H. M. KOMANDER


In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 erteilte Erich Honecker, seit 1961 Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, den Befehl, mit dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, der Berliner Mauer und der Mauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, zu beginnen. Honecker hatte die Vorbereitungen zum Mauerbau geleitet und war nun für die Durchführung der Pläne verantwortlich. 3 150 Soldaten bewachten die Arbeiten. Mit dem Mauerbau reagierte die DDR-Regierung auf die hohe Zahl von Flüchtlingen: Anderthalb Millionen Menschen, meist junge und gut ausgebildete Frauen und Männer hatten ihre Heimat seit 1949 verlassen.

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße

Die Erklärung für das einzigartige Vorgehen in der Berliner Geschichte stand am Morgen des 13. August 1961 in der Tageszeitung „Neues Deutschland“, 16. Jahrgang, Nr. 222. Die „Schnapszahl“ 222 brachte dem sozialistischen Staat ebenso wenig Glück wie Sonntag, der 13. August. Auf der Titelseite war zu lesen:

„Beschluss des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik

Auf Grund der Erklärung der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages und des Beschlusses der Volkskammer beschließt der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik:
Die Erhaltung des Friedens erfordert, dem Treiben der westdeutschen Revanchisten und Militaristen einen Riegel vorzuschieben und durch den Abschluß eines deutschen Friedensvertrages den Weg zu öffnen für die Sicherung des Friedens und der Wiedergeburt Deutschlands als friedliebenden, antiimperialistischen, neutralen Staat.“

Als Gründe gab der Ministerrat der DDR den NATO-Vertrag der Bundesrepublik Deutschland an, die „Aufrüstung und Atombewaffnung der Bundeswehr“, dass die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, die die Bundesrepublik besuchten, „in zunehmendem Maße terroristischen Verfolgungen ausgesetzt“ seien und „von westdeutschen und Westberliner Agentenzentralen (...) eine systematische Abwerbung von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik und ein regelrechter Menschenhandel getrieben“ werde.

Aus „öffentlichen Regierungsdokumenten und aus der Grundsatzerklärung der Parteiführung der CDU/CSU“ sei zu entnehmen, „daß die westdeutschen Militaristen (...) durch alle möglichen betrügerischen Manöver, wie z. B. »freie Wahlen«, ihre Militärbasis zunächst bis an die Oder ausdehnen“ wollten, „um dann den großen Krieg zu beginnen.“

Zur Sicherung verkündete der Ministerrat folgende Maßnahmen:
„Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeiten (...) wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist. (...)

Diese Grenzen dürfen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nur noch mit besonderer Genehmigung passiert werden. (...) Der Besuch von friedlichen Bürgern Westberlins in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik (das demokratische Berlin) ist unter Vorlage des Westberliner Personalausweises möglich. Revanchepolitikern und Agenten des westdeutschen Militarismus ist das Betreten der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik (...) nicht erlaubt.“


„Lektion für Kriegshetzer gefällt uns ausgezeichnet“ 

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer StraßeDas „friedliebende“ und „demokratische“ Berlin, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Pfarrer, äußerten sich am 22. August 1961 begeistert in derselben Zeitung. Unter dem Titel „Lektion für Kriegshetzer gefällt uns ausgezeichnet“ zitierte das Neue Deutschland Bürgerinnen und Bürger der DDR:

Prof. Dr. Reinhold, Direktor des Instituts für Gartenbau der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften:
„Jetzt mit anpacken. Jeder anständige Deutsche, jeder Bürger der DDR, begrüßt mit Genugtuung den Ministerratsbeschluß (...). Unterstützen wir alle unseren Staat, so werden auch die Erschwernisse, die sich vorübergehend ergeben mögen, überwunden, und umso eher wird der Abschluß eines Friedensvertrages Wirklichkeit werden und Westberlin nicht mehr Zentrum der Provokation sein, sondern zu einer Freien Stadt werden im Herzen eines friedfertigen deutschen Staates, der Deutschen Demokratischen Republik.“

Die Wissenschaftler des Märkischen Museums, Direktor Dr. Erik Hühn, sein Stellvertreter Herbert Hampe, Abteilungsleiter Horst Mauter und Abteilungsleiterin Rosemarie Widerra sprachen ebenfalls ihre Unterstützung aus. Sie wollten ihren Beitrag leisten, indem sie die Wahlen am 17. September unterstützten und ihre Ausstellung zu den Berliner Festtagen gründlich vorbereiteten. Pfarrer Bruno Theek aus Ludwigslust begrüßte „als Christ alles, was dem Frieden dient.“ An der Karl-Marx-Universität hatten die Kollegen ein „Komitee gegen den Menschenhandel“ gegründet und freuten sich, das Komitee wieder auflösen zu können, „denn die Rattenlöcher sind ja dicht.“

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße

 

„On a wagon bound for market
There's a calf with a mournful eye
High above him there's a swallow
Winging swiftly through the sky …

Donna, donna, donna, donna …”

Dass – zunächst jedenfalls – laut Beschluss des Ministerrates nur die Bürgerinnen und Bürger der DDR eingemauert wurden, während sich die anderen ein und aus bewegen durften, scheint niemandem aufgefallen zu sein.

 

Leseempfehlung:

Gerhild H. M. Komander: Mauer-Bücher, in: Berliner Lindenblatt. Die Zeitung für Berliner Geschichte, Nr. 5, Januar 2007 


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- © gerhild komander 8/07 -