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Bücher zur Berliner Geschichte aus Antiquariat und Bücherei
 

| Nr. 18, Februar 2008 |

Spree, Havel und Panke, Teltowkanal und Landwehrkanal 

Wer übers Berliner Wasser will, braucht eine Brücke

Mit 1800 Brücken über Spree, Havel und Panke, Teltow- und Landwehrkanal, Seen und Teiche, Wasser- und Straßenbrücken besitzt die Stadt Berlin mehr Brücken als Venedig. Dazu kommen 300 Hochbahnviadukte, macht 2 100 Brücken in Berlin.
Welche europäische Stadt hat mehr zu bieten?

Ein ähnliches Buch wie das vorliegende gab die Senatsverwaltung 1991 heraus – und zählte dabei die Brücken neu. Einem eindrucksvollen Kapitel mit einer Auswahl Berliner Brücken folgt eines zur Geschichte des Brückenbaus, ein anderes widmet sich Geländern und Beleuchtung, ein nächstes der Kunst am Bau. Wartung und Instandsetzung und viele andere Themen mehr werden behandelt.

Zu diesem Buch liefert Laurenz Demps erst mal eine Einleitung: Brücken in der Berliner Stadtgeschichte. Die Ostsiedlung, während der der Berliner Raum, das Tal zwischen den Höhenzügen Barnim und Teltow, von deutschen und vermutlich niederländischen Menschen in Besitz genommen wurde, heißt bei ihm etwas kriegerisch Ostexpansion. Das macht nichts. Die Darstellung der frühen Siedlungsgeschichte ist nicht auf dem neuesten Stand, das macht schon etwas. Das wird an anderer Stelle nachgelesen werden müssen.

Hier geht es um Brücken. Über die haben Eckhard Thiemann, Dieter Descyk und Horstpeter Metzing gut lesbare Texte verfasst und Abbildungen gesammelt. Viele neue Aufnahmen stehen historischen Photographien gegenüber. Von der beeindruckenden Oberbaumbrücke im Südosten bis zur Eisernen Brücke in der Mitte der Stadt ( die längst keine eiserne mehr ist) führen die Autoren durch die Spreebrücken im alten Stadtkern Berlins. Eine schöne Berliner Geschichte!

Die älteste noch vorhandene Brücke Berlins ist die Jungfernbrücke, die Cölln und den Friedrichswerder verbindet, die zweitälteste steht im Schloßpark Charlottenburg: die Hohe Brücke, erbaut im Jahr 1800. Eine neuere Brücke, die Eisenbahnbrücke Brandwerderweg, verbindet das Falkenhagener Feld mit den Siedlungen an der Heerstraße. Aber sie liegt weitab vom Berliner Zentrum. In der Mitte der Stadt gehört die wiederauferstandene Kronprinzenbrücke, die der spanische Architekt Santiago Calatrava Valls entwarf, zu den Neulingen.

Der älteste Brückenstandort ist übrigens die Mühlendammbrücke. Er wird 1298 erstmals erwähnt. Darauf folgt die Erwähnung der Neuen Brücke, später Lange Brücke genannt, im Jahr 1365. Nachfolgerin dieser Brücke ist die Rathausbrücke, die bald schon Geschichte sein wird, denn das Provisorium der Nachkriegszeit wird in den kommenden Jahren durch einen Neubau ersetzt werden. - Gerhild H. M. Komander -

Eckhard Thiemann, Dieter Descyk und Horstpeter Metzing: Berlin und seine Brücken, Berlin: Jaron Verlag 2003. 188 Seiten

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 | Nr. 18, Februar 2008 |

Konkurrenz belebt das Geschäft

Der Circus Busch am Bahnhof Hackeschen Markt

Der Cirkus Busch war nicht die erste Vergnügungsstätte dieser Art in Berlin, im Gegenteil: Längst hatten sich der Zirkus Renz am Schiffbauerdamm und der Zirkus Krembser am Friedrich-Karl-Ufer etabliert. Ende des 19. Jahrhunderts war Berlin ein Tummelplatz für Schauspielbühnen und Variétes verschiedenster Art geworden. Dennoch wagte Paul Busch mit seiner Frau Constance einen Anfang in der Reichshauptstadt, und die aufregende Geschichte beginnt.

