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| Nr. 14, Oktober 2007 |

Homer aller Pennbrüder 

Theodor Hosemann zum 100. Geburtstag (1807 – 1875)


Von GERHILD H. M. KOMANDER


Lothar Brieger: Theodor Hosemann, Delphin Verlag München 1920Seine Bilder bevölkern die Literatur des Berliner Biedermeier, Vormärz und Nachmärz. Die Bücher Adolf Glassbrenners, E. T. A. Hoffmanns und Ernst Moritz Arndts kamen ohne seine Graphiken kaum aus.

Der Graphiker Theodor Hosemann kam am 24. September 1807 im havelländischen Brandenburg zur Welt. Obwohl die Eltern aus bürgerlichen Familien stammten, führten die Hosemanns ein armseliges Leben. Der Vater nahm als Offizier an den Befreiungskriegen gegen Frankreich teil, die Mutter zog mit den zwei Kindern hinterher.

Die Schulzeit des Jungen war kurz. Im Alter von zwölf Jahren begann Theodor Hosemann seine Lehre in der lithographischen Anstalt Arnz & Winckelmann in Düsseldorf und besuchte gleichzeitig – man gestattete es großzügig – die Düsseldorfer Akademie der Künste. Als er fünfzehnjährig als angestellter Zeichner ein jährliches Gehalt von zweihundert Talern erhielt, trug er damit zum Familienunterhalt bei. Der Vater war arbeitsunfähig aus dem Krieg heimgekehrt und bezog eine jämmerliche Pension.

Die ärmliche Jugend war der Grund, dass dem talentierten Zeichner nie der Sinn stand nach Madonnen- und Historienbildern. Er suchte seine Motive auf der Straße, im Alltag der kleinen Leute. 1828 folgte er Winckelmann nach Berlin in die neu gegründete lithographische Anstalt und entwickelte sich zu einem gefragten Illustrator. In fünf Jahrzehnten entstanden fünf- bis sechstausend Graphiken. Das sind mehr als tausend im Jahr. Etwa fünfhundert Ölbilder kommen hinzu.

Um die Arbeiten Hosemanns kennenzulernen, muss man die Originalausgaben Hoffmannscher Werke in die Hand nehmen (Gesammelte Werke, erschienen bei Reimer, Berlin 1844/45), Adolf Glassbrenners Erstausgaben aufspüren und sich in die umfangreiche Kinder- und Jugendliteratur des Verlages Winckelmann vertiefen, die zu einem nicht geringen Teil von Frauen verfasst wurde. Die Reclam-Ausgabe von Hans Christian Andersens Märchen (2004) enthält die Illustrationen Hosemanns auch noch.


Seit seinen Arbeiten besitzen wir überhaupt erst eine illustrierte deutsche Jugendschrift

Mit der Erfindung des Steindrucks – der Lithographie – durch Alois Senefelder (vor 1797) war für die Lithographische Anstalt Winckelmann & Söhne die Grundlage geschaffen, reich illustrierte Kinder- und Jugendbücher zu vertretbaren Preisen zu verlegen und sich für diesen Bereich die Vormachtstellung zu sichern. Noch Heinrich Zille lernte hier – bei Theodor Hosemann.

Lothar Brieger bezeichnet Theodor Hosemann als den „Schöpfer der deutschen Jugendschriften-Illustrationen“:

„Die damalige Jugendschrift war in ihrer buchkünstlerischen Gestaltung ein Hohn, eine Karikatur auf die Kunst ebenso wie auf die Ansprüche und Erfordernisse des kindlichen Gemütes. Hosemann wurde der erste deutsche Illustrator, der diese Ansprüche und Erfordernisse vollkommen anerkannte, und für den das Schaffen von Jugendschriftenillustrationen gleichbedeutend war mit dem Sichhineinversetzen des Illustrators in die jugendliche Seele.

