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| Nr. 17, Januar 2008 |
Von der „Roten Burg“ zur Neuen Sachlichkeit
Gewerkschaftsbauten in Berlin
Ein thematischer Stadtführer besonderer Art liegt hier vor. Er bringt seiner Leserschaft eines der wichtigen, aber nicht populären Kapitel Berliner Geschichte nahe: Die Gewerkschaften und ihre Bauten in Berlin. 46 Orte beschreiben Wolfgang Blumenthal, Elke Keller und Karlheinz Kuba und fügen stets Stadtplanausschnitte hinzu, die auf den Umschlaginnenseiten auf einem Gesamtplan der Stadt Berlin zu finden sind.
Nicht allein Gewerkschaftshäuser, wie der Titel angibt, also Verwaltungs- und Verlagsbauten, sondern auch Wohnsiedlungen werden aufgenommen, berühmte wie die Hufeisensiedlung Britz und die Wohnstadt Carl Legien und wenig bekannte wie die Wohnblöcke der gemeinnützigen Bau- und Siedlungs-A.G. Heimat in Prenzlauer Berg.
Am Anfang steht die Rote Burg, das Berliner Gewerkschaftshaus von 1898/1900 am Engeldamm in der Luisenstadt, Mitte. Denn „wer bedeutende Zeugnisse gewerkschaftlicher Bautätigkeit sucht, sollte im Süden des Berliner Stadtkerns beginnen.“ In der Luisenstadt, seit 1920 durch das Gesetz zur Bildung der Stadtgemeinde Berlin zwischen Mitte und Kreuzberg aufgeteilt, wohnten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vor allem Handwerksgesellen und ArbeiterInnen. Die zahlreichen Lokale standen ihnen für Versammlungen offen.
Das Viertel lag nicht weit vom Sitz der großen Zeitungsverlage Mosse, Ullstein und Scherl in der südlichen Friedrichstadt, deren Belegschaft traditionell sozialistisch-sozialdemokratisch orientiert und gewerkschaftlich organisiert war.
Die Rote Burg am Engeldamm ist das älteste Gewerkschaftshaus, die architektonisch berühmten Bauten folgen nach 1918. Die Brüder Taut, Bruno in Gemeinschaft mit Franz Hoffmann, und Max, werden d i e Gewerkschaftsarchitekten. Das glücklicherweise in den Jahren 1996 bis 1998 in den baulichen Originalzustand zurückversetzte Haus des Gesellenverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs an der Ecke von Engeldamm und Michaelkirchplatz ist ein Gemeinschaftswerk der Architekten Taut und Hoffmann und des Bildhauers Rudolf Belling aus den Jahren 1929/30.
Zwischen den beiden Häusern am Engeldamm liegen räumlich nur wenige Hausnummern, zeitlich Dutzende, die Wohnhäuser hinzugezählt Hunderte von Gewerkschaftsbauten, über das ganze Stadtgebiet Berlins verteilt. Diese Bauten in einem Buch zu vereinen, ist ein großes Verdienst der AutorInnen. Der geschichtliche Überblick und der umfangreiche Anhang erweisen sich als äußerst nützlich.
Eine inhaltlich einheitlichere Gestaltung der Texte würde die Tauglichkeit als Stadtführer enorm erhöhen. Würden mit Name und Adresse des Gebäudes gleichzeitig Bauzeit und Architekten genannt, die Geschichte des Hauses chronologisch dargestellt, fiele das Nachschlagen wesentlich leichter. - Gerhild H.M. Komander –
Wolfgang Blumenthal, Elke Keller, Karlheinz Kuba Mit den Groschen der Mitglieder. Gewerkschaftshäuser in Berlin 1900 bis 1933, Berlin: trafo Verlag 2004. 251 Seiten. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen, 15,90 Euro.
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| Nr. 16, Dezember 2007 |
Der Past Finder
oder: Wie verwirrt man das Publikum?
„Vergangenheits-Finder“ ist ein umständliches Wort, deshalb heißt die Buchreihe im Christoph Links Verlag Past Finder. Die Bände für die Jahre 1933-1945 finden guten Absatz. Reichskanzlei, Luftschutzbunker machen den Nationalsozialismus attraktiv wie nie. Wie wird es dem Band über Berlin 1945-1989 ergehen?
Der Aufbau ist geschickt, scheint konsequent. Auf den Außenklappen steht das Seitenregister. Farbig unterschieden werden Regierungsviertel, Wiederaufbau und Kalter Krieg, Berliner Mauer, Innenstadtbezirke, Außenbezirke und Umland. Drei Stadtpläne geben erste Hilfestellung zur Orientierung in der großen Stadt. Inhaltlich werden die Fakten, Daten, Bauten und Ereignisse, reichlich geschüttelt serviert. Das wird Gäste, die nach dem Motto „Europe in three Days“ reisen, nicht stören – auch die deutschsprachigen nicht.
