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| Nr. 23, Juli 2008 |

„Im übrigen reißt man altehrwürdige Stadttore nicht so ohne Ratsbeschluß und von heute auf morgen herunter!“

1789 hatte Johann Gottfried Schadow die Quadriga für das Brandenburger Tor entworfen. Napoleon raubte sie im Jahre 1806 auf seinem Kriegszug durch Europa, aber die Preußen holten sie 1814 wieder zurück.

Die Rückkehr der Quadriga vom Brandenburger Tor aus Paris

Von HERMANN FRIEDRICH MACCO


Die Quadriga vom Brandenburger TorIm Beiblatt des „Berliner Lokal-Anzeigers“ vom 17. Mai 1938 sagt Oskar G. Foerster in einem Bericht über das Brandenburger Tor, in Aachen seien bei der Durchfahrt der mit Teilen der Quadriga hochbepackten Wagen die Stadttore „ohne viel Federlesens eingerissen worden“.

Dazu teilte mir der Vorsitzende des Vereins für die Geschichte Berlins, Herr Dr. Hermann Kügler, mit, daß diese Behauptung auf eine Bemerkung von E. v. Siekart im Heft 45, S. 94, der „Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins“ zurückzuführen sei, wonach außerdem noch die Stadttore von Louvain (Löwen), Tirlemont (Thienen) und S. Trond niedergelegt wurden.

Für die Richtigkeit haben sich bisher keine Beweise finden lassen, im Gegenteil. In Aachener Gelehrtenkreisen ist davon nichts bekannt. Gleicherweise bringen die älteren Aachener Geschichtsschreiber Quix und Haagen in ihren Werken darüber kein Wort. Das bestätigte mir auch Herr Stadtarchiv-Direktor Professor Dr. Huystens in Aachen und fügte zwei Zeitungsausschnitte aus damaliger Zeit bei. Danach brachte über die Durchfahrt der Quadriga die „Stadt-Aachener Zeitung“, Nr. 72, Aachen, Montag, den 9. Mai 1814, nur zwei Zeilen: „Gestern sah man ungeheure Kisten auf mehreren Wagen hier durchfahren; sie enthalten den Triumphwagen, den man von Paris nach Berlin führt.“

Ausführlicher meldete das „Journal des Nieder-Rheins“, Nr. 25, d.d. Aachen, den 10. Mai 1814: „Aachen den 9ten May. Gestern Morgen um 9 Uhr passierte der berühmte Siegeswagen aus Berlin, den Bonaparte im Jahr 1806 von dort, wo er die Zierde des schönen Brandenburger Thores und die Freude der Bewohner der Preußischen Residenz war, hinweg nahm, auf seinem Rücktransport von Paris nach Berlin durch unsere Stadt.

Sobald Se. Excellenz der General-Gouverneur vom Nieder-Rhein am Abend des 7ten vernahmen, daß er hier bald ankommen werde, beschlossen sie, ihn feierlichst unter Begleitung der hier anwesenden Offiziere in Person einzuholen und mit militärischen Ehren durch die Stadt führen zu lassen; aber unglücklicher Weise wurde Hochdenenselben über die Zeit ihres Eintreffens von Lüttich aus nichts gemeldet, und ehe noch die Vorbereitungen getroffen waren, kam bereits der Wagen hier an.“

Bei der Ausführlichkeit des „Journals“ hätte ein so außergewöhnlicher Vorgang wie das plötzliche Abreißen alter Stadttore unter keinen Umständen verschwiegen werden können; im Gegenteil würde gerade das Abreißen der Tore Anlaß geboten haben, um auf diese Notwendigkeit hinzuweisen.

Im übrigen reißt man altehrwürdige Stadttore nicht so ohne Ratsbeschluß und von heute auf morgen herunter! Auch die Unbefangenheit Seiner Exzellenz des Generalgouverneurs spricht dagegen.

Die hier in Frage kommenden Tore waren das prächtige und mächtige Burtscheider Tor, heute Marschiertor genannt, welches, aus mittelalterlicher Zeit stammend, heute noch in seiner ehrwürdigen Gestalt vorhanden ist, sowie das 1807 an Stelle des alten Doppeltors (Kölntor) errichtete Gittertor, dessen Pforten gleicherweise kein Hindernis boten. Dieses Tor wurde erst im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts mit den „Wallmauern“ niedergelegt. In der Stadt selbst führte der Weg über die Groß-Marschierstraße, heute Franzstraße, zum „Graben“ vor der inneren Stadtmauer, dann den Wassergräben entlang bis zur äußern Kölnstraße und zum Kölntor und zur Landstraße nach Jülich. Würden wirklich die Stadttore eine Durchfahrt verhindert haben, dann erst recht in Jülich, dessen Tore kleiner waren.

In den beiden gleichzeitigen Aachener Zeitungsberichten von 1814 sind noch einige Wörter und Ausdrücke zu beachten. Die „Stadt-Aachener Zeitung“ spricht von „ungeheuren Kisten auf mehreren Wagen“, das „Journal“ von „großen Kisten auf sechs Wagen“. Bei den damaligen schlechten, oft bergauf und bergab führenden, meist noch ungepflasterten Wegen spielte die Belastung der Wagen eine ebenso wichtige Rolle wie die Verteilung des Gewichts, welche eine h o h e Anhäufung der Fracht nicht gestattete. Zur Vermeidung starker Schwankungen hatte man also die Kisten auf sechs Wagen verteilt, somit auch den besonders in Kurven gefährlichen h o h e n 
A u f b a u vermieden.

Wenn da von „ungeheuren Kisten“ die Rede ist, dann werden diese Kisten doch keineswegs h o c h gestanden haben, sondern lagen flach auf dem Wagen. So boten sie selbst niedrigen Toren kein Hindernis! Wozu auch hohe Ladung, die doch bei jeder Schwankung den Transport gefährdete! Die damaligen Fuhrleute kannten ihre Wege, kannten auch alle Stadttore und packten dementsprechend ihre Ladungen. So bietet also auch diese praktische Beleuchtung der Frage einen Beweis gegen das Niederreißen der Stadttore.


Aus:
Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 2/1938

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