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| Nr. 18, Februar 2008 |

Bücher für Berlin und Brandenburg

Ein kleines Dossier zur Buchdruckerkunst
unter Friedrich dem Großen


Von GERHILD H. M. KOMANDER


Das Buchwesen in Brandenburg-Preußen war bis Mitte des 18. Jahrhunderts an den kurfürstlich-königlichen Hof gebunden. Seit Ende des 17. Jahrhundert wurde durch den Kurfürsten, später durch den König ein Hofbuchdruckertitel verliehen. Seit 1701 erhielten jeweils ein deutscher und ein französischer Hofbuchdrucker das Privileg.

Das Privileg des französischen Hofbuchdruckers befand sich ab 1718 in Händen von Johann Gottfried Michaelis. Bis 1786 verblieb es bei seinem Sohn. Danach wurde er nicht mehr erteilt. 1713 sich eine zweite französische Druckerei etabliert, im Besitz von Jean Grynäus. Den deutschen Titel übernahm 1736 Christian Albrecht Gäbert von Daniel Andreas Rüdiger. Rüdigers Witwe hatte die Druckerei fortgeführt und 1741 an Christian Siegmund Bergemann verkauft, der aber das Privileg nicht erhielt und 1768 starb.

Seit 1751 arbeitete Christian Friedrich Henning neben Gäbert, nach dessen Tod als Hofbuchdrucker. Er gehörte mit den Michaelis zu den besten des Faches. Henning druckte die Werke Friedrichs II. „Au donjon du château“ und unternahm erfolgreiche Versuche im Naturselbstdruckverfahren für seine botanischen Drucke. Er starb am 5. Januar 1765. Das Hofbuchdruckerprivileg gelangte an Georg Jacob Decker (12. Februar 1736 - 17. November 1799), der in die Druckerei Grynäus eingeheiratet hatte.

Formschneider und Schriftgießer waren in Brandenburg-Preußen zunächst nicht ansässig. Nach der Auflösung der Hausgießerei des kurfürstlichen Leibarztes Leonhard Thurneysser (getauft 6. August 1531 - 9. Juli 1596) 1584 hatte es in Brandenburg bis 1742 keine Schriftgießerei mehr gegeben. An Versuchen, eine solche zu etablieren, hatte es nicht gefehlt.

Die ersten Bemühungen Friedrichs schlugen fehl. Der Pariser Buchdrucker Claude Francois Simon entwarf einen Kostenanschlag für die gewünschte Druckereiausstattung. Friedrich verfolgte den Plan nicht weiter; vermutlich weil unterdessen zwei Gesuche auswärtiger Schriftgießer zur Errichtung einer Gießerei vorlagen: Johann Wenzel Hablitzl aus Halle und Johann Michael Schmidt aus den Niederlanden.

Die 1742 erworbene Kirchnersche Schriftgießerei aus Braunschweig wurde unter Hablitzl und Schmidt aufgeteilt. Hablitzl ließ sich in Königsberg nieder, während Schmidt in Berlin ansässig wurde. 1752 ging die königliche Schriftgießerei in private Hände über, da sich Schmidt und sein nachfolgender Sohn als unfähig erwiesen. Private unternehmerische Initiative führte den Buchdruck in Brandenburg-Preußen zur Blüte. Johann Ludwig Zinck (17. Juli 1728 - 1770) aus Wittenberg erwarb die Einrichtung und führte das Unternehmen zu großem Erfolg. Auch die königliche Druckerei erwarb die von ihm hergestellten Schriften.

1770 übernahm sein Schwager Johann Gottlob Francke (gestorben 16. April 1810) die Druckerei und erhielt neben der königlichen Konzession auch die Gebäude zu Eigentum. Francke behauptete sich gegen die Konkurrenz Deckers, der 1769 eine Schriftgießerei in Betrieb genommen hatte . Seine französischen und deutschen Lettern verkaufte er äußerst erfolgreich in Brandenburg-Preußen, in Hamburg, Altona und in Schweden. Johann Friedrich Unger (16. August 1753 - 26. Dezember 1804) gründete eine dritte Schriftgießerei, aus der 1793 die Ungerfraktur hervorging.

Im Jahre 1700 zählte man bei 28 500 EinwohnerInnen in Berlin vier Buchdruckerherren, 1726 sieben bei 72 000 EinwohnerInnen. 1750 gab es neun Buchdruckerherren (113 289 Einwohner). 1782 aber existierten 87 Buchdruckerherren, die insgesamt 87 Gehilfen und 36 Lehrlinge beschäftigten. Der Anstieg der Einwohnerzahl auf 145 021 blieb vergleichsweise gering. Entscheidenden Einfluß auf diese positive Entwicklung hatte zum einen Friedrich II. genommen. Zum anderen gab der Aufschwung der deutschen Nationalliteratur durch die besondere Unterstützung der Berliner aufgeklärten Unternehmer, Gelehrten und Künstler dem Buchwesen nachhaltige Impulse.

Neben den Hofbuchdruckereien existierten in Berlin in friderizianischer Zeit die Betriebe von Friedrich Wilhelm Birnstiel, Johann Georg Bosse, Christian Ludwig Kunst, Johann Lorenz (Laurentius), Christian Sigismund Spener, Johann Friedrich Gottlob Unger, Ludwig Philipp Wegener und George Ludwig Winter. Die gleichzeitigen Druckereien außerhalb Berlins gelten als bedeutungslos. 1727 hatte Johann Heinrich Hartung eine Buchdruckerei in Königsberg begründet, die sein Sohn Gottlieb Leberecht 1763 übernahm. Unger gehörte mit Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719 - 1794) in Leipzig zu den Erneuerern des Buchdrucks.

