| Nr. 20, April 2008 |
800 Jahre Berliner Stadtgeschichte
100 Jahre Märkisches Museum
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Die Anfänge waren äußerst bescheiden. Das Märkische Provinzialmuseum bestand seit seiner Gründung am 9. Oktober 1874 in einer Sammlung, deren Objekte im Berliner Rathaus untergebracht waren. Ein eigenes Haus gab es nicht. Der Jurist und Altertumsforscher Ernst Friedel* hatte die Sammlung begründet und seine Stellung als besoldeter Stadtrat und Mitglied historischer Vereine genutzt, um Magistrat und Stadtverordnete davon zu überzeugen, dass die Reichshauptstadt Berlin auch ein heimatkundliches Museum brauche, in dem Berliner und Brandenburger Altertümer sowohl der eigenen Bevölkerung als auch den in- und ausländischen Gästen die Kulturgeschichte der Stadt gezeigt werden sollten.
1876 erst eröffnete das Museum in den eigenen vier Wänden, in der Klosterstraße Nummer 68. Hier stand – und steht noch – das Palais Podewils, benannt nach seinem einstigen Besitzer, dem Staatsminister Friedrichs II., Heinrich Graf von Podewils. Am 17. Januar des Jahres erwarb es der Berliner Magistrat für die Summe von 215 000 Talern.
Schon im Sommer des Jahres 1880 wechselte die Sammlung ihren Standort und zog in das Cöllnische Rathaus. Als das Rathaus zu Cölln am Ende des Jahrhunderts dem Verkehr im Wege stand, riss man den Bau kurzerhand ab. Abermals mussten die Sammlungen märkischer Kulturgeschichte umziehen. Für neun Jahre fanden sie Unterschlupf in den Räumen der Städtischen Sparkasse. Die befand sich damals in der Zimmerstraße 90/91 in der Friedrichstadt.
In dem Jahr, in dem das Cöllnische Rathaus zum Trümmerhaufen wurde, 1899, begann Stadtbaurat Ludwig Hoffmann mit den Plänen für einen Neubau. Endlich hatte der Magistrat der Stadt Berlin grünes Licht für einen eigenen Bau gegeben, der die Sammlungen des Märkischen Provinzialmuseums aufnehmen und würdig präsentieren sollte.
Nur langsam war die Bewahrung kulturgeschichtlicher Fragmente als Notwendigkeit in das Bewusstsein der Stadtoberhäupter gedrungen. Damit stand die Stadt Berlin nicht allein. Sie war keineswegs die erste, die dem steigenden Geschichtsbewusstsein Rechnung trug. In Hamburg, der Freien und Hansestadt, sorgte beispielsweise seit 1839 der Verein für hamburgische Geschichte dafür, dass die Spolien der Vergangenheit nicht verloren gingen, sondern bewahrt, erforscht und gezeigt werden konnten. Berlin war also recht spät dran, als es im Jahr 1865 seinen Heimatgeschichtsverein bekam.
„Die Stadt Berlin erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen in ihrer gesellschaftlichen Struktur und ihrem Stadtbild wie kaum eine zweite deutsche Stadt: bewundernswerte Neuerungen in technischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen einerseits, unkontrollierter Zuzug von arbeitssuchenden Menschen mit all seinen negativen Folgen und gedankenloser Umgang mit der historischen Substanz der Stadt andererseits.
Diese ambivalente Entwicklung betrachteten jene Bürger, die sich der Geschichte der Stadt aus beruflicher und privater Neigung widmeten, mit großem Unbehagen. Im Jahr 1864 ergriffen Dr. Julius Beer, praktischer Arzt, und Ferdinand Meyer, Polizeisekretär, die Initiative, einen Geschichtsverein zu gründen, der dem Verlust an materiellen Zeugnissen Einhalt gebieten sollte.