Der geringe Umfang des Buches – 96 Seiten – hätte eine Abbildung zum Hansaviertel wohl erlauben müssen. Doch das ganze Kapitel Wiederaufbau und Kalter Krieg ist dürftig und weiß kaum mehr als Stalinallee / Karl-Marx-Allee und ein bißchen Propaganda zu erwähnen. Das Kapitel Berliner Mauer ist in dieser Form eher der Werbung geschuldet, dem Verkauf. Brandenburger Tor und Potsdamer Platz: Das war’s, was dem Autor einfiel. Die bedeutsamen Stätten findet man dann an anderen Stellen des Buches – besser gleich in anderen Büchern. Es ließen sich viele weitere Beispiele anführen. Vielleicht ist das Buch für AnfängerInnen nützlich. Vielleicht ein Bild weniger, dafür fundierter Text? Der Preis des Buches wäre dann gerechtfertigt. - Gerhild H. M. Komander -
Maik Kopleck: Berlin 1945 – 1989. Past Finder Stadtführer zu den Spuren der Vergangenheit, Berlin: Christoph Links Verlag 2005, 96 Seiten, 12,90 Euro
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| Nr. 14, Oktober 2007 |
Die Kirche als Gottesacker
Grabmalskunst der Nikolaikirche
Einst und immer noch bekannte Berlinerinnen und Berliner fanden sechshundert Jahre lang ihre letzte Ruhestätte in der Berliner Nikolaikirche. Apotheker und Kaufmann, Bürgermeister und Münzmeister, Hauptmann und Kanzler, Reisebäcker und Mühlenmeisterin nennen die Grabdenkmäler als Berufe.
Philip Jacob Spener (1635-1705), der Anhänger des Pietismus und Propst an St. Nikolai, liegt hier begraben. An ihn und seinen Schwiegersohn Ambrosius Haude (1690-1748), den Buchhändler des Königs und der Akademie der Wissenschaften, erinnern gusseiserne Gedenktafeln aus dem Jahre 1835. Sie wurden in der nördlichen Außenwand des Langhauses eingemauert.
Johann Jakob Spalding (1714-1804), der sich der Berliner Aufklärung unter Federführung Friedrich Nicolais anschloss, dessen Schrift „Bestimmung des Menschen“ Königin Elisabeth Christine ins Französische übersetzte, predigte der Berliner Bevölkerung 24 Jahre lang und fand Gehör. Die Grabsteine für Spalding und seine dritte Ehefrau Maria Charlotte Lieberkühn stehen auf Postamenten an der nördlichen Außenmauer der Kirche.
Im Zusammenhang mit dem Erbbegräbnis für den kurfürstlichen Lampert Distelmeyer (1522-1588) hat sich eine der ältesten Urkunden der Nikolaikirche erhalten, in der die Errichtung einer Grabkapelle festgehalten wird. Im Alter von 36 Jahren erlebte Distelmeyer die besondere Wertschätzung des Kurfürsten Joachim II. , als dieser ihm das Kanzleramt übertrug.
Innen oder außen? Der Standort des Grabmals trifft noch keine Aussage über den sozialen Stand der Bestatteten, wohl aber die Form. Die Form spricht Bände – über das finanzielle Vermögen. Dem Glauben, in der Kirche der Erlösung aus dem Fegefeuer besonders nahe zu sein, war die Tradition geschuldet, die Toten innerhalb der Städte zu bestatten, und nicht – wie in den frühen Jahrhunderten des abendländischen Christentums – außerhalb der Mauern. Die Entwicklung der Kirche zum Gottesacker, den sie umgebenden Außenraum eingeschlossen, und der Grabmalskunst beschreibt Knut Brehm in einer ausführlichen Einleitung.
Den Hauptteil des Buches macht der Katalog der Grabplastik der Nikolaikirche aus. 83 Nummern zählt er.
Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert verzeichnet der Katalog Grabsteine, Epitaphien, Grabkapellen und Gedenktafeln. Meisterwerke wie die Grabkapelle Schindler von Johann Georg Glume, das Portal zur Gruft der Familie Mannlich von Andreas Schlüter und das Epitaph der Familie Matthias von Hans Scheußlich sind darunter.
Seltene Werke, Zeugnisse brandenburgischer Renaissancekunst von unbekannten Meistern haben ebenso Veränderungen, Vernachlässigungen und Zerstörungen überstanden, denen die Nikolaikirche ausgesetzt war. Mit zwei Farbtafeln würdigt der Katalog das Grabmal für den vierjährigen Elias Colerus (Köhler), dessen geringe Größe dem Kindesalter des Verstorbenen entspricht. 1584 starb der Junge, entstand vermutlich also auch das Epitaph. Dennoch hat sich ein Rest der ehemals farbigen Fassung des Steins erhalten, der in den Reproduktionen des Buches deutlicher fast als in der Kirche zu sehen ist.
Die zahlreichen Abbildungen und ausführlichen Katalogtexte führen durch fünfhundert Jahre Berliner Grabmalskunst und gleichzeitig durch ein halbes Jahrtausend Berliner Kulturgeschichte. Das Lesepublikum nimmt dankbar das Namenverzeichnis zur Kenntnis, in dem nicht versäumt wurde, die Geburtsnamen der Frauen zu erwähnen. - Gerhild H.M. Komander -
Grabmalskunst aus vier Jahrhunderten. Epitaphien und Grabdenkmäler in der Nikolaikirche zu Berlin. Katalog der Sepulkralplastik, bearbeitet von Knut Brehm in Zusammenarbeit mit Donata Kleber, Hans-Joachim Veigel und Uwe Winkler. Berlin: Argon Verlag 1994. 199 Seiten. 10,00 Euro
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- © gerhild komander 10/07 -