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| Nr. 21, Mai 2008 |

Vom Geldhandel an der Spree

Die Berliner Börse


Von GERHILD H. M. KOMANDER


Am 29. Juni 1685 ordnete Friedrich Wilhelm Kurfürst von Brandenburg an, dass zur Beförderung der „Commercien die Berlinischen Packhäuser zu einer Börse mit dazugehörigen Bequemlichkeiten adaptiret werden sollen“. So geschah es. Man traf sich zu den „Morgensprachen“ – nicht unähnlich den Gepflogenheiten seit dem Altertum – an den Schiffsanlegestellen, die sich an der Schleusenbrücke auf dem Friedrichswerder befanden.
Ab 1696 kam man auf dem Mühlendamm zusammen, der die Kaufmannssiedlungen Berlin und Cölln seit ihrer mittelalterlichen Entstehung miteinander verband.


Van der Beurse gibt den Namen

Das flandrische Brügge verweist mit Stolz darauf, das weltweit erste Börsengebäude besessen zu haben. Im Haus des Kaufmannsgeschlechtes Van der Beurse, das drei Geldbeutel im Wappen führte, versammelten sich Händler aus allen Ländern, um Geld zu tauschen und zu handeln. Wappenbild und Familienname der Van der Beurse gehen auf das griechische Wort býrsa zurück, das Fell und Ledersack bedeutet und über das lateinische bursa in viele europäische Sprachen übernommen wurde. Wer handeln wollte, ging zu den „Beursen“. Das erste als Börsenhaus errichtete Gebäude entstand 1531 in Antwerpen. Es folgten kurz darauf Lyon, Toulouse, London, Augsburg, Nürnberg, Hamburg und Köln.

In Berlin wurde das Haus auf der Brücke zu klein, der König wies den Händlern die Grotte im Lustgarten an, für die er keine Verwendung mehr hatte. Das war 1738. Ein Jahr später erließ der König die erste Börsenordnung für den Geld- und Wechselhandel. Mitten im Siebenjährigen Krieg (1761) wurde die Börse in die Laubengänge der Stechbahn an der Westseite des Schlossplatzes verlegt. 1776 wurden erstmals Makler vereidigt, 1785 erstmals Effekten ausgegeben.


Aktien der Emdener Heringsfang-Kompagnie

Letztere waren Aktien der Emdener Heringsfang-Kompagnie, die Friedrich II. im Jahre 1769 gegründet hatte, und der Königlichen Seehandlung, ebenfalls eine königliche Gründung, und Pfandbriefe der preußischen Landschaften. 1805 zog die Berliner Börse erneut in den Lustgarten, in ein eigenes Gebäude, das allerdings 1838 aus Raummangel erweitert werden mußte. Der Grund für das starke Anwachsen im Geld- und Wertpapierhandel war die Hochkonjunktur im Eisenbahnbau.

Und so entstand bald der Plan, ein größeres Gebäude zu errichten. Dafür war auch ein neuer Standort erforderlich. Die Wahl fiel auf das Grundstück in der Burgstraße an der Ecke zur Friedrichsbrücke. Der Privatarchitekt Friedrich Hitzig erhielt den Auftrag, an der Stelle des Stadthauses seines Vorfahren Daniel Itzig die Börse zu errichten, und entwarf ein repräsentatives Gebäude in Anlehnung an die Bauten der florentinischen Renaissance.

Zur Einweihung am 28. September 1863 empfing König Wilhelm I. die Börsenmitglieder in den von zweigeschossigen Laubengängen gerahmten und unterteilten Sälen. Den Mittelbau an der Spree bekrönte Borussia, Ackerbau, Handel und Industrie schützend, entworfen von Reinhold Begas, Vertreter des naturalistischen Barock, der zu dieser Zeit am Anfang seiner Karriere als Hofbildhauer und Meister stand.


Die Berliner Börse wird Touristenmagnet

Die ganze Pracht hatte Hitzig mit hoher Funktionalität verbunden, mit großem Erfolg bei Nutzern und beim Publikum. Die Berliner Börse wurde ein Touristenmagnet, und all das entsprach auch der Bedeutung ihrer eigentlichen Bestimmung. In wenigen Jahren stieg die Berliner Börse zur deutschen Zentralbörse auf, ließ den Finanzplatz Frankfurt am Main hinter sich und machte sich im internationalen Geschäft unabhängig von den Börsen in Wien, Paris und London.

Seit der Reichsgründung 1871 konnte sie sich auf die schnell ausgebauten Verkehrs- und Nachrichtenwege stützen, die in die Stadt und aus ihr herausführten, in kürzester Zeit die in der nun zur Reichshauptstadt aufgestiegenen Stadt fallenden politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen erfahren und die weitverbreitete und überregional gelesene hauptstädtische Presse verwerten.

Den bereits zu Beginn der achtziger Jahre erforderlichen Anbau errichtete ebenfalls Friedrich Hitzig. Die Börsensäle im südlich angefügten Bau waren die größten Säle der Stadt. Ihre statische Konstruktion und deren künstlerische Umkleidung erinnerten nicht zufällig an die enormen Spannweiten der Bahnhofshallen des späten Jahrhunderts. Die Modernität der Börse war funktional und gestalterisch unschlagbar. Nicht ohne Stolz verweist noch die Festschrift von 1985 darauf, daß dieser Anbau in den Kellerräumen über eine Warmwasser- und Lüftungsanlage und – nur drei Jahre nach der Einführung des Telefons – etwa neunzig von der Fondsbörse aus zugängliche Telefonkabinen verfügte.

Die Berliner Börse ist Geschichte, jedenfalls dem Namen nach. Sie fusionierte am 21. März 2003 mit der Börse Bremen und trägt heute den gemeinsamen Namen Börse Berlin-Bremen. Im neuerrichteten Haus in der Fasanenstraße, das Nicholas Grimshaw & Partners 1994-1998 bauten, befindet sie sich weit weg von ihrem Ursprungsort. Denn der lag – wie fast alles in Berlin – dreihundert Jahre lang in der Mitte der Stadt.

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