Am 28. Januar 1865 konnten die Initiatoren zahlreiche Interessierte in der konstituierenden Sitzung für den gemeinnützigen Verein für die Geschichte Berlins im Café Royal, Unter den Linden, begrüßen. Oberbürgermeister Karl Theodor Seydel übernahm das Amt des Vorsitzenden. Ausdrücklich wandte man sich an alle Kreise der Berliner Bevölkerung, in denen die Anteilnahme an der Geschichte Berlins geweckt werden sollte. Durch die Förderung der heimatkundlichen Forschung unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge sollte das Wissen um die geschichtliche Entwicklung der Stadt erweitert und vertieft werden.“*
Die materiellen Zeugnisse der Geschichte Berlins und der brandenburgischen Geschichte hatten es schwer in den folgenden Jahrzehnten und hätten nicht einmal in Resten die Zeitläufte überdauert, wenn nicht einzelne Bürger und Beamte deren Geschicke in ihre Hände genommen hätten. Die Gründung des Märkischen Provinzialmuseums war ein Meilenstein in den Bemühungen der engagierten Berliner Bürger. Frauen waren noch nicht dabei, weder im Verein noch unter den aktiven Geschichtsfreunden. Als Bauplatz für das Haus erwarb die Stadt ein Grundstück auf dem ehemaligen Festungsgelände am Spreeufer, das einst Neucölln am Wasser hieß. Der kleine Stadtpark um das Museum erhielt in Erinnerung an Cölln, die Schwesterstadt Berlins, den Namen Köllnischer Park.
Ludwig Hoffmann, der Berlin zahlreiche Schulen, Schwimmhallen, Brücken, das Stadthaus, den Märchenbrunnen im Friedrichshain und die Krankenhäuser im Wedding und in Buch hinterließ, studierte die norddeutsche Backsteingotik und die mittel- und norddeutsche Renaissancebaukunst, bevor er sich den Entwürfen für das neu zu errichtende Museum widmete.
Innen und Außen sollte der Bau auf seine Bestimmung hinweisen.
Im Außenbau zitierte Hoffmann das Tangermünder Rathaus und die Brandenburger Katharinenkirche, vor den Haupteingang ließ er eine Kopie des Rolands aus Brandenburg an der Havel stellen. Den umgebenden Garten, der Köllnische Park, ließ er als Skulpturenpark gestalten. Im Zusammenspiel von Architektur und Garten entstand ein märkisches Freilichtmuseum.
Die einstige Ausstattung der Innenräume zeigen Photographien, die Ernst von Brauchitsch im Auftrag des Architekten machte. Sie sind in einer Auswahl während der Jubiläumsausstellung des Märkischen Museums mit dem seltsamen Titel „Gefühlte Geschichte“ zu sehen. Nach Beseitigung der Kriegsschäden in den Jahren 1953 bis 1958 erfuhr das Museum eine Neugestaltung, die den Hoffmannschen Absichten in großen Teilen nicht mehr entsprach.
Von 1996 bis 2001 konnte das Haus als Kerngebäude der Stiftung Stadtmuseum Berlin restauriert werden. Dabei wurden die historischen Innenräume fast vollständig wieder ihrer einstigen Bestimmung übergeben. Inzwischen platzt das Haus aus allen Nähten, muss für die große Jubiläumsausstellung „Berlin im Licht“, die am 23. Juni um 20 Uhr eröffnet wird, ein großer Teil der Museumsräume gesperrt werden.
Zur Ausstellung:
Gefühlte Geschichte – 100 Jahre Märkisches Museum
Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10 bis18 Uhr, Mittwoch 12 bis 20 Uhr
Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro
Anmerkungen:
Zu Ernst Friedel:
Hainer Weißpflug: Vom Victoriapark bis zum Märkischen Museum, in: www.luise-berlin.de, 1998
Aus: Gerhild H. M. Komander: 140 Jahre Verein für die Geschichte Berlins, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 101, 2005, S. 146-147. – Im Kontext der Vereinsgeschichte auch nachzulesen auf www.diegeschichteberlins.de. unter Verein / Geschichte.
Leseempfehlung:
Eine ausführliche Darstellung der Museumsgeschichte:
Marlies Ebert: Ein malerisches Quodlibet. 90 Jahre Märkisches Museum, in: www.luise-berlin.de, 1998
Angela Harting: Das Märkische Museum und der Köllnische Park, in: www2.hu-berlin.de, o. J. (Humboldt-Universität)
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