Der Neubau des Circus Busch am Bahnhof Börse (Hackescher Markt), ausgeführt durch die Architekten Blumberg & Schreiber, wurde 1896 lobend in dem Architekturbuch „Berlin und seine Bauten“ erwähnt. Den „goldenen Jahren“ des Etablissements folgte die zunehmend härtere Zeit, in der das Kino den Zirkusmanegen Konkurrenz machte. Zudem erhob die 1913 eingeführte „Lustbarkeitssteuer“ zwanzig Prozent Steuern auf jede Eintrittskarte.

Im September 1915 übernahm die Tochter Paula die Rolle der Pantomimenmeisterin und verstand es, über die Kriegsjahre den Menschen ein paar Stunden Freude in den grauen Alltag zu bringen, wie sie es nannte. Aus den Pantomimen wurden erzählende Manegenstücke, die den Einsatz von Tieren, Statisten und der Wassermanege für effektvolle Wirkungen nutzten. „Tarzan“, „Lady Hamilton“, „Ben Hur“ und andere Geschichten wurden aufgeführt, deren Inszenierungen auch dem Syndikus des Deutschen Bühnenvereins, Geheimrat Dr. Felisch, Bewunderung abrangen.

Nach dem Tod des Vaters kämpfte sich Paula Busch allein durch die Weltwirtschaftskrise und die Regierung der Nationalsozialisten, mit denen sie sich zu arrangieren versuchte. 1935 übernahm sie aus jüdischem Besitz den renommierten Zirkus Strassburger, dessen Artisten und Betreiber immer stärker den menschenfeindlichen Repressalien der Nationalsozialisten ausgesetzt waren.

Das renovierungsbedürftige Gebäude des Circus Busch wurde 1937 abgerissen. Krieg und Nachkriegszeit überstand der Zirkus, doch 1961 musste er Konkurs anmelden, der traditionsreiche Namen wurde an den Zirkus Roland verpachtet. Das reich illustrierte Buch taucht in eine phantastische Welt ein, die - längst untergegangen - mit dem Zirkus der Gegenwart nicht viel gemein gehabt zu haben scheint. - Gerhild H. M. Komander -

Gisela Winkler: Circus Busch. Geschichte einer Manege in Berlin, Berlin: be.bra verlag 1998. 131 S. 117 Schwarzweißabbildungen. Anhang mit Lebensdaten, Liste der Pantomimen, Quellen- und Literaturverzeichnis.

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| Nr. 17, Januar 2008 |

Reineke Fuchs gab nicht den Namen

Geschichten aus Reinickendorf

Nein, das Wappentier des drittgrößten Berliner Verwaltungsbezirks bezieht sich nicht auf den „Reinke de Vos“, weder den mittelalterlichen noch den goetheschen. Menschen vom Niederrhein besiedelten den Berliner Nordwesten, darunter der Bauer Reinhardt, dessen Name dem Dorf verliehen wurde.

Aber damit sind wir schon mitten in der Berliner Geschichte und den Besonderheiten der Stadt Berlin, die sich aus vielen Stadtteilen, acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken zusammensetzt. Der Bezirk Reinickendorf besteht schon aus mehreren Dörfern und Ortsteilen.

Reinickendorf, Heiligensee, Konradshöhe, Tegel, Waidmannslust, Hermsdorf, Lübars, Frohnau, Wittenau, Märkisches Viertel: In dieser Reihenfolge erzählt Michael Zaremba die Ortsgeschichten. Im Mittelalter, als deutsche Fürsten das Land östlich der Elbe in Besitz nahmen und Siedler an Spree und Havel riefen, entstanden die ersten deutschen Dörfer.

Reinickendorf wird schon im Jahre 1245 erstmals urkundlich erwähnt. Der brandenburgische Markgraf Ludwig der Ältere quartierte damals seine Truppen im Dorf ein. Zu diesem Zeitpunkt bestand das Dorf schon mehr als einhundert Jahre. Ein ähnliches Alter haben die früheren Dörfer Heiligensee, Tegel, Hermsdorf, Lübars und Wittenau (Dalldorf).

