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| Nr. 24, August 2008 |

„Vopo und Ulbricht-SA terrorisieren Berlin“

Flüchtlingsstrom und Mauerbau
in der „Berliner Morgenpost“ August 1961


Von GERHILD H. M. KOMANDER


In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 – dieser 13. war kein Freitag, sondern ein Sonntag – errichteten Volkspolizisten und Zivilisten Stacheldrahtverhaue rund um die westlichen Sektoren Berlins und auf der gesamten Länge der Zonengrenze, also der Grenze zwischen der sowjetischen zur britischen, amerikanischen und französischen Besatzungszone, kurz gefasst und politisch korrekt zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland: Daraus wurden im Verlauf der Geschichte die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze.

Wer 47 Jahre später in die Berichte der Tagespresse schaut erschrickt. „Vopo und Ulbricht-SA terrorisieren Berlin“: Die „Berliner Morgenpost“, die mit dieser Schlagzeile in der Ausgabe vom 15. August 1961 aufwartete, hatte nichts gewusst vom bevorstehenden Bau der Berliner Mauer. Und doch scheint es, als hätte sie propagandistisch auf dieses oder ein ähnliches Ereignis hingearbeitet.


„Vopos schlugen Westberliner brutal zusammen“ 

Am 6. August titelte die Zeitung: „In Schlangen warten Sowjetzonen-Flüchtlinge im Lager Marienfelde auf ihre Registrierung“. Dazu heißt es: „In der letzten Woche wurde ein trauriger Rekord aufgestellt: Über 10 000 Menschen stimmten mit ihrer Flucht gegen das terroristische Ulbricht-Regime.“ Auf Seite 3 derselben Ausgabe folgt die Schlagzeile „Vopos schlugen Westberliner brutal zusammen“. Dies geschah laut Bericht, weil er an der Sektorengrenze Brunnenstraße Ecke Bernauer Straße seinen Ausweis vergessen hatte, sich aber schon in der „sowjetischen Besatzungszone“ befunden hatte.

Mit Genuss zitiert die Redaktion am 8. August auf Seite 5 eine – nicht genannte – indische Tageszeitung mit den Worten: „Was nützen freie Wohnungen, wenn man ihretwegen auf seine freie Meinung verzichten muß?“ Zwei Seiten weiter erscheint die Meldung: „574 000 offene Stellen. (...) In der Bundesrepublik und West-Berlin hält die Vollbeschäftigung an (...)“. Täglich kamen derartige Meldungen, natürlich nicht nur in der Morgenpost, und übertrafen sich gegenseitig in ihrer drastischen Sprache. Da ist es kein Wunder, dass der gleichzeitig in diesem August laufende Eichmann-Prozess in Jerusalem, den Hannah Arendt später in einem Buch beschrieb, nicht die Titelschlagzeile füllen kann.


eine Menschenrechtsverletzung nach der anderen

„Terror“ ist das mächtige Schlagwort, mit dem die Journalisten hantieren. In der Tat gab es in diesen Tagen eine Menschenrechtsverletzung nach der anderen. Die DDR-Führung scheute sich nicht, die Grenzen der Rechtstaatlichkeit zu übertreten und alliiertes Recht zu ignorieren, im Namen des Friedens, wie Erich Honecker, der die Aktion leitete, versicherte.

Am 11. August prangte die Schlagzeile „SED will Fluchtwege sperren. Vor Höhepunkt des Terrors?“ auf der Titelzeile der „Berliner Morgenpost“, am Tag darauf hieß es: „Ermächtigungsgesetz für den Terror“, nachdem die Volkskammer der DDR den entsprechenden Beschluss gefasst hatte: „Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte in der BRD und Westberlin wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der DDR, einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin, eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist.“


„Freie Bahn dem Terror! Das ist das Ergebnis der gestrigen Sitzung der ‚Volkskammer’, des Ulbrichtschen Scheinparlaments."

