| Nr. 13, September 2007 |
Constantin Liebich hatte eine gute Idee: Zwei Schrippen und einen Becher Kaffee zum Frühstück bot er arbeitslosen Menschen vor dem Gottesdienst an. Im Lokal Fürst Blücher kümmerte er sich mit seinen Mitstreitern um die Menschen im Wedding.
Die Schrippenkirche bekommt ein Denkmal
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Fünf Tonnen wiegt die Schrippe, die am 30. August helfende Händen von der Bernauer Straße in die Ackerstraße zogen.
Zum 125. Geburtstag der Schrippenkirche sollte die Sandsteinskulptur des Bildhauers Michael Spengler vor der legendären Weddinger Institution ihren Platz finden. Das ist geschafft.
Wie das Backen der Schrippen (die man außerhalb von Berlin Brötchen nennt) war der Transport echte Handarbeit. Über hölzerne Rundpfähle und Bohlen zogen die Helferinnen und Helfer die Sandsteinschrippe fort vom Gelände der Versöhnungskapelle quer über die Bernauer Straße an ihren Bestimmungsort.
Schrippen vor dem Gottesdienst
Das Haus Ackerstraße 52 war das Ziel, ein Bau aus den siebziger Jahren, an dem eine Gedenktafel für Constantin Liebich (1847 - 1928) hängt. Liebich, Schriftsteller und Journalist von Beruf, gründete 1881 gemeinsam mit Handwerkern in der Kreuzberger Oranienstraße den Verein „Dienst am Arbeitslosen“ – ein christlicher Verein, wie der Name verrät.
Leib und Seele der Elenden zu stärken, war das Anliegen des Vereins. Constantin Liebich und seine Mistreiter boten arbeitslosen Menschen Gottesdienst und Frühstück im Paket: Schrippen und Kirche, daher der Name – eine Kirche im engeren Sinne existierte hier nicht. In der Gaststätte Fürst Blücher, Müllerstraße 6 – südlich vom S-Bahnhof Wedding -, eröffnete Liebich das erste Vereinslokal. Der Rittergutsbesitzer Hermann Fölsch, von der Verantwortung christlicher Gemeinschaft ebenso überzeugt wie der Vereinsgründer, stiftete dem Verein Dienst am Arbeitslosen das Grundstück Ackerstraße 52 – mit Wohnhaus und Ställen. Das Grundstück lag schräg gegenüber von der berühmtesten Mietskaserne Berlins, der später in Verruf geratenen Anlage Meyer’s Hof.
Als in den harten Jahren nach der Jahrhundertwende immer mehr Menschen in Not gerieten, bot der Verein Dienst am Arbeitslosen auch Arbeit an. Zur Schrippenkirche kam die Brockensammlung, die Jugendhilfe des Vereins. Lumpen, Hausrat, Altmetall, kurzum Sperrmüll, trugen die jungen Leute zusammen und arbeiteten es unter Anleitung auf. Der Verein verkaufte die Stücke und entlohnte die Jugendlichen.
Im Nationalsozialismus war Arbeitslosigkeit verboten
Die in der ganzen Stadt bekannte Schrippenkirche führte ihre Arbeit über Jahrzehnte fort.
In der nationalsozialistischen Zeit war Arbeitslosigkeit verboten. Der Verein Dienst am Arbeitslosen erhielt den Namen Schrippenkirche e.V. Die Schrippenkirche nahm ihre Arbeit nach dem Ende des Krieges mit diesem Namen und anderen Schwerpunkten wieder auf. Die Gebäude in der Ackerstraße 52 bleiben bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts stehen.
Als die Abrissbagger kamen, um den tiefen Wedding zu sanieren, flächendeckend die alten Wohnhäuser zwischen Bernauer Straße und Humboldthain zu zertrümmern, kam das Ende für die hundertjährige Einrichtung. Die heftigen Proteste der Bevölkerung nutzten gar nichts.
Der Verein Schrippenkirche e. V. existiert bis in die Gegenwart und unterhält in der Ackerstraße 136-137 das Evangelische Altenpflegeheim und Wohnheim für geistig behinderte Erwachsene.
Rund 1,7 Millionen Brötchen in hundert Sorten werden in Berlin jeden Tag gebacken, gibt die Bäcker-Innung bekannt. Das ist bei einer Bevölkerung von 3,5 Millionen Menschen nicht zuviel. An die eine Sorte, die alle kennen, die Schrippe, und was man damit Gutes tun kann, erinnert nun die Sandsteinschrippe. Sie ist bloß etwas größer und schwerer.
Die Schrippe sei das eigentliche Wahrzeichen Berlins, meint Michael Spengler, der Bildhauer. Er ist ein zugewanderter Berliner, lebt schon einige Jahre in Berlin. In der Ackerstraße 38 liegt sein Atelier Denkwerk Berlin.
Leseempfehlung:
Regina Scheer: Den Schwächeren helfen, stark zu sein. Die Schrippenkirche im Berliner Wedding 1882-2007, Berlin: Hentrich & Hentrich 2007
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