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| Nr. 23, Juli 2008 |

Krieger im Profil

Andreas Schlüters Hofskulpturen im Zeughaus


Von Gerhild H. M. Komander


Der Farbklang des Hofes ist südländisch. Rosa, Sand, Himmelblau, Weiß. Die Rosensträucher in den Ecken entsprechen ihm, die warme Luft unter dem Glasdach auch. Es ist still im Zeughaushof, der nicht mehr fürstlicher Repräsentationsort ist, sondern den Gästen des Deutschen Historischen Museums als Verbindung zum Neubau des Museums dient. Das ruhige Ebenmaß der Hoffassaden bricht das Schattenspiel des Glasgitters. Kreuze fallen in Diagonalen auf Sockel- und Obergeschoss, auf Pilaster und Dreiviertelsäulen, auf Gebälk und Friese.

Altane auf Portalen rhythmisieren die Wände, Spitz- und Rundbögen krönen die Fenster im Piano Nobile. Typisch barock! Die strukturierenden Elemente kehren immer wieder, prinzipiell jedenfalls. Der Triglyphenfries wiederholt in singulären Reliefplatten militärische Motive: Schwerter und Degen, Kanonenkugeln in Haufen, Granaten und Pulverfässer.

Im Erdgeschoss schmiegen sich Menschenköpfe in Schlussstein-Kartuschen der Rundbogenfenster. Männerköpfe, alte und junge, bärtige und bartlose. Keiner gleicht dem Anderen. Alle halten die Augen geschlossen, die meisten den Mund geöffnet. Es sind Totenköpfe, tote Köpfe, Köpfe von Männern, denen der Schrei auf den Lippen gebrach.

Dem Alten, dessen Haupthaar ein faltiges Band über der Stirn bändigt, blieb noch die Zeit, die Lippen zu schließen. Seine Gesichtszüge spiegeln Erlösung. Den mit den wehenden Haaren traf der tödliche Hieb wohl im Lauf, vielleicht stürzte er herab aus dem Sattel seines galoppierenden Pferdes. Die Zähne fest in die Unterlippe gebissen, verharrt ein Toter mit wallenden Stirnlocken. Die üppigen Haupthaare, die dichten Bärte, Stirnbänder und Kopfbedeckungen verweisen auf orientalische Bräuche der Zeit, in der das Haus entstand. Wie kam der Bildhauer darauf? Berühmt sind die Plastiken als „Kriegermasken“, die „Masken sterbender Krieger“.


Andreas Schlüter brachte den italienischen Barock nach Berlin

Andreas Schlüter (1659-1714), Bildhauer und Architekt, der das Denkmal für Friedrich Wilhelm den Großen Kurfürsten und das barocke Berliner Schloss entwarf, dessen an Wolken und Engeln reiche Kanzel immer noch in der Marienkirche Einheimische und Fremde als Prunkstück des Barock überrascht, Andreas Schlüter, der von Danzig an den polnischen Königshof gegangen war und dann italienischen Barock in die brandenburgisch-preußische Hauptstadt brachte, hinterließ im Hof des Berliner Zeughauses bemerkenswerte Zeugnisse seines durch Krieg und politische Willkür dezimierten Werkes. Den Kriegerköpfen allerdings fehlt ihr motivischer Bezugspunkt.

Den Hof des Zeughauses hatte ein Standbild des Kurfürsten Friedrich III. (1657-1713) schmücken sollen. Schlüter entwarf die Figur, Johann Jacobi goss sie – meisterhaft. Allein, aufgestellt wurde die Statue nicht. Mag sein, dass die fortwährenden Bauarbeiten am Gebäude, die den großen Hof zum Materiallager degradierten, daran Schuld waren, vielleicht erschien dem Auftraggeber das Standbild auch nicht mehr zeitgemäß, denn aus dem Kurfürsten war 1701 ein König geworden: Friedrich I. Dem Bronzebildnis Schlüters fehlten die königlichen Insignien, schließlich ging das Werk an verschiedene Standorte und steht heute als Kopie vor dem Schlossflügel seines Enkels Friedrich II. in Charlottenburg.


Männer in Ketten, menschliche Trophäen

Das Bildnis des Herrschers hätten die Krieger als menschliche Trophäen umgeben, ähnlich wie die Gefangenen zu Füßen des Kurfürsten Friedrich Wilhelm (ebenfalls heute in Charlottenburg und ebenfalls von Schlüter und Jacobi angefertigt) an dessen Reiterstandbild kauern. Die in Ketten liegenden Männer des Reiterstandbildes stellen jedoch lebende Gefangene dar. Die Männer, deren Köpfe Schlüter für den Zeughaushof  modellierte, werden als Sterbende und Tote gezeigt. Dieses Motiv wies Isolde Dautel als absolutistisches Herrschaftssymbol nach, das im Zusammenhang mit den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts steht.

Andreas Schlüter schuf mit den „Sterbenden Kriegern“ eine imaginäre Schar von Feinden, deren vielfältige Häupter die angenommene – zu dieser Zeit aber nicht mehr reale – Bedrohung vergrößerte und dadurch Macht und Autorität des Landesfürsten ebenfalls steigerte. Die ungewöhnlich starke Ausdruckskraft der Köpfe entstand nicht unter dem Einfluss französischer Bildhauerkunst - wie am Hof Friedrichs III./I. vermutet werden sollte –
die Schlüter wohlbekannt war, sondern italienischer Meister, vor allem Giovanni Lorenzo Berninis, und antiker Werke. Schlüter bildete keine ethnischen Typen, etwa aus eigener Anschauung, sondern stillte das Bedürfnis der barocken ZeitgenossInnen nach exotischen Bildern, zwiespältiger Bilder des Wilden, des Fremden.


Leseempfehlung:

Isolde Dautel: Andreas Schlüter und das Zeughaus in Berlin, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2001, 208 Seiten

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- © gerhild komander 7/08 -