| Nr. 22, Juni 2008 |
„Auf die Platten die Iche ...“
Photographie von Damenhand
Die Riess in der Berlinischen Galerie
Von GERHILD H. M. KOMANDER
Man(n) sagt, für eine Frau passe das nicht, sie schlicht bei ihrem Nachnamen zu nennen. In künstlerischen Kreisen gilt es immer noch als Auszeichnung, wohl auch für die weiblichen Personen, wie für die Riess.
„Kommentar überflüssig“, schreibt der Mime Emil Jannings 1923 auf das Porträt, das Frieda Riess von ihm aufnahm. Stark und schwer steht er mit dem Rücken zur Kamera im Bild, die Hände in den Hosentaschen, den Kopf ins Halbprofil gedreht – verdreht möchte man sagen. Und das Jackett wirft Falten – Masse Mensch mit intellektueller Stirn. Bewegung ist in den meisten Porträts der Riess das bestimmende Moment, jedoch nicht Bewegung eingefangen mit der Kamera, sondern erzeugt durch Innehalten, oft in diesen starken Drehungen von Ober- und Unterkörper, Kopf und Oberkörper.
Der Bildausschnitt schneidet den Kopf an und begrenzt die körperliche Blöße am Ansatz der Schamhaare
Selten übrigens schauen die Porträtierten die Betrachtenden an. Sie blicken in sich selbst, nach außen in die Ferne oder eine imaginäre Person an. Tilla Durieux lehnt sich wie der erwachende Faun mit - noch - geschlossenen Augen zurück und schmiegt den Kopf in den Arm. Unglaubliche Geste einer begnadeten Schauspielerin (1921). Erich Brandt, der Boxer, hebt den Arm, wie man einen Vorhang hebt, um freien Blick auf seinen nackten Körper zuzulassen. Der Bildausschnitt schneidet den Kopf an und begrenzt die körperliche Blöße am Ansatz der Schamhaare.
Im Stadtarchiv Posen/Poznan fand sich die Geburtsurkunde der Riess mit der Nummer 68 für das Jahr 1890. Acht Jahre wohnt Frieda Riess mit Mutter und Brüdern in der Wallner-Theater-Straße, nicht weit vom Alexanderplatz, in Friedrichshain. Dann im Hansaviertel, wo auch Lovis Corinth, Mathilde Jacob, zeitweise Rosa Luxemburg zuhause waren, in der Klopstockstraße, Cuxhavener Straße, Levetzowstraße.
Die junge Frau nimmt Unterricht bei Hugo Lederer, von dem der Bärenbrunnen an der Werderstraße und das Bismarckdenkmal in Hamburg stammen, macht erste Erfahrungen mit der Photographie und tritt 1913 in den Lette-Verein ein. Im Haus am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg bleibt sie bis 1915. Für das Jahr 1917 ist ihr erstes photographisches Atelier belegt: Kurfürstendamm 14/15, das ist das Haus an der Nordostecke zur Joachimsthaler Straße, eine gute Adresse, die sie bis 1932 beibehält.
Internationalen Ruhm durch die Ausstellung in der Galerie Flechtheim
Das Antiquitätengeschäft Friedmann & Weber in der Budapester Straße (wie damals die Friedrich-Straße hieß) richtet die erste Einzelausstellung aus. Internationalen Ruhm erreicht Frieda Riess mit der Ausstellung in der Galerie Flechtheim 1925. Es ist geschafft. Danach kann sie mit großem Erfolg zu Ausstellungen in den eigenen Räumen einladen. Über den legendären Kunsthändler Alfred Flechtheim knüpfte die Photographin Kontakte zu Lotte von Mendelssohn-Bartholdy, Lotter Fürstenberg-Cassirer, Leonie Katzenellenbogen – Damen der besten Gesellschaft, Kunstsammlerinnen mit großem Portemonnaie. Freundinnen und Kundinnen gehen in ihrem Atelier ein und aus. Sie porträtiert Margherita Sarfatti, die Journalistin und stilprägende Kritikerin, die enormen Einfluß auf den italienischen „Führer“ Benito Mussolini besaß.
Künsterinnen und Künstler umgeben Frieda Riess.
„Auf die Platten ihr Iche
tuschend mit Hilfe des Lichts“,
schreibt Gottfried Benn fasziniert über die Kunst der Riess,
„die Gestalten der Stücke
Ihres Linsen-Gerichts ...“
„Die Riess ist Stadt“, ruft der Schriftsteller Fred Hildenbrandt begeistert aus. Sie ist konservativ, pflegt einen traditionellen Porträtstil und gibt durch Nuancen nur ihren Modellen eine eigenwillige, gelegentlich sinnlich-erotische Ausstrahlung. Ihr Ruhm nutzt gar nichts, als sie 1936 erkrankt, sich vor den Nationalsozialisten verbergen muss. Völlig vergessen stirbt Frieda Riess Mitte der fünfziger Jahre in Paris, wohin sie ihrem Lebensgefährten, dem französischen Botschafter Pierre de Margerie, 1932 gefolgt war.
Das Verborgene Museum hat es geschafft, mit einigen Hundert erhaltenen Photographien und wenigen Schriftstücken den Lebensweg der Photographin und ihr Werk zu rekonstruieren.
Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon in Berlin 1918-1932
Das Verborgene Museum zu Gast in der Berlinischen Galerie
6. Juni bis 20. Oktober 2008
Geöffnet täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr
Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg
Telefon: 78 90 26 00
Eintritt: 6,00 Euro, ermäßigt 3,00 Euro, jeden ersten Montag im Monat 2,00 Euro
Bis 18 Jahre freier Eintritt
Katalog zur Ausstellung:
Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon in Berlin 1918-1932
Herausgegeben vom Verborgenen Museum, Verlag Ernst Wasmuth, 35.00 Euro
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- © gerhild komander 6/08 -