Nur Lübars hat seinen dörflichen Charakter bis in die Gegenwart bewahren können. Es ist der älteste Ortsteil von Reinickendorf. Der Name bedeutet etwa „liebes Dorf“. Doch „lieb“ war die Geschichte des Dorfes nicht immer. Krieg, Raub und Pest bedrohten seine Existenz mehrfach. Der Brand des Jahres 1790 vernichtete viele Wohnhäuser und die mittelalterliche Kirche. Der Berliner Baumeister Carl Gotthard Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tores, errichtete einen Neubau, der den barocken Kanzelaltar der Berliner Gertraudenkapelle am Spittelmarkt erhielt.

„Große“ Geschichte machte Reinickendorf erst im späten 19. Jahrhundert. 1895 erwarb die Firma Borsig in Tegel 22,4 Hektar Land und verlegte ihre Produktionsstätten dorthin. Für die 5 000 MitarbeiterInnen ließen die Enkel des Firmengründers August Borsig die Wohnsiedlung Borsigwalde an der Holzhauser Straße anlegen. Am Tegeler See entstand der Borsighafen.

Der Autor geht im Kapitel „Industrie und öffentliche Einrichtungen“ der Geschichte der Borsigwerke, der Justizvollzugsanstalt Tegel, des Flughafens Tegel, der Karl-Bonhoeffer-Klinik und des Humboldt-Krankenhauses nach. Damit wird deutlich, wo der Schwerpunkt der jüngeren Geschichte des Bezirkes liegt.

Die Vollzugsanstalt Tegel erlangte weltweite Berühmtheit durch einen einzigen Roman: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Franz Biberkopf, die Hauptfigur des Romans, war einer von vielen Inhaftierten. Der Friedensnobelpreisträger und Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Carl von Ossietzky (1889-1938), verbrachte in der Haftanstalt mehrere Monate. Bernhard Lichtenberg (875-1943), Domprobst an St. Hedwig, und der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) waren in Tegel als Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Herrschaft inhaftiert.

In Tegel liegt auch der gleichnamige Flughafen, der während der Berlin-Blockade 1948 die Luftbrücke zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik Deutschland unterstützte. Natürlich bleibt auch das „Schloss“ der Brüder Humboldt in Tegel nicht unerwähnt. Im Gegenteil, der Autor schreibt ein ganzes Kapitel zu diesem wichtigen Ort und seinen BewohnerInnen.

Zu Recht widmet sich Michael Zaremba ausführlich auch den Gewässern und Seen in Reinickendorf. Die Hinterlassenschaften der letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren charakterisieren die Landschaft im Berliner Nordwesten bis heute. Die Havel, nach der sich die slawischen Heveller nannten (nicht umgekehrt, wie Zaremba schreibt), bildet hier zahlreiche Buchten und Seen und gab Gelegenheit, natürliche Wasserläufe durch künstliche Verkehrswege zu verbinden.

Die Bildung der Stadtgemeinde Berlin im Jahr 1920 (auch hier falsch als die Bildung von Groß-Berlin bezeichnet) fügte die Dörfer und Siedlungen unter dem Namen Reinickendorf in die Stadt Berlin ein. Zuerst führte der Bezirk den Namen Humboldtstadt, ab 1924 dann den des größten Dorfes, Reinickendorf.

Unter diesem Namen erlebte seine Bevölkerung den demokratischen Aufbruch der zwanziger Jahre, die nationalsozialistische Diktatur, französische Besatzung und den Mauerbau. Die Wiedervereinigung erlaubte den Menschen in Reinickendorf endlich wieder, sich nach allen vier Himmelsrichtungen frei zu bewegen. Dass Reinickendorf nicht so weit weg von Berlin liegt, wie manche West-BerlinerInnen in Schöneberg und Charlottenburg glaubten, zeigt der in jeder Hinsicht gelungene Umzug des Landesarchivs Berlin aus der Schöneberger Kalckreuthstraße in den Eichborndamm. - Gerhild H.M. Komander –

Michael Zaremba: Reinickendorf im Wandel der Geschichte, Berlin: be.bra Verlag 1999. 159 Seiten. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen.

