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| Nr. 18, Februar 2008 |

Eine Frau erforscht die deutsche Sprache

Agathe Lasch – Berlin – Heidelberg – Hamburg


Den besten Blick auf die Wirkungsstätte der Philologin Agathe Lasch in Hamburg gibt es von der Bahn aus: Wenn der Zug in den Bahnhof Dammtor einfährt oder ihn verlässt. Die Hamburgische Universität mit ihrem zentralen Kuppelbau bot der Berlinerin Agathe Lasch als erster Frau im Deutschen Reich eine Professur in Germanistik an.

Für die deutschen Frauen ist ein Studium an den Universitäten ihres Landes im 19. Jahrhundert regulär nicht möglich. Agathe Lasch will Germanistik studieren. Professor Gustav Roethe verweigert ihr den Zutritt zu seinen Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden und zwingt die entschlossene junge Frau, ihre Heimatstadt Berlin zu verlassen.


Nachfahrin eines Wiener Juden

Ihre Familie väterlicherseits kommt 1671 aufgrund des kurfürstlichen Edikts aus Wien nach Berlin: Der Große Kurfürst lädt fünfzig jüdische Familien ein, die dort vertrieben werden, sich in seiner Residenz niederzulassen, sofern sie denn wohlhabend sind. Vom Wohlstand der Vorfahren ist nichts geblieben, als Agathe Lasch am 4. Juli 1879 auf die Welt kommt, vom jüdischen Glauben auch nicht.

Doch schicken die Eltern Agathe und ihre zwei Schwestern auf die höhere Mädchenschule und im Anschluss daran auf das Lehrerinnenseminar. Wie für die Eltern Hannah Arendts und vieler anderer Frauen ist es für Agathes Eltern eine Herausforderung, ihren Töchtern eine außergewöhnliche gute Bildung und Ausbildung zu ermöglichen.


Agathe trotzt der frauenfeindlichen Bildungspolitik

Agathe Lasch legt mit 21 Jahren ihr Examen ab und unterrichtet bis 1907 in Berlin und Halle. Während dieser Berufstätigkeit bereitet sie sich zusätzlich auf das Abitur vor, das sie 1906 am Königlichen Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Charlottenburg besteht. Diese Möglichkeit eröffnen Frauen wie Helene Lange und Gertrud Bäumer, die sich für das Frauenabitur einsetzen.

Ein akademisches Studium gestattet Agathe Lasch die Universität Heidelberg, die sie am 7. Juli 1909 auch promoviert. Das Thema ihrer Dissertation: Die „Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts“. In Karlsruhe legt sie 1910 ihr Staatsexamen ab. Trotz dieser hochgelobten und außergewöhnlichen Leistungen bleibt ihr die weitere wissenschaftliche Qualifikation verwehrt, weil sie eine Frau ist.


Einmal Pennsylvania und zurück

In Pennsylvania, am renommierten Frauen-College, lehrt sie auf Einladung von M. Carey Thomas, der Direktorin, ab September 1910 germanistische Philologie. Aber Agathe Lasch leidet nach Beginn des Ersten Weltkriegs unter dem negativen Deutschlandbild der Amerikaner, so sehr, dass sie sich 1916 entschließt, in ihre Heimat zurückzukehren.

In Hamburg erwartet sie eine neue Aufgabe: Die Sammelstelle für das Hamburgische Wörterbuch, Zusätzlich kann sie ihre Lehrtätigkeit wieder aufnehmen, am Hamburgischen Kolonialinstitut. Die Hamburgische Universität ist gerade gegründet, da habilitiert sich Agathe Lasch schon: als eine von sechs Frauen, die vor der offiziellen Zulassung von Frauen zur Habilitation im Jahr 1920, diese Erlaubnis erhalten. Auf ihre wissenschaftliche Arbeit wird die Professur für niederdeutsche Philologie zugeschnitten. 1926 nimmt Agathe Lasch diese Aufgabe an.


Forscherin der niederdeutschen Sprache

Agathe Lasch erforscht die Grundlagen der niederdeutschen Sprache, verfasst Handbücher, die bis in die Gegenwart Gültigkeit besitzen – wie die Mittelniederdeutsche Grammatik, 1914, die Berlinische Sprachgeschichte, 1928, und das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch, 1928-34.

Selbstverständlich muss die Wissenschaftlerin ihre Arbeit aufgeben, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Am 30. Juni 1934 wird sie aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Selbstverständlich setzen ihre Kollegen dieser Vertreibung keinen Widerstand entgegen.

Die entlassene Professorin kehrt nach Berlin zurück. Am 13. August 1942 werden sie und ihre Schwestern von ihrer Deportation benachrichtigt. Von der Synagoge in der Levetzowstraße, die die Nationalsozialisten als „Sammellager“ missbrauchen, werden die Schwestern gemeinsam mit 938 anderen Menschen nach Riga gebracht. Der Tag der Ankunft, der 18. August 1942, gilt als Todestag aller Ankömmlinge, denn ihre Ermordung erfolgte sofort.