Seit seinen Arbeiten besitzen wir überhaupt erst eine illustrierte deutsche Jugendschrift, und der von ihm – in Gemeinschaft mit dem Verlage Winckelmann – geschaffene Typus erwies sich als derartig lebenskräftig, daß er bis heute [1920], mit den durch den Zeitwandel gebotenen Veränderungen deren Grundtyp geblieben ist. In kleinem, aber durchaus nicht zu unterschätzendem Kreise liegt hier gleichfalls eine durchaus schöpferische Tätigkeit vor, an der selbstverständlich die Möglichkeiten der nicht allzulange vorher erfundenen Lithographie ihren starken Anteil haben.“


„So jeht ein König flöten.“

In der Zusammenarbeit von Adolf Glassbrenner (1810-1876) und Theodor Hosemann trafen zwei kongeniale Künstler aufeinander. Glassbrenner zählt zu den bedeutenden politischen Journalisten des Vormärz und gilt als Begründer der humoristisch-satirischen Berliner Volksliteratur. Politisch einander nahestehend, dem Alltag der kleinen Leute und dem Leben auf den Berliner Straßen zugewandt, ergänzten sich Schriftsteller und Zeichner.

Wenn auf dünnen Füßen ein birnenköpfiger Louis Philipp, der letzte französische König, vor Knüppeln und Äxten der Republik davonläuft, und so im Bild der Sturz der Juli-Monarchie persifliert wird, dichtet Glassbrenners Guckkästner berlinerisch dazu:

„(...) der schöne Mojement aufjefaßt, wo Ludwig Philippe seine Pariser verliert un in de bloßen Beene nach England fährt, um sich bei seiner Muhme Vicdoria zu erkundjen, wie es mit Tante Cardiale steht.“
„Tante Cordiale“ ist die Glassbrennersche Übertragung der „Entente cordiale“, dem herzlichen Einvernehmen zwischen den europäischen Staaten, hier auf die Einigkeit der Fürsten gegenüber den Revolutionären bezogen.
Die Bildunterschrift der Lithographie lautet:
„Alleene aber öfters giebt’s
In Frankreich Oogenblicke,
Da kriejen die Franzosen des
Tyrannisiren dicke:
Will sie ein König treten,
So jeht ein König flöten.“

Hosemann zeichnete auch das Bildnis des Eckenstehers Nante, dessen literarische Figur Glassbrenner schuf. Aber, wer liest Glassbrenner noch?


Keine „Sträußchen in ihren sauber gewaschenen Händen“

Die Barrikaden im Revolutionsjahr 1848 fielen nicht vom Himmel. Hosemann begleitete die dürftigen Lebensverhältnisse der arbeitenden Berliner Bevölkerung. Er heimste den Titel „Homer der Pennbrüder, Berliner Typen, Gänsemädchen und Dörfler“, weil seine Pennbrüder echt sind.

„Sie tragen nicht“, wie Lothar Brieger schreibt, „wie bei Ludwig Richter, Sträußchen in ihren sauber gewaschenen Händen und singen Volkslieder aus des Knaben Wunderhorn.“ Das berühmte Bild „Die tanzenden Rehberger“, jener rauhen Gesellen aus der Revolutionszeit, die die BürgerInnen Berlins in Angst und Schrecken versetzten, wenn sie von ihrer Arbeitsstätte im Wedding in die Stadt zogen, zeigt, wie vorbehaltlos Hosemann den vermeintlichen Revolutionären entgegentrat.

Als Theodor Hosemann am 15. Oktober 1875 starb, lag die Zeit napoleonischer Besatzung Europas lange zurück. Frankreich war ein zweites Mal besiegt, ebenso die Revolution. In einer „Revolution von oben“ hatte Reichskanzler Otto von Bismarck das deutsche Kaiserreich gegründet – mit großen Enttäuschungen für die Generation Hosemanns. Das Grab Hosemanns findet sich in der Bergstraße, Mitte, auf dem Sophienkirchhof II.

Zum 175. Geburtstag Theodor Hosemanns 1982 initiierte der Sammler Wilfried Göpel eine umfassende Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Ausstellung begleitete ein Katalog, den die Bibliothek in die Reihe ihrer Ausstellungskataloge übernahm. Im Vorwort heißt es, das Werk Hosemanns sei ganz wenigen Menschen noch bekannt. 25 Jahre später erinnert sich niemand in Berlin, kein Sammler, kein Museum.


Leseempfehlung:

Ingeborg Becker: Theodor Hosemann. Illustrator - Graphiker - Maler des Berliner Biedermeier, Berlin 1983

Hans Ludwig: Theodor Hosemann, Berlin 1980

Irmgard Wirth: Theodor Hosemann. Maler und Illustrator im alten Berlin, Berlin 1967

Gerhard Kapitän: Die politische Graphik Theodor Hosemanns, Dresden 1955

Lothar Brieger: Theodor Hosemann. Der Maler des Berliner Volkes, München 1920  

 

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- © gerhild komander 10/07 -