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| Nr. 14, Oktober 2007 | 

Sonntagnachmittag in der Oranienstraße 

Rasier-Performance im Café Alibi


Von HENNY BEHM


Immer noch fährt die Linie 29 durch die Oranienstraße zum Hermannplatz. Sie hat jetzt ein M vor der Nummer. Auf dem Dach gegenüber blühen Stockrosen und Herbstastern. Die Trattoria Ossena hat sich zwischen Altberliner Ladenpfeilern modernisiert. Der Chic der neunziger Jahre macht vor der Oranienstraße nicht Halt. Er reicht immerhin bis in die erste Etage, denn bis hier verkleidet Travertin die alte Putzfassade, unterbrochen von Fenstertüren mit Geranienkästen davor.

Darüber geht’s im gewohnten Kreuzberger Stil weiter. Farbige Rahmen, durchaus nicht in schlechtem Zustand, teilen die Fläche mit ihren Fensterkreuzen in vier Teile, zwei große unten, zwei kleine oben, vier Fenster links, vier Fenster rechts in allen Wohngeschossen. Herren-Friseur und Jeans History, Luzifer Global und Milch & Zucker, in den Fenstern Fette Henne, die Berliner Lieblingspflanze, so geht’s weiter in der Häuserreihe. Nr. 40, das große Eckhaus zum Oranienplatz, kündigt über blauer Tür Billard- und Veranstaltungs-Salon an. Das war mal. Betrieb ist dort schon lange nicht mehr.

Am Fenster vorm Café ziehen ab und zu FußgängerInnen vorbei. Blondierte, toupierte Frauen unterhalten sich aufgeregt. Bauchfrei ist auch bei 16° Grad im Schatten noch der Hit, Lederhose mit Baseball-Kappe und Arafat-Tuch über der Jeansjacke sowieso. Die Lockenkopfprinzessin schiebt ihre Karre zwischen Kuchenbuffet und Tresen hin und her. Die Kellnerin gestikuliert.

Wie man eine Kinngrube rasiert? Nein, der elektrische Rasierapparat ist nicht gut. Der junge Mann deutet Rasierschaum an, verteilt ihn im Gesicht, spannt das Kinn. Die Frau wirft den Kopf zurück, greift zum Pinsel, dann zum Rasierer, spannt das Kinn. Seine dunklen Augen weiten sich, rollen, er weicht zurück, lächelt. Ja, so müßte es gehen. Wenn er die Haut in der Kinngrube auch mit der linken Hand noch spannt, da wäre das Nassrasieren wohl geschickter.

Der M29 verursacht einen Stau vor der Tür, weil er an dem Lieferwagen in der zweiten Reihe nicht vorbeikommt. Die Frau am Nebentisch verlangt Milchkaffee und Mandelnusstorte. Sie müssen ihre Rasier-Performance unterbrechen, Gäste bedienen, lachen sich zu. Um 18 Uhr beginnt die Happy Hour (seltsam, dass sich dieses altmodische Wort immer noch hält), das Café füllt sich. Einer nach dem anderen betritt den Raum: Männerrunde.

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- © henny behm 10/07 -

 

 
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