So viel Inhalt auf nur wenigen Seiten beruht auf den akribischen Forschungen der Germanistin Christine M. Kaiser. Im Anhang befinden sich auch eine Auswahl der Schriften Agathes Laschs und ein Literaturverzeichnis in Auswahl. - Gerhild H. M. Komander –

Christine M. Kaiser: Agathe Lasch (1879-1942). Erste Germanistikprofessorin Deutschlands (= Jüdische Miniaturen Band 63), Berlin: Hentrich & Hentrich 2007. 95 Seiten. Mit 14 Schwarzweißabbildungen, 9,80 Euro.

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| Nr. 17, Januar 2008 |

Wo Damen und Herren die Plätze nebeneinander angewiesen erhielten ...

Die Synagoge Rykestraße

Sie liegt in einem prominenten Viertel Berlins, in der Nähe vom Kollwitzplatz, dicht am Wasserturm Prenzlauer Berg. Die Synagoge in der Rykestraße, dieser außergewöhnliche Ort Berliner Geschichte, ist zugleich eines der beeindruckendsten Gebäude der Stadt, obwohl sie, geborgen in der Flucht der Wohnhäuser, auf dem Hof des Grundstücks steht. 1902 erwarb die Berliner Jüdische Gemeinde das Grundstück, am 14. August 1903 erteilte der Berliner Polizeipräsident die Baugenehmigung.

Durch das Tor im Vorderhaus, in dem die Religionsschule und Wohnungen untergebracht sind, gelangen Eintretende auf einen geräumigen Hof. Breit und schwer steht dort die Synagoge. Der Gemeindebaumeister Johann Hoeniger (1850-1913), der auch den Bau der zerstörten Synagogen in der Fasanenstraße und Levetzowstraße leitete, errichtete die Synagoge in den Formen der Neo-Romanik, wählte Backstein als Baumaterial und eine flachgedeckte Pfeilerbasilika zur architektonischen Form.

Von der Einweihung des Hauses am 4. September 1904 berichteten jüdische und nichtjüdische Presse. Dort wurde moniert, „daß Damen und Herren die Plätze nebeneinander angewiesen erhielten,“ da die Teilnahme der Stadtverordneten und des Stadtverordnetenvorstehers Dr. Paul Langerhans (1920-1909) betont.

Mit dem Bau der Reformsynagoge in der Rykestraße gab die Berliner Jüdische Gemeinde den Forderungen nach einem Neubau nach, der schon viele Jahre lang erhoben wurde. Die jüdische Bevölkerung im Norden der Stadt war Ende des 19. Jahrhunderts stark angewachsen, auch durch ostjüdische Familien, die vor den Pogromen in Rußland flüchteten.

Überwiegend ärmere Menschen waren im Stadtteil Prenzlauer Berg zuhause. Hermann Simon zitiert dazu Kantor Magnus Davidsohn 1919: „In diese Synagoge kommen Gläubige, die mühselig und beladen den Kampf des Lebens ausfechten müssen, die, bedrückt von des Alltags schwerer Arbeit, noch die ganze Heiligkeit der Sabbatstunde empfinden.“ Muss nicht diesen Gläubigen die stille Schönheit des Innenraumes ungleich stärker beeindruckt haben als uns Menschen der Gegenwart?

Wer die Synagoge Rykestraße nach dem Abschluss ihrer Restaurierung im August 2007 betreten hat, verlässt sie sichtbar beeindruckt - auch durch das Ergebnis der aufwendigen Restaurierungsarbeiten. Neue Bleiglasfenster erzählen Geschichten aus der Schöpfungsgeschichte in deutsch und hebräisch. Die gesamte Farbfassung konnte nach detektivischer Recherche wiederhergestellt werden. Jetzt strahlt die Synagoge eine „helle luftige - ja fast fröhliche - Atmosphäre aus“ schreibt Judith Kessler in ihrer Anmerkung zur Restaurierung.

Die ganze Geschichte dieser nun größten Berliner Synagoge, vom Streit um eine Orgel, vom täglichen Leben, von ihren Rabbinern und Kantoren, von Bedrohung, Mord und Überleben in den zwölf langen Jahren von 1933 bis 1945 und den Nachkriegsjahren berichtet Hermann Simon. Wie in allen Ausgaben der Jüdischen Miniaturen folgt dem Hauptteil ein Literaturverzeichnis, das einlädt, einzelnen Themen und Biographien tiefer nachzuspüren. - Gerhild H. M. Komander –

Hermann Simon: Die Synagoge Rykestraße (= Jüdische Miniaturen Band 17), 2. Auflage, Berlin: Hentrich & Hentrich 2007. 66 Seiten. Mit 16 Schwarzweißabbildungen, 7,80 Euro.

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- © gerhild komander 1/08 -