Bosse erwarb von der Witwe Hennings 1765 dessen Druckerei und erhielt das Nutzungsrecht der Räume in ihrem Haus. Er verstarb 1773. Kunst wurde 1734 - 1783 als „privilegierter Buchdrucker“ in Berlin geführt. 1737 druckte und verlegte er Jacob Elssners „Neueste Beschreibung derer Griechischen Christen in der Türkey etc.“ Kunst druckte Schriften des Berliner Magistrats und anderer öffentlicher Institutionen, für den Verleger Voss die „Poesies diverses de Frederic II. Roi de Prusse“. Sein Sohn Michael ist bis 1798 als Buchdruckerherr nachweisbar.

Die 1704 eingerichtete Druckerei Lorenz übernahm 1734 seine Witwe. 1748 - 1757 führte Johann Friedrich Lorenz das Unternehmen, das Karl Friedrich Rellstab bis 1788 betrieb, der 1763 das Lorenzsche Privileg erhielt. Winter führte Breitkopfs verbessertes Notendruckverfahren in Berlin ein. Seine Druckerei bestand von 1750 bis 1772, unter seiner Witwe noch bis um 1786 und druckte die Werke der Anna Luise Karschin. Er hatte sich 1765 ebenfalls um die Nachfolge Hennings als Hofbuchdrucker beworben.

Spener (28. Oktober 1753 - 30. Oktober 1813 Berlin), der Bruder des Buchhandlungsbesitzers Johann Karl Philipp Spener (geb. 5. September 1749 Berlin), unterhielt 1773 - 1813 eine Druckerei. Er hatte sie in der Nachfolge Samuel Königs übernommen. Von 1781 - 1807 bestand der Betrieb von Ludwig Philipp Wegener.

Die erste hebräische Druckerei in Brandenburg-Preußen führte seit 1697 Daniel Ernst Jablonski. Die technische Leitung hatte 1730 - 1750 Ahron ben Mose Rose inne. Der erste jüdische Druckereibesitzer, Itzig Jacob Speier, betrieb sein Unternehmen zwischen 1760 und 1770. 1784 erteilt Friedrich der jüdischen Freischule in Berlin die Genehmigung, eine eigene Druckerei für Werke in hebräischer Sprache zu unterhalten und deren Erzeugnisse zu verkaufen.

Die Berliner Verleger Friedrich Nicolai (18. März 1733 - 8. Januar 1811) und Christian Friedrich Voss zählen zu den bedeutendsten ihrer Zeit. Nicolai, auch Schriftsteller, verlegte seine eigenen Werke und die von Gotthold Ephraim Lessing (22. Januar 1729 - 15. Februar 1781), Moses Mendelssohn (17. August 1728 - 4. Januar 1786), Zarin Katharina II.(2. Mai 1729 - 17. November 1796), Thomas Abbt (25. November 1738 - 3. November 1766), Lord Bolingbroke (16. September 1678 - 12. Dezember 1751) und viele andere zeitgenössische Literaten sowie die „Allgemeine Deutsche Biographie“.

Voss gehörte wie Nicolai zum Freundeskreis der Berliner Aufklärer. Er veröffentlichte Werke Johann Wilhelm Ludwig Gleims (2. April 1719 - 18. Februar 1803), Ewalds von Kleist (7. März 1715 - 24. August 1759), Mendelssohns und Lessings. Wichtige verlegerische Arbeit leisteten des weiteren August Mylius, Friedrich Maurer, Christian Friedrich Himburg und Joachim Pauli. Die Berliner Verleger ließen viele Werke auswärts drucken. In Breslau war Johann Jacob Korn erfolgreich tätig.

Mylius verlegte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts englische Literatur, darunter Oliver Goldsmith (10. November 1728 - 4. April 1774), Lady Montague etc. Maurer widmete sich vornehmlich den Werken Nicht-Berliner Aufklärer und Literaten. Bei dem aus Königsberg stammenden Himburg erschien unter anderem das „Verzeichnis einer Sammlung von Bildnissen, gröstentheils berühmter Ärzte“ des Berliner Arztes J. C. W. Moehsen (1771) und französische Literatur in der Originalsprache.

Der Verleger und Buchhändler Pauli bemühte sich um wissenschaftliche Werke. Er erhielt das Privileg zum Verlag der Enzyklopädie von Johann Georg Krünitz (28. März 1728 - 20. Dezember 1796). Auch die historiographischen Werke von Carl Friedrich Pauli erschienen in seinem Verlag. Enge Zusammenarbeit aller Verlage und Druckereien bestand mit den Berliner Illustratoren.


Literatur:

Ernst Crous: Die Schriftgießereien in Berlin von Thurneysser bis Unger, Berlin 1928

August Potthast: Geschichte der Buchdruckerkunst zu Berlin im Umriß (= Einleitung zu: Geschichte der Familie von Decker und ihrer Königlichen Geheimen Oberhofbuchdruckerei), Berlin o. J. (um 1865)

K. Witte: Monographisches Lexikon europäischer Exlibris-Künstler I, Fredrikshavn, 1991

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