| Nr. 2, Oktober 2006 |
Bedrohliches Spalier nach einer Aufführung der Dreigroschenoper
Als echte Bettler die Theater-Besucher schockten
Von PETER ECKHART REICHEL
Die „Dreigroschenoper“ im neuen Admiralspalast in der Friedrichstraße ging wegen des großen Erfolges seit der Premiere in die Verlängerung. Das Lied von der „Seeräuber-Jenny“ gehört auch in der Brandauer-Inszinierung zu den Höhepunkten. Dabei war es zunächst gar nicht originärer Bestandteil des Stückes.
Brecht hatte den Text bereits gut zwei Jahre vor der Premiere der „Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm 1928 für seinen Gedichtband „Die Hauspostille“ vorgesehen. In den Wintermonaten 1926/27 arbeitete Brecht kurzzeitig mit dem Musiker Franz Servatius Bruinier zusammen. Vom Gitarre spielenden Dichter erhielt Bruinier den Auftrag für die Vertonung einiger Verse aus der „Hauspostille“, zusätzlich auch einige musikalische Vorgaben, die er in seine eigene Komposition übernehmen sollte. Heute wird davon ausgegangen, daß zwar die Melodie von Brecht, die Orchesterfassung aber das Werk Bruiniers ist. Die Zusammenarbeit zwischen Brecht und Bruinier fand ein schnelles Ende.
Bruinier erkrankte im Sommer 1927 an Tuberkulose und starb binnen eines Jahres. Während Bruinier im Sterben lag, lernte Brecht Kurt Weill kennen. Weill bearbeitete die Brechtsche Melodie der „Seeräuber-Jenny“, verfeinerte die Orchesterfassung Bruiniers und machte am Ende seine eigene Komposition daraus. Als 1929 Kurt Weills Klavierauszug der „Dreigroschenoper“ veröffentlicht wurde, fehlte jeder Hinweis auf Brechts oder gar Bruiniers Zuarbeit. Dabei hatte es sogar schon Probeaufnahmen der „Seeräuber-Jenny“ gegeben. Aufgenommen am 9. März 1927, gesungen von Carola Neher.
Diese Probeaufnahme wurde jedoch von der Plattenfirma Electrola niemals veröffentlicht. Einem Schallplattensammler ist es zu verdanken, dass diese klingende Rarität in einem Hörbuch jetzt erstmalig einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. Im April 1927 begegneten sich Kurt Weill und Bert Brecht zum ersten Mal.
Zu einer Zusammenarbeit zwischen dem gepflegten, wortkargen, manierlichen, sanften Weill und dem extrovertierten, ungepflegten, Zigarren paffenden Brecht kam es allerdings keineswegs zwangsläufig. Als sie sich kennen lernten, war Brecht noch keine Berühmtheit und auch kein kommerziell erfolgreicher Autor. Er war 1924 von München nach Berlin übergesiedelt. Schon bald stand er im Mittelpunkt einer Clique linker Intellektueller und Künstler, unter ihnen die Schauspielerin Helene „Helli“ Weigel, deren Liebhaber er wurde und in deren Wohnung in der Spichernstraße 16 er Quartier bezog.
Kurt Weill war zunächst kurzzeitig Schüler bei Engelbert Humperdinck, dann Student an der Hochschule für Musik in Berlin, wurde später Meisterschüler von Ferruccio Busoni. Sein „Schulgeld“ mußte er sich manchmal als Pianist in Bierkellern verdienen. Am 31. August 1928 hatte die gemeinsam erarbeitete „Dreigroschenoper“ Premiere im Theater am Schiffbauerdamm. Das Spiel um Bettler, Ganoven, Halb- und Unterwelt war sofort ein Riesen-Erfolg. Das Bildungsbürgertum unterhielt sich großartig.
An einem Abend im Laufe der ersten Spielzeit allerdings sollen wahrhaftige Bettler auf die Besucher gewartet haben: Als das Publikum amüsiert und ahnungslos das Theatergebäude verließ, wurde es von echten Berliner Bettlern am Hauptportal empfangen. Krüppel und Obdachlose bildeten ein stummes, bedrohliches Spalier zwischen Theater und Spree, das jeder Besucher unweigerlich passieren mußte. Ein Schock, der seine Wirkung nicht verfehlte. Mancher Theaterbesucher schämte sich einen Augenblick lang seiner feinen Garderobe, und vielleicht auch darüber, dass er sich noch vor wenigen Minuten über die famose Bettlerparade auf der Bühne köstlich amüsiert hatte.
Sehr bald wurde die „Dreigroschenoper“ auch in München, Leipzig, Prag und Riga aufgeführt. Bis 1930 hatten mehr als einhundertzwanzig deutschsprachige Theater über viertausend Vorstellungen dieses Stückes vorzuweisen. Ein Jahrhundertrekord. Fast alle Lieder wurden schon kurz nach ihrer Uraufführung, Schlagern vergleichbar, überall auf den Straßen gepfiffen oder nachgesungen.
In Berlin eröffnete sogar eine „Dreigroschen-Bar“, in ihr wurden ausschließlich Kurt Weills „Dreigroschenoper“-Songs gespielt. Die Popularität dieser Songs schwappte auch über in die Caféhäuser und Tanzdielen. Hier hörte man die gängigen Melodien zum Fünf-Uhr-Tee, dezent gespielt von einem smarten Caféhausgeiger, oder auch von einer moderneren Tanzkapelle, effektvoll zelebriert, für das jüngere Publikum.
Das „Dreigroschenoper-Fieber“ war ausgebrochen. Natürlich hatten daran auch die vielen Schallplattenaufnahmen, einen erheblichen Anteil. Die Unterhaltungsindustrie witterte ein großes Geschäft und die singenden Schauspieler nutzten diese Gelegenheit, um ihre eigene Popularität zu steigern. Zwischen 1928 und 1932 erschienen auf etwa 20 verschiedenen Plattenlabels insgesamt mehr als 40 dieser Aufnahmen in ganz verschiedenen Fassungen und Formen.
Hörempfehlung:
Peter Eckhart Reichel, Die Entstehung der Dreigroschenoper. Berlin: Edition Berliner Musenkinder 2002. 79 Minuten, 16,50 Euro.
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- © peter eckhart reichel 9/06 -