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| Nr. 16, Dezember 2007 |

Aufgeklärte Kommunikation

Friedrich Nicolai und Isaak Iselin


Er spann ein Netzwerk der Superlative: Friedrich Nicolai (1733-1811), Buchhändler, Verleger, Schriftsteller, Korrespondent. Er war ein Meister der Kommunikation.

Mit seinem Namen sind Berliner Aufklärung und Preußischer Patriotismus verbunden. Das Selbststudium der Philosophie und Literatur in Frankfurt brachte ihn mit den Aufklärungsideen zusammen und ließ eine ständig wachsende Aggressivität gegen geistige und geistliche Autorität entstehen. Mit der Übernahme der väterlichen Buchhandlung konnte er das Idealbild der eigenen Persönlichkeit, dem der Beruf des Verlegers und des Zeitschriftenherausgebers entsprach, verwirklichen und literarisches Engagement mit praktischer Tätigkeit verbinden.

Jacob-Friesen hat eine weitere Facette des Wirkens Nicolais untersucht: Im Zentrum seines Buches steht die Edition des Briefwechsels Nicolais mit Isaak Iselin (1728-1782), dem Philosophen und Historiker und Förderers Johann Heinrich Pestalozzis. Das umfangreiche Werk des Autors Friesen umfasst außer dem Briefwechsel Nicolai-Iselin eine ausführliche Darstellung der „Bedingungen, Formen und Wege aufgeklärter Kommunikation“ und weitere Essays zum Umfeld der Korrespondenten. - Gerhild H.M. Komander -

Profile der Aufklärung. Friedrich Nicolai - Isaak Iselin. Briefwechsel (1767-1782). Edition, Analyse, Kommentar, herausgegeben von Holger Jacob-Friesen  (= Schweizer Texte, Neue Folge, Bd. 10), Bern/Stuttgart/Wien: Haupt 1997. 644 S. Mit zwei Farb- und 25 Schwarzweißabbildungen. Anhang mit Lebensläufen, Rezensionen und Artikeln Iselins in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek (ADB), Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Personenregister und Verzeichnis der im Briefwechsel erwähnten Werke Iselins und Nicolais

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| Nr. 15, November 2007 |

Er baute die Türme auf dem Gendarmenmarkt

Carl von Gontard, Baumeister Friedrichs des Großen


Carl von Gontard (1731-1791) ist den SpezialistInnen der Berliner und Potsdamer Architekturgeschichte ein Begriff, darüberhinaus aber besitzt sein umfangreiches Werk kaum Ansehen. Das liegt nicht bloß daran, daß sein zweiter großer Auftraggeber, Friedrich II. , und dessen Kavalierarchitekt Georg Wenceslaus von Knobelsdorff die sogenannte friederizianische Architektur zu beherrschen scheinen, sondern auch daran, daß in der Bearbeitung der brandenburgisch-preußischen Kunstgeschichte insgesamt noch ungewöhnlich große Lücken bestehen.

Die Autorin schließt eine wesentliche dieser Lücken mit ihrer Monographie. Astrid Fick hatte sich bereits in ihrer Magisterarbeit (Bamberg 1991) mit dem Werk Carl von Gontards innerhalb Bayreuths beschäftigt und legt nun ihre Dissertation über das Werk Gontards vor, in deren Zentrum die bürgerlichen Wohnbauten des Architekten stehen.
Darüberhinaus behandelt sie auch das Militärwaisenhaus in Potsdam, die unausgeführten Schloßbauentwürfe, die Brücken- und Kolonnadenbauten und verschiedene Berliner Bauten.

