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| Nr. 23, Juli 2008 |

Hatten die Nationalsozialisten Humor?

Karikaturen von Hans Stephan im Architekturmuseum Berlin


Von GERHILD H. M. KOMANDER


Heben wir das Brandenburger Tor ein wenig an, lassen die Quadriga höher steigen, vervielfachen eben mal die Fläche des Pariser Platzes: und schon ist das Problem des ewigen Verkehrsstaus um das letzte Stadttor Berlins gelöst. In sechs, sieben, gar acht Spuren schieben sich dann die Automobile und Lastkraftwagen unter einem neuen Torbogen hindurch, in die Mitte Berlins hinein und wieder heraus. Die Trasse durch den Tiergarten ist bereits so sehr verbreitert, dass es dort keine Engpässe geben kann, die Linden Unter den Linden sind längst gefällt. So geschehen unter der Regierung der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung 1933.

Hans Stephan: Die große Achse wird freigeschossen, Architekturmuseum BerlinSpaß hat er gehabt! Die Zeichnungen von Hans Stephan haben Comic-Qualitäten, in der Tat. Auch seine ZeitgenossInnen hätten ihren Spaß gehabt ... Wenn sie, ja wenn die Blätter nicht dem nationalsozialistischen Hirn eines Mitarbeiters von Albert Speer, seinerseits Chefarchitekt des Diktators Adolf Hitler, entsprungen wären. Das Lachen bleibt allen Betrachtern im Halse stecken.

Das Architekturmuseum der Technischen Universität zeigt in einer Studioausstellung, die am 19. Juli eröffnet wurde, erstmals die ganze Folge der Stephanschen Satiren. Sie entstand in den Jahren 1937 bis 1942 und ist nur in Photographien erhalten. Die originalen Federzeichnungen, die Stephan aquarellierte, sind verschollen. Hans Stephan war – ebenfalls seit 1937 - einer der engsten Mitarbeiter Albert Speers und innerhalb der Generalbauinspektion zuständig für wesentliche Planungsbereiche der Neugestaltung Berlins: für die Ost-West-Achse, für Wohnungsbau, für Industrie- und Verkehrsplanungen.

Der 1902 in Pommer geborene Stephan studierte an der Technischen Hochschule Charlottenburg, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Technische Universität umbenannt wurde, arbeitete ab 1928 in verschiedenen Ämtern der Stadt Berlin, bis ihn Albert Speer 1937 in sein Büro rief. Noch während des Krieges betraute Speer ihn mit den Planungen für den Wiederaufbau kriegszerstörter Städte, auch Berlins.

Und tatsächlich hat er, der sich ohne Druck den nationalsozialistischen Plänen widmete, sie durch seine Arbeit unterstützte, am Wiederaufbau der Hauptstadt teilgehabt. 1953 übernahm er die Leitung für Landes- und Stadtplanung beim Senator für Bau- und Wohnungswesen in Berlin. 1956 erhielt Hans Stephan die Berufung zum Senatsbaudirektor und Leiter der Planung der Internationalen Bauausstellung im Berliner Hansaviertel 1957. Dass er der NSDAP und der nationalsozialistischen Generalbauinspektion angehört hatte, interessierte niemanden, zunächst jedenfalls. Erst 1960 beugte sich Hans Stephan dem politischen Druck, legte seine Ämter nieder und arbeitete bis zu seinem Tod 1973 als freier Architekt.


Fröhliche Neugestaltung

Albert Speers Generalbebauungsplan im Spiegel satirischer Zeichnungen seines Mitarbeiters Hans Stephan
Studioausstellung in der Galerie des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin vom 14. Juli bis zum 19. Oktober 2008

Geöffnet von Montag bis Donnerstag, 12 bis 16 Uhr oder nach Vereinbarung

Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin
in der Universitätsbibliothek, Sekr. A 7
Straße des 17. Juni 150
10623 Berlin
Telefon 314 231 16
Internet http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/


Katalog zur Ausstellung:

Lars Olof und Sabine Larsson mit Ingolf Lamprecht: "Fröhliche Neugestaltung" oder die Gigantoplanie von Berlin 1937-1943, Kiel: Verlag Ludwig 2008. 19,90 Euro

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