| Nr. 27, November 2008 |
Die Stadt auf dem Laufband
Der dritte Monat der Fotografie in Berlin
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Kinder spielen gern auf Rolltreppen, noch Erwachsene können auf den Laufbändern der Flughäfen der Welt gelegentlich nicht widerstehen, gegenan zu gehen, in die falsche Richtung. Es ist so leicht dort, gegen den Strom zu schwimmen. Peter Aerschmann hat sich an der Ausstellung „ Mutations II – Moving Stills“ beteiligt. Das Video Loop „5th Street“, 2006, ist ein bewegtes Straßenbild, dessen Sequenzen sich wiederholen, vorwärts, rückwärts.
Eisesser trifft Rückwärtsläufer
Die Straße fährt ins Bild, Versatzstücke der Stadt, lebende Staffage fehlt nicht. Der Eisesser trifft auf den Rückwärtsläufer, der Kniekratzer auf die Läuferin. Hinter den Figuren, manchmal auch vor ihnen, bewegen sich die Stadt-Teile - wie auf einem Laufband. Die Baracke der Neon Food Corp. schreit in Farben, die dem Namen entsprechen. Etwa zehn Minuten lang läuft die Video-Schleife.
Ich denke an Studioproduktionen im Vorabend-Programm. Birkenstammschablonen schieben sich über eine Kampfformation im Schnee, Männer in gefleckter Montur, regungslos. Kein Himmel, nur Rot, es weihnachtet – zufällig. Rot + Grün weckt immer dieselben Assoziationen, jedenfalls in einem Berliner November. Das animierte Video Loop ist im Rechner entstanden.
1959 stehen noch Häuser in der Rathausstraße
Eine unglaubliche Entdeckung für Berlin-FreundInnen bietet die Ausstellung „So weit kein Auge reicht – Berliner Panoramafotografien aus den Jahren 1949-1952“. Warum lernen wir so etwas Eindrucksvolles erst jetzt kennen? Schätze müssen geborgen werden, erklärt Jörn Merkert zur Eröffnung in der Berlinischen Galerie.
Die Lindenrolle des Photographen Tiedemann, dessen Lebensdaten unbekannt sind, 1949: Von der Niederlagstraße (wo Bertelsmann Ecke Unter den Linden in der Kommandantur trumpft) bis zum Pariser Platz, wo im Sommerregen die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika eröffnet wurde. Hauswände überragen Trümmer, Holzgerüste stützen Ruinen, tief in die Seitenstraße hinein.
Das Album des unbekannten Photographen zeigt das Berliner Zentrum am 1. April 1959 in Panoramabildern: die Rathausstraße von Norden und Süden. Häuser stehen, wo heute die namenlose Anlage zu Füßen des Fernsehturmes triumphiert. Weil sich niemand mehr daran erinnert, ist diese Stadt in Vergessenheit geraten, das Neue scheint vertraut. Doch 1959 stehen Häuser in der Rathausstraße bis zur heutigen Karl-Liebknecht-Straße, die es damals so noch nicht gab. Die Spandauer Straße ist ganz schmal, zeigt klaffende Wunden.
Weltkriegsbrache im Panoramablick
Die ungeheure materielle Zerstörung der Stadt brachte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Menge solcher Panoramen hervor. Dass die Straße am Bahnhof Alexanderplatz Panoramastraße heißt, hat jedoch einen anderen Grund. Dort stand zuvor das zu seiner Zeit „Diorama“ genannte Bilderhaus von Carl Gropius.
Über die Schlossbrücke geht ein Aktentaschenträger, links Altes Museum und Dom, dazwischen ein zerschossener Denkmalsockel, die Marienkirche unversehrt, vor dem Rathausturm eine das Bild beherrschende Treppenanlage anstelle des Schlosses, rechts kaiserlicher Marstall, der alle Regierungsformen überlebt, die Häuser der Breiten Straße, Brüderstraße, die Gitter der Schlossbrücke am rechten Bildrand, rechts vom Sockel der Turm der Petrikirche und die Häuser am Mühlengraben. Wo ist das alles hin?
Es ist der 20. April (Führers Geburtstag) 1951, Marx-Engels-Platz, geschaffen seit Dezember 1950 nach Abrisses des Schlosses. An der Tribüne werden erstmals in der jungen DDR Hunderttausende Menschen an Partei- und Staatsführung vorbeimarschieren. Wozu sonst sind breite Straßen gut?
In den Tischvitrinen das Tütenarchiv
Ob Kniprodestraße im Bötzowviertel oder Rathausstraße: Von den Panoramen geht eine starke Sogwirkung aus. Der Finger muss das Bild berühren, nur so ist der Neugierde beizukommen. „Warum sind die Häuser kaputt?“ Wie erklärt man einem Kind Zerstörung, Krieg, den man selbst schon nur aus Erzählungen kennt?
In den Tischvitrinen das Tütenarchiv. Haus für Haus, die Fruchtstraße in Friedrichshain etwa, die seit 1971 Sraße der Pariser Kommune heißt, Nr. 57-58: Industrie-Palast, und unten rechts: Hans Oehlke Fischwaren. Der Stempel auf den Tüten gibt Auskunft über Bildinhalt, Gebiet, Straße, Kasten, Bild-Nr., mit Kuli in Grün die Negativ-Nummer und ein neuer Stempel der Berlinischen Galerie. Nr. 76: Sahne, Milch, Butter, Elise Nitz (von wegen Frauen hätten nicht gearbeitet ...).
Erst im nächsten Raum gibt es die Abzüge der Negative zu sehen. „So weit kein Auge reicht“, steht darüber. Wie treffend. Unser Gesichtsfeld reicht nicht für eine Straßenfassade. Der Photograph kann die Abwicklung künstlich schaffen, künstlerisch. Arwed Messmer, Photograph, entwickelt die Idee zu der Ausstellung, die die Aufnahmen Tiedemanns seinen Rekonstruktionen und Interpretationen gegenüberstellt. Das ist wie Filmstudio. Nr. 66: Nicht nur die Fassade bröckelt, links fehlt die Außenwand. Der Blick gleitet in offene Räume, im Erdgeschoss hat jemand begonnen zuzumauern – damit wir nicht eintreten.
Ausstellungen
So weit kein Auge reicht. Berliner Panoramafotografien aus den Jahren 1949-1952
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Mutations II - Moving stills
Bis 16. Februar 2009 in der Berlinischen Galerie
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg
www.berlinischegalerie.de/ |
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Telefon 789 02 - 600
Geöffnet täglich (außer Dienstag) 10-18 Uhr
Tageskarte 7,00 Euro / 4,00 Euro
Jeden ersten Montag im Monat 3,00 Euro
Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre
Ermäßigter Eintritt gegen Vorlage eines Tickets des Jüdischen Museums Berlin am Tag des Erwerbs und an den zwei folgenden Tagen. Dieses Angebot gilt auch umgekehrt.
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- © gerhild komander 11/08 -