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| Nr. 22, Juni 2008 |

 „Ich war ein Berliner“

Mit der Kamera immer dabei. Der Photograph Henry Ries und die Berliner Nachkriegsgeschichte im Deutschen Historischen Museum


Von GERHILD H. M. KOMANDER


Als Henry Ries seine Autobiographie mit dem Titel „Ich war ein Berliner“ versah, war das alles andere als eine Persiflage auf den Ausspruch des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika John F. Kennedy. Er war, wie viele andere Menschen mit ihm, ein Berliner und ein Berliner gewesen. Er kam 1917 in Berlin zur Welt, in Charlottenburg, in der Meinekestraße, musste 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen, fand Zuflucht und eine neue Heimat in New York, avancierte zum Photojournalisten der Zeitschriften „Time“ und „New York Times“ und kam am Ende des Zweiten Weltkrieges als Berichterstatter in die Stadt seiner Jugend zurück.

Er war der Photograph des weltberühmten Bildes, das Berliner Jungen und Mädchen im Anblick eines „Rosinenbombers“ zeigt, oben auf der Kuppe eines Trümmerberges. So beeindruckend war diese Photographie, dass sie in den USA zum Motiv einer Briefmarke wurde, in keiner Darstellung des Kalten Krieges und der Berliner Luftbrücke fehlte. Auf dem Schutt drängen sich Kinder, Jugendliche, in kurzen Hosen und Röcken, Kniestrümpfen und Söckchen, den Hals gereckt, um die Douglas C-54 im Landeanflug zu begrüßen.

Bilder wie dieses verraten den Nachgeborenen wenigstens ein wenig von der angespannten Stimmung, von dem Hauch Abenteuer und der Angst, die die Menschen in Berlin umtrieb. Die Berlin-Blockade in den Jahren 1948/49 war sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Zusammenarbeit der alliierten Mächte, die das nationalsozialistische Deutschland gemeinsam besiegt hatten, nun beendet war. Die Währungsreform war die Voraussetzung für die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland und die Teilhabe der westdeutschen Besatzungszonen am Marschallplan.

„Bürger und Bürgerinnen Deutschlands!

In den westlichen Besatzungszonen Deutschlands ist die separate Währungsreform verkündet worden. Durch eine Anordnung der amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden wird dort die deutsche Einheitswährung – die Reichsmark – aus dem Verkehr gezogen und eine Separatwährung eingeführt. Jetzt wird es in Deutschland keine einheitliche Staatswährung und keinen einheitlichen Geldumlauf mehr geben. Das geschieht gegen den Willen und gegen die Interessen des deutschen Volkes. Die Währungsreform wird separat durchgeführt im Interesse der amerikanischen, britischen und französischen Monopole, die eine Spaltung Deutschlands durchführen und danach trachten, Deutschland zu schwächen, indem sie sich seine Wirtschaft unterwerfen.

Sowjetische Militäradministration 19.6.48
Marschall Sokolowski“

Die Sowjetunion versuchte, als Appelle wie der des Marschalls Sokolowski vom Juni 1948 nicht fruchteten, mit der Blockade West-Berlins, den Abzug der westlichen Alliierten zu erzwingen. General Lucius D. Clay initiierte als Antwort darauf die Luftbrücke:
Fast 200 000 Flüge absolvierten die Piloten und transportierten anderthalb Millionen Tonnen Lebensmittel, Heizmaterial und andere Güter. Tempelhof war damals wohl der berühmteste Flughafen der Welt.

Henry Ries, der Photograph, begleitete all diese politischen, heute historischen Verwicklungen mit der Kamera. „Was nun?“ betitelt er im August 1948 das Bild vom zerschossenen Anhalter Bahnhof mit junger Frau, deren Gelassenheit nichts besser als der ruhige Zug an der Zigarette demonstrieren konnte. Ries porträtierte die ersten Schritte, die die Deutschen auf dem Feld der Demokratie wagten. Er porträtiert die führenden Köpfe der Zeit, Ernst Reuter, den späteren Bürgermeister Berlins, Eugen Kogon, den Verfasser des unentbehrlichen Buches „Der SS-Staat“, Konrad Adenauer, unvermeidlich, der viel zu lange deutscher Bundeskanzler war.

Im Ruhrgebiet erfasste Henry Ries kritische Stimmen, interviewte Bergbauarbeiter, die gar nicht einverstanden waren mit dem amerikanischen Kapitalismus, Gehaltserhöhungen verlangten und Mitbestimmung. Ihre Fabriken wurden abgeräumt, um die Reparationszahlungen zu erfüllen, die Löhne um neunzig Prozent gekürzt – durch die Währungsreform.

Dokumente und Bücher des Photographen ergänzen die großartigen Photos. Henry Ries kam im Jahr 1999 noch einmal nach Berlin und erhielt vom Regierenden Bürgermeister die Ehrenbezeichnung Professor. Bevor er am 15. Oktober 2004 starb, hatte er den Wunsch geäußert, in Berlin begraben zu werden, er wurde ihm erfüllt. Das Grab des „Luftbrücken-Photographen“ befindet sich auf dem Waldfriedhof Zehlendorf an der Potsdamer Chaussee, wo auch Julius und Annedore Leber begraben sind.


Brennpunkt Berlin. Berliner Blockade 1948-1949. Der Fotojournalist Henry Ries

13. Juni 2008 - 21. September 2008
Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr

Deutsches Historisches Museum

Pei-Bau, Hinter dem Gießhaus, Mitte
Telefon  203 04 - 444
Eintritt: Tageskarte für alle Ausstellungen: 5,00 Euro
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Eintritt frei

Katalog zur Ausstellung

Brennpunkt Berlin. Berliner Blockade 1948-1949. Der Fotojournalist Henry Ries, 24,00 Euro

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- © gerhild komander 6/08 -