| Nr. 13, September 2007 |
So viele literarisch Vertraute schrieben über Lemberg, aber in Europa kennt niemand mehr die galizische, jüdische, polnische, russische, ukrainische Stadt. Die Ausstellung in Berlin macht den Anfang für eine Rückkehr. Eine Schwesterstadt für Berlin?
Eine Stadt mit kosmopolitischen Neigungen: Lemberg
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Im September 1924 fuhr Alfred Döblin nach Lemberg und blieb bis Ende November. Ausschreitungen gegen die Juden in der Spandauer Vorstadt in Berlin führten den Arzt und Schriftsteller zu seiner „Reise in Polen“ – so der Titel seiner Erinnerungen an diese Fahrt, als Buch 1926 erschienen. In Lemberg stieß Döblin auf die tödlichen Wunden, die die russischen Pogrome 1917/18 in der Bevölkerung hinterlassen hatten. Zu Tausenden waren jüdische Männer und Frauen danach aus Galizien nach Westen geflohen und in Berlin gestrandet, in die Straßen der Spandauer Vorstadt geströmt. Ihr Ziel waren die Vereinigten Staaten von Amerika, die die meisten Juden nie erreichten.
Die Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum hat schon viele jüdisch-europäische Themen in Ausstellungen dargestellt. Dieses Mal ist es Lemberg, die Stadt mit den vielen Namen. Lemberg hieß sie von 1772 bis 1918, als Galizien in Folge der Ersten Polnischen Teilung zu Österreich gehörte, Llów hieß sie Jahrhunderte davor, von 1349 bis 1772 – als Stadt des polnischen Königsreichs. Die Russen, an deren Staat die Stadt im Ersten Weltkrieg fiel, nannten sie Llow, in der Ukraine, zu der Lemberg heute gehört, heißt sie L’viv.
Die Bevölkerung Lembergs zählte 1931 ein Drittel Juden, die Jiddisch sprachen, jene auf ihrer Wanderung durch Europa aus dem Althochdeutschen und Hebräischen entwickelte Sprache, die sie über Landesgrenzen hinweg mit Juden in anderen europäischen Staaten verband. Die Juden Lembergs wurden ermordet, die Polen nach Schlesien deportiert. Der Anteil der ukrainischen Bevölkerung blieb etwa gleich bis heute. Den großen Teil der Bevölkerung machen Russen aus, die den vertriebenen Polen folgen mussten. Aus diesen Umständen erklärt sich die Ausstellung.
Lemberg war ein europäischer Kulturort, der zahlreiche Kulturen verband, ein zentraler Ort europäischen Judentums. Die Kuratorin Irene Stratewerth erzählt, dass die Ausstellung über die jüdischen Filmpioniere den Anstoß gab, dass sie sich mit dem Thema befasste. Immer wieder tauchte Lemberg auf. Für den Schauspieler Alexander Granach war sie wichtige Lebensstation, ebenso für die Schriftsteller Hermann Blumenthal, Joseph Roth, Alfred Döblin, Stanislaw Lem.
„Wo ist Lemberg?“ fragt die Ausstellung in der Neuen Synagoge. So oft fiel der Name, aber wer weiß etwas damit zu verbinden? Die Menschen, die in L’viv leben, wissen nichts von dieser Stadt. Sie haben eben damit begonnen, die polnisch-deutsch-jüdische Geschichte zu entdecken. Im sowjetischen Llow gab es keine Möglichkeit, die bedeutende multikulturelle Geschichte der Stadt zu erforschen.
1990, als nicht nur die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze fielen, sondern auch der „Eiserne Vorhang“ zwischen Ost- und Westeuropa sich öffnete, zogen jüdische Lemberger nach Berlin. Sie schlossen sich der Jüdischen Gemeinde Berlin an und gaben ihre Erinnerungen an die Stadt den Ausstellungsmachern weiter. Nun sind sie Teil dieser Ausstellung, die in vielen Stationen die Kulturgeschichte der Vielvölkerstadt zeigt.
Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mischen sich ein, spiegeln die Stadtgeschichte in eigenen Werken. Wolodja Kaufman erlebt Lemberg als eine Stadt, „die von vielen benutzt und als eine leere Hülle zurückgelassen wurde“. Jurko Koch montiert Photographien, Spiegel und Ölbilder zur „Lemberger Litfaß-Säule“. Porträts und Interviews der ZeitzeugInnen, die aus Lemberg nach Berlin kamen, stellen Silke Goes und Evgeni Tsynman vor.
Dreihundert Kilometer östlich von Krakau liegt Lemberg-Llów-L’viv, tausend von Berlin, mitten in Europa, immer noch. Warum gibt es keine Städtepartnerschaft zwischen Lemberg und Berlin – oder wenigstens eine schnellere Zugverbindung?
Die Ausstellung
„Wo ist Lemberg?“
Ausstellung in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
Oranienburger Straße 28-30, Mitte
Bis 2. Dezember 2007
Geöffnet:
Sonntag und Montag: 10 bis 20 Uhr (ab November bis 18 Uhr)
Dienstag bis Donnerstag: 10 bis 18 Uhr
Freitag bis Dienstag: 10 bis 14 Uhr (ab November bis 14 Uhr)
Sonnabends und an hohen jüdischen Feiertagen geschlossen
Eintritt: 3,00 / 2,00 Euro
Das Buch zur Ausstellung
Das Buch zur Ausstellung ist im Christoph Links Verlag erschienen, den Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, einen der bedeutendsten Verlage in Berlin nennt.
Lemberg. Eine Reise nach Europa, herausgegeben von Ronald Hinrichs, Hermann Simon, Irene Stratewerth, Berlin: Christoph Links Verlag 2007. 255 Seiten + 1 Stadtplan von Irene Stratewerth und Sofia Onufriv
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