| Nr. 17, Januar 2008 |
Eine Krone für die Sicheldüne
Der Rathenaubrunnen in den Rehbergen
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Wer denkt beim Weddinger Volkspark Rehberge an Politik und Wirtschaft?
Der Rathenaubrunnen, an markanter Stelle inmitten des weiträumigen Geländes, erinnert an Emil (1838-1915) und Walter Rathenau (1867-1922), an den Begründer der AEG und seinen Sohn, den preußischen Außenminister.
Am Ende der großen Sicheldüne fand der Brunnen 1930 Aufstellung. Vier Meter hoch ragt die Bronzespirale aus dem ebenfalls bronzenen Becken auf. Von der Otawistraße kommend, führt der Carl-Leid-Weg auf dem Kamm zur großen Rodelbahn auf das Denkmal zu. Die breite Treppe, die zum Brunnenplateau überleitet, trägt an ihren Wangen die Reliefbildnisse Emil und Walter Rathenaus.
Ein geplanter Torbau wurde nicht ausgeführt. Der Künstler, der die Anlage schuf, war Georg Kolbe.
Wer Kolbes Werke kennt, die in seinem Atelierhaus an der Heerstraße im Georg-Kolbe-Museum zu betrachten sind, erstaunt über die Monumentalität des Brunnens. Kolbe hatte sich Ende der zwanziger Jahre von der empfindsamen Formgebung in bescheidenen Formaten abgewandt und mit großem Interesse an Architektur auch abstrakten und durchaus monumentalen Formen zugewandt.
Viele Namen sind mit dem Rathenaubrunnen verbunden, ganze Kapitel Berliner Geschichte verbergen sich dahinter: Revolution, Arbeiterbewegung, erste Republik und Diktatur. 1848 rangen die „Rehberger“, arbeitslose Tagelöhner und verarmte Handwerker, die die wüste Kiefernheide instand setzten, um ihre Existenz. Sie kämpften für höhere Arbeitslöhne und gegen die Einführung der Akkordarbeit und zogen protestierend bis vor das königliche Schloss. Ein schlechter Ruf als saufende und rohe Gesellen eilte ihnen voraus. Emil Rathenau hatte die Akkordarbeit in der AEG eingeführt.
Im kalten Winter 1918/19 machte die frierende Bevölkerung die Arbeit der „Rehberger“ zunichte und holzte den Baumbestand so weit ab, dass das Gelände als Wüstenkulisse für den Stummfilm dienen konnte. Carl Leid, von 1921 bis 1933 Bezirksbürger, regte die Anlage eines Volksparks auf dem Gelände an, der ab 1926 aus Mitteln des Notstandsprogramms von arbeitslosen Männern errichtet und am 22. Juni 1929 der Öffentlichkeit übergeben wurde.
Oberbürgermeister Gustav Böß initiierte die Aufstellung eines Denkmals für die Rathenaus. 1933 wurde Carl Leid vom Dienst suspendiert, Gustav Böß wurde inhaftiert, 1934 der Rathenaubrunnen demontiert.
Schon zuvor hatte es Proteste gegeben. Gegner der Republik beschimpften ihn als „Steuerschraube“, Feiglinge beschmierten ihn mit den Worten „Der Judenrepublik gewidmet“. 1941 überließ die nationalsozialistische Regierung das Bronzematerial der Herstellung einer Kopie vom Schillerdenkmal auf dem Gendarmenmarkt für den Schillerpark. Das Rathenau-Denkmal wurde eingeschmolzen.
Zur 750-Jahrfeier Berlins fiel der Entschluss, den Rathenaubrunnen wiederherzustellen. Der Bildhauer Harald Haacke erhielt den Auftrag, das Werk nach historischen Photographien zu schaffen. Über die Familie Rathenau erfährt man mehr in der Gedenkstätte im Schloss zu Bad Freienwalde. An die Ermordung Walter Rathenaus erinnert ein Gedenkstein in der Königsallee. Das Ehrengrab der Familie befindet sich auf dem Städtischen Waldfriedhof Oberschöneweide.
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