Die vermeintlichen Analogien zwischen nationalsozialistischem und sozialistischem System, die die Redakteure des Blattes ohne Scheu herstellten, waren keineswegs Ausdruck politischer Ohnmacht, sondern politischer Überzeugung: „Freie Bahn dem Terror! Das ist das Ergebnis der gestrigen Sitzung der ‚Volkskammer’, des Ulbrichtschen Scheinparlaments. Der Zonenregierung wurde eine Blankovollmacht ausgestellt. Sie ist ermächtigt, alles zu tun, um die Massenflucht zu unterbinden. Einzelheiten über die geplanten Schikanen wurden jedoch noch nicht bekannt gegeben.“

Während am Sonnabend, den 12. August 1961, die Redakteure über ihren Artikeln brüteten, um dem Publikum den Sonntag zu versüßen, über das Grün am Lietzensee ins Schwärmen gerieten, über die Stärke des schwachen Geschlechts philosophierten und voller Stolz das Wochenprogramm von Fernsehen und Rundfunk präsentierten, erteilte Erich Honecker der Volkspolizei den Befehl, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin abzuriegeln. Wer mag am Sonntagnachmittag noch den Bericht über die Insel Reichenau und die beliebte Sendung „Das Fernsehgericht tagt“ verfolgt haben? Zwei Sonderdrucke der „Morgenpost“ erschienen am 13. August 1961, am Dienstag (montags erschien das Blatt nicht) schrie die Titelzeile der Leserschaft vor der Kulisse des Brandenburger Tores entgegen: „Wir rufen die Welt!“


Adenauer sagt, die Sowjetzone und der Sowjetsektor Berlins seien seit Sonntag nichts anderes als ein riesiges Konzentrationslager

Am Dienstag, es war der 15. August, zitierte das Blatt Bundeskanzler Konrad Adenauer mit den Worten, die Sowjetzone und der Sowjetsektor Berlins seien seit Sonntag nichts anderes als ein riesiges Konzentrationslager. Dem sowjetischen Botschafter versprach Adenauer, nichts zu unternehmen, was die Lage verschärfen könnte. Der politische Gegensatz, die gefährliche Konfrontation erlebte – nach außen – einen ihrer Höhepunkte. Doch nichts geschah. Nichts? Die wütenden und verzweifelten Proteste zehntausender Menschen beiderseits der Stacheldrahtverhaue wurden in Ost und West von der Polizei abgewehrt. Die Nato-Staaten und der Bundeskanzler reagierten wohl auch ein wenig erleichtert, weil sich nun die innere Situation der DDR stabilisieren konnte und die Sowjetunion von dem permanenten Druck befreit war, genau dafür sorgen zu müssen.

Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin (West), sah die Sache etwas anders. Er, der als Spitzenkandidat der SPD, im gerade laufenden Wahlkampf ständig in der Bundesrepublik gebraucht wurde, ließ Berlin und die Berliner Bevölkerung nicht im Stich. Er nahm den Wahlkampf erst Tage nach dem Mauerbau am 13. August 1961 wieder auf, verbrachte dann den großen Teil des Tages in Berlin und flog am Nachmittag Richtung Westen, um spät nachts wieder heimzukehren.

Leseempfehlung:

Gerhild H. M. Komander: 13. August 1961. Das Neue Deutschland jubelt über den Mauerbau, in: Berliner Lindenblatt. Die Zeitung für Berliner Geschichte, Nr. 12, August 2007    

Gerhild H. M. Komander: Mauer-Bücher, in: Berliner Lindenblatt. Die Zeitung für Berliner Geschichte, Nr. 5, Januar 2007 


Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolution 2009

Zum Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolution in Deutschland bereiten die Bundeszentrale für politische Bildung, die  Kulturstiftung des Bundes, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, das Institut für Zeitgeschichte München - Berlin, das  Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. das internationale Geschichtsforum Aufbruch 89 - Wege aus der deutschen und europäischen Teilung vor.

Es wird vom 28. Mai bis zum 31. Mai 2009 in der Humboldt-Universität zu Berlin, im Deutschen Historischen Museum und dem Maxim-Gorki-Theater stattfinden.

Weietere Informationen finden Sie hier.


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© gerhild komander 8/08 - 5/09