Die einzige Monographie zum Werk Gontards hatte zuvor Horst Drescher 1968 verfaßt: Zum Spätstil der friederizianischen Architektur. Die Tätigkeit Carl von Gontards für König Friedrich II. von Preußen am Neuen Palais in Potsdam. Der Titel dieses Buches zeigt schon die angesprochene Problematik im Urteil der Kunstgeschichte auf. Der Anteil Gontards am Neuen Palais war denkbar gering, war doch der Bau fast fertig, als er vom markgräflichen Hof in Bayreuth an den Hof des preußischen Königs nach Potsdam kam. Einfluss nehmen konnte Gontard nur noch auf die Gestaltung der Communs, der Gäste- und Wirtschaftsgebäude.

Der Begriff Spätstil wird zumeist auf die Architektur und die bildenden Künste nach dem Tod Knobelsdorffs bezogen. Zu unrecht, wenn man bedenkt, daß die gesamte friederizianische Architektur ein Konglomerat aus den verschiedensten nationalen Einflüssen und einzelnen Vorbildern, die kopiert und nachempfunden wurden, ist. Der Begriff friederizianische Architektur wiederum umfaßt das Wirken zahlreicher Architekten, zu denen oftmals der König selbst mit seinen Entwürfen gerechnet wird. Tatsächlich kann Friedrich II. in dieser Hinsicht auch Friedrich Wilhelm IV. nicht an die Seite gestellt werden.

Selbstverständlich war die Einflußnahme des Königs wie auch in der Bayreuther Zeit des Markgrafenpaares auf die Gestaltung der Werke Gontards groß, doch legt die Autorin dar, daß von den Bauten Gontards für Friedrich II. 45 Fassaden nach eigenen Entwürfen, eine nach königlichem Entwurf, fünf nach französischem und italienischen Vorbildern sowie zwanzig in Anlehnung an die holländische Backsteinarchitektur errichtet wurden. Daß der Bauherr sich die Pläne vorlegen ließ und gegebenenfalls Wünsche und Korrekturen äußerte, trifft nicht nur auf Friedrich II. zu.

Der ausführliche und gut bebilderte Katalog der Werke Carl von Gontards macht die Hälfte der Publikation aus und verdeutlicht den Umfang der Tätigkeit des Baumeisters und der vielfältigen Einflüsse, denen er durch die spezifische Situation Berlins und Potsdams und denen die Künstler seiner Generation an sich ausgesetzt waren.
Carl von Gontard hatte seine Ausbildung bei keinem geringerem als Jacques-François Blondel, einem Architekturtheoretiker ersten Ranges, in Paris erhalten. Dann arbeitete er unter Joseph Saint-Pierre am Bayreuther Hof. Weder dort noch in Brandenburg wollte man allzuviel von den strengen Theorien der Architektur etwas wissen. Die das Stadtbild Potsdams prägenden Wohnbauten Gontards waren ausnahmslos Prospektarchitekturen, die auf Befehl des Königs die Straßen der Residenz verschönern sollten.

Seit 1750 fassten neue stilistische Tendenzen aus England und aus Frankreich vor allem in der Architektur Norddeutschlands Fuß. Eine strengere, unzureichend als Frühklassizismus oder Zopfstil bezeichnete Formensprache leitete über zu dem historisierenden Vokabular des Klassizismus.

Am Hof Friedrichs II. hatten die modernen Entwicklungen kaum eine Chance und die preußischen Hofkünstler mußten sich dem persönlichen Geschmack Friedrichs II. beugen. In der Architektur hatte der König jedoch immer eine Vorliebe für klassizistische Formen gezeigt, so daß es für Gontard keinen harten Bruch in seiner Arbeit gab und dem Urteil Ficks über das architektonische Wirken Gontards zugestimmt werden muß.
Die Autorin nennt ihn als zu den entscheidenden Baukünstlern gehörend, die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dem neuen Formempfinden entgegenkamen und die Ablösung des Rokokos einleiteten. - Gerhild H. M. Komander -


Astrid Fick: Potsdam - Berlin - Bayreuth. Carl von Gontard,  Petersberg: Michael Imhoff Verlag 2000. 288 S. Mit 214 Schwarzweißabbildungen und einem Anhang mit tabellarischer Kurzaufstellung der Bauten Gontards, Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis.

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- © gerhild komander 11/07 -